Ausgabe 
23.6.1933
 
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fröhliche Barock- und Rokokobauten, schöne, alte Kirchen, Reizend wie eine Rokoko-Komode steht die Ludwigsrirche aus ihrem von Platanen umgebenen Ludwigsplatz, die Kavalierhäuser zur Seite. In den Berg­gärten verstecken sich noch Lustpavillons im Barockstil. Stilvoll und groß­artig angelegt ist der alte Saarbrücker «chloßplaß mit seinen Barock­bauten aus fürstlicher Zeit. Hier und auf dem Ludwigsplatz weht noch die alte Residenzlust. t ,

Das Schloß selbst, einstdas schönste Deutschlands genannt, haben französische Banden niedergebrannt, die in Revolutionstagen über die nahe Grenze fluteten. Nur einzelne Flügel sind stehen geblieben. Der chöne Schloßgarten, von dessen Terrassen aus man einst weit über Stadt und Wälder schaute, ist heute zwischen den Schloßflügelbewohnern aus- Geteilt

Aus seinem Park ragt das Schloß H a l b e r g, das einstige Wohn­haus des Freiherrn von Stumm, des sogenannten Eisenkonigs, des Krupp von der Saar", der die gewaltigen Eisenwerke Neunkirchen schus, um das herum sich Neunkirchen,das größte Dorf Deutschlands", jetzt eine Stadt von dreißig- bis vierzigtausend Einwohnern, ausbaute. Die Spicherer Schlachtselder vor der Stadt haben auch eine Geschichte. Einst spielte sich der Höhepunkt des Krieges 1870 darauf ab, später ein Exerzierplatz für die Saarbrücker Garnison. Dann standen Wellblech­baracken hier, in denen die Franzosen ihre schwarzen Soldaten unter« brachten Viele von ihnen haben den harten deutschen Winter nicht über­standen und starben im Spital an Grippe und Lungenentzündungen. Aus demHeldensriedhos" an der sranzösischen Grenze bei Forbach liegen sie unter den mit dem Halbmond geschmückten Jaumonsteinchen mit ihren sremden Namen. Sie haben ihre Heimat nie wiedergefehen ...

Da steht derLulustein", von dem aus der einzige Sohn Napoleons als junger Soldat die Stadt beschaute.Belle ville ä brüler", (Schöne Stadt zum Niederbrennen!") fand der französische General. Ringsum Soldatendenkmäler, Erinnerungen an den Krieg 1870, der sich vor Saar­brückens Haustüren abgespielt hat ...

Schon den Römern hat es an der Saar gefallen. Man grabt überall noch Schmuck römischer Frauen, ihre Schüsseln und Geräte, Vasen und Mauerreste römischer Wohnungen aus. Viele Volksstämme sind durch das Saarland gezogen. Mönchsorden hatten sich hier angesiedelt, die Deutsch- herrenritter haben hier gelebt und Kapellen errichtet, es existiert noch heute die Deutschherrenkapelle bei Saarbrücken.

Alte Kirchen zeugen von alter Kultur und altem Stil. In Tholey tue Benediktinerkapelle", in derStiftskirche" zu St. Arnual, vor den Toren der Stadt Saarbrücken, schlafen die steinernen Gräfinnen, die Gemahlinnen der einstigen Fürsten des Saargebiets, auf deren Schleppen ihre Schoß­hunde liegen. In St. Wendel, die alteWandalinuskirche", die Saar­brücker Schlohkirche. Die Ludwigskirche, heiter, graziös und strahlend hell in ihrem Innern. Am meisten Spuren hat die barocke Kunst im Saarge­biet hinterlassen ... Im Saarmuseum in S t. I o h a n n am Markt kann man die Saarlandesgeschichte an Möbeln, Stichen und Landestrachten verfolgen. _ , ..,

Saarbrücken war bis 1791 Residenz der Fürsten von Saarbrücken. Fürst Ludwig suhr in vergoldeten Karossen sechsspännig durchs Land, Läufer voraus, mit buntbestickten Samtjacken, hinten standen zwei riesige Heiducken in massiven Dilberpanzern und hohen Bärenmützen. In weißen Atlaskissen hinter den gläsernen Fenstern bauschten sich bunte Brokat- krinolinen, nickten weißgepuderte, mit Federn geschmückte Köpfe. Cs folgte der Hofstaat, grünlivrierte Jäger, schmuck und funkelnd, die scharlachroten Uniformen dör Kaufmannsgarde auf ihren Rappen, die blauen Dragoner auf Schimmern, Mohren thronten auf den hohen Kutschböcken, kleine Ne­ger in seuerrpten, silberfunkelnden Livreen liefen neben den Galawagen her. In dem prächtigsten Wagen saß der Fürst mit seinem schmalen, weiß­gepuderten Kppf, daneben die Fürstin, in Pelzen und Spitzen, von Ge­schmeide funkelnd. Seit der Geburt des Erbprinzen war sie leidend und hatte sich auf den Halberg in ihren schöngepflegten englischen Garten zurückgezogen van der Welt.

Hochgebaut stand die fürstliche Residenz, dasschönste Schloß Deutsch­lands" in dem Bergqarten an der Saar. In derOrangerie" wandelte die Fürstin mitten im Winter zwischen rieselnden Quellen, duftenden Blumen, flatternden Vögeln umher, während darußen der Schnee an den gläsernen Wänden herabrieselte, oder der Regen den kahlen Garten peitschte. Im Sommer leuchtete das bengalische Feuerwerk der Gartenfeste, das Schloß war illuminiert bis in die Ochsenaugen der Mansarden. Im Winter zu den Maskenbällen kam der Hof in offenen, pelzausgeschlagenen Schlitten angefahren, im Schneetreiben, lange Reihen von Pechfackeln tragende Lakaien flankierten die Schlohauffahrt, in dem kleinen Rokokotheater am Ludwigsplatz wurde Komödie gespielt, in der Iffland auftrat, oder der Fürst selbst.

Zu seinen Hofjagden kamen die Fürsten aus allen Gegenden herbei, aus Paris der Adel, der später der Guillotine zum Opfer fiel, lothringische Prinzen, seine Regimentskameraden aus Paris. In den Saarwäldern wurden Hirsche und Wildschweine gejagt, im Winter auch Wölfe, die aus den nahen Vogesen und Ardennen kamen. Nach Fasanenjagden und Fal­kenbeizen tafelte man in den Iagschlössern, zum Beispiel in Neunkirchen, von dessen Schloß nur noch Mauerreste übrig sind. Goethe hat es auch besucht und den brennenden Berg bei Dudweiler, heute ein Bergmanns­dorf, in abgeholzten Wäldern. Hier stand ein zweites Jagdschloß. Dort wurde gejagt und in den nahen Weilern gefischt, große Fischessen wurden hier abgehalten, in ländlicher Art wurden die Fischgerichte in einfachen Kasserollen aufgetragen, in Steingutschüsseln aus eigener Fabrik in Ott­weiler. In Ottweiler wurde das seinste Porzellan gebrannt, die Tasse kostet heute tausend Mark.

Im Sommer bezog man das kleine Schlößchen im Ludwigspark vor der Stadt. Man wohnte in Pavillons aus weißem Lack, in künstlichen Meiler­hütten oder Holzstößen, mit kokett ausgestatteten Schlafzimmern.

Die Revolution schwemmte über die Grenzen und vertrieb die Fürsten aus Saarbrücken, der Fürst mußte fliehen, und der Erbprinz mußte, vom Halberg aus, zähneknirschend sein Stammschloß niederbrennen sehen, an- gezllndet von betrunkenen französischen Revolutionären. Rot leuchteten die Flammen am Nachthimmel, und auf der Saarbrücke unten drängten sich

die Bürger und sahen jammernd zu, wie das schönste Schloß des Landes niederbrannte. Der Fürst starb auf einer Reise in der Fremde, sein Sohn sah die Heimat nie wieder, er verunglückte im Württemberger Wald auf einem Vollblutpferd und starb mit neunundzwanzig Jahren. Er hat den Thron seines Vaters nicht bestiegen.

Grün ist überall das Land, grün die Ufer der Saar, rote, steile Felsen recken sich an den Seiten. In sonnenbeschienenen Weinbergen reifen die feinen Saartrauben, in Saarburg, dem alten Städtchen, trinkt man die feinsten Proben von alten und neuen Saarweinen.

In einem Tag kommt man von der Saar aus nach Lothringen, nach der Pfalz, nach dem alten historischen Trier, an die Mosel, nach der Nahe, Bad Kreuznach, alles sind Tagesausflüge, zum Beispiel das alte Nancy, die entzückende ehemalige Residenz lothringer Herzoge, der Pfälzer Wald mit dem wunderbarenKarlsthal", einer fantastischen Oase, wildromantisch, wie ein Urwald, durchrauscht von Wasserfällen, über­schattet von alten Bäumen, die sich bis Kai s e r s 1 a u t e r n ziehen. UeberaU gute Gasthäuser, sauber, modern und eine ausgezeichnete Küche. Wir sind im Land des Weins, des feinsten Spalierobstes, das in einer fast südlichen Sonne reift ... Sie fanftgeroeUte Hügellandschaft erinnert an Bilder eines Thoma, die mächtigen Laubwälder, blumenbesprenkelte Wiesen und da­zwischen die Schlängelwege der Saar.

Hoch oben zwischen Berggärten und Wäldern wohnt dieSchwarze Madonna" in einerKreuzkapelle" des StädtchensB l i e s c a ft e l, ein ländliches Idyll aus Rokokotagen. Die Franziskanerpater des Klosters find heut ihre einzige Gesellschaft.

DieSchwarze Madonna" ist dasälteste Gnadenbild Deutschlands", zu dem heute Kranke und Unglückliche hinauspilgern. Ein unbekannter Eremit hat sie 1243 hergebracht. Das geschnitzteVesperbild" stand in der Aushöhlung einer alten Eiche. In dieser primitiven Wohnung hat sie lange gewohnt. Der Eremit behütete sie. Der Platz war eine Opferstätte aus vor- römifdjer Zeit. Keltische Priester trieben hier in mystischem Dunkel der Wälder den Kult der Druiden. Der Boden hat viel Menschenblut getrun­ken, heidnische Sitten herrschten. Ein römischer Tempel, ein römisches Kastell standen hier oben.

Die Madonna hat viel erlebt und durchgemacht. Der Dreißigjährige Krieg flutete an ihr vorbei, derschwarze Tod" richtete ringsum in den Dörfern Verheerungen an, die Dörfer starben aus, das Bild ward einsam. Französische Soldaten, Irländer und Schotten zogen an ihr vorbei, die Kirchen ringsum wurden eingeäschert, das Schloß des Fürsten fiel den Flammen zum Opfer. Die Madonna wurde ihrer goldenen Krone beraubt und mit Pfeilen durchschossen. Das Bild, heißts in der Sage,begann zu bluten, so daß die Räuber entsetzt die Flucht ergriffen. Wer diese Blut­spuren berührte, wurde gesund ..." An Meistbietende versteigert, kam sie wieder zur Kirche zurück, aber sie mußte flüchten. In dem stillen Kloster Gräfinthal in der Nähe fand sie ein Asyl.

Die Gräfin von Bliescastel holte sie zurück. Bliescastels Berg ward Wallfahrtsort. Der Polenkönig Stanislaus, ein besonderer Verehrer derschwarzen Madonna", besuchte sie von Zweibrücken aus, seine Gattin, Katharina O p a l i n s k a , fertigte ihr kostbare Kleider an, und Maria L e s z i n s k a , seine Tochter, die Gemahlin Ludwigs XV., schickte die schönsten Stickereien für ihren Altar.

Aber die Revolution brandete von Frankreich über die Grenze, die Franziskaner des Klosters verließen das Land. Als wieder Friede ein­trat, kehrten die Franziskaner Mönche in ihr Kloster zurück, aber das Bild war verschwunden. Es blieb unsichtbar. Abex die Stätte bliebmira- kulös". Dieschwarze Madonna"heilte alles",erlöste Gefangene aus ihren Ketten", berichtet die Chronik,ließ Kinder, die ins Waffer gefallen waren, wieder zum Leben erwachen". Fußeisen lösten sich in der Nacht, Ketten fielen ab, Stumme konnten wieder Worte stammeln, Kinder, die eine Spenget verschluckt hatten", wurden gerettet usw.

Und eines Tages wurde sie wieder entdeckt und im Triumph auf den Berg getragen, auf ihren Altar. Ihre Beschützerin, die Bliescastler Gräfin, ruht längst in ihrem langen, faltenreichen Gewand in ihrer Gruft, den Kopf auf steinernen Kissen, die Füße auf ihr Schoßhündchen und ihren Affen gestützt. Und die Franziskaner leben wieder hier oben, umblüht von Gemüse- und Obstgärten, und verkaufen die gelben geweihten Wachs­kerzen nach wie vor.

Abendglocken läuten den Sonntag ein, in der Barockkirche nebenan singt leise eine Orgel. Die Sonne verglüht über dem alten Bliescastel, das friedlich im grünen Wiefental liegt ...

Die Nachtigatt.

Von Theodor Storm.

Das macht, es hat die Nachtigall

Die ganze Nacht gesungen;

Da sind von ihrem süßen Schall, Da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen.

Sie war doch sonst ein wildes Blut; Nun geht sie tief in Sinnen, Trägt in der Hand den Sommerhut Und duldet still der Sonne Glut Und weiß nicht, was beginnen.

Das macht, es hat die Nachtigall

Die ganze Nacht gesungen;

Da sind von ihrem süßen Schall, Da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen.