Ausgabe 
21.8.1933
 
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die ihre Netze trocknen ein Zug, der den Nordseebädern mit ihrem Wechsel von Ebbe und Flut fehlt.

Die westliche Ostsee ist mit ihrem Seegang und den zahlreichen guten Häsen das bevorzugte Gebiet des Segelsports, der seinen Höhepunkt in den berühmten Regatten derKieler Woche" sindet. Wo aber östlich Rügen die Ostsee sich mächtig erweitert, nimmt sie auch einen meerartigen Charakter an. Die vorherrschenden westlichen Winde bewirken, daß der Wellengang nach Osten hin mit zunehmendem Seeraum immer stärker wird wie mancher schon erfahren hat, der zu Schiff von Swinemünde nach Ostpreußen reiste. Wohl entfaltet Zoppot im Schutze der Halbinsel Hela noch einmal die ganze Anmut und Lieblichkeit, wie wir sie an der westlichen Ostseeküste antreffen. Aber die steile, durch Schluchten zer­rissene Bernsteinküste des Samlandes und die gewaltigen Wanderdünen der Kurischen Nehrung, dieserWüste am Meer", sind in ihrer eigen­artigen herben Schönheit und Größe unübertroffen. Und wenn der wilde Nordwest über die weite Fläche von Schweden her weht, steht vor der ostpreußischen Küste eine riesige Brandung, die der von Helgoland und Westerland nichts nachgibt.

Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird.

Roman von Malier Julius B l o e m (GDS.).

(Fortsetzung.)

Dabei ahnt sie kaum etwas von den Schwierigkeiten ihres Sohnes, weder von den materiellen, noch gar von den geistigen. Anton befand sich niemals in so arger Geldverlegenheit wie in diesen Wochen. Auf seinem Postscheckkonto tröpfeln die Zahlungen nur einzeln herein, er beschwich­tigt drängende Lieferanten, lebt wie ein Mönch, und er scheint, als habe er keine persönlichen Bedürfnisse. Doch die Hauptsache: daß er ausge­wacht ist aus seinem Winterschlaf, eine ahnungsvolle Unruhe hetzt ihn in immer früherem Morgengrauen von seinem harten Drahtbett, unter dem eiskalten Wasserstrahl im Hof der Farbenfabrik wäscht er sich, rührt den Schwengel, und das Kreischen dieser Pumpe weckt ihn vollends auf.Fang an" macht die Pumpe zwei Dutzend mal,faaang an!" Also fängt er an, während er jeder feuerpolizeilichen Vorschrift zum Trotz sich auf einem Spirituskocher feinen Kaffee zurechtmacht. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn Anton in feinem Lauf einfach liegenbleiben sollte. In einer ungewissen Angst erhöht er ständig sein Arbeitstempo, aber die Stapel der unverkauften Vorräte wachsen und deuten an, daß nun erst recht etwas nicht stimmt.

Bald daraus kommt der Konditor Fabisch, auch er von Tag zu Tag früher. Es ist eine heimliche Arbeit, es sott erst eine richtige werden, vorläufig bezieht er noch feine Unterstützung und gilt als erwerbslos. Fabisch steht mit entblößtem Oberkörper und mächtigen Schustern am Trog, man muß doch fleißig fein, dann kommt man vorwärts, so haben es die Ettern gesagt und der Pastor auf der Kanzel, und so hat man es in der Schule gelernt, warum geht es also nicht vorwärts mit den Kos­metischen Werken? Für den Äiechaniker Gambel ist meistens nichts zu tun, er kommt auch nur manchmal, sitzt herum, gähnt und läuft zu feinen Freunden in die Kneipe. Es ist Frühling geworden, denkt Gambel, sonst muß man um diese Zeit an der Maschine stehen, aber jetzt habe ich frei, und es eilt nicht mit der Arbeit.

Jeden Morgen flitzt Elli mit ihrem alten wackligen Fahrrad daher, und während Anton in feinen Kesseln und Bottichen rührt, klebt sie schöne bunte Etiketten auf die fertigen Tuben, packt die Kartons und unkt ein bißchen. Kein Zweifel, die Geschäfte schrumpfen schon wieder ein!Sie mühten 'mal wieder ein paar nette Inserate abschließen, Herr Doktor."

Wer pumpt mir das Geld dafür?"

Einen Haufen Briefe bringt Elli mit, die Doktor Wagenschanz zu ihrem Mißvergnügen unterschreiben soll.Da haben Sie nun studiert und die Gelehrsamkeit mit Löffeln gegessen, Kostenpunkt Nebensache, aber das geht ja bloß Ihre Mutter etwas an, dafür hat sie nun einen Doktor zum Sohn, und das ist ja auch recht schön, und ich tippe Ihnen die gediegensten Geschäftsbriefe, aber Sie ruinieren alles mit Ihrer Unterschrift."

Er grollt.Wieso?"

Ich war 'mal in einer Kohlengroßhandlung angestellt, daher weiß ich, wie so ein reicher Kaufmann unterschreibt. Sie haben ja eine Schrift wie ein Laufbursche."

Anton wirst einen Rührkolben in den metallenen Mörser, daß es klirrt, das verbittet er sich denn doch, derartige Vorschriften hat ihm niemand zu machen. Schließlich besichtigt er seine Unterschrift, es stimmt schon, wie ein Laufbursche! 'Aber wie soll man das ändern, in ihm schreiben seine Vorfahren mit, die kleinen Bauern, Krämer und Lands­knechte, und seine Schrift bekommt jeder mit auf die West wie feinen Fingerabdruck.

Elli führte dies Gespräch mit Vorbedacht, am Nachmittag kommt sie wieder und bringt den Kandidaten Kisselbach mit, der werde dem Herrn Doktor eine großartige Unterschrift verschaffen. Kieselbach erscheint in freundschaftlicher Haltung.Sieht man sich endlich mal wieder, Doktor, was macht denn deine Schönheitssal---"

Da geschieht etwas ganz Unerwartetes. Fabisch, der an der Füll- maschine arbeitete, stürzt zum Trog und greift eine Handvoll der fetten, nach Veilchen duftenden Creme heraus, bereit, sie gegen den Kandidaten zu schleudern, und Anton Wagenschanz bewaffnet sich mit einer herumstehenden Bierflasche,'raus mit Kieselbach", brüllen die beiden, Sie haben hier nichts zu suchen, hier wird etwas aufgebaut und nichts niedergequatfcht!"

Elli stellt sich schützend vor den Angegriffenen, besten dürrer Vogel- hals über sie hinausragt.Den habe ich mitgebracht, das ist ein ganz brauchbarer Mensch."

Davon merke ich nichts", wütet Anton gegen sie, daß ihr Herz sich 3irfammentrampft,es geht hier gewiß nicht gut, aber wenn diejre Bursche dabei ist, dann geht alles bestimmt schief."

verdanken die Nordseebäder Ihre überaus gleichmäßige, oft Wochen hin­durch nur ganz geringe Schwankungen zeigende Wasserwärme.

Ganz anders verhält sich die Ostsee. Von allen Seiten strömen ihr durch wasserreiche Flüsse große Sühwassermengen zu. Sie verursachen eine Erhöhung des Wasserspiegels und somit ein Gefälle zur Nordsee. Durch den Sund und die beiden Bette fließt das überschüssige Wasser ab, und die Ostsee wäre längst völlig ausgesüßt, wenn nicht am Boden der Meeresstraßen ein Gegenstrom von schweren, salzreichen Nordseewasser einbringen würde. Aber die Meeresstraßen zwischen den dänischen Inseln, sind so eng und seicht, daß sie fast ganz vom ausfließenden Strom des ialzarmen und daher leichten Ostseewassers eingenommen werden, wäh­rend für den salzigen Gegenstrom nur wenig Raum bleibt. Er genügt nicht, um der Ostsee einen auch nur annähernd so hohen Salzgehalt wie Den der Nordsee zu verschasfen. So findet man in der Kieler Bucht nur 15, bei Rügen nur 8 und an der ostpreußischen Küste nur 6 bis 7 Gramm Salz im Liter. Demgegenüber ist die Nordsee vier- bis fünfmal salz- reicher. Wo in der westlichen Ostsee, der sog. Bettsee, die Abnahme des Salzgehalts am raschesten vor sich geht, findet die stärkste Mischung beider Wasserarten statt. Man hat daher die Bettsee als die eigentliche Misch- pfanne bezeichnet, in der das Ostseewasser entsteht. Wie die vierteljähr- ichen Terminfahrten des ReichsforfchungsdampfersPoseidon" ergeben laben, bringt das schwere Nordseewasser schubweise keilförmig weit nach Dftfee und Norden vor, so daß am Boden der Ostsee ein höherer Salz­zehast herrscht als an der Oberfläche.

Die Salzarmut der Dftfee ist von ausschlaggebender Bedeutung für Pie klimatischen und biologischen Verhältnisse. Sie begünstigt im Winter sie Eisbildung, so daß gar nicht so selten große Teile der Ostsee zu- ttieren, was im Bottnischen Golf alljährlich der Fall ist. Sie verhindert ferner das Eindringen der Auster und der meisten Salzwasserfische in die Ostsee, die darum erheblich fischärmer ist als die Nordfee. Erreicht doch »er Gesamtertrag der Ostseefischerei nur ein Zwölftel desjenigen der siordsee, und der Ertrag nimmt ab, je weiter wir nach Osten gehen, je «Izärmer das Ostseewasser wird. Rein äußerlich unterscheidet es sich »am Nordseewasser ferner durch fein geringeres Schäumen. Wohl jeder, ler beide Meere bei stürmischem Wetter sah, wird bemerkt haben, daß in i>er Nordsee die Schaumbildung ungleich stärker ist.

Auch hinsichtlich der Temperaturverteilung steht die Ostsee in auf- älligem Gegensatz zur Nordsee. Ebbe und Flut fehlen fo gut wie ganz, mb auch der Seegang ist nicht stark genug für eine Durchmischung der Wassermassen bis zum Boden. Vielmehr ist meist eine deutliche Tem­peraturschichtung vorhanden. Im Sommer schwimmt hocherwärmtes srlz- irmes Wtsser von 1620 Grad über kaltem, salzarmem Unterwasser von iur 86 Grad. Diese scharfe Temperaturschichtung kann sich in den »stächen Küstengegenden, wo die Meerestiefen 50 Meter überschreiten, zu- veilen recht unangenehm bemerkbar machen, wenn nämlich durch kräftige »blanbige Winde das kalte Tiefenwasser emporgefaugt wird und un­mittelbar an die Küste tritt. In wenigen Stunden sinkt dann die Meeres- emperatur um zehn und mehr Grad, so daß auch die beherztesten Schwimmer sich nicht mehr in die Flut wagen. Glücklicherweise sind vlche Fälle selten. Auch längs der Küste treten, je nach der Windrichtung, manchmal staunenswerte Temperaturgegensätze auf. So herrschte im Mai 1931 bei 22 Grad Wasserwärme, Ostwind und Sonnenstrahlen in Zoppot inb Kahlberg bereits ein reges Badeleben, während gleichzeitig in Pillau * nur 11 Grad gemessen wurden und von einem Badeleben keine Rede mar. Solche enormen Temperaturunterschiede sind an der Nordsee un­bekannt. Durchschnittlich aber werden die deutschen Ostseebäber vor den chwedischen und auch vor den Nordseebädern durch etwas höhere Som­mertemperaturen begünstigt.

Grundsätzlich verschieden ist die Küstengestastung beider Meere. Haben mir auf der Fahrt nach den Nordfeebädern die eintönigen Moore und Heideflächen der Geest durchquert, fo gelangen wir in die grüne, von Kanälen durchzogene Marsch: auf fetten Wiefen weidet behäbig das Vieh. Un der salzigen Lust schmecken wir die unmittelbare Nähe des Meeres, 1 ach müssen wir erst den Seedeich ersteigen, um es zu sehen. Bei Ebbe tijroeift dann der Blick über die weiten graubraunen Flächen des Watts, pnes amphibischen Gebietes zwischen dem Festland und den fernen Inseln im Horizont. Dort erst beginnt die offene Nordsee. Sturmfluten von um i-heurer Gewalt haben den einst zusammenhängenden Dünenwall zer- ussen und in einzelne Inseln aufgelöst. Die Festlandküste ist aber fast ttirchweg künstlich vom Menschen geschaffen, der in hartem, Jahrhunderte währenden Kamps die fruchtbare Marsch dem übermächtigen Meere ab-

Sraubraun und trüb vom aufgewirbelten Schlick ist das Wasser des Wattenmeeres; klar und von herrlichem Grünblau die offene Nordsee. > Sme weiße Scheibe, die man ins Wasser senkt, verschwindet im Watten­meer bereits in kaum 1 Meter Tiefe, in der offenen Nordsee erst in 10 bis 5 Meter. Selbstverständlich liegen alle Nordseebäder von Weltruf auf ' en dem Wattenmeere vorgelagerten Inseln. Hier auch herrscht jene Rem- eit der Luft, jene Lichtfülle, jener kräftige salzige Seewind, der das Reizklima" der Nordsee ausmacht. Und vor allem der mächtige Wellen- chlag. Eine so hohe Nordseebrandung ist ein herrliches Naturschauspiel. Sn feierlichem Rhythmus rollen die fchaumgekrönten Wogen breit auf den otranb, und das Auge wird nicht müde, den ewig wechselnden Formen -er heranbraufenden und in sich zusammenbrechenden Wassermasfen zu ölgen.

Gegenüber der herben Größe und wilden Bewegung der Nordsee er- ch-int die westliche Ostsee fast wie ein anmutiges Stilleben. Auf den mgen Flächen zwischen den dänischen Inseln und der deutschen Küste rann sich kein großer öeegang entwickeln; alle Bewegungen erscheinen >er gemildert. Dafür aber find die Gestade der Ostsee mit einer ungleich Scheren landschaftlichen Schönheit bedacht. Schmale, tief in das Land ^greifende Förden und breite Buchten und Bodden, wech,eln mit kecken, Waldüberdeckten Vorsprüngen. Hell leuchtet das Gelb und Rot der Lehm- Wände und das Weiß der Kreidefelsen über der See, die auch In un­mittelbarer Nähe der Küste tiefe und fatte Farben zeigt. Malerische Dor- $r beleben die Ufer; am Strande liegen die schweren Boote der Fischer,