gtjneit eine Geschichte erzählen. Sie spielt 1914 ln Lonbon, WS mich eine Lüge, ein Einfall rettete. Prosit."

Doktor Landmann setzte sein Glas erst noch einmal ab.Eine Lüge, wie Sie sagen, mutz notwendig vorbedacht sein, Direktor! Prosit."

Dedeley lächelte.Ich bin nicht Schriftsteller, lieber Land­mann, ich habe daher nicht Ihre Erfahrung in diesen Dingen. Aber das ist zweifellos, wenn Sie meine Geschichte verwerten und ich schenke sie Ihnen dann wird es eine Lüge sein."

Streiten wir doch nicht", bat der kleine nette Lilius.Er­zählen Sie doch, Dedeley. Es war also 1914 in London. Wahr­scheinlich sollten Sie interniert werden und versuchten zu ent­wischen."

Habe ich Ihnen die Geschichte schon einmal erzählt?"

Lilius lachte.Ich hörte davon läuten", sagte er,eine schwarze Katze spielt eine Rolle darin, nicht wahr?"

,^Ja", nickte Dedeley,aber es fängt damit an, datz eines Abends zwei Kriminalbeamte vor meiner Wohnung im ersten Stock eines Hauses der Cambdenstreet klingelten und Einlatz begehrten. Ich erkannte die Männer durch das Guckloch in der Tür und begriff. Sie waren gekommen, mich festzunehmen. Be­fand ich mich nicht im Hause, würden sie unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen. Damit war Zeit gewonnen. Morgen schon konnte es glücken, datz ich an Bord gelangte und über Schweden nach Hause kam. So etwa hoffte ich und schlich mich aus Zehenspitzen wieder von der Tür weg.

Aber die Engländer hatten sich gerade in den Tagen ent­schlossen, reinen Tisch zu machen und ihr Land von Feinden zu säubern. Die Konzentrationslager warteten. Alle Kriminalen waren mit besonderen Vollmachten ausgestattet! auch die meinen; das sollte ich bald merken. Sie entfernten sich nur für wenige Minuten und kamen dann wieder. Hatten sie Unterstützung ge­holt oder einen Schlosser gesucht, ich hörte, rote sie darangingen, meine Wohnungstür aufzubrechen.

Was tun? Mich erwischen lassen? Auf keinen Fall! Ich lief durch die Wohnung. Wie lange hielt die Tür stand? Ein paar Minuten mußten genügen. Meine kleine Wohnung hatte nach hinten heraus einen Balkon. Ich öffnete die Tür und trat ins Freie. Der Himmel war neblig verhängt. Es regnete ein bißchen. Das war gut. Ich überlegte die Möglichkeiten. Nach oben hin­auf konnte ich nicht. Der nächste Balkon war zu hoch entfernt. Mer wenn ich mich an der Dachrinne heruntergleiten lietz, würde ich den Balkon unter dem meinen sicherlich mit heilen Gliedern er­reichen. Nun, wir waren damals ein gut Teil jünger, nicht wahr, ich wagte den Rutsch. Die Hände brannten, und ich stürzte mehr auf den Balkon, als daß ich sprang, aber ich langte an. Ich war nun im Hochparterre. Keinesfalls durfte ich mich dort etwa be­merkbar machen. Man hätte mich sofort ausgeliefert; schon aus Furcht, sich strafbar zu machen. Aber ich hatte Glück. Das Fenster hinter mir war nicht erleuchtet. Meine Flucht war bis jetzt von niemandem bemerkt worden.

Ich schaute mich suchend um. Hinunterspringen in den Garten ging nicht. Ich würde mir auch bei diesem Sprung von hier herab noch die Beine brechen. Ja, wenn ich den Schuppen drühen er­reichen könnte. Der war hoch und bot mit seinem langen Dach, das an die Rückseite der Häuser der nächsten Straße stieß, sicherlich die Möglichkeit zu entkomme». Aber rote über den Zwischenraum ge­langen? Springen? Ohne Anlauf, aus dem Stand solchen Weit- spruug! Ich würde unten im Garten, nicht auf dem Schuppen ankommen. Ich richtete mich auf, bereit, noch einmal eine Etage an der Dachrinne hinunter zu rutschen da stieß ich mir den Kopf. Nicht derb, eben nur so, wie man sich den Kopf an eine gespannte Wäscheleine stoßen kann."

Doktor Landmann klopfte achtsam seine Asche von der Zigarre und sagte spöttelnd:Das war der Einfall, nicht wahr? Sie nahmen die Wäscheleine und sagen wir, pendelten hinüber auf das Schuppendach?"

Sehr richtig, lieber Landmann, aber das ist noch keineswegs die Pointe! Als ich mit Hilfe der Leine glücklich drüben anlange, geht nn Parterre meines Hauses die Tür in den Garten auf und ein Soldat ruft mich an. Ich bin nicht sicher, ob er mich wirklich meint, ob er mich gesehen hat, und lege mich flach und lang auf das Dach. Es ist eine Weile still. Dann höre ich, wie der Soldat nach Licht ruft. Mein Hauswirt im Erdgeschoß erbietet sich, eine Fahrradlampe zu holen. Also bin ich gemeint. Man ist mir auf den Fersen. Ich krieche auf dem Dach entlang; nicht eine Wand­brett erbebe ich mich dabet. Das Dach ist geteert, es geht glatt. Und da geschieht es. Von irgendwo springt eine Katze auf. Eine schwarze Katze. Sie flieht nicht, sie hat ihren Stolz. Sie zieht sich nur langsam vor mir zurück. Ich ihr nach. Nicht absichtlich, sondern weil das mein Weg ist ich muß ans dem Bereich, in dem der Lichtkegel jener Fahrradlaterne mich entdecken wird. Es ist fast so, als verfolge ich die Katze. Das Tier wird unruhig. Einmal faucht es mich an. Dann wird es ihm zu toll. Es macht einen Satz und ist verschwunden.

Ich brauche ein wenig länger, um zu der Stelle zu gelangen, wo die Katze absprang; aber daun sehe ich, daß sie in ein offenes Fenster gesprungen ist. Auch ich kann dieses Fenster erreichen; aber das ist natürlich ausgeschlossen; ebensogut könnte ich mich dem Soldaten in die Hände geben. Ich will weiterschleichen, da kommt Lärm auf im Garten meines Hanfes. Der Wirt und der Soldat sind bet Laternenlicht dabei, eine Leiter anzulegen. Gleich-

zeMg rufen vom Balkon meiner Wohnung die etnge&rungenen Kriminalbeamten in die Dämmerung hinunter und verraten vollends meine Flucht. Ein Lichtdreieck springt auf. Es hat keine sehr große Reichweite, aber sicherlich wird der Soldat jetzt auf den Schuppen klettern. Dann hat er mich bald entdeckt. Sowie ich mich aufrichte, schneller hier wegzukommen, sehen mich die von oben. Ich kann also nur auf dem Bauch rutschend weiterfliehen. Ich erkenne: da komme ich nicht weit.

Der Schweiß bricht mir aus. Also doch gestellt. Alles ver­gebens? Ich beiße die Zähne zusammen. Ich will nicht! Noch haben sie mich nicht. Und planlos, sinnlos wage ich das Aeußerste. Vielleicht kann ich jemanden niederschlagen und entkommen. Ich krieche an das nahe offene Fenster und mache es der Katze nach. Mit einem Satz bin ich im Zimmer. Einen Augenblick setzt mein Herz ans. Ich hatte gedacht, das gäbe es nur in Romanen. Hätte mir in dieser Sekunde jemand die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: Schluß, alter Freund! ich Hütte mich nicht zu rühren vermocht.

Aber es blieb ganz still. War ich allein im Zimmer? Eine Stehlampe brannte vor einem Diwan. An der Wand spiegelte etwas Glänzendes. Der Schirm der Lampe war gelbrot. Sonder­bar, das alles sah ich, ein Teppich lag da, rotgemusterter Perser; die Katze bemerkte ich, sie strich an der Wand entlang und da warf mich die Stimme um, die mich anrief, denn den Menschen hatte ich nicht gesehen:Halt!"

Ich horchte, klammerte mich an. Bereit zum Sprung? Ach nein. Eher Bereit, nun den Schuß zu empfangen, der mich hin­

strecken würde.

Doch es blieb still. Nur dieses eine: Halt! war in die Luft geworfen worden und zitterte nach. Da sah ich auf. Hinter der Lampe vom Licht verdeckt, wenn ich so sagen darf, stand eine Frau. Sie trug ein fließendes weißes Gewand, es war, als bebe dieses Kleid. Ich blieb beim Fenster stehen, ich konnte sie ansehen. Sie war nicht mehr jung und doch nicht alt. Ihre Augen waren groß und da hörte ich hinter mir auf dem Dach des Schuppens Tritte. Der Soldat war wohl oben angelangt. Er durfte nicht das offene Fenster finden. Nur das war in dieser Sekunde wichtig. Ich drehte mich um und schloß es; dann zog ich noch den Bor­hang zu.

Als ich mich umdrehte, empfing mich die hohe zitternde Frage: Wer sind Sie?" Ich trat vor. Was sollte ich sagen?Meine Dame", hob ich an,ich darf Ihnen erklären ..." Was denn er­klären? Ich hatte keine Ahnung. Eine Bitte Vorbringen, mir zu helfen? Ausgeschlossen. Die Frau war Engländerin. Was also dann? Schnell mußte ich etwas sprechen, ehe sie Lärm schlug. Draußen auf dem Dache war der Soldat ...Meine Dame,

ich..."

Was fällt Ihnen ein? Sie sind kein Einbrecher, das sehe ich. Erst kommt das Tier hier zum Fenster herein, diese fremde Katze, und daun Sie! Ich verlange sofort Aufklärung, sonst rufe ich die Polizei!"

Erst die Katze, dann Sie! Die Idee fiel in mich hinein wie ein Stein, steil und tief. Sie betäubte mich fast. Aber ich vermochte zu lächeln.Meine Dame, Sie haben recht, empört zu fein, aber bitte, rufen Sie nicht die Polizei. Ich käme in des Teufels Küche.

Wie Sie sehr richtig vermuten, bin ich hinter der Katze her. Ich bin Arzt und beschäftige mich mit Tierversuchen. Die Katze ist mit Bazillen geimpft; sie entkam mir aus dem Käfig. Sie werben be­greifen, daß ich zunächst das Fenster schließen mußte, ehe ich Ihnen diese Erklärung geben konnte."

Um Himmelswillen, nehmen Sie das Tier! Es steckt ge­wiß an."

Die Berührung keinesfalls; außerdem ist die Katze erst heute von mir geimpft worden, fo daß Sie ohne Sorgen fein dürfen."

So nehmen Sie sie doch!"

Danke." Ich versuchte die Katze zu fangen. Aber sie entwischte mir immer wieder.Helfen Sie mir", bat ich, denn ich wünschte, hier möglichst rasch wegzukommen.Die Berührung ist völlig ge­fahrlos." Zögernd kam sie aus ihrer Ecke heraus. Wir jagten die Katze, trieben sie in eine Ecke und die Dame verstellte ihr den Weg, mutig jetzt in dem Wunsch, ein Ende zu machen. Man trug zu der Zeit lange Kleider. Ich vermochte also zuzupacken und sie in meine Arme zu nehmen."

Die Katze", betonte erklärend Doktor Landmann.Zum Wohle."

Dedeley zog die Stirne kraus.Was für eine Geschichte, glau­ben Sie eigentlich, will ich hier erzählen?" meinte er, wenig zum Spaß aufgelegt.

Doktor Landmann beruhigte ihn.Wie also ging es weiter?" Die Geschichte ist aus", sagte Dedeley.Die Dame ließ mich mit der Katze hinaus; auf die Straße hinaus, versteht sich. Das war eine ganz andere, als die Caiuböenstreet, wo man mich suchte." Er nahm sein Glas und trank. Dabei sah er Landmann an. Plötz­lich kniff er die Augen zusammen, als denke er angestrengt nach.

Sie entkamen bann wirklich?" fragte der kleine Lilius.

Ja", sagte Dedeley.Daher kenne ich ja Landmann. Wir waren auf demselben Dampfer, der nach Schweden fuhr. Und jetzt fällt mir ein: Ich habe ihm gleich an Bord die Geschichte meiner Flucht erzählt! Landmann, warum haben Sie mich vorhin, als ich anfing, nicht daran erinnert?"

Landmann machte eine unbestimmte Handbewegung.Sie er­zählen so nett", sagte er, und feine Mundwinkel zuckten unmcrk- lich.Bekannt ist uns allen die Geschichte; aber wir sind nicht roh. Prosit, lieber Direktor."

verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Vuch- und Eteindruckerei. A. Lange, Gießen,