Ausgabe 
21.8.1933
 
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Der Kandidat bittet weinerlich:Warum hast du eigentlich auf mich fo eine Pferdewut, Doktor? Ich habe dir doch gar nichts getan. Ich tonnte Mr eine Menge Helsen." , .. ..

Sie können mir nichts Helsen, Herr Kieselbach, raus so schnell wie

Äfllt*

Elli meint, man könnte glauben, Herr Doktor Wagenschanz hätte Angst vor dem Kandidaten Kieselbach. t

, Jawohl. Ganz genau. Ich habe Angst vor dem Kandidaten Kieselbach.

Ach, vor mir! Wieso und inwiefern? Ich habe noch siebzehn Pfennige in der Tasche." .

Ich habe Angst vor Ihnen, weil Sie ein so gescheites Luder sind, Sie sehen rundherum und werden feststellen, daß meine Anstrengung ver­geblich sein wird. Stattdessen brauche ich Menschen, die einen beschwören­den Mut haben. Wenn das Schicksal gegen uns ist, dann werden wir uns gegen das Schicksal erklären. Wenn es vergeblich sein soll, was wir tun, so werden wir eben das Vergebliche tun. Sie können uns also nicht Hel­sen, Kieselbach. Scheren Sie sich weg."

Es sind schlechte Zeiten", klagt der Kandidat,ich werde doch wohl eine Meinung haben dürfen."

Soviel Sie wollen. Aber Ihre Meinung ist nicht die allgemeine Wahrheit, wie Sie glauben. Die Wahrheit war und ist und wird immer bleiben, daß jeder kriegt, was er haben will, wenn er nicht eher ruht und rastet, als bis er es hat."

Kieselbach schlägt die Augen nieder.Mich hat eben niemand auf einen Posten gestellt, wo ich etwas leisten konnte. Da wird man natürlich ver­bittert."

Mich stellt auch niemand auf «inen Posten", erwidert Anton Wagen- schanz,vielmehr haben gewisse Leute sich die äußerste Mühe gegeben, mich zu Fall zu bringen, als ich mich wenigstens auf meine Beine ge­stellt habe. Ich habe mir übrigens Watte in die Ohren gesteckt, ich höre nicht mehr auf die berufsmäßigen Flaumacher."

Das wird Ihnen ja auch nichts nützen, Herr Doktor. Wenn der Weltuntergang poltert, das hören Sie trotzdem."

Fängt der Kerl schon wieder an?" murmelt Fabisch und sichert sich wieder im Brei des Erotikon ein handliches Wurfgeschoß.

Die Welt geht n i e unter", meint Anton,wenn sie es aber trotzdem tun sollte, so werde ich in der Hebung sein, wie man seine paar Brocken schnell wieder zusammenleimt."

Ich glaube zwar nicht, daß es einen Zweck hat, aber warum soll ich Ihnen nicht dabei helfen?"

Sie haben es doch sonst immer mit der Logik, Kieselbach. Warum wollen Sie mir helfen, wenn es doch keinen Zweck hat?"

Ich möchte Ihnen helfen, weil ich etwas k a n n."

Was zum Beispiel?"

Inserate schreiben. Die Trommel rühren. Propagandarummel insze­nieren für Ihre Schönheitscreme. Ich habe es schon überall herum- erzählt, ich gehe schon überall in die Läden und verlange eine Tube von Doktor Wagenschanz' bekannte Creme Erotikon. .Bedaure, die haben wir leider nicht auf Lager, wir werden sie aber gleich bestellen.' Tut mir lvid, Herr, ich brauch sie fofort."

Anton grinst gerührt.

Und was machen Sie", will Elli wissen,wenn eine Tube vorrätig ist?"

Oh, Kleinigkeit! Dann habe ich eben mein Portemonnaie vergessen."

Die Unterhaltung findet ihr versöhnliches Ende damit, daß Anton einwilligt, sich von Kieselbach eine geeignete Unterschrift beibringen zu lassen,aber nur dies eine Mal und ausnahmsweise, und Sie be­kommen einen Taler dasür!" Elli trägt einen Notizblock bei sich, auf dessen -Blättern Kieselbach den Namen Wagenschanz in.den verschiedensten Schriftproben niederzuschreiben beginnt,Doktor Wagenschanz, wenn ich bitten darf", knurrt Anton, hemdärmelig, ohne Kragen, einen settglän- zendyn Lederfchurz vor der Brust bis zu den Knien. Wie sein Gehilfe Fabisch trägt er wegen dieser fettigen Arbeit kein Hemd, der schmutzige Lederschurz sitzt ihm also auf der nackten haarigen Brust, zwei Riemen kreuzen den Rücken.

Der Kandidat entschuldigt sich gleisnerisch, man sehe es dem Herrn Doktor leider nicht so an, daß er ein Herr Doktor sei.

Unterschriften entstehen, zierlich und elegant, mit einem flotten Schnör­kel, andere in eiliger Kaufmannsschrift, Anton gibt sich aber mit keiner zufrieden.Das soll ich sein?" Der Kandidat probiert etwas vollkommen Unleserliches, eine Unterfchrist, die jedem ärztlichen Rezept Ehre machen würde. Anton lehnt spöttisch ab. Jetzt packt den Kandidaten Kieselbach ein unbekannter Ehrgeiz, er vergräbt das spitze Kinn in seinen Händen. Ich werde Sie studieren! Sie sind ein haxter Geschäftsmann, brutal, eigensüchtig, Sie gehen über Leichen, Sie werden kleine Löhne bezahlen und einen großen Profit einstreichen, Sie werden

Elli nickt begeistert.Ungefähr so", murmelt Anton. Kieselbach legt visionär eine Ünterschrift im Bismarckstil auf ein neues Notizblatt. Fabelhaft", sagt Anton, er wäscht sich umständlich die Hände und pro­biert die für ihn erfundenen charaktervollen Schriftzeichen, aber fo sehr er sich Mühe gibt, man sieht mit einem Blick, es ist ein kleiner, herauf­gekommener Proletarier, der so schreibt, es fehlt das geistige Erbgut.

Endlich schlägt Elli vor, man werde von Kieselbachs bester Unter­schrift einen Gummistempel anfertigen lassen, sie saust auf ihrem Fahr­rad davon und sucht ein Geschäft auf, dem sie den eiligen Auftrag erteilt.

Der Kandidat empfängt feinen Taler und will sich in entzückter Er­wartung davontrollen, in .eine Wirtschaft vermutlich, fein Tagesbedarf an Geld ist wieder einmal durch ein Wunder gedeckt.Warten Sie", ruft Aonton hinter ihm her,ich brauche ernsthaft ein feines Inserat, das könnten Sie mir mal zusammenkleiftern. Ich möchte etwas haben, was für meine besonderen Zwecke erfunden ist."

Herr Doktor, ich werde mich in ein CafL setzen und die Weltblätter studieren, und bis heut abend hab ich Ihnen ein Inserat gedichtet, das Ihnen für jeden Buchstaben ein Goldstück hereinbringt." Anton sieht ihn

begeistert davonturnen, der unglückliche Mensch fuchtelt mit den Armen und redet halblaut vor sich hin, man vernimmt noch etwas vonunver- gänglicher Jugendblüte", dann verschwindet Kieselbach um die Ecke.

Der Doktor Wagenschanz bleibt mit vielen Sorgen zurück und seufzt hinter dem Taler her, den er soeben losgeworden ist, man besitzt von dieser blanken Ware erheblich geringere Vorräte, als von der Salbe Erotikon. Doch was bleibt übrig, was soll man sonst tun, Anton und Fabisch stellen sich hin und pressen die Creme in neue Tuben hinein, zehn Stück, fünfzig Stück, hundert Stück, man wird sie ja doch nicht los. Doktor Wagenschanz empfängt Besuch, der Händler Karczinsky sucht ihn auf, Oele und Fette en gros, dieser Mann hat di« Rohstoffe geliefert, die hier gemischt und duftend als ekler Brei in die Füllmaschine rinnen. Ein hundsgrober Kerl. Behält den steifen, fleckigen Hut im Genick und besieht mit verächtlichen Blicken den für die Dauer seiner Anwesenheit gänzlich stillgelegten Betrieb.Zahlung bis morgen mittag, ja?"

Anian sagt:Ich will's versuchen." _

Sonst sitzen am Montag die blauen Vögelchen auf Ihren Sachen. Zwei Finger an den Hut, ab. Anton möchte ihn erwürgen, Fi. würde ihm gern eine Ladung Erotikon ins Genick pfeffern.

D du lieber Gott, toi« soll das enden? Anton Wagenschanz hat einen guten Einfall gehabt und sich ohne Besinnen in dieser Richtung getrieben, nun reibt und wiegt und mischt und gießt er mit angstvoller Eil« seine Creme zusammen, aber seine Phantasie setzt gelegentlich aus, und, viel zu schwerfällig zu Bluff oder Betrug oder auch nur zu einem geschickten Lavieren, sieht er den Augenblick kommen, wo er trotz allem Fleiß elend liegen bleibt. Schon als es sich um die Frage nach neuen und wirklich originellen Inseraten handelte, saß er viele Stunden vor leeren Blättern, und es fiel ihm nichts ein.

Eigens des Inserats wegen kommt Elli am Nachmittag abermals zu ihm herausgefahren.Ich habe mir nämlich gedacht, übermorgen ist Zahltag, da haben die Frauen Geld und kaufen ein, darum fällte unsere Annonce übermorgen früh in der Zeitung stehen."

Kieselbach ist bis jetzt noch nicht gekommen, Elli. Aber auch wenn ich einen Text hätte, so fehlte mir doch das Geld."

Dann machen Sie Ihre Bude zu!"

Warum regen Sie sich auf, Elli?" meint Anton bekümmert.Es ist doch mein Fell und nicht Ihres, das mir nächstens über die Ohren gezogen wird." v

Auf der Heimfahrt mit dem schaukelnden Fahrrad denkt sie dar­über nach, weshalb sie sich eigentlich aufregt. Da hat irgend so ein Idiot einmal behauptet, die Frauen täten alles aus Liebe, aber nichts aus Liede zur Sache. Es ist nicht ganz fo idiotisch. Wo ist die Liebe geblieben? Elli erinnert sich wie an einen Traum, daß Anton vor langer Zeit in ihre Mansarde kam und sie flogen einander wie auf Kommando in die Arme. Als er anfing zu arbeiten, vergaß er sie.

Die Dämmerung fällt herein, längst nicht mehr dies« bedrückend schlei­chende Dämmerung des Winters, sie kommt sichtbar in dunkler Herrlich­keit aus dem Osten über einen violetten Himmel daher und löscht seine Strahlen aus. Uebermübet und hoffnungslos erscheint Anton unerwartet in der Küche feiner Mutter, fetzt sich schweigend an den zerwaschenen Holztisch, stützt die Schläfen in [eine Fäuste und überläßt sich den Grübe­leien. Zum erstenmal unternahm er aus eigenem Antrieb etwas von Wichtigkeit, nun kennt er den toten Punkt noch nicht, und die ersten bösen Hindernisfe scheinen ihm sogleich nicht zu bewältigen. Die Witwe Wagen- fchanz fragt nicht, sie kocht ihm Dampfnudeln, feine ßieblingsfpeife, aber sie macht ein böjes Gesicht dazu, verkniffen und feindlich. Habe ich es nicht von vornherein gesagt, behauptet ihr Gesicht, habe ich es nicht gleich gewußt, ein Schwindel war es von vorn bis hinten, eine ungediegene Tätigkeit, und nun soll ich dich wohl auch noch bedauern und trösten, wie? Es ist nur ein Glück, daß ich dir meine armseligen Spargroschen nicht gegeben habe, sonst könnte ich betteln gehen! Aber sie kocht ihm trotzdem noch eine zweite und dritte Portion, die er mit dem Hunger eines Ackerknechtes verschlingt, greulich anzusehen und schrecklich unfein, dazu hat er nun studiert. Nur ihre Augen wandern mit ihm, hin und her, sie sagt kein Wort, wie er eine Flasche Weinbrand aus ihrem Laden holt, die bösen Augen folgen ihm an den Küchenschrank, wie er die Lade herauszieht, den Korkzieher hervorholt und ihn zwischen den Knien ein« schraubt, pok! macht die Flasche, er gießt sich ein gehöriges Küchenglas voll, wünscht, er tränte Gift, und schüttet es in die Kehle, hem, eherrm, Gift würde natürlich nicht so gut schmecken.

Die Witwe Wagenschanz sieht ihm nachdenklich zu und rührt sich nicht.

Anton geht in seine Kammer. Nach einer Weile kommt feine Mutter ihm nach und findet ihn angekleidet schlafend auf seinem Bett, er hat wohl noch ein zweites Küchenglas voll Weinbrand getrunken. Vorsichtig zieht sie ihm die Schuhe aus, ohne daß er erwacht, breitet eine Decke über ihn und rafft die verschlissenen dunklen Vorhänge zusammen. Die Flasche nimmt sie mit, nickt kummervoll und genehmigt sich selber ein Trostgläschen.

Elli hantiert abends im engen Holzschuppen der Witwe Wagenschanz und putzt Antons Auto, das tut sie alle paar Tage. In eigenem Auftrag sozusagen. Früher dachte sie: .Vielleicht, wenn wir verlobt sind, machen wir eine wunderbare Autoreise' aber das denkt sie schon nicht mehr. Doch geputzt muß sein! Sie reibt Bohnerwachs aus die ohnehin spiegel­blanken Flächen und da sie noch nie etwas von Verchromung gehört hak, so hält sie ein scharfes Putzmittel für gerade gut genug, um die funkelnden Scheinwerfer äußerlich auf Strahlen zu halten. Sie verrichtet ihr Werk mit großer Begeisterung, als sei sie die Besitzerin dieses ge­heimnisvollen Kastens, unter dessen Haube die Rätsel unsrer schwierigen Zeit von Kundigen gelöst werden können. Irgend jemand muß sich doch um den Wagen kümmern, auch wenn dieser Jemand noch weniger davon versteht als der wirkliche Besitzer. Außerdem ist es fchön, ein Auto zu pflegen.

(Fortsetzung folgt.)

'verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Beklag: Drühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.