Ausgabe 
23.1.1933
 
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Dann wurde es Frühling. Die schöne Zeit wollte wieder kommen. Die warmen Maiabende im Garten unter blühenden Apfelbäumen, wo sie Tine Heizung, keine Miete mehr zahlen brauchten. 6° aber ruckten d^e beiben Schlierieer aus. Sie wollten sich selbständig machen,äHo's, tomm mit", sagten sie zum Komiker,was hast du hier "a^ ^ar nichts! Aber wenn du mitaehst, sind wir ein Trio. Du bekommst dein Benesiz, wie immer ganz für dich und ein Drittel von allem andern!" Mo.s nahm eine Bühnenlatte und hätte ihnen den Schädel ungeschlagen wenn sie nicht verduftet wären. Er spie hinter ihnen her, doch was nutzte das. Er baute die Bühne wieder ab, setzte sich auf den Kulisfenpacken und kratzte sich den Kops. Dann verschwand auch der Landstreicher, ihr wilder Ritter von Thüringen. Er war aus den Geschmack gekommen und ging, unter Mitnahme des Kostüms, zur Konkurrenz, die in der Rahe spielte. Rosa von Tannenburg hatte vor Monaten 'n Sachs^i einen Metzger- burschen kennengelernt. Run setzte sie sich auf die Bahn, daß er sie heiraten soll &cr braune Komödiantenwagen lange nicht gesteckt. Und er kam nicht mehr heraus. Die beiden Gäule holte der schmder zu einem Schundpreis. Alois spielte abends im Wirtshaus auf der Klamps machte Späße und sang sein ganzes Repertoire herunter. Aber schließlich war auch damit nichts mehr zu verdienen. Sie liehen sich em Pf^d und fuhren zum nächsten Dors. Sie versuchten, wenigstens d.e zwei Schwanke noch zu spielen. Mutter Pacher legte sich Rouge auf d,e Backen. Das Mädchen von nun zehn Jahren sollte den fehlenden zweiten Mann spielen. Alois zog ihm drei Jacken an, zog ihm die Ritterhose unter die Manns­hose, aber als das Kindergesicht auch mit dem schönsten Vollbart n.ch größer wurde, das piepsige Sümmchen ins Husten kam, weil es jo ttet sprechen sollte, gab er es aus. Mutter Pacyer weinte Als sie des Nachts unreife Kartoffeln auf den Feldern ausgrub und die Gemüsegarten plün­derte, wurde sie vom Landjäger erwischt. Am Morgen umarmte sie ihre Kinder noch einmal, drückte Alois, dem die Tranen durch die tiefen Furchen rannen, die Hand und sagte:Alois, du bist letzt bin: einzige, Alois, versprich mir..."Ist schon gut Mutter Pacher st- schon gut! nickte er und umklammerte ihre Hand mit seinen schlanken Musiker fingern. Dann ging der Landjäger mit Mutter Pacher davon. Die Dorf­ungens lärmten um den Wagen, die Scheiben waren eingeworfen wohin man trat, knackten die Glassplitter, der Geraniumsstock lag zerbrochen vor dem Herd, die trockene Erde war aus das Geschirr gestreut, in dem sich die Reste von Mutter Pachers gestohlenen Kartoffeln befanden Alois hatte die beiden Kinder fest an sich gedrückt, saß mit ihnen aus Dem hintersten Bett und wartete geduldig, bis der Lärm vorüber wäre. Als der Landjäger mit der Frau nach Ulm kam, und als sie über die große, eiserne Brücke gingen, sprang Mutter Pacher in bie braune Donau. Wieder gab es Geschrei und Geruse und Hin und Her aufgeregter Men­schen, wie so ost in den letzten Monaten, wenn der wilde Ritter von Thüringen den Leuten nicht mehr gefiel. Dann war alles still, und Mutter Pacher brauchte nicht mehr zurückzukommen und mit dem Teller das Be- "^^Alois^verkaufte den Wagen, ging in die Stadt und legte das Geld für die beiden Kinder bei der Sparkasse an. Viel war es nicht, denn für Komödiantenwagen wird heutzutage wenig bezahlt. Seme Baßlaute nahm er um die Achsel, über dem Rucksack hingen ein paar Wolldecken, die Kinder nahm er bei der Hand, so zog er in d°n Juni und m das gute Wetter hinein. Die Kinder machten kleine akrobatische Kunststucke, Brücke und Handstand, dazu die koketten Bewegungen der Artisten, sie waren schlau und zäh. Mit rührenden Stimmen piepsten sie den Satz, den sie unzähligemale gehört und gesprochen hatten:Bitte die geehrten Herr­schasten um ein kleines Benesiz oder Trinkgeld . Alois 30g mit tfjnen in die Dörfer, wo sie den alten Pacher als wilden Ritter und ihn als ur­komischen Jakob noch von der Glanzzeit her in Erinnerung hatten. Irgendwo erstand er einen Assen; irgendwo erstand er einen grünen Papagei. Run waren sie zu fünfen, beinahe eine ganze Truppe wieder,

Dem Papagei brachten sie den Satz bei:0 du lieber Augustin, Augustin, Augustin ...", und zum Schluß ihrer Galavorstellung sangen die Pacherkinder, der Komiker Alois und em Teil des Publikums den Resrain:Alles ist hin!" , ..

Der Affe schwenkte eine kleine Fahne, und die Leute lachten.

Stendhal.

3um 150. Geburtstage des französischen Schriftstellers Henri Veyle.

Bon Dr. Paul Landau.

To the happy few, denwenigen Glücklichen", hat Henri Beyle seine Schriften gewidmet, denen, die nicht der Mode des Tages nach- jagcn, sondern selbständige Wege gehen, und er war fest davon über­zeugt, daß man ihn erst nach einem halben Jahrhundert beachten, so um 1880 lesen, um 1900 seine Bücher neu auslegen werde. Seine Vor­aussage hat sich erfüllt, und heute gehört der merkwürdige Mann, einer der kompliziertesten Charaktere aller Zeiten, der seinen richtigen Namen am häufigsten unter dem deutschen Pseudonym Friedrich von Stend­hal (nach Stendal, dem Geburtsort Winckelmanns), verbarg, zu den großen Gestalten der Weltliteratur, besitzt besonders in seinem Vater­land Frankreich und in Deutschland eine fanatische ^Gemeinde, die ihn nicht nur als großen Schriftsteller, sondern als den Schöpfer einer vor­bildlichen Weltanschauung, desBeylisme verehrt.

Als Marie-Henri Beyle, der am 23. Januar 1783 in Grenoble gebo­ren war, am 23. Marz 1842 in Paris starb, war sein Schaffen nur einem ganz kleinen Kreise wenigstens ungefähr bekannt, das Publikum wußte nicht das Geringste von ihm. Goethe freilich hatte mit feinem alles erspähenden Scharfblick dem seltsamen Phänomen schon seine Aufmerk­samkeit zugewandt. Beyles 1817 erschienenen Betrachtungen über Rom, Neapel und Florenz, die ein so merkwürdiges Gegenstück zu Goethes Italienischen Reise" bildeten, empfahl er Zelter als ein Buch, das man besitzen müsse. Seinefreie und freche Art zieht an und stößt ab, interessiert und ärgert, und so kann man ihn nicht loswerben". Im Jahr

vor seinem Tode nannte Der Weimarer Weise den RomanRouge et Noir, den ihm seine Schwiegertochter vorgelesen hatte, Stendhals bestes Werk. Für die Allgemeinheit aber wurde er erst durch Taine,1864 entdeckt, der in ihmden größten Psychologen unsres Jahrhunderts" be. wunderte. Etwa gleichzeitig wies Jakob Burckhardt in seinerKultur der Renaissance" auf dietiefe psychologische Beobachtung des^ geist­reichen Stendhal, des scharfen Darstellers der Zustände der Renaissance- Zeit" hin So wuchs die Wirkung des genialen Anregers, und geradezu eine Stendhal-Mode entfesselte N i e tz s ch e, der die Bekanntschaft mit ihm alseinen der schönsten Zufälle meines Lebens" pries und ihndas letzte große Ereignis des französischen Geistes" nannte:Jetzt komman­diert er, ein Befehlshaber der Auserwähltesten. Es hat zweier Menschen­alter bedurft, um ihm nahe zu kommen. Wer aber mit seinen und ver­wegenen Sinnen begabt ist, neugierig bis zum Zynismus, Logiker aus Ekel, Rätselrater und Freund der Sphinx gleich jedem echten Europäer, der wird ihm nachgehen müssen." Nietzsche hat von dem leidenschastttchen Anbeter der übermenschlichen Energie, von dem , schonungslosen Zer­faserer des Menschenherzens" viel gelernt. Die Uebersetzungen seiner Werke ins Deutsche und in andere Sprachen mehrten sich; besitzen wir doch vier Ausgaben seiner Schriften, die uns eine genügende Ueberstcht über (ein Schaffen gewähren. Das bedeutendste Denkmal, das 'hm gefetzt wird, ist die monumentale Ausgabe seines Gesamt-Werkes durch den französischen Verleger Champion, die erst den tiefsten Einblick in die labyrinthische Vielseitigkeit dieser einzigartigen Natur ermöglicht.

Ein geistreicher Franzose hat bie Schar der Verehrer Ases Schrift stellers in zwei Klassen geschieben: in Stenbhalianer unb Beylisten. Die einen, die sich an den Schöpfer einiger unvergänglicher Gestalten der Weltliteratur halten, genießen sein Erzählertalent, seine unvergleichliche Kunst ber seelischen Analyse, seinen knappen sunkensprühenben Stil. Die andern aber, die sich besonders unter seinen Landsleuten finden, eribählen ihn zu ihrem Lebens-Führer, sind die Gläubigen desBeylismus", jener Weltanschauung, bie bieser eigenartige und eigenwillige Geist in allen seinen Aeußerungen ausgeprägt. DieserEgotismus" stellt das Ich in den Mittelpunkt aller Lebensvorgänge und fordert bie rücksichtslose Durch­setzung ber inbimbueUen Kraft, bie Achtung vor sich selbst und bem Gesetz ber eignen Persönlichkeit, bie Treue zu sich, bie bas vorbestimmte Schick­sal mit heroischem Mute erfüllt. Es sind durchaus Helbenverehrung und Herren-Moral, erwachsen aus dem Kult Napoleons, bie unter bem Spiel ironischer Reflexe bas geistige Antlitz des großen Jch-Suchtigen beherrschen. . .

Man hat Beyle einen Romantiker genannt, aber wenn er auch in den literarischen Kampf mit einer Schrift gegen Racine und für Shakespeare eingriff, so ist er doch viel eher ein Klassiker, freilich in einem unfranzösischen Sinne, ber höchste Ausdruck des von Napoleon geschaffenen Empire. In Napoleon verehrte er bie größte Offenbarung menschlicher Energie feit Caesar, den Sohn ber Revolution, besten Tragik in bem Verrat ber Freiheits-Ideen bestand, den Nachkommen der Condot­tieri und Uedermeuschen der Renaissance eine Auffassung, die Taine ebenso wie die desAncien Regime übernommen hat. Beyle hat unter bem Kaiser gebient unb feine Laufbahn vorn italienischen Feldzug bis zum Rückzug aus Rußland aus ber Nähe verfolgt. Es war das stärkste Erlebnis, bem bann bie Vertiefung in bie Natur Italiens unb bie Be- [djäftigung mit ber Kunst zur Seite trat. Wie er in bem Korsen bie granbiofefte Offenbarung menschlicher Energie sah, so erschien ihm Ita­lien als bas ßanb, in bem allein noch bie ungebrochene, triebhafte, in Verbrechen wie in Helbentaten unb Liebesrausch sich enttabenbe Natur lebte. Daher ist Sienbhal, obwohl feine Bilbung bem französischen 18. Jahr- hunbert entstammt, ber schärfste Kritiker seiner Heimat, bereu Kultur er als unnatürliche Dekabenz ablehnt. Als Haupttriebfeder bes Franzosen erscheint ihm bie Eitelkeit, seine Liebe ist nur Galanterie, währenb ber Italiener noch bie starke große Leibenschast kennt. Für Deutschland hatte Stendhal, obwohl er als Intendanz-Beamter ber französischen Armeen hier längere Zeit verbrachte, nur wenig Verstänbnis.

Dem ausgebienten Dragoneroffizier unb Veteranen brückte seine stärkste ästhetische Leibenschast, bie Liebe zur Musik, bie Feber in bie Hanb. Er begann mit Schriften über Haydn, Mozart, Rossini, worin er sich unbekümmert mit fremden Federn schmückte, aber auch schon tiefe eigne Anschauungen, so über die Melancholie der Mozartschen Mu­sik, äußerte. In feinerGeschichte der Malerei in Italien offenbart er feine Bewunderung der Machtmenschen unb Tyrannen ber italienischen Renaissance unb spricht Gebauten aus, bie in der Austastung Burckharbts unb Nietzsches wieberkehren, baß nur bie stete Un­sicherheit bie stolzen Eigenschaften aus bem Menschen hervorlockt, daß mangefährlich leben" müsse, um schön unb stark zu leben, baß ber große Verbrecher oft ber große Mensch sei. In seinem BuchU e b e r b 1 e Lieb e", in bem sich ber geniale Ergrünber ber Triebe unb Seelen- Konflikte' in vollem Lichte zeigt, hat er bie Macht bes Eros als bas Schicksal bargestellt, bas ben echten Menschen bis in seine Grunbsesten erschüttert. Er selbst war ein solcher ewig Verliebter, viel weniger Don Juan so gern er ben Lebemann spielt als Werther, ber im ero­tischen Erlebnis bieKristallisation", bie Befruchtung ber Phantasie und bie Verklärung ber (Beliebten, sucht.

Für ben ungeheuren aufgespeicherten Erlebnis- unb Beobachtungsstoff finbet ber reife Mann schließlich eine Entlastung im Roman. Nachdem er in dem ersten VersuchA r m a n c e" ein überaus schwieriges psycholo­gisches Thema, die Impotenz des Mannes, mehr andeutend behandelt, ! schafft er inR 0 t und Schwär z", ben Farbensymbolen für Krieg unb Kirche, fein erstes Meisterwerk, bas in ber heroisch gesteigerten Zer­gliederung eines tatsächlichen Kriminalsalles ein Zeitbild ber nachnapoleo­nischen Epoche unb ben Charakter einer Artplebejischen Napoleons" gestaltet. Trotz aller stofflichen Schauer-Romantik flößt der Verfasser seinem Helden unb den beiden Frauen, die sein Schicksal werden, so viel von seinem Herzblut ein, daß sie ein Geben erhalten, wie es nur ganz feiten Figuren der Phantasie eigen ist.

Und bas Gleiche gilt von feinem andern dichterischen Hauptwerk, ber Kartause von Parm a"; auch hier Menschen von unvergeßlicher Größe und Kraft der Empfindungen in ein ziemlich unwirkliches Milieu