gegen laufen. Schöns Alwert weiß von einem Knecht, den hat Rotvoß an einen Baum gebunden und so lange mit der gestohlenen Fichte geschlagen, bis keine Nadeln mehr dran saßen. Und Frieda weiß bestimmt, daß er zwei Mädchen einen ganzen Tag lang im Holzschauer eingesperrt hat, erst als Heiliger Abend vorbei war, ließ er sie wieder laufen.
Sicher ist, sie gehen zu einem großen Abenteuer, und daß der , Nebel so dick ist, daß man keine drei Meter weit sehen kann, macht alles noch viel geheimnisvoller. Zuerst ist es ja einfach: die Raine auf der Baumgartener Feldmark kennen sie, das ist Rothspracks i Winterweizen, und dies ist die Lehmkuhle, aus der Müller Timm sommers sein Vieh tränkt. !
Aber sie laufen weiter, immer weiter, sieben Kilometer sind es gut bis an die See, und nun fragt es sich, ob sie sich auch nicht verlaufen im Nebel. Da ist nun dieser Leuchtturm von | Arcona, er heult mit seiner Sirene, daß es ein Grausen ist, aber i es ist so seltsam, genau kriegt man nicht weg, von wo er heult. Manchmal bleiben sie stehen und lauschen, sie beraten lange, und wie sie weitergehen, fassen sie sich an den Händen, die Frieda in der Mitte. Das Land ist so seltsam still, wenn sie dicht an einer Weide vorbeikommen, verliert sie sich nach oben ganz in Rauch, es tropft sachte von ihren Aesten, tausend Tropfen sitzen überall, nein, die See kann man noch nicht hören. Vielleicht ist sie ganz glatt, man weiß es nicht, heute ist Windstille.
Plötzlich bellt ein Hund in der Nähe, sie stehen still, und als sie zehn Schritte weiter gehen, stoßen sie an eine Scheunenwand. Wo sie sind, machen sie aus, als sie um die Ecke spähen, das ist Nagels Hof, sie erkennen ihn an den bunten Glaskugeln im Garten. Sie sind zu weit rechts, sie laufen direkt auf den Leuchtturin zu, und ’ dahin dürfen sie nicht, da ist kein Wald, da iss nur die steile kahle 1 Kreideküste. Sie stehen noch eine Weile vor dem Hause, auf dem , Hof klappert einer mit Eimern, und ein Knecht pfeift im Stall, ! es ist so heimlich. Kein Mensch kann sie sehen, das große Haus vor ' ihnen ist ja nur wie ein Schattenriß.
Sie laufen weiter, immer nach links, denn nun müssen sie auch 1 vermeiden zum alten Schulhaus zu kommen, das wäre schlimm, i Das alte Schulhaus ist gar kein Schulhaus mehr, was soll hier in , der Gegend ein Schulhaus, wo keine Menschen leben, nur die paar verstreuten Höfe ... Das alte Schulhaus sind nur die runter- ; gebrannten Grundmauern, längst verwachsen, verfallen, aber im Sommer wächst hier herrlicher Flieder. Nur daß ihn keiner pflückt. : Denn dies ist ein böser Platz, der letzte Schullehrer hat das Haus , angebrannt und sich aufgehängt. Friedrich Gierke will es nicht wahr haben, sein Vater hat gesagt das ist Quatsch, ein Altenteilhaus ist es mal gewesen, und es ist nicht abgebrannt, sondern hat leer gestanden, bis es verfiel.
Ja, das nächste, dem sie nun begegnen, ist gerade dies alte Haus, sie sind direkt darauf zu gelaufen, ein Wunder ist es in diesem Nebel. Die Jungens können's nicht lassen, drinnen ein bißchen zu stöbern, und Frieda steht abseits auf dem Feldrain und lockt mit ihrer hellen Stimme. Ganz nah, wie schräg über ihnen, heult der Turm, es ist schlimm anzuhören. Er setzt so langsam ein und schwillt und schwillt, und man denkt, der Ton kann gar nicht mehr voller werden, und er nimmt immer mehr zu, bis das Herz sich ängstet und der Atem nicht mehr will. „Man darf nicht so hinhören."
Jetzt sind es höchstens nur noch zwanzig Minuten bis zum i Wald. Alwert weiß sogar, was sie hier finden: erst einen Streifen hoher Kiefern, dann Fichten, große und kleine, eine ganze Wildnis, grad, was sie brauchen, und dann kommen die Dünen und dann die See. Ja, nun beraten sie, während sie über einen Sturzacker wandern: erst der Baum oder erst die See? Klüger ist es, erst an die See, denn wenn sie mit dem Baum länger herum- laufen, kann sie Rotvoß doch erwischen, trotz des Nebels. Sind sie ohne Baum, kann er ihnen nichts sagen, obwohl er yi fragen fertigbringt, was Friedrich in seinem Ranzen hat. Also erst See, bann Baum.
Plötzlich sind sie im Wald. Erst dachten sie, es sei ein Gras- ffrcifen hinter dem Sturzacker, und dann waren sie schon zwischen den Bäumen und die standen enger und eng. Richtung? Ja, nun hört man doch das Meer, es donnert nicht gerade, aber gestern ich Wind gewefen, es wird eine starke Dünung sein, auf die sie zulaufen.
Und nun seht, das ist nun doch der richtige Baum, den sie brauchen, eine Fichte, eben gewachsen, unten breit, ein Ast wie der andere, jedes Ende gesund — und oben so schlank, eine Spitze, ganz hell, in diesem Jahre getrieben. Kein Gedanke, diesen Baum stehen zu laffen, so einen finden sie nie wieder. Ach, sie sägen ibn ab, sie bekommen ein schönes Lütten Weihnachten, das herrlichste im Dors, und Posten stellen sie auch nicht aus, warum soll Rotvoß gerade hierher kommen, der Waldstreifen ist zwanzig Kilometer lang. Sie binden die Aeste schön an den Stamm, und dann effen sie ihr Brot, und dann laden sie sich den Baum auf und laufen weiter an das Meer.
Ans Meer muß man noch, wenn man ein Küstenmensch ist, selbst mit solchem Baum. Anderes Meer haben sie näher am Hof, aber das sind nur Bodden und Wieks, dies hier ist richtiges Außenmecr, hier kommen die Wellen weit, weit her, von Finnland oder von Schweden oder auch von Dänemark. Richtige Wellen ... Also sie laufen aus dem Wald über die Dünen.
Und nun stehen sie still.
Nein, das ist nicht mehr die Brandung allein, das ist ein seltsamer Laut, ein wehklagendes Schreien, ein endloses Flehen, I tausendstimmig. Was ist cs? Sie stehen und lauschen. „Jung, Man- ning, Mann, das sind Gespenster!" — „Das sind die Ertrunkenen, I
die man nicht begraben hat." — „Lauft schnell nach Hau»!" Und darüber heult die Ncbelsirene.
Seht, es sind kleine Menschentiere, Baucrnkinder, voll von Spuk und Aberglauben, zu Haus wird noch besprochen, wird gehext und blau gefärbt. Aber sie sind kleine Menschen, sie laden ihren Baum auf, sie waten durch den Dünensand, bis auf die letzte Klippe, und —
Und was sie sehen, ist ein Stück Strand, ein Siück Meer. Hier über dem Wasser weht es ein wenig, der Nebel zieht in Fetzen, schließt sich, öffnet den Ausblick. Und sic sehen die Wellen, grüngrau, wie sie umstürzen, weißschäumend, draußen auf der äußersten Sandbank, näher tosend, brausend. Und sie sehen den Strand, mit Blöcken besät, und dazwischen lebt es, dazwischen schreit es, dazwischen watschelt es in Scharen ...
„Die Wildgänse", sagen die Kinder. „Die Wtldgänse!"
Sie haben davon gehört, sie haben cs noch nie gesehen, bas sind die Gänsescharen, die zum offenen Wasser ziehen, die hier an der Küste Station machen, eine Nacht oder drei, um dann weiter zu ziehen, nach Polen oder wer weiß wohin, Vater weiß es auch nicht. Da sind sie, die großen wilden Vögel, und sie schreien, und das Meer ist da und der Wind und der Nebel, und der Leuchtturm von Arcona heult und die Kinder stehen da mit ihrem gemausten Tannenbaum und starren und lauschen und trinken es in sich ein ...
Und plötzlich sehen sie noch etwas, und magisch verführt, gehen sie dem Wunder näher. Abseits, zwischen den hohen Steinblöckcn, steht ein Baum, eine Fichte, wie die ihre, nur viel, viel höher, und sie ist besteckt mit Lichtern, und die Lichter flackern im leichten Windzug ...
„Lütten-Weihnachten", flüstern die Kinder. „Lütten-Weihnachten für die Wildgänfe!"
Immer näher kommen sie, leise gehen sie, aus den Zehen — oh, dieses Wunder! —, und um den Felsblock biegen sie. Da ist der Baum vor ihnen in all seiner Pracht, und neben ihm steht ein Mann, die Büchse über der Schulter, ein roter Vollbart ...
„Ihr Schweinekerls", sagt der Förster, als er die drei mit ihrer Fichte sieht.
Und dann schweigt er. Und auch die Kinder sagen nichts. Sie stehen und starren. Es sind kleine Vauerngesichter, sommersprossig, selbst jetzt im Winter, mit derben Nasen und einem festen Kinn, es sind Augen, die was in sich reinsehen. Immerhin, denkt der Förster, haben sie mich auch erwischt beim Lütten-Weihnachtem Und der Pastor sagt, es sind Heidentücken. Aber was soll man machen, wenn die Gänse so schreien, und der Nebel so dick ist und die Welt so eng und so weit und Weihnachten vor der Tür ... Was soll man machen —?
Man soll einen Vertrag machen auf ewiges Stillschweigen, und die Kinder wissen ja nun, daß der gefürchtete Rotvoß nicht so schlimm ist, wie die Leute sagen ...
Ja, da stehen sie nun: ein Mann, zwei Jungens, ein Mädel. Die Kerzen flackern am Baum, und ab und zu geht eine aus. Die Gänse schreien, und das Meer braust und rauscht. Die Sirene heult. Da stehen sie, es ist Lütten-Weihnachten, eine Art Versöh- nungsfcst, fogar auf die Tiere erstreckt, man kann es feiern, wo man will, am Strande auch, und die Kinder werden es nachher in Vaters Stall feiern.
Und schließlich kann man hingehen und danach handeln, die Kinder sind imstande und bringen es fertig, Tiere nicht unnötig zu auälen und ein bißchen nett zu sein. Zuzutrauen ist ihnen das.
Das Ganze aber heißt Lütten-Weihnachten und ist ein verbotenes Fest. Lehrer Beckmann wird es ihnen morgen schon zeigen!
S^ernenboum.
Roman von Friedrich Schnack
(Fortsetzung.) (Nachdruck verbotem)
Da schnupperte Juppi noch einmal so eifrig.
Bald war der Korb gepackt und der Wachstuchbalken festge- riemt. Mit kräftigen Armen hob die Gret das Gebäude und prüfte die Last. Recht so. Am Montag konnte die Fußreise angetreten werden.
Sie erzählte, wie die Wege kreuz und quer liefen, und wie die Ortschaften alle hießen. Waldhäuser nannte sich ein Ort nach seinen paar Häutern am Forst: ein anderer hieß Spiegelau, dort glänzten die Wiesen wie gewichst. In Klingenbrunn machten die Bäche eine unkcndaft tönende Mutik: in Sonnendorf sei es so hell wie in einem Festsaal, und in Ringolay schliefen die Ringelnattern mitten am Tage auf den Schwellen der Bauern, und niemand täte ihnen etwas zuleide.
Das waren Namen und Legenden! Wie groß war doch die Welt!
Nnd die Spielzeug-Gret erzählte ihm noch von den Wirtshäutern, darin sie übernachtete mit ihrem Tragkorb. und von den Forstbäusern, die mit einem Hirtchaeweih grüßen über der Haustür. Von den mächtigen Granitselsen und Steinttschen, die sie Jahr um Jahr am Weg erwarteten, wußte sie Mären: Fuhr- wcrkslcnte kannte sie, Auto- und Motorradfahrer, Land und Leute weitnm und die Keaelberae, die auf sie nicderschauten, so lang sie sich schon im Bayrischen Wald abrackerte ...
An die Fensterscheibe wurde von außen kräftig geklopft. Ginter dem Glas sträubte sich der Schnurrbart des Gemcindeboien. Gret öffnete den Flügel. Die rostiae Montagsstimme schnarrte in der Tonart eines AmtKbefeßls: „Am Sonitta-., nach dem Gottesdienst, hat der Jupvi HofschaKer zum ^irn Vormund und Gemeind e- vorstanb zu kommen. Verstanden?"


