Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang <955 Montag, den 22. Mai Nummer 59
Das bucklicht Männlein.
Volksweise.
Will ich in mein Gärtlern gehn, Will mein Zwiebeln gießen. Steht ein bucklicht Männlein da, Fängt als an zu niesen.
Will ich in mein Küchel gehn, Will mein Süpplein kochen, Steht ein bucklicht Männlein da, Hat mein Töpflein brachen.
Will ich in mein Stüblein gehn. Will mein Müslein essen. Steht ein bucklicht Männlein da, Hats schon halber gessen.
Will ich auf mein Boden gehn, Will mein Hölzlein holen, Steht ein bucklicht Männlein da, Hats schon halber gstohlen.
Will ich. in mein Keller gehn, Will mein Weinlein zapfen, Steht ein bucklicht Männlein da, Tut mir n Krug wegschnappen.
Setz ich mich ans Rädlein hin, Will mein Fädlein drehen, Steht ein bucklicht Männlein da, Läßt mirs Rad nicht gehen.
Geh ich in mein Kämmerlein, Will mein Bettlern machen.
Steht ein bucklicht Männlein da, Fängt als an zu lachen.
Wenn ich an mein Bänklein knie, Will ein bißlein beten, Steht ein bucklicht Männlein da, Fängt als an zu reden:
Liebes Kindlein, ach ich bitt, Bet fürs bucklicht Männlein mit!
Oer kleine Klaus und die neue Zeit.
Von Bruno Brehm.
Eines Tages warf der kleine Klaus fein Schaukelpferd um, setzte sich auf dessen Bauch, stemmte die dicken Beine gegen die Kufen, packte mit rauhem Griff den dünnen Schweif und rief: Tüh-tüh!
„Was tust du denn da?" wollte ich wissen.
„Das ist ein Auto", sagte er kurz und drehte kräftig den Schweis herum.
„Und was drehst du denn da mit deinen dicken Fingern?
„Das ist die Lenke", sagte Klaus, drehte sich gemächlich um, deutete auf das ratlos starrende Glasauge und erklärte: „Und dies hier ist das Stopplicht." , . _ ,, ..
Da wußte ich, daß die neue Zeit angebrochen fei. Denn für mich, als ich solch ein kleiner Junge gewesen war, hatte es nichts schöneres gegeben als ein Pferd. Ein Reiter aber, das war das schlechthin vollkommene. Welch ein unvergleichlich guter Duft war in solch einem Pferdestall! Wie wunderbar konnten diese weichen Rüstern in die Hanb schnauben! Wie gewaltig kam sich solch ein kleiner Junge vor, wenn er zu feines Vaters Pferden „Geh um!" sagen durfte und wenn das große Pferd gehorchend, langsam zur Seite trat und ihn in den «land einlletz.
Tüh! Tüh! tutet der kleine Klaus auf seinem umgestürzten Pserdchen, das sich in eine Pferdekraft verwandelt hat, tüh-tüh! so fahren wir in eine neue Zeit und wenn heute schönes Wetter ist und der Mittagsstieger gut zu sehen sein wird, dann wird Klaus aus seinem Pferd einen -lero« plan machen. Ja, mein Sohn, im Kriege ist dein Vater auch mit dem Aeroplan gefahren, aber das ist lange her und seitdem hasten wir fest an dieser Erde. „ v , r
Aber wenn ich als Knabe durch die Gange des Jnvalrdenhaufes von Karolinenthal bei Prag schlenderte und dort die kleinen Schlachtenbilder an den Wänden ansah, dann wurde mir das Herz schwer, dann fürchtete ich wohl, nie mehr zu solch einer Attacke zu kommen wie einst die Tram- Ulanen bei Custozza, die englischen Lanzer bet Balaklawa, die Reiter bei Mars la Tour. Denn das, dachte ich mir, das muß.e doch das größte Glück [ein, das einem Menschen zuteil werden kann: soviel Reiter, so- viele geschwungene Säbel, solch ein Dröhnen, solch em Aufwollen des
Staubes und ein nicht endenwollendes Gebrüll der Freude und der WutI Nun, ich habe keine Attacke mehr geritten, ich bin nur mit meinen vier Sechsspännern im September 1914 über die Kimmung des Hügels da- hergefagt, eine Lage Schrapnells krachte über uns hin und alle die vierundzwanzig lieben, guten Füchse, deren Namen ich heute noch alle weiß, alle, die Leonhard, Lambert, Lina, Minna und Mali, wälzten sich, gegen die Zugstränge schlagend, in der aufstaubenden Ackererde. Ach, diese schönen Füchse, diese guten, eifrigen Füchse mit den wehenden Haarschöpfen über den schneeweißen Bläffen — vier so krachende, berstende Schläge und alles war aus. Tüh! Tüh! ruft der kleine Klaus und dreht dem scheckigen Schaukelpferd fast die „Lenke" aus.
Einen solchen Scheck wie du, mein Junge, ritt unser dicker Stabstrompeter und wurde dadurch ein ganz und gar unwiderstehlicher Mann. Kamen wir in den Manövern in ein Dorf, dann sahen alle Frauen, Mädchen und Kinder nur den dicken Trompeter und nach all den Offizieren, Einjährigen und Unteroffizieren krähte kein Hahn. Wenn aber der Reiter auf dem Schecken abends um neun Uhr die Retraite blies, hätte er alles, was im Dorf Röcke trug, für sich haben können, denn dieser Vereinigung von Kunst und Schönheit, von Farben und Tönen vermochte kein Herz zu widerstehen.
Mein lieber Klaus, aber weist du auch, wie dieser unwiderstehliche Scheck im Jahre 1914 aussah? Wie ein alter Bettvorleger in einem ab* feitsgelegenen Dorf Wirtshaus! Sie hatten den armen Gaul mit irgend einer gräßlichen Sache angeftrichen, die bei Regen violett wurde. Die andern Gäule bissen nach ihm wie Spatzen nach einem Kanarienvogel, dem Trompeter blieben die Töne stecken, aus war es mit all dieser Herrlichkeit.
Bevor ich mich aber selbst auf das Pferd fetzen durfte, schnitt ich mir als Knabe Weidenruten ab und peitschte unbarmherzig meine dünnen Waden, welche die Füße meines Pferdes waren, immer feste, als gehörten sie gar nicht zu mir. Zentaur war ich, das Herz eines Helden in der
Brust, getragen von den Füßen eines Rostes. Da sah ich einmal das
Bild einer Quadriga, die durch den Zirkus raste! Seit jenem Tage fuhr ich nur mehr vierspännig daher. Und deshalb habe ich auch später den
Lenker aus Platons „Phaidros" so gut begriffen, der sich mit einem
guten und mit einem bösen Pferd abmühen muß, darum sauschte ich so lange Gogols dahinjagender Troika nach, diesem hinreißenden Bilde Rußlands, das in das Ungewisse einer drohenden Zukunft dahinhetzt.
Auch wenn wir aus der Eisenbahn fuhren, packten wir den Fensterriemen und zügelten den Zug, denn er hatte ja keine Lokomotive vorgespannt sondern tausend wilde Mustangs. Und wenn wir aufblickten, sagten wir ganz und gar nichts Gescheites. Da war ein Herr, der hielt eine Zeitung in der Hand, und da stand groß zu lesen: Besuch des englischen Geschwaders in Swinemünde.
„Papa, ein Druckfehler", erlaubte ich mir zu bemerken, und noch dazu so groß gedruckt."
Der Herr senkte die Zeitung und sah mich fragend an. Mein Vater erwartete nichts Gutes.
„Hier steht Geschwader — aber es muß doch Geschwander heißen!
„Warum denn Geschwander?" fragte der Zeitungslefer und kniff ein Auge zu.
„Weil es von geschwind kommt", war die Antwort. Aber an all dem waren nur die geschwinden Pferde vor dem Zuge schuld, die mit uns so wild dahinjagten. .
Du aber, mein Sohn, willst heute im Prater nur noch mit den kleinen selbstlenkbaren Motoren fahren, dem Ringelspiel unserer Tage. Mögen die hölzernen Pferde noch so sehr die Nüstern blähen und schnauben, mögen sie aus ihren feurigen Glasaugen noch so sehr zu uns herüberfunkeln, du siehst es nicht, denn dir sind die Pferdeaugen Stopplichter geworden. r.. , _, „ , , .
Und wenn du nicht mehr auf deinem umgesturzten Schaukelpferd sitzen willst, junger Mann, dann holst du dir dein Fahrrad hervor und radelst um den Platz herum. Du bist eine Sache für dich und das Fahrrad ist auch wieder etwas. Wenn es kaputt wird, muß es repariert werden Bei uns aber wurden die Pferde nur dann krank, wenn wir selbst krank wurden. Dann wurden die vier Traumschimmel aus der Quadriga qefpannt und unten an das Bett gebunden. Die zerschlagenen Knie schmerzten nicht allzusehr, weil sie ja zur Hälfte doch Pserdekme waren und die lieben Pferdeköpfe nickten zu uns nieder, wurden groß und größer, wenn das Fieber stieg und abends zeigten sie gelbe Zähne und wollten uns beißen.
Ja und bann später, obwohl wir es nicht verdienten, denn die Schulzeugnisse waren recht mäßig, da durften wir reiten lernen. Der Nonius, auf dem ich es lernte, der stieß, daß mir beim Aussitzen im Trab der 2ltem ausblieb und die Hüften stachen, aber ein Reiter spricht darüber nicht, denn er ist eben ein Reiter und schwebt hoch über den andern Erdenmenschen. , ., . m , .
Einmal — es war in Südmähren, nahm mich mein Vater zu Den Manövern mit. Zum Schluß, bei der Besprechung, als die Schiedsrichter


