Ausgabe 
22.9.1933
 
Einzelbild herunterladen

wehchen.

(Fortsetzung folgt.)

Hera» ^wörtlich: l)r. Hans Thyrtot. Druck und Berlog: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Stein drucker ei, R. Lange, Gießen.

springen leuchtend aus, er kommt tzervorgerollt.Einsteigen. Kte- ^^^.Rh'habe es", sagte der Kandidat,ich habe es endlich. Nun muß ich noch eine Weile hierbleiben, Doktor." Und er läuft schon zur Baracke, in seinem Zimmer flammt bas Licht auf.

Sollen wir warten?" . , o

I was, das kann Stunden dauern. Fahren wir los.

Sie schaltet, spürt wie immer angenehm den wohlrgen stnaa, den das Getriebe macht, danke, sagt es, ausgezeichnet, du hast s raus. Das taubengraue Tier kriecht zur Straße.Komtsch! Seit Wochen sitzt Kieselbach wie vor den Kopf geschlagen da, und nun auf einmal?" , , , ., ,

Der Einfall war von mir", stellt Anton fest.Aber wenn schon! Man muß nur dasitzen und sich vor den Kopf geschlagen fühlen, nicht weiter wissen und nicht mehr an sich glauben. Plötzlich ist der Einfall da. Das ist die Morphologie des Einfalls. Dann kommt er immer. Und immer rechtzeitig."

Man möchte sich in eine Wiese legen,-in die letzte September­wiese, Augen zu, und nun von dieser Stimme hören: Bloß nicht immer diese Aufregung. Nur nicht immer das Schlimme furchten. Gute Jahre, schlechte Jahre, gute Jahre. Und im übrigen hat man ja seine Ellenbogen.Mutz denn alles so schwer sein?" stöht sie hervor.

Doch. Schwer. Immer. Jeder Erfolg wird erlitten. Aber warum wollten Sie nicht mit zu Herrn Schönlein?"

Ich habe ein schlechtes Gewisien gegen ihn. Ich war seit vielen Wochen nicht bet ihm."

Sind Sie verpflichtet, alle Tage zu ihm zu kommen.

Sie kann nicht erwarten, batz Doktor Wagenschanz das leise Herzweh spürt. Mit Peter war alles unausgesprochen und voller Widerstände, es war trotzdem ein weiter Gang, nun biegt der Weg mit einem Ruck ab. Aber man zögert, sich Lebewohl zu sagen. Drüben wandern die Putten Raffaels, unsterbliche Lieder geigen aus dem Geheimnisvollen, und darüber führen die Völkerge­danken der heutigen Zeit ihren Vernichtungskrieg bis in Peters Seele hinab. Rosemarie sängt immer mehr an zu spüren, der Weg über die Wagenschanz-Werke gleicht einer breiten Landstraße auf der man herrlich marschieren und auch fahren kann. Auch hier ertönt Musik, die harten Rhythmen einer erobernden Weltfreude werden vernommen, frei von allen Zweifeln und von ätzenden Grübeleien kämpft man hier seine Zeit ab, guten Deutes noch ein paar Jahrzehnte, und kein Mensch fragt, warum das allesl Man lebt, man wird sterben, das hat einen wunderbaren Sinn, man muß ihn empfinden.

Ich werde mir unbedingt in ein paar Wochen eine große Woh­nung mieten", Doktor Wagenschanz beutet aus eine in der Dunkel­heit vorüberziehende Villa hinter Parkgtttern, Blätter fegen an der Mauer.Es ist mir plötzlich klar geworden, ich brauche Raum. Ich möchte auf Teppichen hin und her gehen. Mit den Fingern über eine Bronzestatue tasten. Ich muß an einem weißgedecktcn Tisch essen, mit silbernem Besteck, und Kristall muß darauf stehen mit einem dunklen Wein. Freunde müssen zu mir kommen und bet mir tafeln. Es soll hoch hergehen." Er stößt laut hervor:Es muß ein Ausgleich sein."

Er fängt Rosemaries staunenden Seitenblick auf, ganz kurz, sie hat ihre Augen nötig, schmale Gassen, huschende Schatten von Hund und Katze in der Dunkelheit.Ich schlafe in einem Feld­bett", fährt Anton fort,das am Morgen zusammengelegt und in eine Ecke geschoben wird. Es ist mir mit einemmal widerlich ge­worden. Wenn nächstens alles gutgegangen ist, so werden Sie mir helfen, ein Wohnung einzurichten. Ich verstehe nichts davon, ich kann es nur ungefähr erphantasieren. Sie haben es in den Finger-

Glücklicherweise biegen sic jetzt in den Alten Ratsmarkt. An den Kastanienbäumen baumeln die letzten gelben Blätter, ein Sommer ging wieder vorüber, seine Blütenträume reifen nicht.

*

Die kleine Elli sitzt auf einem Sofa und weint. Manchmal ist sie nicht zufrieden damit, den Nacken an der grünen Ripslehne liegen zu lassen, ihr Kops fällt nach vorn aus die Arme, und die Arme liegen über den Knien. Sie weint um mehr als um eine verlorene Arbeit. Aus ihr löst sich die Verzweiflung über ein Leben, in dem alles krumm gegangen ist, zwei kleine Jahrzehnte glückte nichts oder soll man von Glück reden, daß man da ist in dieser trostlosen Zeit und inzwischen trotz allem nicht Hungers gestorben? Sie preßt ein feuchtes, zerknülltes, warmes Fetzchen Taschentuch und fragt immer halblaut vor sich hin:Wozu, wozu?"

Es ist ein altes Sofa, auf dem sie sitzt. Es wurde vor hundert Jahren aus braunem Nußholz angcfertigt, und da es nur über begütigende Gebärden verfügt und nicht über Worte, so kann es nicht erzählen, daß hier im Lauf der Jahrzehnte manche Frau gesessen hat, mit großen, leeren Augen und mit den Händen int Schoß, oder weinend wie Elli tcht immer so wild weinten diese Frauen, denn meistens ging der Schmerz noch viel tiefer. Sicher­lich war nun eine Lisa darunter, Peters erste Frau, die hier saß mit einer strengen Falte auf der Stirn, verschränkten Armen und mit den Augen einer Gefangenen, die auf Flucht sinnt, Lisa ergriff ihre Flucht immer sogleich, drei Schritte, Schritte auf kräftigen Füßen zum Flügel, und dann schott das Grollen der gefangenen Stimme zu dem Mann Peter hinüber, der drüben im andern Zimmer seine Schultern ein wenig zusammenzog und sich tiefer über seine Akten beugte. Ganz anderer Schmerz als Ellis Weh-

mtt6ef er sichtlich an diesen vergeblichen Anstrengungen und seine Einfälle bleiben in der Niederung besserer Dutzendinserate. Haben wir keine Parole, dann brauchen wir nicht erst loszuschlagen, dann haben wir unsre Schlacht schon im vorhinein verloren.

Kieselbach und Fräulein Rcubold befrnden sich nach Arbetts- schluß noch in der Fabrik, diejenigen sind dageblreben, die stch nicht o einfach ein anderes Pult suchen können, wenn dieses hier aus dem Leim gehen sollte. Man darf unglücklicherweise nicht zu Doktor Wagenschanz gehen und ihn bitten, seinen Sturmschritt zu mäßigen. Bor Jahren haben ihm zu viele Leute mit zu vielen Ratschlägen in den Ohren gelegen, als es nicht vorwärts gmg mit ihm. Wohin wäre er gekommen, wenn er sie befolgt hatte? Wohin? Ans Fensterkreuz? Nun müssen seine beiden Mitarbeiter stillehalten und abwarten, ob seine Pläne gelingen werden oder ob das Ganze zusammenkracht. Kieselbach benörgelt jeden Teil des Betriebes, in dem er nichts zu sagen hat, und schwort nur auf die Durchschlagskraft seiner bisherigen Werbung, warum soll die

Anton kommt zu den beiden hinüber.Es will mir nicht aus dem Kopf, was Elli mir vor ein paar Monaten mal sagte, als ich ihr einen Rüssel gab, weil sie zu spät kam. Morgens, sagte sre - aber ich kann das nicht ausdrücken, dafür stnd Sie da, Kieselbach.

Na, was sagte sie denn Großes?" m

,Gar nichts Großes. Sie findet nämlich, es ist ent Vergnügen, wenn man sich morgens zurechtmacht. Erst ist man verschlafen, gähnt und hat ein verquollenes Gesicht. Ungefähr so. Aber im Lauf einer halben Stunde nimmt man sozusagen etne festliche Verwandlung mit sich vor. Jeden Tag."

Der Kandidat Kieselbach spielt spöttisch mit seinem Bleistift. Ist diese Anregung eines Laien verrückt oder sollte sie ausnahms­weise brauchbar sein, da auch ein blindes Huhn gelegentlich ein Korn findet? Seine Ohren wackeln, dann stellt er gehässig fest, daß Rosemarie seine schwarzen Fingernägel betrachtet.

Denken Sie also nach, Kieselbach, ob sich daraus nicht eine Idee abzapfen läßt." Doktor Wagenschanz geht wieder davon, eine tiefe Falte zwischen den Augenbrauen, jetzt nach Werkschlutz kann man ihm ansehen, daß er ein Mann mit Sorgen ist.

Auf seinem Arbeitstisch häufen sich die Papiere mit Berech­nungen. Er muß kühn spielen, wenn er seine Vorsätze durch­führen will. Arbeit für dreißig Menschen und eines Tages für dreihundert, das hängt ab von seiner Geschicklichkeit. Von außen gesehen, wachsen die Häuser und die Fabriken aus freiem Antrieb, die Schiffe fahren scheinbar in eignem Auftrag übers Meer. In Wirklichkeit plant überall ein Kopf, was geschehen soll, und ein Mann macht sich Sorgen, er wagt, baut auf, es gelingt ihm, seinen Kreis nach seinem Willen rund zu machen, oder die Dinge wenden sich gegen ihn und er verschwindet in der Masse der Unzählbaren, die das tun, was man ihnen zu tun gibt.

Das Telephon schnarrt. Am andern Ende des Drahtes spricht der Anwalt Peter Schönlein.Sie haben Fräulein Hampel frist­los entlassen, die kleine Elli? Glauben Sie nicht, Doktor Wagen­schanz, daß wir den Casus bei einer Flasche in Güte erledigen werden? Wozu Sie geziemend eingeladen sind."

Zuerst will Anton loskrachen: .Lassen Sie mich in Ruhe, Sie, wer ist Elli, wer bin ich? Sie lacht gern und gewöhnt sich schwer an Ordnung, ich schreibe ihr ein nettes Zeugnis, morgen findet sie eine andere Stellung oder sie geht eben stempeln, lassen Sie mich jedenfalls in Ruhe mit ihr, ich habe den Kopf mit anderen Dingen voll

Aber in diesem Augenblick bricht etwas in ihm auf, das er nie gekannt hat, vielleicht lieferte Peter Schönlein das Stichwort dazu: Wein!" Wahrhaftig, verwandelte Gesichter vor sich haben und nicht die sachlichen, bedrückten Mienen vom täglichen Trott, Wein trinken, sich unterhalten, lachen und das Leben schön finden!

Angenehm. Veranstalten wir etwas. Ich werde meine Beiden mitbringen, Kieselbach und Fräulein Reubold. Sie, Herr Schön- letn, wissen natürlich nichts davon, wir haben hier zuweilen ein gewisses Würgen in der Kehle. Was wir hinuntertrinken werden. Den Wein stifte ich."

Schönleins verblüfftes Schweigen wird nicht weiter beachtet, es ist dieser Anton Wagenschanz, der alles selbstherrlich anordnet, hier verfügt er sogar über die Gastlichkeit eines Dritten.Machen Sie sich fertig", erklärt er int Varackenzimmer,bei Schönlein steigt eine Bowle oder sonst etwas Genießbares."

Kieselbach schnüffelt mit den Nasenflügeln. Nun sollte die Freude bei Rosemarie fein.Ich habe keine Lust."

Natürlich haben Sie. Wir besuchen Ihren Intimus." Sie wehrt sich.Was soll man denn anziehen?"

Doktor Wagenschanz streift mit ruhigem Blick an ihr hinab, von der Schnlter bis zu den Knien. Was hat der Mann für Augen bekommen in diesem Jahr, empfindet sie, man stellt sich ihnen entgegen wie einem Anprall.Sie sind ausgezeichnet angezogen."

Kieselbach setzt aufgeregt seinen Monolog mit der schweigenden Rosemarie fort, während sie zum Hos gehen, um das Auto aus der Wellblechgarage zu holen. Seine Hände fuchteln in der Luft.Denn tvisscn Sie, man streckt die Glieder wie ein Halbtier, man kratzt sich wie ein Affe, kommt man nicht aus dem Schlaf wie aus einer ursprünglichen Welt? und nun durchmißt man im Lauf einer halben Stunde das Wttttdcr der Menschwerdung!"

Nicht übel", meint Anton, während er das Tor aufsperrt, schreiben Sie sich das auf, Kieselbach, das mit der Menschwerdung und der ursprünglichen Welt, sofort notieren, man vergißt sowas leicht."

Drinnen 6rummelt der Taubengraue, seine weißen Tieraugen