Ausgabe 
23.1.1933
 
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Sie hat mich heute geschnitten, die Mama. Sie ist fortgefahren und i hat mich gar nicht angeschaut", sagte das junge Mädchen nachdenklich.

Aha die kleine Komödiantin ahnt mein Mißtrauen. Sie versucht es, mir irgendeine Erklärung dafür zu geben, daß ihre angebliche Mutter sie überhaupt nicht beachtet hat ... dachte der Arzt. .......

Ich weiß, warum sie böse auf mich ist. Sie ärgert sich über die Bürste."

Worüber?" fragte der Arzt.

Ueber die Bürste! Ick hab' ihr eine Bürste ins Bett gesteckt, als ich unlängst mit dem Papa bei ihr war."

Dr. Kircheisen horchte aus... Wie war denn das möglich, wie konnte sie von diesem kleinen Borfall wissen, der sich tatsächlich zwischen Mutter und Tochter in der Wohnung der Schauspielerin abgespielt hatte? Melitta Ziegler hatte ja selbst davon gesprochen. Ja, tat er dem Mädchen am Ende unrecht, war sie nicht vielleicht doch die Baronesse Vogh? ... Dr. Kircheisen wollte Gewißheit haben.

Wann waren Sie bei Fräulein Ziegler?" fragte er.

Warten Sie ein bißchen! Wann war denn das nur? Heut ist Freitags Mittwoch ... Dienstag ... Dienstag waren wir oben, Papa und ich!"

Dienstag, das stimmte wahrhaftig. Dr. Kircheisens Kartenhaus stürzte zusammen. Ja, um Himmels willen, dann hatte ihn ja also die Schau- jvielerin belogen. Sie hatte ihre künftige Stieftochter verleugnet! Welchen Zweck verfolgte sie damit?...

Ist das auch alles wahr, was Sie mir erzählt haben, Baronesse?

Ja, warum soll's denn nicht wahr sein? Ich hab' wirklich die Bürste ins Bett gelegt, da ist doch nichts dabei, das tue ich oft. Sie wird schon wieder gut werden." Die Baronesse nahm ihre Springschnur und ging in den Garten. Es hatte zu regnen aufgehört.

Bleiben Sie doch noch, Baronesse! Hab' ich Sie beleidigt?" rief der Arzt ihr nach. Aber sie lief schon über den Kiesweg und hörte nicht mehr auf ihn... Jetzt hab' ich sie ernstlich beleidigt ... dachte der Arzt bestürzt ... sicher war etwas in dem Ton meiner Worte, was sie als Respekt­losigkeit oder als Mangel an Ehrerbietigkeit empfunden hat. Sie ist ohne Gruß fortgegangen! Wie könnt' ich denn nur so ungeschickt sein, wie tonnt' ich denn nur so ungeschickt sein!

Doktor, daß ich Sie endlich finde! Ich habe Sie schon in Ihrer Woh­nung angerufen, ober es hieß, Sie seien auf dem Wege hierher."

Ist etwas vorgefallen, Herr Baron?" fragte Dr. Kircheisen und schritt aus den alten Herrn zu, der in ziemlicher Erregung in die Halle getreten war.

Denken Sie nur! Ulam Singh ist aufgewachtl Doktor, das ist doch ein gutes Zeichen, nicht wahr?"

Jedenfalls ..."

Er spricht, Doktor! Er hat mit mir gesprochen."

Ich werde mir den Patienten gleich ansehen."

Der Zustand des Inders hatte sich tatsächlich verändert. Noch immer lag er ausgestreckt auf dem Bett. Aber die Muskeln seines Gesichts be­fanden sich in heftiger Bewegung, die Falten strafften sich in unaufhör­lichen Krämpfen. Kleine Schweißperlen saßen aus der Stirn. Er stieß Worte und Schreie aus in einem unverständlichen Idiom, seine Stimme klang heiser, manchmal schlug der Ton in den Diskant hinauf. Sein langer, schwarzer Bart lag auf der Bettdecke.

Es war ein schauerlicher Anblick, dieser exotische Fremdling, der sich so mild um sein Leben wehrte.

Dr. Kircheisen dachte in diesem Augenblick nicht mehr an das kränkende Verhalten der Baronesse, das ihn vorher jo beunruhigt hatte. Er war in diesem Augenblick wieder ganz Arzt, nichts als Arzt und hatte keinen anderen Gedanken als die Sorge um seinen Patienten.

Verstehen Sie ihn?" fragte der Baron.

Zum Teil. Er spricht wieder in seiner Muttersprache. Maharattisch." Was will er?"

Der Baron horchte eine kurze Weile aus die Fieberschreie des Kranken.

Aha!" sagte er dann.Wieder die alte Geschichte. Er beteuert, daß er unschuldig sei. Nicht er, sondern ein gewisser Nahib Ram hätte in jener Nacht die Wache gehabt."

Was bedeutet das?" fragte der Arzt.

Hab' ich Ihnen noch nichts davon erzählt? Ulam Singh war einmal Diener des Pravatitempels in Agra. Aber er hat feine Kaste verloren, weil in jenem Tempel ein schweres Sakrileg begangen worden ist. Darum ist er auch mit mir nach Europa gekommen; in Agra war er seines Lebens nicht mehr sicher. Er hat schon lange nicht mehr davon gesprochen. Jetzt, in seinen Fieberträumen, kommt die alte Geschichte wieder zum Vorschein."

Haben Sie Efs im Hause?"

Natürlich", sagte der Baron und drückte den Kltngeltaster.

Der Arzt hatte, während der Baron dem Diener seine Weisungen gab, ein Tuch hervorgezogen und dem Kranken die Schweißtropfen von der Stirn gewischt.

In diesem Augenblick richtete sich der Inder in seinem Bette auf. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er den Baron an.

Hemp!" stieß er mit heiserer Stimme hervor.

Die Wirkung, die dieses Wort auf den Baron ausübte, war eine außerordentliche. Er sprang mit einem Ruck aus seinem Lehnstuhl aus, ergriff die Hand des Kranken und legte sein Ohr an des Inders Mund.

Ja, Ulam Singh! Sofort sollst du Hans haben, fofort!"

Was will er?" fragte der Arzt.

Hans."

Er pl>antasiert, Delirium! Achten Sie nicht darauf."

Nein!" rief der Baron in wachsender Erregung.Er weiß sehr gut, was er will. Doktor, er weiß, was er will. Er spricht ganz vernünftig/

Sehen Sie doch! Was soll das wieder bedeuten?"

Der Inder hatte mit einer plötzlichen Bewegung dem Arzte das Tuch aus der Hand gerissen, mit dem ihm dieser den Schweiß von der Stirn« gewischt hatte. Mit Entsetzen sah der Arzt, wie der Kranke feine Beute

neuerliche Antitoxin-Injektion, da» Uebrigens: Der Kranke ist erstaun­

unsicher geworden.

(Fortsetzung felflt)

Ich hätte ihn das Tuch verschlingen lassen sollen? Er wäre erstickt!"

O nein! Er hätte das Tuch sogleich selbst wieder hervorgezogen. Er wollte die Reinigung seines Körperinnern erreichen. Sie kennen wahr­scheinlich die Riten der indischen Saddhus nicht. Es heißt, daß das Reini­gen des Körperinnern mittels eines Leinwandftreisens zu einer höheren Stufe seelischer Vervollkommnung führt." _

Ich verstehe Sie nicht, Herr Baron. <T

Nun, ein Eisumschlag und eine > wird das Fieber am besten bekämpsen. Uebrigens: Der lich bei Kräftey; förmlich ringen hab' ich mit ihm müssen."

beide, ganz allein ..."

Und die Baronesse? fragte Dr. Kircheisen.

Meine Tochter hat schon mit ihrer neuen Gesellschafterin zu Mittag gegessen", antwortete der Baron.Ich muß Sie ferner um weitgehende Nachsicht bitten. Ich kann für die neue Köchin keine Verantwortung übernehmen, sie ist erst drei Stunden im Haus. Nein, nicht hinunter. Wir werden oben im ersten Stock speisen, auf der Terrasie kann man ja bei diesem Wetter nicht sitzen."

Der Baran trat höflich zur Seite, um den Arzt varangehen zu lassen ... Jetzt ist der Augenblick gekommen ... dachte Dr. Kircheisen ... Jetzt werd' ich ihm die Falle stellen.

Wenn ich mich nicht irre, haben Sie als erster die Cima Undici in der Brentagruppe bestiegen, Herr Baran?"

Der alte Herr blieb augenblicklich stehen und blickte überrascht den Arzt an.Sie wissen davon? Interessieren Sie sich am Ende auch sind Sie gar selber Hochtourist?"

Ein wenig. Nur ein Outsider gewissermaßen", sagte der Arzt.

Der Baron ergriff in freudiger Erregung Dr. Kircheisens Hand und schüttelte sie.Auch Alpinist? Aber das ist ja herrlich! Und das sagen Si« mir erst jetzt?" ,. , ,

Wann war das eigentlich, daß Sie die Cima Undici erstiegen haben? unterbrach ihn der Arzt kühl.

Das kann ich Ihnen ganz genau sagen, es war in diesem Frühjahr, am 24. Mai."

Der Arzt lächelte... In diesem Frühjahr! Daß der alte Herr sich der Ungereimtheit dieser Behauptung so gar nicht bewußt wird! Aber, wie merkwürdig... Das Datum stimmt«,Am 24. Mai um drei Uhr morgen" ... so stand es ja in der Nummer desGletscher" gedruckt.

Und von wo aus sind Sie den Anstieg angegangen? Ich meine, wo war Ihr Standquartier."

In Salo, natürlich, antwortete der Baron, ohne einen Augenblick zu zögern.Kennen Sie dieses italienische Nest?"

... Auch da» stimmt ... dachte der Arzt verwundert... Nun, sehen wir weiter... ~ ,

Sie halten einen ausgezeichneten Führer mit, wie man mir erzählt hat. Den ... den ... wie heißt er doch nur? ..."

Den Jakob Schwarzingerl Der geht immer mit mir. Kennen Sie ihn am Ende auch? Sind Sie vielleicht auch schon mit dem Schwarzinger gegangen? Wahrscheinlich im Glocknergebiet, nicht wahr? Das ist ja seine Spezialität, er ist nämlich in Heiligenblut zu Haus.

... Also das ist doch zum Staunen! Alles stimmt.'Es ist ihm nicht beizukommen. Hab' ich unrecht mit meinem Verdacht? Sollte der alte Mann tatsächlich der echte und wirkliche Baron Vogh sein? Ja, dann war die Sache doch noch weit unbegreiflicher! ... Dr. Kircheisen war sehr

Sprechen Sie jetzt von den Hirn- gespinnsten und Träumen der indischen Mystik?"

Wollte Gott es wäre ein Traum und es gäbe ein Erwachen", sagte der Baron ganz leise und halb für sich und sah dem Arzt zu, der jetzt mit geschickten Händen dem Kranken den Eisumschlag um die Stirn legte.

So, nun wären wir fertig für den Augenblick", sagte der Ar^t.

Es geht ihm heute besser, Doktor, nicht wahr, es geht ihm viel besser glauben Sie nicht?" fragte der Baron.

Anscheinend", sagte Der Arzt kurz. Er sah keinen Grund, den alten Mann durch die Eröffnung zu beunruhigen, daß ihm das Delirium das letzte Stadium des Todeskampfes einzuleiten schien. Das Leben Ulam Singhs zählte nur noch nach Stunden.

Der Baron war sofort wieder in guter Laune.

Sie machen mir doch das Vergnügen, mit mir zu speisen. Nur wir

in den Muich stopfte und voll Gier beinüht war, den Fetzen rasch hinunter­zuwürgen.

Achtung!" schrie Dr. Kircheisen.Helfen Sie mir, rasch, sonst schlingt er es hinunter!''

Lassen Sie ihn nur! Lasten Sie ihn, Doktor!"

Mit Mühe und unter Aufbietung aller feiner Kräfte gelang es dem Arzt, dem heftig wehrenden Inder das Tuch aus den Zähnen zu reißen.

Lieber Gott, warum haben Sie ihn denn nicht in Ruhe gelassen! jammerte der Baron.

Meinen Sie noch immer, daß der Kranke bei Sinnen ist? Er deli­riert, er weiß nicht, was er tut", keuchte der Arzt ganz außer Atem, denn er hatte einen förmlichen Ringkampf mit dem Kranken zu bestehen gehabt.

Er wußte, was er tat. Sie hätten ihm seinen Willen lassen sollen! rief der Baron zornig. Dann beugte er sich über den Kranken, der jetzt völlig erschöpft und teilnahmslos dalag.

Ulam Singh!" rief er.Ulam Singh! Er hörte mich nicht! Er ver­steht mich nicht/

Er hatte Sie auch vorhin nicht verstanden und nicht einmal gehört. Es war das Fieber-Delirium."

Nein! Er war vollkommen bei Vernunft! Er hat ja fofort nach Hanf verlangt, sowie er mich erkannte. Er hat ganz deutlich: ,Hemp< gerufen.

Nun, und? Was wollen Sie damit beweisen?" fragte der Arzt.

Nichts!" sagte der Baron plötzlich ganz leise und senkte den Kopf zu Boden.Sie haben recht, er hat im Fieber gesprochen."

'Neranlwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Drühl'jche UniversttätS-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, Gießen.