GietzenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1933 Montag, den 23.Oktober Nummert
Nacht.
Von Hanns I o h st.
Eine Girlande von Wolken säumt Im roten Odem der gestürzten Sonne Die dunkelnde Landschaft.
Blaue Wälder wurzeln auf schwebenden Hängen, Und aus ruhender Flut
Wehn die Gewänder des Flusses, Hüllen in silberne Schleier Den zögernden Zug der Sterne, Der bräutlich zum Klange des Abends Aus heiterer Tiefe
Heraufzieht.
Das Haus in der Wiege der Wipfel Schläft sanften Traum der Ermüdung. Und während die Hände, gefaltet, Das flüchtige Herz betreuen, Steigt aus vergänglicher Brust Der Kelch der Sehnsucht, Durchstößt die Krume des Giebels Und blüht
Im Rätsel der Nacht.
Oie zerbrochene Scheibe.
Eine Geschichte von Liesbct Dill.
Jeden Morgen punkt acht wanderte ein kleiner Herr im grauen Nadmantel die lange Ramstertorstraße herunter zu dem Büro des Justizrats, auf dem er seit dreißig Jahren in demselben Zimmer, tn demselben alten Nollpult, auf demselben abgeschabten Drch- Ichemel hinter seinen Büchern und Akten saß. Herr Munk war pünktlich wie eine Uhr, er kam um eins zurück, aß zu Hause das einfache Mahl, das ihm seine Putzfrau aus dem nahen Restaurant teholt und warm gestellt hatte, nach einer Stunde ging er denselben Weg zum Büro zurück und kam kurz nach sechs wieder nach Hause. Nur der Sonntag machte eine Ausnahme, dann las er im Hausrock die Zeitungen hinter seinem Blumenfenster, oben im dritten Stock des grauen Mietshauses und schaute zuweilen flüchtig auf die öde Ramstertorstraße, an deren Leben er kaum einen Anteil nahm. Er kannte keinen seiner Nachbarn, verkehrte mit keinem Nenschcn, bekam niemals Besuch, hatte (eilte näheren Verwandte mehr, und hatte seine paar Möbel einem Altersheim vermacht, tu dem er einmal seine letzten Jahre beschließen wollte.
Die Woche spielte sich regelmäßig so ab. Er ging nie spazieren, besuchte weder ein Cafö, noch ein Theater, und ein Kino hatte er noch nie betreten, er lebte still und zog seine Blumen in den grünen Kasten, die im Sommer vor, im Winter hinter seinem Bohnzimmerfenster standen. Wenn die Mütter in der Ramstertorstraße ihre Kinder Heimriefen zum Essen, pflegten sie hinzuzu- sctzen: es ist schon eins, eben kommt Herr Munk nach Haus.
An einem grauen, regnerischen Morgen hatte der Sturm ihm die Scheibe seines Blumenfensters eingestoßen, er hatte den Glaser- »leister bestellt, der aber war nicht gekommen und kaum hatte Herr Munk ans seinem Drehschemel Platz genommen und den Brat- avfel aufgesetzt zu seinem Frühstück, als ihm gemeldet wurde, der Aasermeister sei gekommen und stünde vor verschlossener Tür in seiner Wohnung. Er zog seinen Kaisermantel rasch noch einmal über, übergab dem Referendar inzwischen seine Akten und ging Nieder heim.
Während der Glasermeister die Scheibe einsetzte, stand Munk m Fenster und schaute hinaus und bemerkte, daß in dem gegen« ilerliegenden Haus die Fensterreihe des dritten Stocks erleuchtet Wir. Er sah vier Menschen in dem ersten Zimmer stehen, drei Männer und eine kleine Dame mit Kapotthut und einem Mantel Wt Flügelärmeln, die etwas, das auf dem Boden lag, zu be- strchten schienen. Wahrscheinlich handelte es sich um Teppiche. Tann gingen sie in das nächste Zimmer. Und dasselbe wiederholte M). Sie bückten sich, hoben etwas vom Boden auf, das er nicht leien konnte und besprachen etwas. Das war alles was er sehen
tonnte. Er wunderte sich nur, baß alle Zimmer erleuchtet waren brs auf ein Fenster, das dunkel blieb.
Die Scheibe wurde eingesetzt und als Munk nach kurzer Zeit mteder fein Haus verließ, sah er gerade aus dem gegenüberliegenden Hause zwei Männer kommen, die einen Handwagen aus dem Torweg schoben, auf dem zusammengerollte Teppiche lagen. Die Wohnung war wieder dunkel, nur hinter dem letzten Fenster rechts brannte jetzt Licht.
Als Munk fein Büro betrat, war der Referendar verschwunden. Er hätte sich auch gewundert, wenn er noch dagewesen wäre, der Bratapfel war in der Röhre angebrannt, der Ofen war ausge- gangen, und er hatte eine ganze Stunde verloren. So ging’S, wenn man einmal von der Regelmäßigkeit des Tages abwich.
Am andern Morgen sah Munk zu seinem Staunen, daß, obwohl es heller Tag war, im dritten Stock des Hauses ihm gegenüber immer noch das eine Fenster erhellt war. Vielleicht war die Herrschaft verreist? Und da Munk für Ordnung auch bei anderen war, öffnete er die Tür des kleinen Friseurlaöens im Parterre dieses Hauses und meldete, im dritten Stack brenne in einem Zimmer nach das Licht.
Der Friseur, der gerade einen Kunden einseifte, rief zurück, er würde es hinaufsagen lassen, und Munk begab sich auf sein Büro.
Als er mittags zurückkam, sah er Gruppen aufgeregter Frauen vor den Häusern der Ramstertorstraße stehen und seine Haus- metstersfrau empfing ihn im Torweg. Im Hause gegenüber war ein Mord geschehen. Der Postbote hatte die Zeitungen schon dreimal unter der Türe dnrchgesteckt, die Milchfrau war wieder fort« gegangen und der Väckerjunge hatte keine Brötchen abgeben können, da niemand öffnete. Die Polizei war jetzt drinnen.
Herr Munk liebte es nicht, mit derartigen Neuigkeiten schon aus der Treppe angefallen zu werden, und ging aus fein Zimmer. Am Abend stand es in allen Zeitungen. „Der Mord tn der Ramstertorstraße." Der Referendar brachte die Zeitungen auf das Büro ... „Herr Munk, Herr Munk! Die Ramstertorstraße ist berühmt geworden." Und er schob ihm die Zeitungen aus das Pult.
Herr Munk putzte seine Brille und während er las, erschienen vor seinem Blick plötzlich die erhellten Fenster und die drei Männer, die in dem Zimmer standen und die Dame tn den Flügelärmeln. Er las den Bericht schweigend, während er in seinem Innern erwog, ob er sich mit seinen Beobachtungen melden sollte oder nicht. „Es geschah zwischen acht und neun morgens", wiederholte der Referendar. „Sind Sie da nicht in Ihrer Wohnung gewesen? Dann müßten Sie doch etwas davon gesehen haben, Herr Munk."
Man hatte den alten Herrn, einen Teppichhändler Spaniol, in dem letzten Zimmer unter dem persischen Zelt gesunden, in einem mit Blut befleckten Gebetsteppich eingehüllt, ntit dem man ihn anscheinend erstickt hatte. Es war der einzige Teppich, den die Mörder in der Wohnung zurückgelassen hatten. Als Täter kam nur ein besonders kräftiger Mann in Betracht, da Spaniol selbst ein Mann von Athletengestalt war, alle Faustkämpfe besuchte und viel in Boxerkreisen verkehrt hatte. In der Wohnung lag alles wüst durcheinander, alle Schränke waren erbrochen, die Schubfächer mit Dietrichen geöffnet, manche steckten noch voll Silber. Aber die Teppiche waren alle verschwunden, bis aus einen Gebetsteppich.
Munk legte die Zeitungen zusammen. Er schwieg. Er wollte abwarten, wie sich die Sache entwickelte. Vordrängen würde er sich jedenfalls nicht ... Man war der letzten Haushälterin auf der Spur, die Spaniol kürzlich entlassen hatte, aber sie konnte ihr Alibi nachweisen. Da meldete sich der Friseur ... Ein Herr hatte ihn am Morgen nach dem Mord auf das brennende Licht aufmerksam gemacht, das man in der Wohnung anscheinend zu löschen vergessen habe. Er hatte feinen Lehrjungen hinausgeschickt, aber niemand hatte geöffnet. Nun wurde dieser Herr gebeten, sich zu melden.
So zog Munk schweren Herzens feinen Gehrock an und begab sich zur Polizei und meldete, was er gesehen hatte. Der Polizeioffizier machte ihm Vorwürfe, daß er alles nicht früher gesagt habe. Seine Meldung war höchst wichtig. Munk sollte beschreiben, wie die drei Männer ausgesehen haben. Aber das wußte er nicht, er war kurzsichtig, er hatte nur gesehen, daß es drei Herren gewesen waren, die etwas betrachtet hatten, das auf der Erde lag, und die Dame einen Kapotthut und einen Mantel mit Flügelärmeln trug. Die zwei Männer, die mit dem kleinen Handwagen mit zusammengerollten Teppichen das Haus verließen, hatten Hüte aufgehabt. Die Dame hatte er nicht bei ihnen gesehen.
Wer mar diese Dame? Die Polizei hatte Spaniols Beziehungen und Bekanntschaften festgestellt. Er hatte in seiner Wohnung viele


