neficn." Die Fresken, die er für das Haus des preußischen Gcnc- raltonsuls Bartholdy schuf, sind daS beste Zeugnis für öie «unsthöhe, die er damals erlangte; sie sind wohl überhaupt das reifste Werk der frühromantischen Malerei. Hier offenbart sich eine Einheit in sich vollendeter Art, in der sich die helle Klarheit der Farben mit der reinen Zartheit des Umrisses zum harmonischen Klange vereint. Nie wicdcr'hat Cornelius diese malerische Reife erreicht. Als er von König Ludwig von Bayern als Reformator der deutschen Kunst nach München berufen wurde, da hatte sich schon seine ernste Strenge in slnstere Askese, seine idealistische Kunstauffassung in fanatische Ablehnung aller sinnlichen Schönheit gewandelt. Als er dann nach Berlin ging, um dort in seinem Sinne weiter zu wirken, wurde er immer weltfremder, einseitiger und hat in seiner grandiosen Verstiegenheit nur noch einige Kartons von erschütternder Gröhe geschaffen, ivic die Entivürfe für die Friedhofshalle, die sein „christlichen Epos" wurden. , „
Man hat Cornelius den „grohartigstcn Konstrukteur unter allen dentschcn Künstlern" einen „Monomanen der absoluten Form" genannt. Man hat ihn mit Hegel verglichen, der ebenfalls aus der inneren Anschauung, ans dem Gerste heraus em mächtiges System schuf, das auf die Wirklichkeit keine Rücksicht nahm. Seine Gleichgültigkeit gegen die Natnr ging so weit, bah er einmal, als man ihn darauf aufmerksam machte, dah die Hand einer seiner Figuren mit sechs Fingern ansgestattet fei, ruhig er- ividcrte: „Nun, dann sollen sie eben auch stehen bleiben! Aber in diesem einseitigen Stil hat er Grandioses vollbracht, erscheint er als ein Meister des dramatischen Gegensatzes, des fort- rcihendcn Schwunges, als ein idealistischer Theatraliker, rote es Schiller war. Unvergänglich bleibt seine Persönlichkeit, ötc vollkommen der Kunst geweiht war. In ihr sah er die Erzieherin und Bildnerin zu allem Edlen und Hohen, die aus dem Volkstum hcrausivachscn uud das ganze Volk durchdringen sollte. Das Tragische seiner Erscheinung liegt darin, dah er die starke Persönlichkeit in sich unterdrückte, dah er das Nebertndivtduelle erstrebte und die Idee, das Allgemeine, eine Welt auherhalb des Menschlichen gestalten wollte. An dieser ungeheuren Aufgabe, die unlösbar war, ist er gescheitert. Aber im Unterliegen blieb er Sieger und als ein Vermächtnis dringt heute sein Bekenntnis zu uns: „Ich habe immer, in allen Verhältnissen meines Lebens eine heilige Scheu für die Göttlichkeit der Kunst bewahrt, ich habe mich nie dagegen versündigt."
Das „letzte Wunder Aegyptens".
Von I. C. E w a l d F a l l s, Gichcn.
Vor genau 2ß Jahren, im September 1908, erfolgten die letzten Spatenstiche in der Mcnapolis, einem einst hochberühmten Brennpunkte antiker und urchrtstlicher Kultur im Randgebiet der Libyschen Wüste. Mein Vetter, der weit über Deutschlands Grenzen angesehene Altertumsforscher der Universität Frankfurt, Professor Karl Maria K a n f m a n u , hatte im Verein mit mir, der ich hauptsächlich naturwissenschastlich und völkerkundlich interessiert war, eine Expedition ausgerüstet, um wiederzuftnden, was die Alten als das letzte Wunder Aegyptens rühmten, den verschollenen Menastempel. Nach diesem geheimnisvollen Bau hatte es schon vor unserem Unternehmen gar manchen gelüstet. Berühmte Afriforscher des verflossenen Jahrhunderts fahndeten nach ihm, manche (Barth und Pacho) unter Einsatz ihres Lebens. Französische und italienische Archäologen zog es bis vor wenigen Jahrzehnten weit in die Wüste hinein im Banne des gesuchten Heiligtums, welchem, wenn wir Sophronios und anderen alten Schriftstellern glauben dürfen, ganz Libyen, ja Aegypten selbst nichts Glanzvolleres an die Seite zu setzen hatten. Aber der mächtige Tempelbau, der als Gegengriindung gegen die letzten Bollwerke ägyptischen Heidentums (des Sarapaions und des Ammon- Orakels) eine geschichtliche Rolle spielte, erschien für immer vom Sandmeer verschlungen. Noch kurz vor unserer Landung an der ägyptischen Küste war, als letzte vor unö, die wohlausgerüstete, militärisch stark gesicherte Expedition eines englischen Archäologen, des Admirals Blomfield, ergebnislos von langer Suche zu- rückgekchrt.
So schien es an Ueberhebung und Tollkühnheit zu grenzen, nach diesem Mißerfolgen anderer Nationen, nun noch einmal an das Wagnis heranzugehen, zumal auch im Hinblick aus unsere mehr als bescheidene Ausrüstung. Freilich, Vetter Kaufmann war ein Draufgänger roic ich selber, und fein Entschluß, Sieg und Erfolg an die deutschen Fahnen zu heften, die wir neben der ägyptischen mitsührteu, ließ ihn vor keiner Schwierigkeit — und es gab ungeahnte! — zurückschrecken.
Geleitet von einem angesehenen Scheik und einem Häuflein tapferer Auladali-Bednincn durchzog unsere Karawane nach einem bestimmten Plane kreuz und qiter die weite Wüste. Und das in Sommerglutcn! Bleichendes Gebein zeigte uns den Weg. Wir stießen aus vcrlaffcne Totenstädte, aus urweltliche Flußläufe, wir kreuzten jahrmillioncnaltc Stämme versteinerter Wälder der Urzeit. Einen roichtigeit Paß, den wir beim Abstieg vom libyschen Hochplateau entdeckten, taufte Prvfeffor Kaufmann nach dem Namen seiner Vaterstadt „B a b F r a n k e n f u r t", und wir erlebten all die wunderbaren Dinge, welche ich in meinen Büchern „Drei Jahre i tt der Libyschen W ü st e" und ,,3i m Zauber der W ü st e", die auch in englischer Sprache erschienen, zu schildern versuchte. Damals legte ich auch den Grund zu meiner Sammlung von bisher unbekannten „B e d u in e n l i eb er n der L i b y s ch e n W ü st e", tvclchc arabisch und deutsch herauskamen und von deueit die Jnselbücherei eine Ausivahl bietet.
Nach dreißigtägiger Fahrt im Kanalsattel schien unser Ende nahe. Unsre Karawane strandete im verschriensten Teil Libyens, in der von den Eingeborenen gefürchteten „Hölle von B it tu n a". Kausmann war aufs schwerste an Dysenterie crkraickt, und auch ich selbst schwankte mehr tot als lebendig im sattel. Aber gerade ans diesem letzten Abstecher vor Abbruch der Expedition hatte Kaufmann mit einer Verbissenheit bestanden, die ihn nicht wiedererkennen ließ. Er trotzte sie dem Scheik und der sich stränbendeu Mannschaft unter Drohungen ab. „Fahren nur zur Hülle", lautete die Losung, und bei allem Elend, diese Höllenfahrt ivard uns zum Glück. Ein Glück, dessen Kunde dann tvcnige Wochen später Kabelbcrichtc und englische Zcttungen mit den Worten in öie Welt trugen, ein „märchenhaftes Ereignis sei Wirklichkeit geworden, ein Ereignis fast einzigartig in der Geschichte moderner Forschung". Denn jene gemiedene Hölle von Bumna — obendrein ein Schlupfwinkel feindlicher Kabylen — sie barg das ersehnte Ziel. Anderthalb Jahrtausende hatte sie auf ihre Entzauberung gcivartet, auf die beiden deutschen Forscher, denen es vergönnt war, in ihrem ungeheuren Trümmerfeld die Stätte des Menastcinpels tviederzuerkennen. Gleich die erste beschriebene Scherbe, die ich auf einem der gelben Schuttberge auflas, brachtc volle Gewißheit und — war's zum Verwundern? — blitzartig unsre Genesung. *
In der „Hölle von Bumna" reifte der doppelte Entschluß meines Vetters Kaufmann, hier zu graben und flugs nach Europa heimzukehrcu, um das wichtigste aller Ausgrabungswerk- zeuge zu beschaffen, „das verfluchte Geld".
Und bald darauf gönnten wir drei Jahre hindurch dem Spaten keine Ruhe, zwei Deutsche unter den Söhnen und Töchtern der Wüste. Wir erlebten mit unseren Beduinen Freud und Leid, Kämpfe und Vlutsfrenndschaft. Und unsere Grabungen in der Mcnasstadt gewannen in Bedeutung weit über die engeren Interessen der Wissenschaft hinaus. Sie gebaren Kulturwerte! Wir zeigten Gipsvvrkommcn in der Wüste auf, und an den iveißen Tafeln, die man nur aus dem Boden herausznbrechen brauchte, bereicherten sich Unternehmer, wir sanden antike Bewässerungssysteme, welche dem Landesherrn Anregung gaben zur Urbarmachung und Wiedergewinnung von Wüsteneien. Aber als uns selber Reichtum winkte, da stemmte sich Kaufmanns uuver- befferlicher Idealismus gegen das „Geschäft". Er lehnte schroff - man kann es in seinem Buche „Ausgräber, M u m i cm j a g e r und tote Städte" nachlesen — das glänzende Angebot eines Gricchenmillionärs ab, neben das aus der Erde erstehende „Lourdes" der Antike einen klimatischen Wüstcnkurort von Rang zu stellen, ein zweites Hcluan. Wird er’8 heute bedauern? Es war derselbe Kaufmann, der den hohen preußischen Orden ausschlug, für den ihn der Frankfurter Oberbürgermeister A d i ck e s eingc- geben hatte, um sich statt desien weitere Grabungsgelder zu erbitten; er, der niemals Zeit fand, als man ihm nahelegte, dem Vizekönig seine Aufwartung zu machen. Gerade dieser Herrscher, Abbas H i l m i II., dem ich in engstem Verkehr nahetreten durfte, und den ich auf seinem großen Zuge nach der Oase Siwah begleitete, wurde nicht müde, sich von mir über den Fortgang der Grabungen unterrichten zu lassen und aus ihnen zu lernen.
Die Funde in der Menasstadt zählen heute zu den Sehenswürdigkeiten Aegyptens. Flinders Petrie, der Nestor der Aegyptologen, rühmt sie als „die umfangreichsten Ausgrabungen, ivelche jemals im Nillande von feiten der Deutschen unternommen worden sind". Seinen englischen Landsleuten und den Amerikanern imponierte der „Rekord", den wir — natürlich ganz unbewußt — ausgestellt hatten: „Der Rekord einer derartigen wissenschaftlichen Grabung in ihrer Ununterbrochenheit und im mörderischen Wüstenklima" („Chicago Tribüne"). Man überdenke einen Augenblick unsere Lage: die trostlose Wasserlosigkeit der Wüste, ihre Sandstürme und Siedetemperaturen, feindliche Stämme, die Fragen unserer Sicherheit und die der Verpflegung von zuweilen 150 Insassen unseres Zeltlagers, schließlich die leidige Geldfrage! Nur auf den Augen „Kaufmann-Efsendis", seiner Frankfurter Gönner und seiner Familie beruhte das gewaltige Schaffen, das dann allerdings über jede Erwartung hinaus erfolgreich war und das uns eine schöne Ueberraschung nach der anderen brachtc. Denn nicht nur der lange gesuchte Menastcmpel — ein Bau, den mau in seinen Ausmaßen und seinem Säulenschmuck mit der konstantinischen Pctcrskirche verglichen hat — stieg aus dem Boden samt den unterirdischen Heiligtümern, zu denen einst tue antike Welt mit ihren Nöten und Anliegen gepilgert kam. Eine unbekannte, ungeahnte Stadt schickte sich an, tvicderzucrstehen: die alte Mc napolis. Bauten von kunsthistorischer Bedeutung mit allen Anzeichen hellenistischer Großstadtarchitektur wurden fret- gelegt, nicht weitiger als fünf Abarten des Basilikenstils über» raschten die wissenschaftliche Welt in ihrer Fülle von Marmor. Dann die großzügigen Beivässcrungsanlagen der alten Wallsahrts- stadt, ihre Friedhöfe, ein uraltes Mönchskloster, Herbergen und Privathäuser. Etwas bisher ganz Unbekanntes waren auch die sog. Eulogicnsabriken, Werkstätten, in denen eine rege Industrie die damals bekannte Welt bis nach Asien hinein (Rabban Hor- miizd), ins Herz von Afrika (Dongola usw.) aber auch hoch zum germanischen Norden hin (Trier) mit Pilgerandenken versah, vor allem mit den zierlichen MenaSampullen. Allein das Frankfurter Museum besitzt gegen hundert Abarten dieser seltsamen Menas- flaschen. Frankfurt, Berlin, Alexandrien und Kairo erhielten den Löivenanteil an den in der Menasstadt gemachten Funden, .luderes kam nach Rom, Bvstott und Washington, aber auch zahlretcye kleinere Museen des deutschen Vaterlandes ivurden voit Prvscssor Kauf m a n tt bedacht.


