ganze Etage! Es sei im höchsten Vorstellung die Behörde von der
Blüchers kühnes Draufgängertum im Felde ist bekannt. Im Friedensdienst bewies er zähe und hartnäckige Energie. Bezeichnend hiersür ist ein kleines Erlebnis von ihm aus dem Jahre 1809. Er hatte damals die Stellung eines Generalgouverneurs der Provinz Pommern erhalten. Seinen Sitz sollte er in Stargard nehmen.
Es gab Schwierigkeiten mit der Wohnungsfrage. Vom Magistrat waren für ihn drei Zimmer in dem Haufe einer Frau von Wedell ange- wiejen worden. Blücher beschwert sich umgehend: Drei Zimmer waren für ihn zu wenig! Er verlangte die ganze Etage! Es fei im höchsten Grade verwunderlich, was für eine Vorstellung die Behörde von der Stellung eines Generalgouverneurs hätte, eines obersten militärischen Befehlshabers. Er erwarte fchleunigften Bescheid!
Die Regelung der Angelegenheit verzögert sich. Der General treibt zur Eile an. Er könne absolut nicht verstehen, warum er bisher auch nicht die geringste Antwort erhalten hätte. Es sei doch schon über eine Woche verstrichen! Er könne unmöglich glauben, daß der Magistrat die ganze Sache auf sich beruhen taffen wollte, wie es den Anschein hätte. Unverzüglich verlange er Entscheidung!
Vergeblich versucht der Bürgermeister, ihn hinzuhalten. Die Verhandlungen mit der widerstrebenden Wirtin seien noch nicht abgeschlossen. Er stellt Ansragen. Kurz angebunden, verweigert Blücher jegliche Antwort. Es sei ja allbekannt, daß er ein abgesagter Feind aller Weitläufigkeiten fei. 'Jtofolofes Hin- und Herfchreiben fei ihm verhaßt. Seine Entschiedenheit setzt sich durch. Er erhält die gewünschte Etage zugewiesen.
Sehr bald entstehen neue Schwierigkeiten. Frau von Wedell fordert nunmehr eine viel zu hohe Miete. Sie beruft sich darauf, daß zur Zeit der französifchen Besatzung noch viel mehr gezahlt worden sei. Da kommt sie bei Blücher falsch an. In der Rechnungssührung über seine Privatgelder war er manchmal, namentlich in den jüngeren Jahren, wenig knauserig. Wenn es aber galt, die Interessen des Staates zu wahren, war er der sparsamste Hausvater.
Er steift dem zögernden Magistrat das Rückgrat. Keinesfalls solle er auf die Forderung eingehen. Es fei ein großer Unterschied, ob französische Offiziere mit großem Anhang ins Quartier kämen oder deutsche, die lange nicht dieselben Ansprüche stellten. Außerdem hätten sich die Zeiten geändert. Jeder müsse sich bescheiden! Ueebrmähige Anforderungen an die Staatskaffe feien durchaus unangebracht. Wieder hat er Erfolg: Frau von Wedell begnügt sich mit einer beträchtlich herabgesetzten Summe.
Sie rächt sich aus seltsame Weise! Als Blücher eines Tages von einem
Ausritt zurückkehrt, erlebt er eine Überraschung: Ein Teil des Mobiliars ist verschwunden, so die Sessel und Kanapees. Es hieß, Frau von Wedell habe sie beiseite geschasst, sie wolle sie verkaufen. Die „Rot der Zeit zwinge sie dazu. Bei feiner bekannten Zuvorkommenheit Damen gegenüber verschmäht es Blücher auch jetzt, sich direkt mit feiner Wirtin auseinanderzufetzen. Roch einmal schreibt er an die Behörde. Der Mobel- verkaus müsie unter allen Umständen verhindert werden. Er verlange die sehlenden Stücke sosort zurück. Er denke nicht daran, auch nur auf eins zu verzichten. Vorsorglich fügt er Diesmal bei, es fei dies feine letzte Zuschrift. Er würde auf keine Nachfrage, welcher Art sie auch fei, antworten. Seine Energie erreicht ihr Ziel. Der in die Enge getriebene Magistrat verzichtet auf alle Weitläufigkeiten, findet einen eigenartigen Ausweg. Er geht auf den Vorschlag der Quartiergeberin ein und tauft ihr die zurückgehaltenen Stücke ab.
Es ist fraglich, ob Blücher noch von ’oiefer „Losung Kenntnis erlangt hat. Kurz darauf fiedelte er auf Anordnung des Königs nach Treptow an der Rega über. Dort im verwunschenen Schlosse gab es genügend Raum, Mobiliar und keine unbequeme Wirtin.
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Durch die Verlegung des Hauptquartiers von Stargard nach Treptow sollte es vor allem naher an den befestigten Platz Stolberg gebracht werden. Von dem hier entstehenden verschanzten Lager wurde der künftige Widerstand gegen Napoleon vorbereitet. Tagtäglich zur Mittagszeit traf die Stolberger Qrdonnanzpost ein, um die höchste Kommandostelle von allen Vorgängen zu Lande und zu Wasser zu unterrichten. Mit großem Eifer war Blücher bei der Sache. Oft ließ er es sich nicht nehmen, die Ordonnanz selbst abzupassen und die Dienstmappe selbst zu öffnen.
Dabei machte er eines Tages eine eigenartige Entdeckung. Die Mappe enthielt nur ein einziges kuvertiertes Schreiben. Zu spät merkte er, daß es gar nicht für ihn bestimmt war. Sein Sohn, der bei ihm Adjutantendienst versah, war der (Empfänger. Schon hatte er vom Inhalt Kenntnis genommen. Erstaunen, ja Entrüstung malte sich auf feinen Zügen! Der Absender, ein jüngerer Offizier, hatte Avaneementsschmerzen! Ganz jämmerlich waren bei der stark verminderten Truppe die Besorderungsaus- fichten. Ueber ein Jahrzehnt mußten die Leutnants bis zum „Premier" warten. So kam es vor, daß im Bedarfsfälle durch das Kabinett auf Vorschlag der kommandierenden Generale einzelne, besonders befähigte, außer der Reihe befördert wurden. Dies war der Wunsch des Bittstellers: Der Adjutant sollte bei seinem Vater ein gutes Wort für ihn einlegen. Er bäte dringend um „Protektion".
Nun ereilte den Unglücklichen das Geschick! Sofort diktierte Blücher eine Antwort, die jener nicht erwartet hatte. Wie er es wagen könne, noch einmal (eine „Demarche" zu wiederholen. Er fei doch schon mehrfach abgewiesen worden. Ihm sei längst be tonnt, daß die in Frage kommende Stelle einem triegsoermunbeten Offizier vorbehalten sei. Durch seine Hartnäckigkeit erreichte er nichts weiter als eine Verschlechterung, ja eine Zerstörung seiner „Conduite", zumal er sich nicht gescheut hätte, „krumme Wege" einzuschlagen. Jeder Mann von Taktgesühl müsse solches eoitieren. Ihm selber fehle jegliches Verständnis für derartig „traurige Ideen". Er I [ei ein „abgesagter Feind jeglicher Protektionswirtschast". — Für die Zukunst könne ihm daher nur geraten werden, gerade Wege zu wählen. Er hätte es ja auch mit einem „geraden Manne" zu tun, der in solchen Fällen, wenn er sie merke, immer genau den Gegenwunsch des „Supplikanten" erfülle. Dazu käme, daß das ganze Verfahren ein durchaus unpraktisches, ja geradezu törichtes wäre. Die Adjutanten hätten bei ihm „platterdings" auch nicht den geringsten Einfluß. Er achte daraus, daß sie weiter nichts täten als ihre Dienstgeschäfte.
Das an die Kommandantur gerichtete Schreiben endet mit der Stof« Iforöerung, über den Bittsteller ungesäumt eine Arreststrafe von 48 Stunden zu verhängen und eingehend zu melden, wie das Schreiben in die für ihn bestimmte Dienstmappe gekommen sei.
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Ein trauriges Kapitel aus der Zeit der Erniedrigung und Demütigung Preußens: Blücher kam an den Stolberger Schanzen zu Fall! Vergeblich hatte er den zögernden König bestürmt, endlich Ernst zu machen. Vergeblich hatte er versucht, von der Arbeitsstätte des „befestigten Lagers" französische Agenten und Spione fernzuhalten. Mehrfach wurden verdächtige Personen beobachtet. So meldet schon im Mai des Jahres 1811 der Stolberger Kommandant, daß er eine derartige Persönlichkeit aus dem Bereich der Festung verwiesen habe. Es war, wie er festgestellt hatte, der Adjutant des Stettiner Dbertommanbierenben, der sich heimlich und in Zivil eingefunben hatte.
Blücher ist mit dem Verhalten bes Kommandanten gar nicht einverstanden. Er hätte weiter gehen müssen. Der Ossizier durste nicht frei- gelassen, sondern mußte inhaftiert werden. Das hätte für alle Zukunft abschreckende Wirkung gehabt. Wer wüsse, was er inzwischen schon für Unheil angerichtet hätte. Wer könnte zudem dafür einstehen, daß der Betreffende nicht sehr bald und auf anderen Wegen wiederkommen würde. Wer könnte überhaupt wissen, ob er nicht schon genug gesehen hätte, als er erwischt wurde.
Mit seinen Befürchtungen hatte Blücher nur zu sehr recht. Sicherlich war Napoleon informiert worden. In Berlin wurde französischerfeits die Forderung erhoben, sofort die Arbeiten einzustellen und die daran Beschäftigten, als heimliche „Krümper" verdächtig, zu enllaffen. Blücher protestiert. Wochenlang wird hin und her geschrieben, bis endlich. Ansang September, der strikte Beseh! des Königs ergeht, Schluß zu machen. Allerdings war eine Klausel beigefügt, die Blücher wohl als heimlichen Wink ausfaßte: Die entlassenen Arbeiter sollten weiterhin zur Wegeverbesserung verwandt werden. Folge davon: Blücher veranlaßt gar nichts! Das war [ein Verhängnis! Die Franzosen haben dem verhaßten „Blü- quaire" niemals getraut! Auch diesmal nicht! In wenigen Tagen waren sie unterrichtet. Diesmal war der Schnüffler der Stettiner Konsul in höchsteigener Person. Er konnte schlecht zurückgewiesen werden, zumal er überraschend erschien. Er überzeugte sich, daß alles beim Alten geblieben sei, und daß noch mindestens 900 Mann tätig wären, die ruhig weiter „schanzten".
mit den weißen Binden übet der Kappe, d,e Ab,utanten und die Stab^ offnere von allen Seiten herangaloppiert kamen, da wußte ich mich irgendwo hinter den Offizw-en zu verstecken. In der Mitte stand der Erzherzog, die Herren nahmen alle die Starten zur Hand und ich horchte zu, obwohl ich von all dem nichts verstand. Als dann die lange Besprechung zu Ende war, fagte der italienische Militärattachö zum Erzherzog. „Das Terrain hier erinnert stark an Sizilien." . |
Wie ich mir beim Heimreiten bann alles genau ansah! Wie in Sizi- i lien, dachte ich bei jedem Bauernhof, wie in Sizilien, bei feder Straßen- pappel. Ach, es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte unter den niedrigen Pollauer Bergen dort drüben beinahe den Aetna entdeckt!
Lasten wir bas, Klaus! Jede Zeit hat ihre andern Ritter! Ich setz mich zu dir auf bas umgestürzte Schaukelpferb, wir fahreni in bie neue Seit beren Wafsenrock bie Lederjacken und deren Kavallerist der Ehauf- feur' ist. lleberall hin fahr ich mit dir, mein Sohn, nur nicht in den Drater, nicht zu den letzten Reitern, die wollen wir uns nicht ansehen. Durch Die langen Hauptalleen dort unten sind wir als Leutnants dahm- gejllckt, auf der Ameisenwiese sind wir über die Hindernisse gegangen, nicht dorthin, bas wollen wir uns ersparen. .
Leier bie Lenke nicht aus, halte b,ch sest, bie Fahrt geht rasch, bas Stopplicht hinten funkelt, es ist ein böses Stopplicht, bieses Auge eines gestürzten Pferbes. Aber ich hosse, bah niemanb in uns hmeinsahren wirb. Ich führe am liebsten in Gullivers Lanb, in jenes Reich, wo eble sßferbe über bie elenben Menschen herrschen unb diese elenden Yahoos als räudige Haustiere verachten. ...
Siehst du, solch ein Denkmal haben die pferbeliebenben Engländer diesen edlen Tieren gesetzt und so schon hat Swift über die Pferd« geschrieben, daß dies deines Vaters liebstes Kapitel ist. Aber dieses Land wird in einer Zeit, da man bie Mustangs ber Prärie mit Maschinengewehren abschiebt, wohl allzu weit abliegen, wir werben es nicht finden, es wirb genau fo wie Felix Arabia von der Karte verfchwunden fein.
Nun geht dein Motor, nun knattert er! Soviele kleine Explosionen, immer eine hinter ber anbern, bas oeränbert die Zeit, bas versagt Die
sßferDe, Das verändert bie Gefühle, das jagt, bas treibt, das läßt nicht
zur Ruhe kommen. m ., . .. .
Jetzt gibt es zwei Zeiten in ber Welt, eine ganz kleine, bie von ben
vielen Pikkolos in ben Stationen runb um uns herum ausgerufen wirb, in all ben vielen kleinen Sprachen, in all ben vielen roürgenben Grenzen. , Bier unb Würstel, bitte!" Und je enger Die Grenzen finD, je junger Die Länber, desto kriegerischer und wilder klingt dieser Ruf ans Ohr. Das ist bie Pserdezeit, mein Sohn, von der alles Schöne geschwunden unb alles Böse unb Lästige zurückgeblieben ist. Ja, unb bann gibt es noch eine anbere Zeit, eine tnatternbe, eine explobierenbe, eine, burch bie über uns bin die Flugzeuge ziehen, hoch oben über den Pikkolos, und das ist die Zeit in die 'wir fahren wollen. Dreh die Lenke, aber reiß den Schwanz nicht aus, laß bas Stopplicht leuchten unb sieh bich boch hin unb wieder einmal um. Zeig mir, wie man ein gestürztes Stecken- ober Schaukelpferd noch einmal ankurbelt, und dann fahren wir zwei dorthin, wohin es uns alle treibt, über die Grenzen hinaus, soweit wir sie tragen können — unb das ist weit, das kann sehr weit sein, wenn wir nur ordentlich fahren.
Allbekanntes vom „Marschall Vorwärts".
Nach Dokumenten des Geheimen Preußischen Staalsarchivs in Dahlem und des Provinzialarchivs in Stettin.
Von F. Wilke.


