Sie hatten verstanden, Juppt und Gret. Fenster zu. Der Abschiedsschmerz senkte sich tief in die Herzen. Zerrissen war der holde Waldschleier, den die Spielzeug-Gret gewebt und ausgebreitet hatte, verklungen die unkenhafte Wassersttmme der Hochmoore und die lange Rede der Bäume landein, landaus.
„Mußt halt in Gottesnamen dein Bündel packen, Juppi — wie die Gret", sagte sie. „Es ist nicht schwer, dein Geschlepp."
Sie hob aus der Truhe seine Wäsche, Joppe und Hose.
„Der Herr Vormund frißt dich nicht", ermunterte sie. „Ich hab ein Wörtchen für dich eingelegt. Er hört auf mich, weil ihm meine Hemden so gut passen, Halsweite zweiundvierzig ... Ein neues Hemd pack ich dir zu deinem Kram, schau, damit du an die Sptelzeug-Gret denkst." Sie nestelte das Hemd aus einem Paket. Dann wickelte sie die Kleiber in einen Wachstuchrest,' einem Felleisen, das von Ort zu Ort wandert, sah das Bündel gleich.
Am Sonntag nach dem Amt, die Uhr schlug elf, schob er es unter den Arm, und die Gret sagte: „Also geh, Kindl" Einen Keil Brot steckte sie ihm in die Tasche. In der andern Rocktasche hatte er den Finken und die Mundharmonika.
Juppi senkte das Gesicht. Kein Wort konnte er hervorbringen. Die Hand der Spielzeug-Gret spürte er — und er spürte ihren Druck noch, als er schon den Dorsweg htnauflief zum Vormund.
Der Vormund saß beim Mittagessen mit den Seinen und war guter Laune.
„Na also: da bist ja, Hofschafferl!" rief er und hielt ein Stück Schweinernes auf die Gabel gespießt.
„Da bin ich", bestätigte Juppi und machte Anstalten, sein Bündel abzulegen, weil es in der Stube seines Vormunds so einladend aussah.
„Nix da, Hofschafferl!" sagte er lachend. „Hier kannst nicht bleiben. Wir sind genug Leut. Gehst gleich zum Einsamer auf die Steinöl, der nimmt dich."
Die fünf Gesichter am Tisch schauten auf Juppi, er schaute auf die fünf vollen Teller.
„Links um!" kommandierte der Vormund. „Gehst schön, gelt?"
Er ging. Der Geruch des Essens schwebte ihm nach. Munter nahm er den steinigen Bergweg. Der Wind umhalste ihn, es war sonnig, aber kühl. In der Tiefe blauten Täler und Waldkissen. Fern buckelten Bergknappen, die Berge der Spielzeug-Gret, und helle Landstraßen flimmerten. Ob sie wohl nach Klingenbrunn und Ringolay führten? So, schauend und sinnend, kam er höher. Jetzt schlug es in Mauth, wohin er wochentags zur Schule und Sonntags zur Kirche ging, zwölf Uhr. Die Glocken läuteten. Osternhaft klang das. Gern wäre er stehengeblieben, um dem Schall zu lauschen, aber das Verlangen nach dem Mittagessen spornte ihn. Der Wald auf der Höhe schickte ihm seine Vorposten entgegen: eine starke Buche, eine einfache Eiche, eine strenge Fichte. Aber Juppi erreichte, nicht den Wald, er erreichte das Anwesen des Stetnödbauern. Der angekettete Hund suhr ihn rasend an. Doch mutig trat Juppi in den Hausflur, die Magd trug gerade die leeren Schüsseln aus der Stube. Drinnen erhoben sich der Steinödbauer und die Bäuerin. Juppi sah mit einem Blick: das Essen war vorbei.
„Grüß Gott!" sagte er. „Der Herr Vormund schickt mich ..." Der Bauer und die Bäuerin wechselten einen Blick. Am Tisch hockte ein sommersprossiger Junge mit Bürstenhaar und glotzte neugierig-verschmitzt auf Juppi. Ein Knecht schlenkerte krunim vorbei, gesenkten Gesichts, den Ankömmling bös anspähend.
„Hast lang gebraucht, bis du den Einsamer gefunden hast", knurrte der Bauer. „Warst derweil in der Sommerfrische, he?"
Juppi verstand den Spott nicht.
„Bei der Spielzeug-Gret war ich", sagte er arglos.
Der Junge lachte schrill. Die Bäuerin blickte hart.
„Ha?" schrie ihn der Bauer an. „Jetzt ist's aus mit der Spielerei."
Mit einer Kopfbewegung gab er dem Knecht ein Zeichen. Der faßte Juppi beim Handgelenk und zog ihn wortlos mit sich hinaus, am Hund vorbei, der knurrend ihn umschlich. Sie gingen in den Stall.
„Da!" bedeutete der Knecht, als sie in der Ecke hinter einem niedrigen Bretterverschlag angelangt waren.
„Was?" fragte Juppi. Die Kühe verdrehten ihre runden Tieraugen nach ihm.
„Da schläfst halt nachts ..." erklärte der Knecht.
Juppi sah bloß Stroh auf dem Stallboöen ausgebreitet und einen Melkschemel dastehn.
„Brauchst vielleicht 'n Fremdenzimmer, Armenhäusler?" schnaubte der Knecht, und die Kühe brüllten.
Juppt erstarrte. Als er aufblickte, nmr er mit den Küken allein. Die Stallnft beizte stickig und beklemmend. Er ließ sich, bitter einsam, enttäuscht und hungrig auf den Schemel niederfallen. Sein Bündel glitt ins Stroh. Die Tiere muhten dumpf-schläfrig.
Am Fenster erschien das Gesicht deS sommersprossigen Jungen. Er drückte seine Nase an der Scheibe platt. Wie ein bissiger Metzgerhund sah er aus.
Auf der Höhe.
Das Steinödbaus klebte am Hang wie ein Vogelnest. Die Krähen, von Wald zu Wald reisend, umschwirrten es: wenn man von unten heraufschaute, entflügelten sie den Fenstern wie Seufzer, Flüche oder Kummerseelen.
Hart war öa« Leben auf der Höhe. Zu früherer Stunde als die Leute an den Beratenden und in den Tälern mußten die Einödmenschen ibreu Arbeitstag beginnen und den steinigen Sturzäckern daS tägliche Brot abringen.
Als erster in der Däinmerung polterte der Hofknecht aus der Stube. Mit einer Verwünschung pflegte er jeden neuen Tag einzuleiten. Die Kühe rasselten ungeduldig mit ihren Halsketten und brüllten. Sie hatten Hunger und wollten die Milch los sein. Gleich einem Igel raschelte Juppt, bestachelt von Spreu und Rispen, aus dem Stroh seines Lagers, zupfte sich die Halme ab und torkelte schlaftrunken, mit gedunsenen, vom Boden des Stalls geröteten Lidern und strohtrockener Kehle an die Brunnenröhre. Das eisige Bergwasser ermunterte ihn. Grau wucherte der Wald, und von den Halden schlug der Ostwind mit Peitschenhieben.
„Hühl" schnauzte Flunk, der Knecht. Er knuffte Juppi, dem das Wasser über die Ohren rauschte. Beinah wäre der kopfüber in den Trog gestürzt.
„Reiß die Augen auf, wenn der Knecht daherkommt!" blökte Flunk. „Beeil dich!"
Er mochte Juppt nicht. Für ihn war er ein überflüssiger Esser am Tisch. Je weniger Mäuler, desto besser bas Essen, war Flunks Leibspruch.
Der Ostwind schärfte die Luftklingen, er wetzte um die Scheuer. Juppts Gesicht brannte, seine Arme schlotterten in der Morgenkälte.
„Dich frterts gar?" raunzte Flunk. „Kriechst in die Etnöd, frierst und schlägst dir den Bauch voll. Feines Schleckert. Marsch, Futter geschnitten! Los!"
Flink schoß Juppt in die Scheuer, katzenhaft die Leiter hinauf. Mit Flunk war nicht zu spaßen. Er stolperte nach, doch Juppt war schon oben aus dem Heuboden bet der Futterschneibmaschtne, rtß Stroh- und Heubündel in den Auflegekasten. Dann stemmte Juppi, mit zusammengekniffenen Lippen und leerem Magen, seine Armenhäuslerbrust gegen die Kurbel und warf das Rad herum. Krach, bissen die Mester ins Stroh.
„Schneller! Derweil verreckt ja bas Vieh."
Juppt ritz die Kurbel an seinem Gesicht vorbei, mit aller Macht vorbei, vorbei, vorbei. Er würgte sich gehetzt ab. Die Augen des Knechts, schwarz wie Bohrlöcher unter der ntebern Stirn, verfolgten grimmig Juppis Drehbewegung. Zähen Widerstand leistete die Strohlage, die Maschine schnatterte. Die Kurbel geschwenkt! Zehnmal sauste bas Rad rundum, zwanzigmal, vierzig- mal. Geknatter und Staub. Durch die Dachluken grinste der un- lusttge Morgen.
Juppt arbeitete sich in Schweiß. Seine Schläfen klopften.
„Tüchtig! Hörst nicht, wie die Küh brüllen?"
Lärmen, Schreien, Brüllen überall. Die Hände brannten am Holzgrtff, heftig schmerzten die Armmuskeln. Juppt dachte einen flüchtigen Seelenaugenblick an die Sptelzeug-Gret, wie sie am zeitigen Morgen durch die Wälder marschierte. Doch da raste der Kurbelgriff an seinem Auge vorbei. Verblaßt bas Bild. Die Schneiden krachten.
Endlich ist das Futter geschnitten. Kraftlos taumelt Juppt gegen einen Strohhaufen. Eine Sekunde nur eine kleine, gute Sekunde muß er verschnaufen. Der ungeduldige Knecht bellt aber schon aus der Stallschwärze herauf.
„Futter runter!"
Schnell wirft Juppi das Häcksel durch das Bodenloch, lotrecht in die Futterkiste. Dann die Leiter hinab. Er muß bei der Fütterung helfen, sanfte Augen blicken ihn an, er füttert gern die Kühe. Den halben Stall hat er hernach auszumisten, mit der langen Gabel kämpft er sich ab. Kinderspiel, aber nicht für ein Kind. Er keucht. Doch will er sich eifrig zeigen, er fürchtet sich, niemand steht ihm bet. Einzig sein guter Wille steht ihm bei.
Juppt schafft frische Einstreu in den Stall. Mit knabenschrillen anfeuernden Rufen und Fauststößen zwingt er die unverständigen Tiere, ihm Platz zu machen, damit er Stroh und Laub unter ihren Hufen ausbreiten kann. Inzwischen beginnt die Magd mit dem Melken. In die Eimer zischt der Milchstrahl. Ein Schwcifwedel schlägt Juppi mitten ins Gesicht, die Augen tränen bitter. Ain liebsten hätte er jetzt ein wenig losgekeult. Aber da muß er nun die Milch durch die Zentrifuaenmaschinc leiern: aus dem linken RöKrchen brünnelt der süße Rahm, ans dem rechten die Maaer- milch. Der mißtrauische Blick der Bäuerin gibt acht, daß er den Finger nicht in den Rahm tunkt.
Juppi hatte noch keinen Bisten gegessen. In zehn Minuten hcißt's losrennen, zur Sehnte. Eine gute Dreiviertelstunde braucht er zum Bergweg. Schließlich kann er ein Töpfchen Milch in sich hineinschütten und Kasiig Brot essen. Rastlos springt er auf. Noch kauend, jagt er schon fort.
So beatnnt fein Tag.
Nm elf ist die Sehnte aus, er eilt zum Mittagessen. Lois, der sommersprossige Einödbub aebt mit ihm. Morgens bricht er etwas früher zur Schule auf als Juppi, er muß nicht einstreiii, und Milch leiern. Ans dem Nachhauseweg ist Jnvvi ein störrisches Pferd. Der Einöbbnb läßt ihn galoppieren. Mit einem Stecken peitscht er ihm die Flanken: HüH, hott! Nnd da er älter nnb kräftiger ist als das Pferd aus dem Armenhaus, nützt kein Trab. Juvvi wird gepriir-ekt.
Kartoffel und Rüben dampfen auf dem Tisch. Juppi Kat den letzten Platz. Neben ihm hockt der Knecht: der läßt wenig Essen an seinem Maul vorüber. Jupvi kommt immer zu kurz. Mit den Auqen darf er sich feinen Anteil holen. Blickt er mit fdienern Blick auf dem Tisch umher, tritt ihn Lois ge->en das Schienbein.
Nach dem Ellen aeht's wieder zur schule beraob. Nm vier Nhr wird der Heimweg angetreten. Viermal täglich mißt er den Weg.
(Fortsetzung folgt.)
Beran'wortlich: l)r. HansThhriot. — Druck undBerlog:Brühl'scheUniveriitäts. Buch- undSleindruckere i, B. Lange, Gießen.


