gegen 6.30 Upr zu dämmern an, doch wir befanden uns wie in einer Waschküche. Unter, um und über uns brodelte es wild, dazu setzte starker Regen ein.
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Um 7 Uhr sichteten wir durch ein Wolkenloch einen großen Dampfer, der nach Süden fuhr und anscheinend von Bergen kam, doch er sah uns nicht. Wir waren um eine Hoffnung auf Rettung armer doch konnten wir feststellen, daß wir immer noch nach NNO trieben und wir errechneten, daß wir gegen 10 Uhr etwa pci Stavanger in Norwegen wieder auf Land stoßen mußten. So trieben wir weiter Stunden um Stunden zwischen Hoffnung und Berzagen, oft rauschte der Regen aus schweren Wolken auf uns, dann fing es an zu schneien und es war ein Glück, daß die Ballonhülle mit einer Schicht Aluminiumfarbe bedeckt war, so daß der Stoff die Feuchtigkeit nicht aufsaugen konnte, sondern ablaufen ließ. Gegen 10 Uhr wurde es etwas lichter um und unter uns und wir sichteten wieder einen Dampfer, der nach Osten fuhr, also anscheinend auf der Linie von Edinburgh nach Bergen.
Zu unserem Schrecken mußten wir nun feststellen, daß wir jetzt nach WSW trieben, also wieder auf die offene Nordsee, doch dieser Umstand und der starke Oststurm, der uns wohl mit 80 bis 100 Kilometer Stundengeschwindigkeit vor sich hcrtricb, war, wie wir später erfuhren, unser Glück, denn sonst wären wir immer weiter in Richtung auf das nördliche Eismeer getrieben.
Gegen 11 Uhr kam die Sonne durch die Wolken, trocknete den Ballon und trieb uns mit großer Geschwindigkeit bis auf 3700 Meter Hohe. Doch verloren wir durch die infolge der Erwärmung eintretende Ausdehnung sehr viel Gas, was uns mit banger Sorge für die nächsten Stunden erfüllte. Um 11.80 Uhr wurde die Sonne wieder durch eine schwarze Wolkenwand verdunkelt und die nun eintrctende starke Abkühlung ließ unseren Ballon einschrumpfen wie eine alte Zitrone. Sofort fielen wir, wie uns der „kleine Dieckmann" anzeigte, mit fünf Metersekunden Geschwindigkeit steil herab, wurden aber dabei von dem gewaltigen Sturm, wie wir erkennen konnten, je näher mir an die wild bewegte Meeresoberfläche herunterkamen, mit ungeheurer Geschwindigkeit nach Südwesten getrieben. Wir opferten sofort unsere letzten fünf Sack Ballast, doch auch das konnte den Sturz nicht aufhalten. Dabei sichteten wir voraus einen kleinen Frachtdampfer, der in Nordsüdrichtung fuhr. In 200 Meter Höhe fuhren wir genau über ihn, winkten herunter in der Hoffnung auf Hilfe, sahen auch Menschen mit Signalflaggen winken, aber auch, wie der Dampfer in der schweren Dünung furchtbar schlingerte und stampfte.
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Unser Sturz ging unaufhaltsam weiter, bald tauchte das Schleppseil in die schweren Brecher und fuhr zischend hinter uns durch die Wogen. Das bremste etwas den Fall durch die Entlastung des Ballons und das brachte unseren Führer Dieckmann auf die geniale Idee, die letzte Zeltplane zum Verpacken der Ballonhülle, die wir noch nicht über Bord geworfen hatten, wie alle anderen Ausrüstungsstücke des Ballons, an ein Tau zu binden und herab- zulaffcn. Diese Schlcppschnürze hing dann etwa 20 Meter unter uns und wir hatten diese Idee mit solcher Geschwindigkeit in die Tat umgesetzt, daß sie uns bereits beim ersten harten Aufschlagen auf einen Wellenberg große Dienste dadurch leisten konnte, daß durch das Aufsetzen der Schürze und die dadurch bedingte Entlastung der Stoß des Korbes auf die Wasseroberfläche erheblich gemildert wurde. Beim ersten Eintauchen in die See sahen wir vom Dampfer nur noch die Rauchfahne in weiter Ferne. Es war ein Amerikaner „Goldlabour", der, wie wir später erfuhren, sofort nach London gefunkt hatte an bas Marincministerium, daß ein Ballon in Seenot auf die Schottische Küste zutriebe.
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Für uns begann die schrecklichste halbe Stunde. Es herrschte ungefähr W i n d st ä r k e 8 bis 10, hohe Wellenberge und Täler rollten uns entgegen und ständig schlug der Ballonkorb auf das Wasser auf, kippte um und das Wasser ergoß sich über uns. Dann stieg er wieder um 10 bis 20 Meter, um aufs neue auf die wogende See herunterzuschlagen. Nur mit äußerster Kraft konnten wir uns an den Seilen halten und durch Klimmzüge die Stöße abfedern. Dabet trieb uns der Sturm so oft wir vom Waffer frei kamen, mit ungeheurer Geschwindigkeit weiter. Wir hatten vollkommen mit dem Leben abgeschlossen und kämpften nur noch mit dem Mute der Verzweifelten gegen das sichere Schicksal.
Eine halbe Stunde hatte diese Schleppfahrt bereits gedauert, da ruft plötzlich unser dritter Gefährte in der Seenot, Direktor Ed. Beume aus Dortmund: „Voraus sehe ich etwas, das kann eine Wolkenwand sein, aber vielleicht auch Land!" Und richtig, nach mehreren Sprüngen auf den Wellen konnten wir das Gesichtete einwandfrei als Land ansmachen. Sofort stieg unser Hoffnungsbarometer wieder steil hoch und wir beschloßen, zu kämpfen und uns nicht zu ergeben, bis wir das Land erreicht hätten. Immer näher kam nach jedem Eintauchen die Küste, aber auch immer kürzer und wilder wurden die Brecher der tobenden See. Allmählich erkannten wir eine Mole mit Leuchtturm und eine kleine Stadt. Wir hörten dann dort einen Böllerschuß und sahen, daß ein Rettungsboot klargemacht wurde, doch es brauchte nicht in Tätigkeit zu treten. Mit rasender Fahrt näherten wir uns dem Lande, schlugen noch einige Male in die Brandung, sausten hart am Leuchtturm vorbei und schlugen mit dem Korb hart auf den Strand, nachdem wir vorher noch mit Blitzesschnelle die Ventile und mit der Reißleine eine Bahne des Ballons hatten aufreißen können. Der Korb schlug um und nun schleifte uns der Sturm, der in die sich entleerende Hülle des Ballons wie in ein Segel »lies, in sausender Fahrt über den Strand, wir schlugen mit
lautem Krachen gegen eine Vetonmauer, übersprangen diese und eine dahinter herführende Promenade, legten ein die Promenade auf der Landseite abschließendes Eisengitter um und dann kam Gallon und Korb auf der Wiese eines Hotels zum Stillstaud etwa fünf Meter vor der Hausfront.
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Der Anprall gegen die Ufermauer und das Eisengitter hatte uns davor bewahrt, daß wir mit voller Wucht durch die großen Spiegelscheiben des Speisesaales in das Hotel gebraust wären. Leider hatte unser Führer Dieckmann bei dem Zusammen- prall eine große klaffende Kopfschwartenwunde mit Verletzung der Schlafenschlagaöer erlitten. Herr Beume, der nur Schürf- wunden am Kopf und Beinen davongetragen und ich, der gänzlich unbeschädigt davongekommen war, kletterten aus dem zusammengedruckten Korb und hoben zunächst den Korb an, um den darunter eingeklemmten Arm des Führers zu befreien. Dabei zeigte es sich, daß der Zeigefinger im Endglied gebrochen und verletzt war.
Inzwischen war die Bevölkerung in hellen Haufen herbcige- stromt, und wir erfuhren, daß wir uns in Berwick on Tweed, gerade an der englisch-schottischen Grenze befanden. Herr Dieckmann kam schnell wieder zu sich und arg wir ihn in das Hotel tragen wollten, fing er tüchtig an zu schimpfen, er wollte allein dorthin gehen, und das war uns ein gutes Zeichen, daß keine Gehirnerschütterung vorlag. Der Chirurg des Krankenhauses der Stadt holte Herrn Dieckmann sofort nach dorthin ab und als wir ihn nach Aufgabe der ersten Telegramme an unsere Angehörigen aufsuchten, lag er bereits gut versorgt, glücklich und zufrieden über unsere Rettung in seinem Bett und schrieb an seine Frau.
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Es war eine wunderbare Errettung aus völlig verzweifelter Lage, eine Rettung, an die wir überhaupt nicht mehr gelaubt hatten. Ein glücklicher Zufall hatte es gewollt, daß wir nicht gegen die felsige Steilküste, die dort überall ist, sondern ausgerechnet auf den nur etwa 200 Meter breiten flachen Teil der Küste an der Mündung des Tweed getrieben wurden, wodurch unsere Landung noch so relativ glimpflich abgelaufen ist, während sonst alles zerschmettert worden wäre. Unsere Instrumente sind völlig heil geblieben und es ist hochinteressant, auf dem Barographen die Kurven des Auf und Ab des Nachtfluges und später den steilen Absturz von 3700 Metern bis aufs Meer zu sehen.
Unsere Aufnahme durch die Bevölkerung war außerordentlich herzlich. Alles schüttelte uns die Hände und beglückwünschte uns, darunter auch der Bürgermeister des Ortes. Der Hotelbesitzer wollte für das Essen, das man uns dann reichte, keine Bezahlung und versicherte uns immer wieder, daß es ihm eine Ehre fei, uns 8U Gästen zu haben. Die jungen Leute des Ortes halfen uns begeistert, den Ballon zu verpacken und auf ein Lastauto zu verladen. Dann waren endlose Befragungen bis ins Kleinste und wohl ein Dutzend Pressephotographen knipsten uns in allen Stellungen. Bis um 23 Uhr kamen die Reporter aus allen Teilen des Landes: sogar zwei Presseflugzeuge, wobei das Flugzeug aus London wegen des herrschenden Sturmes nicht einmal landen konnte und unverrichteter Sache wieder zurückkehren mußte. Aus London wurde ich auch telephonisch angerufen, ob ich der Pilot des „DoX" gleichen Namens wäre. Der Chef des Rekruten-Depots in Berwick, ein Captain N. P. Neid lud uns aufs liebenswürdigste auf sein Landhaus ein, wo wir dann einen interessanten, schönen Abend am offenen Kaminfeuer inmitten feiner Familie verlebten und dann die Nacht wie die Toten schliefen. Am nächsten Morgen fuhr uns unser freundlicher Gastgeber wieder zur Stadt und half uns auf der Gendarmeriestation und bei Erledigung der Zollformalitäten zum Transport des Ballons mit dem Schiff nach Hamburg. Zuerst hieß es, wir dürften erst fort, wenn die schriftliche Erlaubnis dazu aus London eingetroffen wäre, aber auf Bitten rief der Chef der Gendarmerie sofort telephonisch in London im Home Office an und erwirkte auch sofort die Erlaubnis zur Ausreise.
16% Stunden waren wir in der Lust, davon 13 Stunden aus hoher See. Neben der Güte des Ballonmaterials und der Instrumente verdanken wir unsere Rettung der eisernen Ruhe und großen Erfahrung des ausgezeichneten Führers Dieckmann, der zum 130. Male einen Ballonaufstieg machte. In wenigen Tagen wirb er hoffentlich wiederhergestellt fein und dann machen wir wieder eine Ballonfahrt, aber Bet schönem Wetter und Westwind. Eine große Freude war es uns, zu erleben, wie überaus herzlich die Ausnahme und Anteilnahme der englischen Bevölkerung war.
Oie schwarze Katze.
Geschichte einer abenteuerlichen Flucht.
Von Frank F. Braun.
Sie saßen um den runden Messingtisch: zwei oder drei Flaschen waren schon leer, aber die Gläser standen noch gefüllt. Unter der Zimmerdecke schwebte ein kleiner blauer Himmel von Tabakswolken.
„Nein", sagte Direktor Dedeley und sprang mitten in ein Gespräch hinein, „das glaube ich nicht. Die Idee fallt vom Himmel. Im Anfang war nicht der Gedanke, viel weniger noch das Wort: im Anfang war Erwartung oder Bereitschaft."
„Billig", knurrte Doktor Landmann. Direktor Dedeley sah ihn an. „Kein Mensch weiß, woher der Einfall kommt, niemand weiß auch nur eine Sekunde vorher, daß er kommt. Ich will


