Ausgabe 
23.6.1933
 
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Ehe-Ideale in alter Zeit.

Eine kulturgeschichtliche Plauderei.

Von Dr. Friedrich S p r e e n.

Uns ist der Gedanke, daß zur rechten Ehe die Liebe gehört, zum mindesten als sittliche Forderung, so völlig in Fleisch und Blut übcr- gegangen, daß wir den Begriff einer Ehe als reiner Geschäftssache für etwas höchst Barbarisches, ja Unmoralisches halten. Dabei vergessen wir, wie jung dieser Begriff in der deutschen Sittengeschichte ist, vergessen, daß er erst in dem Zeitalter unser klassischen Dichtung ausgebildet wurde und erst in der Romantik, vor wenig mehr als twnetn Jahrhundert, weitere Gesellschaftskreise erfüllte. Richardson, den man mit Recht den Ent­decker der modernen Frauenseele genannt hat, beschäftigt sich noch höchst ernsthaft mit der Frage, ob denn die Liebe überhaupt zur Che erforder­lich sei, und seine bejahende Antwort wird von andern Autoren lebhaft bestritten. Es sind höchst nüchterne Erwägungen, bei denen Rücksicht aus Stand und Bermögen allein entscheiden, die die Helden der Romane von Gellert, Hermes, Frau la Roche usw. bei der Wahl einer Frau anstellen.Erst bei Wieland, wie in der englischen Parallelentwick­lung bei Fielding und Sterne, fängt das Herz an, neben dem Verstand mitzusprechen, und den gewaltigen Umschwung des Gefühls bahnt erst Rousseau an, vollendet Goethe mitWerther" und Stella". Und der gleiche Wandel des Empfindens vollzieht sich viel lang­samer in der Wirklichkeit.

Gleichsam als äußerer Ausdruck der Tatsache, daß Liebe und Ehe nichts miteinander zu tun haben, steht in den fürstlichen Ehen des Ab­solutismus neben der Gemahlin als offizielle, ja unbedingt notwendige Erscheinung die Favoritin. Wenn ein Herrscher zusällig seine Frau liebt der spätere Kaiser Karl von Oesterreich, dann zwingt ihn das Hoszeremo- niell doch, eineMaitresse en titre" zu wählen, und des Volkes Stimme spricht aus dem Wort jenes Bauern, der beim Einzug des Landesherrn mit seiner jungen Gemahlin ausrief:Run fehlt unferm lieben guten Fürsten nur noch eine schöne Maitresse!" Ihre Sanktion dazu erteilten Philosophie und Staatsrecht, wenn sie, wie selbst Leibniz und T ho­mo s i u s , Polygamie und Nebenehen nicht für unerlaubt erklärten. Die adligen Kreise eiferten dem hohen Vorbild nach, und Ehepaare, die sich wirklich liebten, mußten dies bei Hose sorgfältig verbergen, um nicht den Fluch der Lächerlichkeit" auf sich zu laden. Es war ein Zeitalter,wo die eheliche Liebe nicht besonders stark ist", wie Graf Lehndorff ein= mgl in feinem Tagebuch schreibt.

Diese frivole Auffaffung der Che war aber in den weiten bürgerlichen Kreisen des deutschen Volkes durchaus nicht heimisch. Hier herrschte from­mer Ernst und ein starkes Bewußtsein von der Bedeutung dieses Schrit­tes, nur von Liebe war nicht die Rede. Der Pietismus, besonders Zin - zendorf, sah in der ehelichen Gemeinschaft einAbbild und Vorbild der Vermählung Christi mit der Seele" und nährte die tiefen Bedenken gegen die Ehe, die nach Luthers warmherziger Lobpreisung des Ehe­standes unter den Frommen wieder erwacht waren. Jedersinnliche Affekt" ward verurteilt; wie Bruder und Schwester sollten die Gatten leben. Der erste Philosoph des Bürgertums, Christian Wols, dagegen betonte die sittliche und staatliche Notwendigkeit und Wichtigkeit dieser Institution, dieMenschenpflicht" jedes Einzelnen, einhübsches Häuf­lein" von Sprößlingen derMäßigkeit" zum allgemeinen Wohle zu er­ziehen. Heiraten war daher ein löbliches und sehr nützliches Werk, ähnlich wie Steuerzahlen, und das Geschäft der Vermittlung betrieben Regenten und Fürstinnen, vornehme Beamte und strenge Gelehrte mit gleichem Eifer. Da die Stimme des Herzens keine Entscheidung herbeiführt, fo legt man sein Geschick vertrauensvoll in die Hände anderer. Persönlich­keiten, zu denen man mit besonderer Achtung aufblickte, wie Frau Gott­sched oder Gellert, empfangen Hunderte von Briesen, in denen sie um Rat bei einem Antrag angegangen oder nach einem passenden Lebens­gefährten gefragt werden. Diegöttliche Kulmus" rät einem wohlhaben­den Herrn, nicht allzufebr auf Vermögen zu sehen, sondern auch aus häus­liche Tugenden.Ihre Geliebte sei nicht häßlich, aber durchaus nicht so schön, daß jeder sie für eine Göttin halte und ihre Eitelkeit durch seinen Weihrauch erwecke". Doch selbst dieser ihrer Zeit schon vorauseilenden zartsinnigen Frau erscheint der Gedanke der Heirat eines Bürgerlichen mit einem adligen Fräulein als ein Unding, und in ihrerUngleichen Heirat" erhält der reiche Bürger Willibald mit brutalem Hohn einen Korb von der Edeldame. In den Romanen wird die Mesalliance immer wieder be­handelt; noch bei Rousseau trennen Standesrücksichten Julie von St. Preu, und erst in GoethesMeister" überwindet die Liebe die gesellschaftlichen Schranken. Vermögen ist der Punkt, um den es sich bei jeder Braut­werbung vor allem handelt, und mit vielen Formalitäten wird derEhe­pakt", die so wichtige geschäftliche Seite der Sache, geschlossen. Gellert gibt einem Fräulein B., das ihm anvertraut, sie sei nicht reich genug, um heiraten zu können, ohne weiteres zu, daß das Geld sehr wichtig sei, ist aber im Prinzip gegen Geldheiraten. Er tröstet sie damit, daß sie, wenn sie doch einen Mann finde, um ihrer Tugenden willen geheiratet werde. Jeder heiratsfähige Mann wurde nach der Höhe der Mitgift, die er for­dern könne, eintaxiert, und das nicht heimlich, wie wohl heute manchmal, sondern ganz offen und selbstverständlich. Der jüngere Hagedorn ge­steht als Legationsrat, daß er auf höchstens 1214 000 Rthlr. rechnen könne. Das gäbe 600 Thlr. Zinsen, und das fei sehr wenig für das teure Dresden.

Aus welchen Motiven heiratete man nun? Typisch dafür find die Be­trachtungen, die der Historiker Pütter in seiner Selbstbiographie dar­über anstellt:Mittags- und Abendessen, wie es von Speisewirten zu haben war, entsprach gar nicht meinen Wünschen. Einsam zu essen, war gar nicht nach meinem Sinn. Andre häusliche Besorgungen, Wäsche, Kaffee ufw. waren für mich unangenehme Beschäftigungen." So sucht er sich eine Frau, und wie er, machten es viele andere geistig bedeutende Männer, die in sittlicher und seelischer Hinsicht an der Spitze ihres Volkes standen. So handelten sittlich einwandfreie Gelehrte, wie A ch e n w a l l und Michaelis; selbst Bürger, der Liebessänger, wollte vor allem Geld, und Georg F o r st e r bestellte bei seinem Buchhändler Spener neben

anderen Dingen sich auch eine Frau. Gustav Frey tag hat als das klassische Beispiel dieser so nüchternen Eheschließungen die Heiratsgeschichte des großen Theologen Johann Salomo Seniler angeführt, wie er sie selbst in seiner Lebensbeschreibung mit schlichter Eindringlichkeit erzählt: Der arme Professor ist mit einerwürdigen Freundin" versprochen intugend­hafter Ernsthaftigkeit".Es war aber dabei nichts von der Wonne oder großen Freude, welche unsere neueren Zeitgenossen in so vielen Romanen poetisch malen und gar gefühlvoll darstellen." In Koburg wohnt er bei der verwitweten Doktorin D ö b n e r und hier erhält er den sehnlich er­wünschten Ruf nach der Universität Altdorf: endlich soll er lehren und wirken dürfen! Doch er hat kein Geld zur Reise; er hat Schulden bei seiner Wirtin, und nach langem qualvollem Ringen erkennt er als ein­ziges Mittel, die wohlhabende Tochter der Doktorin, die er bisher nicht beachtet, zu gewinnen; erbequemt sich unter das allgemeine einzige Ge­setz der höchsten Regierung Gottes", entsagt der früheren Verlobten und heiratet die Demoiselle Döbner, führt mit ihr eine lange und glückliche Ehe und preist ihre einzigen Tugenden nach ihrem Tode in einer rühren­den Lobschrift. Es ist der pietistische Einschlag, der Glaube an Gottes Vorsehung, der so viele damals die einmal Erwählte für die einzig Richtige halten ließ.

Daß die Dichter nicht idealistifcher waren als die Gelehrten und Be­amten, zeigt die Ehe Friedrich von Hagedorns, der die weder junge noch schöne noch kluge Tochter eines angeblich reichen Schneiders heiratete, um aus [einen Schulden herauszukommen, aber schließlich nichts bekam; das zeigen die Heiraten eines Wieland, Weiße u. a. Die Motive der Mädchen waren meist Befehl der Eltern, Angst vor dem Sitzenbleiben, Wunsch nach Versorgung. Eine Strophe aus der Selbstbiographie der ge­feierten Dichterin Riegerin, geb. Weißenfee, malt die Stimmung:

Ich trat dann jung vor den Altar, Schon einen Chebund zu schließen, Weil Gott und Eltern mich es hießen, Es sind nunmehr bald zwanzig Jahr, Mit einem Mann mich zu vermählen Und für einW" einR" zu wählen."

So war das Ehe-Ideal um die Mitte des 18. Jahrhunderts unendlich fern von dem unfrigen. Kant hat es am klarsten formuliert, indem er fordert:In dem ehelichen Leben soll das vereinigte Paar gleichsam eine einzige moralische Persönlichkeit ausmachen, welche durch den Verstand des Mannes und den Geschmack der Frau belebt und regiert wird." Aber damals erhoben sich schon immer stärker die Mächte des Gefühls, die dies nüchterne tüchtige Gebäude einer bürgerlichen Ehe zu erschüttern drohten. K l o ck st o ck s schwärmerische Zärtlichkeit für seine Meta, Lessings mannhaft stolzes, leidenschaftlich verhaltenes Ringen um Eva König boten Beispiele von ganz neuartigen, ungeahnten Herzensbeziehungen. Mozart schrieb an den strengen Vater, im Gedenken an sein mit irdi­schen Gütern nicht gesegnetes Constanzerl:So nach Geld möcht' ich nicht heiraten; ich will meine Frau glücklich machen und nicht mein Glück durch sie machen." Alsarmer Mensch" hält er es für fein Recht,eine Frau zu nehmen, die ich liebe und die mich liebt", damals hatte schon R o u s s e a u sNeue Heloife" den Sieg des Herzens über den Verstand verkündet; aber während hier noch die Liebenden entsagen, stirbt Werther, weil er Lotte nicht erringen kann. Seine Liebe bedeutet ihm fein Leben. Und da die Liebe nun zum Mittelpunkt der ganzen Existenz geworden ist, wird sie auch zum Mittelpunkt der Ehe. Die Früh-Romantik, vor allem Friedrich Schlegel und Schleiermacher, erklären eine Ehe ohne Liebe für Null und nichtig und für Voraussetzung jeder echten Ehe ewige Liebe. Ein ganz anderes Ehe-Ideal wird hier gepredigt und gewinnt einen tiefen Einfluß auf die Geister, der auch heute noch seine Kraft bewährt.

Die Dame mit dem Otterpelz.

Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.)

So schnell geht das leider nicht, Herr Fuchs. Es sind noch ein paar notwendige Formalitäten zu erfüllen. Bis heute abend werden Sie sich wohl gedulden müssen."

Er winkte zwei Polizisten herein und ließ die beiden Häftlinge ge­trennt abführen. Grau mußte unter Bedeckung im Vorzimmer warten. Inzwischen hatten Kling und Stoffen eine ziemlich erregte Auseinander­setzung. Der Berliner Kommissar ging mit heftigen Schritten auf und ab, während er loslegte:

Hören Sie. mein lieber Kling, Sie haben uns da mit Ihrer Verges­senheit eine nette Suppe eingebrockt! Mir war ja die Geschichte von An­fang an verdächtig! Ich hätte Ihnen gleich sagen können, was bei dieser Konfrontation herauskommen würde. Diesem Grau sieht man ja auf hundert Schritt an, daß er verrückt ist. Der Kerl gehört meiner Ansicht nach ins Irrenhaus!"

Kommissar Kling zwang sich zu einer ruhigen Entgegnung:Ihrer Ansicht nach vielleicht, Herr Kollege! Aber nicht nach Ansicht der hierfür maßgebenden Kompetenzen! Grau steht seit acht Tagen unter ärztlicher Beobachtung. Und der Befund hat bis jetzt keinerlei Anlaß zu einer Ver­bringung in eine Anstalt ergeben. Das muß Ihnen genügen."

Dann bin ich allerdings gespannt, wie diese Komödie weitergehen soll." Elasten trommelte nervös gegen die Fensterscheibe.Nachdem Grau selbst erklärt hat, daß er mit diesem Fuchs nichts zu schaffen gehabt hat, müssen wir den Mann natürlich noch heute auf freien Fuß setzen. Und bann ..."

Kling hatte sich inzwischen zu einem Entschluß durchgerungen. Er zog feine Brieftasche und legte zwei zusammengefaltete Papiere auf den Schreibtisch.

Trotz alledem habe ich in dieser Sache noch ein dringendes An­liegen an Sie, Elasten! Ich möchte nämlich, solange Fuchs noch in Hast fitzt, einen Lokaltermin in feiner Wohnung im Beisein Graus vornehmen!"

Kommissar Elasten verzog die Stirn.