Ausgabe 
23.1.1933
 
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SiehenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang (955

Montag, den 23. Januar

Nummer l

An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang.

Von Eduard M ö r t k e.

0 flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe! Welch neue Welt bewegest du in mir? Was ist's, daß ich aus einmal nun in dir Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun. Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffenr Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn. Dem Eindruck neuer Wunderkräfte offen, Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Bei Hellen Augen glaub ich doch zu schwanken; Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche. Seh ich hinab in lichte Feenreiche?

Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken Zur Pforte meines Herzens hergeladen, Die glänzend sich in diesem Busen baden, Goldsarb'gen Fischlein gleich im Gartenteiche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge, Wie um die Krippe jener Wundernacht, Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge; Wer hat das friedenselige Gedränge In meine traurigen Wände hergebracht?

Und welch Gefühl entzückter Stärke, Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt! Vom ersten Mark des heut'gen Tags getränkt, Fühl ich mir Mut zu jedem frommen Werke. Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht. Der Genius jauchzt in mir! Doch sage. Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?

Jst's ein verloren Glück, was mich erweicht? Ist es ein werdendes, was ich Im Herzen trage? Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stllleltehn: Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!

Dort, sieh, am Horizont lüpft sich der Vorhang schon! Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn;

Die Purpurlippe, die geschlossen lag, Haucht, halb geöffnet, süße Atemzüge: Auf einmal blitzt das Äug, und, wie ein Gott, der Tag Beginnt im Sprung die königlichen Flüge!

Oer wilde Witter von Thüringen.

Eine Komödiantengeschichte von Johan Luzia n.

Ein Komödiantenwagen zieht durchs Land. Braungestrichen, mit roten Fensterrahmen, gemalten Blumenranken drumherum, mit einem Gera- niurntopf hinter den weihen Scheibengardinen. Drinnen Betten, Koch­herd, Tisch und Gerät. Oben drauf Kulissen, Latten, Vorhänge. Davor zwei magere Gäule, einen braunen und einen schwarzen mit weißer Bleß, mit durchgebogenen Rücken und steifen Knochen, aber sonst: die Gäule und der Wagen und die Truppe von Vater Pacher noch gut beieinander.

Fünsunddrelßlg Jahre zieht er mit diesem Wagen von Dorf zu Dorf. Seit dem Kriege kommt er nicht mehr in die Städte, aber das Land ist ihm treu geblieben. Im Wirtsgarten, auf dem Sportplatz, vor einer Schutthalde, vor dem Spritzenhaus, irgendwo im Grünen schlügt er im Sommer die kleine Bühne auf. In Wirtshaussälen, in Kegelbahnen spielt er im Winter. Es wird geraucht, es wird getrunken, es wird geklatscht und es wird gelacht. Und vor allem, es wird gesammelt von Mutter Pacher mit dem scheuen, aber dennoch würdigen Gesicht und den raschen sicheren Händen. Das Benefiz sammeln die Jüngsten, ein Mädchen von neun und ein Junge von sechs Jahren. Wer möchte Kindern nicht ein Benefiz geben?

Sie spielenHunrich, Gaugraf, der wilde Ritter von Thüringen, oder Streit und Versöhnung zweier feindlicher Brüder, ein Original-Ritter- Schauspiel in drei Akten. Dazu ein sehr komisches Nachspiel. In den Zwischenakten Origlnal-Schlierseer-Schrammelorchester. Entree 50 Pfg." So steht es an jeder Telegraphenstange, rings um das Dorf angeschlagen auf roten knalligen Zetteln. Datum und Ort mit Blaustift ausgesüllt.

Der alte Pacher spielt den wilden Ritter von Thüringen, der seinen Vater in den Turm werfen, feinem Bruder Heinrich und dessen Braut Rosa von Tannenburgdas Haupt vor die Füße legen ließ, um allein auf der Burg zu hausen und schrecklich wild zu sein in Mienen und Ge­

bärden. Sein Sohn spielt den alten grauen Gefolgsmann Rubald mit dem Rauschebart, der den wilden Ritter vor Vater- und Brudermord heimlich behütete, sie im Eichen- und Bärengrund verborgen hält und einstmals Wachsköhse statt Menschenköpfe vorgewiesen hatte: Pacher» Tochter spielt die Rosa von Tannenburg, eckig, stockig, mit strohgelbem Haar und tonloser Sprache, ober sie steht doch da und ist Rosa von Tan- nenburg, hat Überhaupt nur ein paar Sätze zu sagen und alles geht gut. Heinrich, den Bruder des wilden Ritters, spielt ein Vagabund, den sie unterwegs irgendwo auflasen. Die Hauptperson aber Ist der Komiker Alois, der den urkomischen Diener Jakob spielt. Alois ist vielseitig, wenn er auch auf der Bühne immer die gleichen Mätzchen macht, darüber di« Leute allerdings immer wieder lachen, er verrenkt fein Gesicht: sie lachen, er grinst: sie lachen, er stolpert: sie lachen, er erscheint: sie lachen. Alois kann nicht nur das, er baut auch die Bühne auf und ab, er hält den Wagen im Stand, er spielt die Klampfe und macht aus den zwei Original-Schlierfeern ein Trio. Wenn der wilde Ritter plötzlich besänftigt ist, nachdem er kurz zuvor noch sämtlichen vier Personen, die außer ihm im Stück Vorkommen,den Kopf vor die Füße legen" wollte, wenn der alte Pacher also ausgerufen hat:Und jetzt gehe Ich auf die Berge und stürze mich herab, damit mein ruchloses Fleisch an den Felsen hängen bleibt", dann findet die große Versöhnung statt. Der wilde Ritter drückt alle an sein Herz und schlägt ihnen mit den großen Händen liebevoll auf das Hinterteil. Danach spielen die Original-Schllerseer als stimmungs­vollen Schluß, Alois mit der Klampfe, noch als Jakob kostümiert, natür­lich dabei:Großmütterchens Ländler", ein zartes inniges Stück, bei dem vorher die verehrten Anwesenden um Ruhe gebeten wurden, weil es aus Gründen der Kunst" sehr leise gespielt werden muß. Dann bittet der Komikerum ein kleines Benefiz ober Trinkgeld", und die Kinder gehen mit dem Teller herum- Schließlich folgt dassehr komische Nachspiel" entwederEin altes Weib zahm machen" oberJakob muß heiraten und will nicht". Es ist Stimmungssache, was gerade gespielt wird.

So ging es gut, so ging es in warmen Sommermonaten sogar sehr gut. Früher war alles besser, aber in diesen schlechten Zelten muß man zufrieden fein, sagte Vater Pacher. Alle hatten zu essen, Bier, Most ober Wein, je nach ber Gegenb, gab es genug, jeder hatte fein Nachtlager, im Wagen, unter dem Wagen, im Heu, je nachdem. Die Pferde waren noch rüstig, Vater Pacher war noch rüstig, Mutter Pacher lächelte zu­weilen, und ber Geraniumtops hatte rote Blüten.

Da starb eines Augusttags ber alte Pacher am Schlag. Sie begruben ihn auf bem Friedhof in einem kleinen thüringischen Dorf in ber Gegend von Sonneberg. Die Stromer und Komödianten, die Schlierfeer und die Frau mit den Kindern standen um das Grab, warfen Blumen, dicke Arme voll Dahlien und Ästern, auf den Sarg und hörten die Schollen kollern. Tränen liefen ihnen die Wangen herunter, sie schämten sich nicht, denn sie hatten Furcht und Sorge. Sie kauften einen schlichten Grab­stein, und Alvis ließ hlneinmelßeln:Hier ruhet in Gott Samuel Pacher, Theaterdirektor aus Schw. Gmünd, ber in beutschen Lanben fünfund- breißlg Jahre lang herumzog als Hunrich, ber wllbe Ritter von Thü­ringen. R. I. P."

Als Sarg und Grab bezahlt waren, zogen sie weiter. Ihre Ersparnisse waren aufgebraucht: aber der junge Pacher hatte den wilden Ritter Über­nommen, so wie ihn sein Vater einst von seinem Großvater vererbt bekam, und einer ber Schlierfeer spielte nun ben Rubalb ba standen neue Einnahmen bevor und alles hatte wieder seine Zukunft. In den Zwischenakten spielten die Schlierfeer Zither, eben allein einen Walzer ober ein CharakterstückDie Mühle im Walbe" oberGlocken vom Kloster".

Es ging, es geht alles, was gehen muß. Der Herbst war gut, das Geld saß noch locker nach guten Ernten, das Obst war geraten, der Wein war im Ueberfluß vorhanden, und in Bayern braut man zu jeder Zeit ein gutes Bier. Im Winter aber, als sie durch Schwaben zogen, als es die Geislinger Steige abwärts ging, stürzte der junge Pacher vom Wagen, fiel zwischen die Pferde und ein Rad des Wagens ging übe» feinen Leib. Ein paar Tage lebte er noch, dann gruben sie ihm das Grab. Zum Grabstein langte es nicht. Sie hatten auch feine Aftern und Dahlien in ben Hänben, ber Schnee fiel auf ben Sarg, sie hatten kalte Füße unb leere Mägen. Aber Heinrich, ber Lanbstreicher, traute sich ben roilben Ritter zu, und ber letzte ber Schlierfeer vertauschte bie kurze Wichs mit bem Ritterkostüm. Es ging, es geht, wenn es muß, benn bie Groschen saßen fester, bie Säle kosteten Heizung unb Steuer, bie Wirte wollten Miete, ba war Not am Mann.

Zum erstenmal geschah es, baß die Leute im Saal pfiffen, trampelten und ihr Geld zurückhaben wollten. Nur Alois rettete die Kaffe, weil er verkündete, daß sogleich zwei sehr komische Nachspiele statt des einen folgen würden. Die Kinder trauten sich nicht, das Benefiz einfammeüt zu gehen. Aber Mutter Pacher mit ihren flinken, sicheren, wenn auch etwas scheuen Händen, ging mit bem Teller herum. Sie hatte graue Haare bekommen In diesem Winter, unb in ihren Augen war das Elend zu lesen.