„Wozu das? Zu einer Haussuchung liegt meines Wissens kein Grund eor." . .
Der Kommissar entfaltete langsam die beiden Papier«.
„Um eine solche handelt es sich rvch vorläufig gar nicht. Sondern um die Beweisführung, daß Grau schon einrtl in der Fuchsschen Wohnung war."
„Diese Beweisführung wird voraussichtlich das gleiche Resultat haben, wie eine Gegenüberstellung mit Fuchs."
„Das bleibt abzuwarten. Jedenfalls haben wir in diesen beiden Skizzen hier _ er reichte Glossen die beiden Zeichnungen — und in seiner präzisen Schilderung bestimmter Einrichtungsgegenstände einen ziemlich deutlichen Beweis dafür, daß er die Lokalität kennt. Der eine Plan stammt von einem Ihrer Leute, den andern hat Grau in meiner Gegenwart aus dem Gedächtnis ausgezeichnet. Was sagen Sie zu dieser ausfallenden Uebereinstimmung?"
Der Berliner Kollege schob ihm die Blätter nach einer flüchtigen Betrachtung wieder über den Tisch zurück.
„Diese Uebereinstimmung kann auch Zufall sein. Wir haben Aehnliches schon erlebt. Außerdem mochte ich bezweifeln, ob ..." Er wurde durch ein Klopsen unterbrochen. Einer seiner Unterbeamten trat ein.
„Verzeihen Sie, Herr Kommissar, wenn ich störe. Aber ich dachte, es sei wichtig ... Soeben hat Herr Germann angerufen, der Schriftsachverständige. Er erklärte, daß der Namenszug auf der Postquittung mit Fuchs' Unterschrift ohne jeden Zweifel identisch ist. Außerdem ist der Postbote ermittelt worden, der die Nachnahme zugestellt hat. Man hat ihm das Paßbild von Fuchs vorgelegt, und er hat rundheraus erklärt, daß der Mann auf der Photographie derselbe sei, dem er in der Jnvaliden- straße 113 die Sendung ausgehändigt hat."
„Das sind allerdings zwei Nachrichten, die einen gegen Herrn Fuchs bedenklich stimmen könnten — wenn seine Harmlosigkeit nicht so klar zu Tage läge. Meinen Sie nicht auch, lieber Classen?" äußerte sich Kling mit unverhülltem Spott. Er hatte ganz unerwartet wieder Oberwasser bekommen. Und es wäre ganz unverständlich gewesen, wenn er in dieser Lage aus eine gelinde Rache verzichtet hätte. Aber er hielt sich nicht übertrieben damit auf, sondern ging direkt auf sein Ziel los.
„Wenn Sie erlauben, möchte ich also sobald wie möglich mit Grau nach der Jnvalidenstraße fahren. Ich hoffe. Sie haben jetzt nichts mehr dagegen. Es genügt, wenn Sie mir einen Ihrer Leute mitgeben, am besten einen, der sich bereits in der Oertlichkeit auskennt."
Claffen war im Handumdrehen pflaumenweich geworden. Er befleißigte sich auf einmal dem „Provinzkommissar" gegenüber einer kollegialen Höflichkeit und Bereitwilligkeit, die man noch fünf Minuten zuvor nicht bei ihm vermutet hatte.
„Ganz, wie Sie wünschen, mein lieber Kling. Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung. Wenn es Ihnen recht ist, gebe ich Ihnen den jungen Jensen mit, einen unserer gewecktesten Agenten. Ich will mich gleich mit ihm in Verbindung setzen. Entschuldigen Sie mich, bitte, auf einen Augenblick."
16.
Während der ganzen Fahri saß Grau teilnahmslos in feiner Wagenecke. Er schien nicht die leiseste Ahnung zu haben, wohin er geführt wurde. Zuweilen ging es wie ein Schüttelfrost durch seinen Körper. Die Augen sielest ihm vor Abspannung zu. Und Kling hegte im Stillen die Befürchtung, daß er den psychischen Strapazen eines Lokaltermins nicht mehr gewachsen fein könnte.
Absr je mehr man sich der Fuchsschen Wohnung näherte, um [o deutlicher Machte sich bei dem jungen Mann eine Unruhe bemerkbar, die mit jedem Kilometer zunahm. Ein Ausdruck überwacher Gespanntheit trat in seine Züge. Seine Nasenflügel zitterten. Und sein erloschener Blick bekam auf einmal etwas seltsam Horchendes. Eine Frage schien ihm auf den Lippen zu liegen. Aber so oft er sie aussprechen wollte, verschloß irgendeine Scheu ihm den Mund. Und seine Augen irrten an Kling vorbei zum Wagenfenster hinaus.
Erst als das Auto vor dem Hause Nr. 113 in der Jnvalidenstraße hielt, wurde er ganz plötzlich weiß vor Schreck und faßte nach dem Arm des Kommissars. Kling nickte ihm beruhigend zu. „Ja, mein lieber Grau, ich kann Ihnen diesen Gang leider nicht ersparen. Aber wir werden es so kurz wie möglich machen."
Er fahle Grau unter und führte ihn mit ruhiger (Energie durch die Torfahrt des Vorderhauses. Ein Kohlenfuhrwerk versperrte den Zugang, fo daß man gezwungen mar, hintereinander zu gehen. Der Kommissar benutzte die Gelegenheit, ein paar Schritte hinter Grau zurückzubleiben. Leise sagte er zu Jensen-
»Ich laste ihn absichtlich vorausgehen. Halten Sie sich hinter ihm, ober tun Sie so, als ob Sie sich hier nicht auskennen. Und achten Sie darauf, ob er von selbst die richtige Tür findet."
Vor dem (Eingang des Rückgebäudes blieb Grau stehen und sah sich noch feinen Begleitern um. Kling winkte ihm, weiterzugehen. Der Maler gehorchte. Mit gesenktem Kopf stieg er die Treppen hinauf. Und die beiden Herren gewannen sofort den Eindruck, daß ihm das Haus nicht fremd fein konnte. Mit keinem Blick streifte er die Türschilder. Er zögerte in feinem Stockwerk, sondern setzte unbeirrt und in sich versunken (einen Weg fort. Die Menschen, die in roerttägiger Hast an ihm vorbeistreiften, schien er gar nicht zu sehen. Und auch die drei schweigsamen Herren fielen niemanden auf. Man war in diesem Haus an fremde Gesichter gewöhnt. Und keiner hatte hier Zeit, sich um seine Mitmenschen zu kümmern.
Erst auf dem letzten Treppenabsatz verlangsamten sich Graus Schritte. Die Knie wurden ihm sonderbar schwer. Er stolperte ein paarmal und mußte sich am Geländer festhalten. Plötzlich blieb er stehen und lehnte sich wie in einem Schwächeanfall gegen die Wand. Seine eiskalten Finger kramvfien sich um Klings Handgelenk.
„Ich glaube, ich kann es nicht aushalten — sie wiederzusehen!" „Wieso? Wen denn Wiedersehen?" Der Kommissar konnte seinem Ge
dankengang Im Moment nicht folgen. Ms Ihm plötzlich aus dem fieberisch geweiteten Blick des jungen Menschen die Erkenntnis aufging.
„Unsinn, Graul Sie können ganz beruhigt fein! Die Wohnung ist voll- ständig leer. Eine Begegnung ist ausgeschlossen."
Aber Grau schüttelte unbeirrt den Kops.
„Nein, die Wohnung ist nicht teer. Ich fühle es."
Er war nicht von der Stelle zu bringen. Mit dem Rest seiner Kräfte wehrte er sich gegen ein Erlebnis, dem er sich nicht mehr gewachsen fühlte. Kling mußte beinahe Gewalt anwenden. Er packte ihn beim Aermel und zerrte ihn die ätzten Stufen empor.
„Seien Sie doch vernünftig, Grau! Es geschieht Ihnen doch nichtsl Ich will ja nur, daß Sie uns das Zimmer zeigen, in dem Sie Fuchs — in dem es — geschehen ist. Verstanden? Also vorwärts!"
Er glaubte, einen energischen Ton anwenden zu müssen, um Grau aus seiner Verstörtheit aufzurütteln. Und es gelang ihm auch, wenigstens seinen Widerstand zu brechen, so daß er ohne Weigerung seine Anordnungen befolgte.
Nachdem Jensen die Wohnung aufgeschlossen und in dem schmalen Korridor das Licht aufgedreht hatte, drängte Kling den Maler vor sich her.
„Jetzt passen Sie mal genau auf, Grau! Wir wollen der Reihe nach vorgehen. Uebertegen Sie sich nur alles in Ruhe, bevor Sie handeln. Wir haben Zeit ... Also Caspar yucijs hat Ihnen damals selbst geöffnet, nicht? Und nun zeigen Sie uns zunächst mal, in welchesZirnrner er Sie geführt hat! Donald Grau hatte den Hut abgenommen und fuhr sich versonnen durch das feuchte Haar. Ganz allmählich schien ihm die (Erinnerung an den Vorgang aufzudämmern. Seine schwachen Augen hatten sich noch nicht an die unsichere Beleuchtung gewöhnt. Sie konnten kaum die Umrisse der Gegenstände unterscheiden. Aber nach kurzem Zögern ging er mit überraschender Sicherheit den Korridor entlang, geradewegs auf eine mit alten Plüschportieren verkleidete Tür zu.
„Hier — ja, hier war es!"
Der Kommissar sah Jensen fragend an. Dieser mochte eine bejahende Gebärde. „(Es stimmt! Das ist das Zimmer, das er beschrieben hat."
Kling dirigierte mit zielbewußter Sachlichkeit weiter:
„Schön, lieber Grau. Treten Sie ungeniert ein. Es ist niemand mehr in dem Zimmer."
Kling hatte bemerkt, daß Grau abermals zurückgescheut war. Und er deutete diese Scheu als eine häufig beobachtete Erscheinung: da» am Tatort plötzlich ausbrechende Entsetzen des Mörders vor feiner Tat. Er war bemüht, dem Unglücklichen darüber hinwegzuhelfen, indem er ihm jede Gelegenheit zum Grübeln nahm und feine Gedanken in konzentrierter Tätigkeit hielt. Er ließ sich von ihm feinen Empfang bei Fuchs in allen Einzelheiten schildern Er forderte eine bis zur Pedanterie genaue Wiedergabe der Situation. Und ©rau erwies sich wider [ein Erwarten als ein gefügiges Werkzeug feiner Absichten. Er schien, nachdem er sich erst einmal an die erinnerungbeladene Atmosphäre gewohnt hatte, den ganzen Vorgang aufs Neue und mit einer fast noch erhöhten Intenfität zu durchleben. Er glich einem Schauspieler, der im Fieber oder irgendeinem schlafwandlerischen Zustand eine häufig gespielte Rolle bis zu letzter Treue roiebergibt. Seine Bewegungen bekamen etwas leidenschaftlich Gesteigertes. Und in Kommissar Kling dämmerte zum erstenmal eine Vorstellung von der elementaren Kraft des Gefühls, das diesen Menschen in sein Verhängnis gerissen hatte. Aber er tat nichts, um die (Erregung (Braus zu hemmen. Im Gegenteil, er wühlte mit feinen Fragen alle Abgründe dieses Erlebnisses noch einmal in ihm auf.
„Hier also, sagen Sie, unmittelbar vor der Flügeltür, hat die Kiste gestanden? Wie groß war diese Kiste? Ungefähr?"
Grau gab.mit einer unbeholfenen Armbewegung das Maß an.
„Also etwa zwei Meter im Quadrat! Stimmt das mit der Größe Ihres Bildes überein?"
„Ja, so ziemlich."
„Und Fuchs — ich meine natürlich Ihren Fuchs, nicht den Herrn, dem Sie heute vormittag gegenübergestellt worden sind — dieser Fuchs kniete vor der Kiste und nagelte sie zu. Er ließ sich also durch Ihren Besuch gar nicht in seiner Arbeit stören? Fanden Sie das nicht ein bißchen unhöflich?"
Dem Maler schoß das Blut ins Gesicht. „Unhöflich? Ich empfand es als Herausforderung. Und das war es auch. Wenn Sie dabei fein Gesicht hätten sehen können! Seine höhnische, niederträchtige Fratze! Er wußte, daß mir jeder Hammerschlag durch Mark und Bein ging. Aber er hämmerte seelenruhig draus los. Er pfiff sogar dazu irgendeinen gemeinen Gassenhauer. Als wenn ich Lust wäre!"
„Und bas reizte Sie natürlich noch mehr."
„Ja, es machte mich ganz verrückt. Denn bas Gehämmer verschlang natürlich jebes anbere Geräusch. Unb bas war ja seine Absicht. Ich sollte nicht hören, was nebenan vorging."
Kling stutzte überrascht. „Nebenan? Dort brinnen, meinen Sie?“ Er zeigte auf bie Flügeltür.
„Was sollten Sie benn nicht hören?"
Grau fing auf einmal zu zittern an. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen unb preßte beide Hände auf die Obren.
„Das Weinen“, stöhnte er. „Dieses furchtbare Weinen! Aber ich habe es doch gehört. Immer werde ich es hören. Solang ich lebe."
Es dauerte eine Weile, bevor Kling eine neue Frage wagte. Er legte dem Maler behutsam bie Hand auf bie Schulter.
„Und wer, lieber Grau, wer glauben Sie denn, weinte da so ...?" • „Glauben?" Donald Grau befreite mit verächtlichem Ruck feine Schul- । ter. „Ich weiß es! Niemand wird mir einreden, daß es nicht ihr Weinen । war! Daß er sie nicht da brinnen eingesperrt hält, Tag unb Nacht. Seit vielen Monaten. Aber ihr — ihr alle ..." Er schleuderte seinen Stuhl zurück und wandte sich in jäh ausbrechender Wut gegen Kling. ,,.f>abt ihr auch nur mit einem Wort danach gefragt, was aus ihr geworden ist? Daß ein verdammter Halunke weniger auf der Welt ist, das — ja, das ir-ter- ; cifiert euch fieberhaft. Dafür guetfcht Ihr einem die Seele aus dem Leib.
Aber um ihr Schicksal kümmert sich keiner!" (Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. -Druck und Verlag: Brühl'sche Univerl itäts-Buch- und Steindruckerei, B. Lange, Gießen.


