wundervolle alte Teppiche liegen,' besonders liebte er Gebets- tcppiche, die orientalischen Händler besuchten ihn oft. Das letzte Zimmer rechts war ein in persischer Art ausgestatteter Raum mit einem Zelt aus echten Teppichen, alten Waffen und eingelegten Möbeln, eine Sehenswürdigkeit, die er allen Besuchern vorführte.
Wer war die Frau mit dem Flügelärmelmantel? Eines Tages meldete sich eine Köchin einer Familienpension zweiten Ranges im Ostviertel und sagte aus, daß die Besitzerin der Pension früher einmal einen solchen Mantel getragen habe und vor einigen Jahren ein Herr Spaniol in der Pension gewohnt habe, den ost Händler mit Teppichen ausgesucht hatten.
Die Polizei hob diese Pension eines Tages aus. Es war eine Pension im dritten Stock eines grauen Mietshauses, innen ebenso schmutzig wie außen, in der man einen ungarischen Baron fand, den man schon lange wegen Wechselfälschung suchte und etliche gute Bekannte der Polizei, die diese gleich mitnahm, und die sich auch ohne viel Widerstreben die Handschellen anlegen ließen. Die Besitzerin, eine Frau Fabina, wurde Munk gegenübergestellt.
Er zitterte vor dem Augenblick mehr als die Dame, die sehr sicher austrat und die Angelegenheit von oben herab behandelte. „In meiner Wohnung können Sie Haussuchung halten, bitte! Ich habe nicht nötig, Teppiche zu stehlen. Ich bin eine anständige Witwe, die sich auf ehrliche Weise durchbringt." Es war eine kleine Person mit frechen, grauen, kleinen Augen, verrunzeltem, ver- schminktem Gesicht und zottigen, schwarzen Locken, einem Kropf, den ein gelbes Spitzenjabot verbarg, den hageren Körper mit pelzbesetztem Sammet behangen. Sie mar an jenem Nachmittag gar nicht in der Stadt gewesen, sondern hatte erkältet zu Bett gelegen. Das Hausmädchen bestätigte, daß sich Frau Fabina allerdings nach Tisch ins Bett gelegt habe und sie habe Fliedertee kochen müssen. Um fünf Uhr habe sie nach ihr sehen wollen, aber es habe ihr niemand geöffnet...
„Weil ich schlief", sagte Frau Fabina rasch. „Ich hatte Schlaf- pulver genommen und stand erst abends auf." Das bezeugten wieder die Gäste, die an diesem Abend im Eßzimmer mit Frau Fabina Tee getrunken hatten. Es war ihnen nichts Besonderes an der Dame ausgefallen. Diese Gäste hielten sich tagsüber meist außerhalb des Hauses auf und erschienen nur zu der Hauptmahlzeit um neunzehn Uhr in der Pension. Was inzwischen vorging, wußte nur das Hausmädchen, das einzige Wesen, welches die schäbigen Teppiche in diesem Hause fegte.
Frau Fabina erinnerte sich allerdings, daß ein Herr Spaniol einmal in ihrer Pension gewohnt hatte, der Teppiche sammelte, aber er war ausgezogen, und sie hatte nie mehr etwas von ihm gehört. „Um das Privatleben der Herren, die bei mir Zimmer mieten und mich bezahlen oder ohne zu bezahlen durchgehen, kümmere ich mich nicht. Herr Spaniol verkehrte mit niemand, und hat höchstens vier Wochen bei mir gewohnt, ich habe keine zehn Worte mit ihm gesprochen ..."
„Aber Sie wußten, daß er Teppiche sammelte?"
„Natürlich, das war eine Leidenschaft von ihm, und ich hatte viel Aerger wegen der unheimlichen Kerle, die ost zu ihm kamen." „Was waren denn das für Leute?"
„Orientalen, Teppichhändler, was weiß ich? Was geht mich der Verkehr dieses Herrn an?"
In dem Ton lag etwas Gereiztes, das dem Untersuchungsrichter auffiel.
Inzwischen hatte man die Fabinasche Wohnung durchsucht. Und ein Beamter hatte einen Zettel äus dem Aschenkasten gezogen, der durchgerissen war. Er enthielt den vollständigen Plan der Wohnung Spaniols in der Ramstertorstraße. Man hielt ihn der Dame hin. „Zu was haben Sie diesen Plan gebraucht?"
Sie erbleichte unter ihrer Schminke. „Das hab ich nicht geschrieben, was ist denn das?"
„Sie werden Zeit dazu haben, sich zu erinnern", sagte der Richter.
Der Flügelmantel fand sich nicht ... Man brachte sie fort, sie schrie durch die Gänge und beteuerte ihre Unschuld vor Gendarmen und Gerichtsdienern.
Ein Gasarbeiter meldete sich, der zwischen vier und fünf an der Pension Fabina vorübergekommen war und einen geschlossenen Wagen vor der Türe hatte halten sehen, in den zwei Herren einstiegen. Er hatte sie für Gäste der Pension gehalten. Der eine hatte eine aufallend große Hakennase gehabt. Beide trugen steife Hüte. Von der Dame hatte er nichts gesehen ... Ein Hausmädchen, das früher in der Pension war, behauptete, den Mantel in einem Schrank der Frau Fabina habe hängen sehen, die ihn ihr einmal zu einem Maskcnfcst geliehen hatte ... Aber der Mantel war verschwunden.
Die Schrift auf dem Plan erwies sich als eine Männerschrift... Man forschte den Spuren der Bekanntschaft der Frau Fabina nach. Aber in der Pension verkehrten viele Gäste. Die meisten kamen tageweise, selten wohnte einer länger dort. Das erste Zimmermädchen erinnerte sich zweier Herren, mit denen Frau Fabina am Tag vor dem Mord auf der Straße gesprochen hatte, als sic mit ihrem Gemüsekorb vorbeigegangen war. Der eine hatte eine große Hakennase, der andere war kleiner, schwarzhaarig und trug einen Spihbart. Dieselben Männer waren schon einmal abends in der Pension aufgetaucht und hatten nach Frau Fabina gefragt. Angeblich waren sie wegen der Telephonleitung gekommen. Sie hatten aber keine Ausweise. Frau Fabina hatte in letzter Zett öfters versiegelte Briefe bekommen, mit einer schiefen, nach links laufenden Handschrift, die ihr aufgefallen sei. Diese Briefe habe Frau Fabina jedesmal sofort im Herd verbrannt. Als man ihr die Handschrift des Planes zeigte, erkannte sie dieselbe Schrift wieder. Genau so schief und nach links waren die Buchstaben.
Im Hof unter Papier und Scherben fand man einen Briefumschlag mit derselben Schrift und dem Poststempel Halle.
Hatte Frau Fabina Beziehungen zu Halle? Wohnten einmal Gäste aus Halle in der Pension?
Das Mädchen besann sich. „Doch, früher einmal... ein großer stattlicher Herr, der hatte eine Hakennase, er suhr immer zwischen Leipzig und Halle hin und her. Er handelte mit orientalischen Teppichen.
Eines Tages brachte ein Kriminalpolizist einen großen Herrn mit einer Hakennase an. Er leugnete die Bekanntschaft mit Frau Fabina, aber das Hausmädchen erkannte ihn wieder. „Das ist er!" rief sie spontan und streckte beide Hände aus. Er warf ihr einen haßerfüllten Blick zu. Man ließ Schriftprobe geben, der Sachverständige für Handschriften erkannte seine Schrift als dieselbe, die den Plan beschrieben hatte. Die Verhandlungen hatten die ganze Stadt in Erregung versetzt und das Haus in der Ramstertorstraße war täglich belagert von Neugierigen, obwohl die Wohnung Spaniols längst frisch tapeziert war und ein fremdes Ehepaar darin wohnte.
Herr Munk war zu einer berühmten Persönlichkeit geworden. In der Ramstertorstraße sprach ihn jeder auf den Mord an. Aber er war sehr schweigsam geworden, seit er jedes Wort, das er sagte, beschwören mußte, und er zergrübelte sich den grauhaarigen Kopf, ob er recht getan habe, sein Büro zu einer ungewöhnlichen Stunde zu verlassen. Es war die erste Unregelmäßigkeit seines Lebens. Die Tage der Gerichtsverhandlungen waren die furchtbarsten seines Lebens. Und er war wie erlöst, als die Fabina mit ihrem Komplizen endlich verurteilt wurde.
Der Prozeß war rasch vergessen und hatte neuen Sensationen Platz gemacht. Aber Herr Munk hatte seinen ruhigen Schlaf cin- gebüßt. Er fuhr oft nachts auf und starrte ins Dunkel und seine Gedanken kehrten zu dem Morgen zurück, als er die Vier in den erhellten Zimmern gesehen hatte. Wer hatte den Mord ausgeführt und wer hatte dazu angestiftet? ... Hätte mir der Sturm nicht das Fenster zerbrochen, wer weiß, ob der Mord jemals aufgeklärt worden wäre. Und ist er eigentlich aufgeklärt. Wer war der Dritte, den man nie entdeckte und den die beiden nicht verrieten? Wer hat den armen Spaniol erwürgt? ... Für die Juristen war's ein interessanter Fall ...
Aber für Herrn Munk wird es immer ein dunkler Punkt seines Lebens bleiben, daß er einmal von der Regelmäßigkeit seiner Tageseinteilung abgewichen ist ...
Freibalkon-Fahri auf Leben und Tod.
Von Dr. Kurt Wagner.
Eine kurze Preffenotiz berichtete kürzlich über die dramatische Fahrt des Düsseldorfer Ballons „Dortmund", der über die Nordsee nach England getrieben wurde. Hier schildert ein Teilnehmer, wie aus einer harmlosen Wettfahrt ein grandioses Erlebnis wurde.
(Nachdruck verboten.)
Am Samstag, dem 23. September 1933, starteten wir mit dem Ballon „Dortmund" unter Führung des Herrn Apotheker D i e ck- m a n n aus Dortmund um 17.30 Uhr als letzter von sechs Ballons in Düsseldorf zu einer Langstrecken-Wettfahrt. Wir kamen gut ab und mit einem stetigen Südwind trieben wir in guter Schwimmschicht genau nach Norden über Duisburg, wo ich den Meinen im Garten meines Hauses zuwinken konnte, Oberhausen, Dinslaken, Dorsten nach Holland herein. Die cinbrcchende Dunkelheit nahm uns hier jede Sicht nach unten, so daß wir uns nach den Lichtern der Ortschaften und Städte richten konnten. Wir gingen auf niedrige Höhe herunter, um einen geeigneten Landeplatz aussuchen zu können, doch auf unsere Rufe nach unten hörten wir nur das aufgeregte Schnattern von Enten und das I heisere Krächzen der aufgescheuchten Möven. Also Grachten — ein wenig geeignetes Gelände bei dem starken Boöenwind. Voraus sahen wir dann zwei Leuchtfeuer und wir beschlosien, den Ballon zwischen diesen auf den Strand zu setzen. Leider sollte es anders kommen. Die Leuchtfeuer standen zwar an der Küste, doch zwischen ihnen war die Lauwers Zee, eine weit ins Land gehende Bucht nordwestlich von Groningen.
So befanden wir uns um 23.30 Uhr plötzlich unerwartet über dieser Bucht, wie ließen schnell unser 80 Meter langes Schlepptau herabfallen, in der Hoffnung, auf einer vorgelagerten Insel noch landen zu können. Zischend fuhr das Schleppseil durch die aufgeregte See, aber Land bekamen wir nicht mehr zu sehen. Wir mußten uns in unser Schicksal ergeben, auf die offene Nordsee zu treiben, und hofften dann bei der Windrichtung und — Geschwindigkeit bis morgen früh die norwegische Küste zu erreichen und dort zu landen.
Durch Ballastabgabe stellten wir den Ballon aus etwa 1500 Meter Höhe ein, zogen uns warm an und ließen uns treiben. In den ersten Stunden sahen wir unter uns viele hellerleuchtcte Dampfer, später kam schlechtes Wetter auf, das uns jede Sich» nach unten nahm und es blitzte und donnerte um uns hestig- Durch die starke Abkühlung sank der Ballon immer wieder un» es kostete uns während dieser Nacht 13 von unseren 18 «au Ballast, um uns aus gleichmäßiger Höhe zu halten. Hin uns wieder versuchten wir zu schlafen, um Kräfte für die Landung zu sparen, nur einer mußte ständig den „Kleinen Dieckmann" beoo- achten, ein Instrument, die Erfindung unseres Führers, mit dessen Hilfe man genau beobachten kann, nicht nur, ob der Ballon stem- oder fällt, sondern auch mit wieviel Metersekunden Geschwlnölg- keit dies geschieht. Nach endlos langen Stunden der Dunkclhett in denen wir nur das laute Brausen der Dünung hörten, sing es


