Ausgabe 
22.12.1933
 
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Ititb dann legte Großmutter ihre Hand auf meinen Kopf und sagte:

Dies sollst du dir merken, denn es ist so wahr, wie daß ich dich sehe und du mich siehst. Nicht auf Lichter und Lampen kommt es an, und es liegt nicht an Mond und Sonne, sondern was not tut, ist, daß wir Augen haben, die Gottes Herrlichkeit sehen können."

sWir entnehmen diese, vom ewigen Weihnachtszauber erfüllte Erzählung denChristuslegenden" der berühm­ten schwedischen Dichterin; eine für Geschenkzwecke be­sonders geeignete, biegsam in Leinen gebundene, wohl­feile Neuausgabe (2,80 Marks ist im Verlag Albert Langen/Georg Müller in München erschienen.)

Das ewige Angesicht.

Von Waldemar B o n s e l s.

Da hat man mich nun gebeten, über das schönste Weihnachts­erlebnis der Kindheit eine kurze Erzählung zu schreiben und während ich mir die Erlebnisse dieser Hellen und glücklichen Stun­den der Vergangenheit durch den Sinn gehen lasse, wird mir deutlich, daß alles sich mehr und mehr zu einer lichten Atmosphäre vereinigt, in der die Einzelheiten beinahe bedeutungslos werden. Nur eines weiß ich zuversichtlich, um keinen Takt schlägt das kleine Herz, das um diese Stunden groß und weit wird, und das erfahrene Herz, das um diese Stunde jung wird, anders als die Herzen einst vor dem Stalltcht der Hirten schlugen. Das holde Wunder unseres Glaubens ist vom Wandel der Zeitgestalten nicht laut seinen alten, tiefen Ruhm gebracht worden, nicht um den Schein der Freude.

Freude du altes liebes Wort! Wer es zu sagen und zu hören versteht, dem erklingt es über das Trümmerfeld der tausendfachen Tagesbegriffc hin wie eine Glocke von unaussprechlicher Reinheit. In diesem Klang wird das mildeste Licht zum nächtigsten, der zar­teste Gedanke königlich, das verborgenste Gefühl zum Thron der Güte. Die Wundertat dieses Worts ruht in der Macht, alle Dinge und Gaben ihres errechenbaren Wertes zu entkleiden, und den Schimmer der freundlichen Gesinnung wie eine Gloriole auch um das Nichtigste zu legen, dem Vergänglichen die ersterbliche Seele einzuhauchen und sei es nur für den Augenblick, in dem dies Ver­gängliche von einer liebenden Hand in eine nehmende gvandert.

Was wußten wir von diesem Licht, als mir in ihm noch schritten; da wir sein Herz und Angesicht im Freudenrausch erlitten.

Erinnerung, mach die Seele still!

Nur einmal noch, nur heute; so klingt, was ich am liebsten will im dunklen Nachtgeläute.

Das Wort ist arm, die Zett ist laut, Es ist mir nicht gelungen ...

Und doch und doch bleibt mir vertraut, was einst so rein geklungen.

Ueber allem Unnennbaren fort bleibt mir jedoch ein kleines Erlebnis, das sich in der Heimatstadt zutrug, unvergeßlich in der Erinnerung haften, wie sich denn ost das Gewichtigste am Nich­tigsten entzündet und in ihm sortbesteht. Auf dem Weihnachts­markt meiner Kindheit, der unter den Fenstern des Elternhauses stattsand, war dicht an unserer Eingangstreppe ein Zeltdach auf- geschlagen, nicht größer als ein Familienregenschirm. Es brannte darunter in der Abenddämmerung eine wild zischende Lampe, dicht über dem Gesicht des Verkäufers, und der Tauschnee leckte durch das angewärmte Segeltuch. Der Händler pries seine Ware mit so mildherziger Ueberzeugungskraft an, daß es ihm nach meiner Meinung kein Pfarrer, kein Bühnenkünstler und kein Volksredner hätte gleich tun können. Er trug einen weißgrauen Vollbart und einen langen, blauen Mantel, und verkaufte eine graue Wurzel, von der große Mengen in einem ungeordneten Haufen vor ihm auf einem Holzbrett lagen. Diese Wurzel war ein Heilmittel gegen Melancholie und Zahnschmerzen, sie ver­bannte böse Geister und löste das Hühnerauge, sie war gut gegen Magenschmerzen und Ohrenreißen, auch half sic, zerrieben mit Wasser geschluckt, gegen den Liebeskummer, dies vor allem.

Wie ich ihm glaubte! Besonders wenn es ihm gelang, bas Läuten der Kirchenglocke zu übertönen. Der Duft aus einer Bon­bon-Gießerei nebenan stärkte meine Andacht bis zur Erhabenheit. Nach beendeter Anpreisung schlug der Alte eine Wurzel in einen Papierfetzen, hoch aus der geschwungenen Hand, als erlegte er einen Panter mit der Faust, und reichte sie ins Publikum.

Ich schrieb diese Wurzel an erster Stelle auf meinen Wunsch­zettel. All meine Hoffnung wanderte in die Wunderwelt des Heils, die sich mit solchem Äesitz eröffnen sollte. Wie ich unter dem Schau­kelpferd, im Kuchcnteller und schließlich am Cbristbaum danach gesucht habe! Ich glaube heute noch an diese Wurzel. Sie hatte einen lateinischen Namen ich finde sie bestimmt eines Tages wieder; in den großen Warenhäusern gibt es sie freilich nicht.

Hast du denn Liebeskummer?" fragte mich meine Mutter, als ich ihr erzählte, was mich so sehnsüchtig bewegte, und was die Wurzel an Wunderkräften barg. Ich sah ihr gutes Gesicht im Glanz der Kerzen, im silbergrünen, glitzernden Rahmen des BanmS. Die milde Vorsicht des Gewährens, die Sorge, meine Hoffnung zu trüben, den Willen, alles gut zu machen. Und plötz­lich traf mich tief aus diesem Angesicht der Mutter ein erster un­vergeßlicher Widerschein der ewigen Mächte, die dies Fest heiligen.

Legende vom Christkind.

Volksweise.

Als Gott der Herr geboren war,

Da war es kalt.

Was sieht Maria am Wege stehn?

Ein Feigenbaum.

Maria laß du die Feigen noch stehn, Wir haben noch dreißig Meilen zu gehn. Es wird uns spät.

Und als Maria ins Städtlein kam

Vor eine Tür,

Da sprach sie zu dem Bäuerlein:

Behalt uns hier,

Wohl um das kleine Kindelein Es möchte dich wahrlich sonst gereun. Die Nacht ist kalt.

Der Bauer sprach von Herzen ja. Geht in den Stall!

Als nun die halbe Mitternacht kam, Stand auf der Mann;

Wo seid ihr dann, ihr armen Leut?

Daß ihr noch nicht erfroren seid. Das wundert mich.

Der Bauer ging da wieder ins Haus, Wohl aus der Scheuer.

Steh auf, mein Weib, mein liebes Weib,

Und mach ein Feuer,

Und mach ein gutes Feuerlein, Daß diese armen Leutelein Erwärmen sich.

Und als Maria ins Haus hin kam, Da war sie froh.

Joseph der war ein frommer Mann, Sein Säckletn holt;

Er nimmt heraus ein Keffelein, Das Kind tät ein bißchen Schnee hinein Und das sei Mehl.

Es tat ein wenig Eis hinein.

Und das sei Zucker,

Es tat ein wenig Wasser drein,

Und das sei Milch;

Sie hingen den Kessel übern Herd, An einen Haken, ohne Beschwerd Das Müslein kocht.

Ein Löffel schnitzt der fromme Mann

Von einem Span,

Der ward von lauter Helfenbein

Und Diamant,

Maria gab dem Kind den Brei, Da sah man, baß es Jesus sei Unter seinen Augen.

Lütt n-Weihnachten.

Von Hans F a l l a d a, GDD

Tüchtig neblig heute", sagte am 23. Dezember der Bauer Gierke ziellos über den Frühstückstisch hin. Es war eigentlich eine ziemlich sinnlose Bemerkung, jeder wußte auch so, daß Nebel war, der Leuchtturm von Arcona heulte schon die ganze Nacht mit seinem Nebelhorn wie ein Gespenst, das das Aengsten kriegt. Wenn der Vater die Bemerkung trotzdem machte, so konnte sie nur eines bedeuten.Neblig?" fragte gedehnt sein dreizehnjähriger Sohn Friedrich.Verlaus dich bloß nicht auf deinem Schulweg", sagte Gierke und lachte. Und nun wußte Friedrich genug, und aus seinem Zimmer steckte er schnell die Schulbücher aus dem Ranzen in die Kommode, lief in den Stellmacherschuppen und stahl sich eine kleine Axt und eine Handsäge. Dabei überlegte er: Den Franz von Gäbels nehm ich nicht mit, der kriegt Angst vor dem Rotvoß. Aber Schöns Alwert und die Frieda Benthin. Also loS.

Wenn os für die Menschen Weihnachten gibt, so mutz es das Fest auch für die Tiere geben. Wenn für uns ein Baum brennt, warum nicht für Pferde und Kühe, die das ganze Jahr unsere Gefährten sind? In Baumgarten jedenfalls feiern die Kinder vor dem Weihnachtsfcst Lüttcn-Wcthnachtcn für die Tiere, und daß es ein verbotenes Fest ist, von dem der Lehrer Beckmann nichts wissen darf, erhöht seinen Reiz. Nun hat Beckmann nicht nur körperlich einen Buckel, er kann sehr bösartig werden, wenn seine Schüler etwas tun, was sie nicht sollen, und darum ist Vaters Wink mit dem nebligen Tag eine Sicherheit, daß bas Schulschwän­zen heute von ihm jedenfalls nicht allzu schwer genommen wird.

Schule muß aber geschwänzt werden, denn wo bekommt man einen Wcihnachtsbaum her? Den mnß man aus dem Staatsforst an der See oben stehlen, das gehört zu Ltitten-Weihnachten. Und weil man beim Stehlen erwischt werden kann und weil der Förster Rotvoß ein schlimmer Mann ist, darum muß der Tag neblig sein, sonst ist es zu gefährlich. Wie Rotvoß wirklich heißt, das wissen die Kinder nicht, aber er ist der Förster nnd hat einen fuchsroten Bollbart, darum heißt er Rotvoß. Von ihm reden sie, als sie alle drei etwas aufgeregt über die Feldraine der See ent-