Ausgabe 
23.1.1933
 
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Nachdruck verboten.

Copyright by Albert Langen, München. (Fortjegung.)

Das Mangobaumwunder.

Roman von Leo P e ru tz und Paul F ra nk.

Anders steht er aus als die trostlosen Friedböse der Deutschen mit ihren schwarzen Holzkreuzen.Wie gut ruhen die Ainerikaner hier in dem doux pays de France lese ich auf der Marmortasel über den schrecklich geraden Reihen von Kreuzen. Ernst ist es hier oben, einsame Höhen mit rostroten Alleen, weit und breit kein Ort, kein Vieh mehr, kein Haus und kein Mensch. Ueberall tauchen Unterstände aus, gebaut für die Flüchten­den, verlassen und vergrast, Löcher in den Böschungen, die Kriegsnarben. Granattrichter in toten Feldern, die nicht bestellt sind, ausGranaten­angst". Ein Geistlicher, der mit seinen Schülern einen Ausslug machte und sich in einem solchen Granattrichter niederlieh, wurde kürzlich mit allen Jungen in die Luft gesprengt...

Die Moselbrücke. Ein Dom aus gelbem Jaumontstein, er sieht aus wie beschneit, es ist der Stein dieser Erde. Geschäfte und Bars,Casse la Croute,Cuisine bourgeoise", schmutzige, enge Gassen, eine Markthalle, groteske Wasserspeier recken sich über uns. Himmelblaue Briefkästen hän­gen an den Ecken, Spuren aus deutscher Zeit. Hühner und Misthaufen, Gärten und Wiesen, ein agrarisches Land. Die Schlachtfelder bei Saar­burg dehnen sich, wo die erste Schlacht im letzten Krieg stattfand, bei Mörchingen exerzieren Marokkaner, ihre roten Feze leuchten durch den grauen Nebel, wie Blumenreihen in Herbstgärten. Eine triste, stille Gar­nison, öde Gassen. Weiher glänzen im Wald, nasse Felder, goldene Wolken über grünem Acker, Soldaten und Soldaten marschieren vor uns her. Sie frieren und husten in ihren Khakimänteln...

Die Felder sind für den Winter bestellt, Dickwurzeln liegen überall in hohen Haufen, rosa, grau, Kartoffelfeuer brennen, blutiges Abendrot hinter dunklen, ernsten Wäldern. Nebel steigen von der Mosel auf. Wir fahren über dieTotenbrücke", die Napoleon in abergläubischer Furcht nie betrat, derRattenturmplatz" gähnt mich an, Kasernen grau und ver- ödet, leuchtend steht die Kathedrale mit ihrem grünen Dach. Feierlich dröhnen die alten Glocken über die weiten, ernsten Lande den sonntäg­lichen Abendgruß. Die Gassen dunkel, ernst und leer, graue Häuser, ge- schlossene Geschäfte. Sonntagabendstimmung. Auf der Esplanade ein paar Soldaten, ein paar Kinder das ist alles. Aus seinem Sockel steht immer noch der alte Marschall Ney in pathetisch-eleganter Gebärde mit seinem Bajonett...

Fadendünn fiel der Regen nieder, als Dr. Kircheisen vor der Villa au, dem Auto stieg. Man spürte ihn kaum, merkte ihn erst, wenn man die kleinen Lachen auf dem Pflaster betrachtete, bin infolge der Regentropfen in fortwährender Bewegung waren. Dr. Kircheisen hüllte sich fester in einen Gummimantel und öffnete die Gartentür mit einem vagen und dennoch beklemmenden Vorgefühl irgendeiner neuen, beunruhigenden Ueberraschung, die ihn in diesem Hause erwartete.

Diese Empfindung verlor sich sogleich, als er in die Halle trat. Die erste Person, der er begegnete, war die junge Dame, die er bis zu seinem Gespräch mit der Schauspielerin für die Baronesse Bogh gehalten batte. Sie stand mit einer Springschnur in der Mitte der Halle und schien höchst sachlich und mit einem gewissen Ehrgeiz eine Serie gleichmäßiger Spring­übungen zu absolvieren. Das Erscheinen des Arztes war ihr durchaus kein genügender Anlaß, diese Hebungen einzustellen. In einer Ecke des Raumes machte sich ein Stubenmädchen mit einem Staubbesen zu schaf- fen. Der Baron schien neues Dienstpersonal aufgenommen zu haben.

Sie üben da einen gesunden und nützlichen Sport aus, Baronessei begann der Arzt die Konversation. _

Hundertdreiundvierzig, vierundvierzig, sunfundvierzig. Das war alles, was das junge Mädchen erwiderte.

Es erhält den Körper elastisch und geschmeidig , fuhr Dr. Kircheifey ""^Achtundvierzig, neunundvierzig, hundertfünfzig!" Sie warf die Springschnur hin und wandte sich nach dem Arzt um.Es ist sehr schwer, bis hundertundfünfzig zu kommen, ohne zu.stolpern."

Ich hatte schon heute morgen Gelegenheit, Ihre Leistungen auf Dem Gebiete des Tumsports zu bewundern", sagte der Arzt bestrebt, bte glück­lich begonnene Konversation zu erhalten.

So? Wo denn?" Sie gähnte ein wenig und gab sich überhaupt nur geringe Mühe, zu verbergen, wie sehr sie das Gespräch langweilte.

Dr Kircheisen wurde befangen ... Ja, wenn man das wußte, wie mau eine junge Barne der Gesellschaft unterhält...Sie sind so fabelhaft ge- fdürft aus dem Fenster geklettert, Baronesse!" sagte er endlich und hatte sogleich das Gefühl, taktlos gewesen zu fein. Begeht eine Dame fchon solche Jungenstreiche, so darf man doch nicht darüber reden... Jetzt hab ich fie wahrscheinlich in große Verlegenheit gebracht - - - _

.Haben Sie mich gesehn?" fragte das junge Mädchen.Ich hab Sie auch gesehn." Sie sprach ganz unbefangen und zeigte keinerlei Verlegen- heit Das war wieder die Sicherheit der großen Dame! ... stellte der 21 rzt ~ °1 ®e11"9 j^ma im Wagen geseffen", setzte die Baroness» ""^Mst^wem habe ich im Wagen gesessen?" fragte Dr. Kircheisen.

Mit der Mama! Mit der Melitta."

O weh! dachte der Arzt... Auch sie spielt Komödiel Sie gibt sich also wirklich für die Baronesse aus. So einfach ift fie, fo naturltd), aber lügen kann sie doch. Lügen hat fie dennoch gelernt Wie schade! ...

Ist denn Fräulein Ziegler Ihre Mutter? forschte er.

Also das ift fo, erklärte fie.Sie heiratet ja in ein paar Wochen meinen Papa, und da kann ich sie doch schon heute Mama nennen

Auch sie will mich täuschen. Auch sie will mich in dieses Netz von Lügen verstricken. Sie ist mit im Komplott! ... Alles das ist Koinodien. spiel- ihre Natürlichkeit, ihre Einfachheit! Und ich hab das nicht gleich durchschaut! ... sagte sich Dr. Kircheisen vorwurfsvoll.

gestellt, in das Italien der Metternich-Zeit, in dem ober Stendhal, ent­sprechend feiner Quelle, sein ideales Italien, die gewaltige Epoche der Renaissance und der Borgia, malt. Die Erfindung des Dichters ist müh­sam ; auch in feinen Novellen schöpft er am liebsten aus jenen Chroniken der Renaissance, die er so eifrig sammelte. Stets schildert er nur einige Typen, die alle mehr oder weniger nach der chamöleonhasten Unergründ- lichkeit seines eignen Naturells geformt sind und die ihm als ideal vor- fchwedenden Eigenschaften aufweifen. Seine Frauen sind entweder naive Seelen voll zärtlicher Hingebung ober stolze Herrscherinnen, denen die Männer zu Füßen liegen; seine Helden Menschen mit kraftvollem Willen und sicherem Instinkt, die aber zugleich eine schwärmerische Schüchtern­heit haben. Und diese Kunst des Selbstporträts, die sich in dem unvoll­endeten RomanLucien L e u w e n" zu einem großartigen Gemälde der Epoche des Bürgerkönigs ausweitet, erhält ihren ganz persönlichen Zauber bürd) einen Stil, der höchste Klarheit mit epigrammatischer Kürze vereint. Stendhal, der in seiner Selbstzergliederung die Reihe der großen Psychologen von Montaigne und Larochefoucauld über Vau- venargues und E h a m f o r t vollendet, wird dadurch zu einem Klassiker französischer Prosa.

3m Lothringer Kriegs-ebiet.

Von Liesbeth DiIl.

Ein dunstiger, winterlicher Sonntagmorgen. Ich fahre durch bekannte, enge Gassen, Bürgersteige kaum einen halben Meter breit, die Häuser grau, ohne Blumen, die Fenster vergittert. Die ernsten Höhen von Gra- velotte schauen herab auf das Dorf. Klöster in dunstigen Gärten, schwerer Lehmboden starrt, frischgeackert, rote Erde, schimmernd feucht, fruchtbarer Weizenboden, kreidige Felsen, Römerbrücken ragen weit ins Tal, die alten Wasseranlagen ihrer Städte, der neue Mosel-Kanal, von Deutsch­land erbaut, glänzt neben der Fahrstraße...

Ars und Sey gleiten vorbei, aus Kathedralen und Dorfkirchen bringt schwacher Gesang und Orgesspiel. Es tropft leise, alte Weiblein unter Regenschirmen gehen die Treppen hinauf, Kinder und Frauen, die Män­ner bleiben zu Hause, sie lesen die Zeitung und hüten das Haus. Der silberne Lauf' der gewundenen Mosel blinkt zwischen Pappelalleen im Nebel des Moseltals, grüne Wiesen und neuaufgebaute, ehemals zer­störte Bahnhöfe, Brücken über der Mosel, abgeerntete Weinberge, rot­schimmernd. Man läßt die Trauben hängen, bis sie trocken und süß sind wie Rosinen. Das toteNevöant", ein gestorbener Grenzort, ehemals so wichtig heute bedeutungslos. Leere Gassen. Die Fahrstraßen sind glatt, wie gebügelt, ideale Autostraßen. Gelbe Pappelreihen am Fluß, Alleen, die sich in die Weite verlieren... .

Jetzt sind wir über der ehemaligen Grenze imalten Frankreich . Weiträumig dehnt sich das Moseltal. Um den Wind abzuhalten, stehen immer wieder dieselben Pappeln reihenweife in dem Wiesental, wie gelbe Kämme im Winterwind. Ein altes Städtchen, ein mittelalterlicher Markt­platz um eine gotische Kirche. Nonnen und Waisenkinder, offene Geschäfte am' Sonntag. In der Iefuitenkirche tragen die Priester weiße Spitzen­mäntel. Die Geistlichen sind hier arm, sie haben nur freie Wohnung, aber kein Gehalt und keine Pension im Alter, sie leben vom Verkauf ihres Weins und des Obstes, wie in Frankreich.

Pompes funebres mit buntglafierten Porzellankränzen, em Backer fährt fein Weißbrot in langen Stangen im Regen vor uns her. Rot und gelb leuchtet die Landschaft durch den leise sinkenden Winternebel...

Es war ein gutes Weinjahr, aber es gab nicht viel Wein. Ausgestor- ben sind die kleinen Dörfer und Städte, so still am Sonntag, man sitzt hinter geschlossenen Fenstern, man sieht kaum ein Licht, kein Mensch, kein Tier zeigt sich beim Durchfahren eines Dorfes, die Häuser scheinen unbewohnt, wie vergessen. Der Sonntag auf dem Land bedeutet Lang- schlafen, die Kirche, die Pantoffeln am Herd, mit der Zeitung, und dann wieder früh schlafen gehen ... Pont ä Mousson ... Mars la Tour ... Wer jetzt noch baut, fall fünfzehn Jahre Gebäudesteuerfreiheit genießen, es wird viel gebaut, aber alles in dem veralteten Stil von 1870 oder in dem häßlichen, unpraktischen Neubaustil... v

Kalte Cafes, ungeheizt, die Böden mit Steinfliefen belegt, mit Sand bestreut, rote Ledersofas und hohe Wandspiegel, Kellner in langen, weihen Schürzen gießen heißen Saffee in Biergläser ein, der sehr schwarz und sehr schlecht ist. Große Zuckerstücke... EineTaufe" geht unter Regen­schirmen durchs Dorf. Es gibt noch weniger Kinder heute, als vor dem Krieg. Jede Mutter, die nachweislich ihr Kind stillt, erhält eine monatliche sRente ..

Kühe grafen unterhalb des Priesterwaldes, der wieder grünt und ganz zugewachfen ift, als fei nichts darin geschehen... Flache Dächer der Stall dicht neben der Haustür, der Lothringer wohnt mit seinem Vieh unter einem Dach. Vor den Fenstern der dampfende Misthaufen. Ein altes, stilles Schloß lugt herüber, es hat im Krieg 70 eine Rolle gespielt nichts mehr davon. Seine grünen Läden sind geschlossen, nebelumzogen träumt es von alten Zeiten. Ueberall nod; die breiten Schornsteine der sind wir imBriebecken", um das zuletzt der Kampf ging. Hier laufen die Eisenadern aus. Eine Hochebene, Raben flattern darüber, un­endlich weit sieht der Blick. Gorze, das alte, stille Städtchen, der einstige Sommersitz der Bischöfe, romanische Kirchen. Hier floß die,,Typhusquelle von Gorze, die das Land einst verseuchte. Eine blonde Frau im langen Trauerschleier auf dem Rad fährt eine Zeitlang nebenher, dann bleibt fie zurück. Links blaut der Riefenbuckel von St. Quentin. Dornot, das Weindvrf, wo der mouffierenbe Wein, derDornot pctillant gemacht mir®ir fahren an der neuen Bahnstrecke MetzParis entlang, die eine kürzere Reiferoute bedeutet. In vier Stunden ist man von hier in Paris. Vor einem neuen Kriegsdenkmal stehen zwei buntbemalte, deutsch« Kano­nen verrostet im Regen, wie vergessen. Alte und neue Schlachtfelder dehnen sich auf der Höhe. Der amerikanische Friedhof, die Sehenswurdig- feit der Gegend, groß, gepflegt, grüner englischer Rasen, weiße Marmor­kreuze. Zehntausend Amerikaner liegen hier. Em schwarzes Tor mit Gold- spitzen schließt ihn feierlich ab. Ein reicher, elegant gehaltener Kirchhof.