Ausgabe 
21.8.1933
 
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Gießener KmnlienlMer

Unterhaltungrbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1953

Montag, öen 21. August

Nummer 64

Krage und Antwort.

Von Eduard M ö r i k e.

Fragst du mich, woher die bange Liebe mir zum Herzen kam, Und warum ich ihr nicht lange Schon den bittren Stachel nahm?

Sprich, warum mit Geisterschnelle Wohl der Wind die Flügel rührt, Und woher die süße Quelle Die verborgnen Wasser führt?

Banne du auf seine Fährte

Mir den Wind in vollem Lauf!

Halte mit der Zaubergerte Du die süßen Quellen auf!

Führung und Geleit.

Aus einem Lebensgedenkbuch von Hans C a r o s s a.

Eine Schar von Dichtern, die stets dem Geist volkstreuer Bodenständigkeit dienten und die nationale Wiedergeburt vor­bereiten halfen, haben sich zu einem Bekenntniswerk vereinigt, das von Heinz Kindermann unter dem TitelDes deutschen Dichters Sendung in der Gegen­wart" bei Philipp Reclam jun. in Leipzig herausgegeben und als wichtiges künstlerisches Zeugnis dieser Zeit seinen dauernden Wert bewahren wird. Vom siebzigjährigen Her­mann Stehr bis zur dreißigjährigen Ruth Schaumann nehmen hier die gestaltenden Geisteskümpfer unserer Tage Stellung zu den großen Problemen der kulturellen und schöpfe­rischen Erneuerung, die uns alle bedrängen. Aus diesem Chor, der sich hauptsächlich mit dem Amt und den Aufgaben des Dichters und der Dichtkunst im neuen Reich beschäftigt, ent­nehmen wir die folgende Erzählung von C a r o s s a.

In Tagen, wo ich es am wenigsten erwarten durfte, fand ich mich unversehens an die verworrenste, bedrängteste Zeit meiner früheren Jahre erinnert. Während eines Angriffs der englischen Artillerie war ich in dem nordfranzösischen Dorf Le Sar am linken Arm verwundet worden und erreichte nach weiten Umwegen gegen Mitternacht die Stadt Lestrem, wo mich eine überfüllte Lazarettstube aufnahm. Von Marsch und Blutverlust ermüdet, schlief ich augenblicklich ein. Als ich erwachte, war das Zimmer voll Sonnenlichts mein erster Blick fiel auf zwei Tote, die gerade hinaus- getragen wurden. In allen Betten lagen Schwerverletzte, viele bewußtlos. Ein Wärter brachte Brot und Büchsenfleisch; ich am offenen Fenster und sah in einen geräumigen Hof, der halb ein Garten war. Inmitten stand ein Lärchenbaum voll grüner Pinselchen; den Stamm umlief ein schmales Beet, von Veilchen blau. Ein braunlockiges Mädchen, eine große Puppe im Arm, fang im Aufundabgehen unaufhörlich:Ma poupee est de Nuremberg de Nuremberg de Nuremberg ..Ein zittriger, alterskrummer Franzose wankte der weitoffenen Tür eines Kabinettchens ZU, behutsam geführt von einem deutschen Infanteristen, dessen Waffenrock eine ganze Sammlung von Ordensbändchen, Tapferkeitsmedaillen und Verwundungsabzeichen trug. Die Art, wie dieser den Alten allmählich ans Ziel brachte und alle möglichen Liebesdienste an dem schlecht ge­launten Mann vollzog, war von einer versonnenen Gründlichkeit, wie sie vielleicht nur bei einem gewissen Schlag bayerischer Bauern vorkommt; mir gab die kleine Szene ein starkes Gefühl von der gelegentlichen Lie­benswürdigkeit des Daseins.

Ein junger Arzt nahm sich meiner an, zog einen Eisensplitter aus der Wunde, verband sie und sagte, es gehe schon in einer Stunde ein Kraft- Magen über Pont du Hem und Hallebarge nach Seclin; dort würde ich gewiß einen Lazarettzug erreichen und bald nach Deutschland kommen. Dankbar nahm ick) von der guten Gelegenheit Kenntnis, packte das wenige zusammen, was mir von meinem Gepäck verblieben war, und fand gerade noch einen Platz im Wagen Die Fahrt verlief in fiebriger Be­nommenheit, von der ich mich noch erinnere, daß mich etwas traumhaft zwang, die verendeten Pferde zu zählen, die am Straßenrand lagen; ich kam bis über siebzig. Zwei Tage früher hatten wir bei jedem Verwundeten einen Stab ober einen dünnen Ast in die Erde gesteckt und Taschentücher oder Mützen daran befestigt, um der nachrückenden Sanitätskompanie 2as Auffinden zu erleichtern. Diese Zeichen standen noch gespenstisch da und oort im srählingshellen Land, und während ich auch sie zu zählen be­gann,'stieg auf einmal, alles andere verdrängend, das Erlebnis des vor­

hergehenden Tages ins Bewußtsein: der plötzliche Drang, der mich ge­nötigt hatte, beifeite zu treten, bald darauf ein dumpfes, fast lautloses Schüttern des Bodens, das Gefühl eines leichten Schlages auf den Arm beim Zuknöpfen des Mantels, das Entsetzen bei der Rückkehr, als alle, mit denen ich mich soeben unterhalten, tot und sterbend umherlagen. Sanitätsfeldwebel Dehm, Gefährte und kluger, unermüdlicher Helfer in zahlreichen Schlachten, versuchte nach, seinen Blick auf mich zu sammeln; es war aber der Blick eines Wahnsinnigen. Eine Wunde sah ich nicht an ihm, merkte jedoch an seinem Wachsgesicht, daß er hinüberging. Haben Sie Schmerzen, Dehm", fragte ich, und er fchrie:Bitte gehor­samst, sterben." Um irgend etwas zu tun, wollte ich nun doch die Wunde suchen; aber Dehm schloß die Augen, seufzte noch einmal und verlosch. Dann kam das unschlüssige Dastehen unter lauter Hingestreckten, der aus­sichtslose Versuch, ein Heft mit Aufzeichnungen aus dem zerfetzten und verschütteten Gepäck hervorzugraben, und schließlich die lange Wande­rung nach Lestrem. Dabei begleitet mich ein halbbetäubtes Wissen um die strategische Vergeblichkeit der ganzen Aktion, das ich aber bald ab- schüttelte, indem ich mir sagte, daß ich von allem, was da vorging, eigent­lich nichts zu verstehen brauchte und ein Recht hätte, mich einfach auf die Heimkehr zu freuen.

In Seclin war es mein erstes, unseren braven Zahlmeister Voisin aufzusuchen, der meine Barschaft verwahrt hielt. Er schien bei meinem Anblick zu erschrecken und vergaß, mir die Hand zu geben; jemand hatte mich ihm als gefallen gemeldet, und eben war er dabei, Geld und ein­gelaufene Poft mit einem Kondolenzbrief nach München zu schicken. Auch Karl Bonfig, der Verpflegungsoffizier, erschien, äußerte feine Freude über meine Erhaltung und stattete mich mit Lebensmitteln für die Reise aus. Bewegten Herzens nahm ich Abschied von den beiden Männern, die uns feit Jahr und Tag im Westen wie im Osten tausend Sorgen ab­normen, ohne jemals ein Wesen daraus zu machen. Auf der Straße kam ich an dem Kiosk einer Feldbuchhandlung vorbei; hier fand ich zwischen derAlraune" von Ewers und demWunderkind" von Thomas Mann ein grau geheftetes Bändchen, das ich mit keinem anderen ver­wechseln konnte, die Aufzeichnungen Doktor Bürgers, in denen ich Er­lebnisse meiner erftflr ärztlichen Zeit mehr angedeutet als geschildert hatte Das Exemplar erhielt ich antiqu.arisch für ein paar Pfennige; es hatte keinen Leser stark gefesselt und war nicht einmal ganz ausgeschnitten; doch sah ich den Satz:Es gibt jetzt viele Felder der Ehre" scharf unter­strichen und mit zwei spitzen Fragezeichen versehen. Ich begann zu lesen, hörte aber gleich wieder auf; fo unerheblich und so sehr vergangen er­schienen mir die Sorgen und Beängstigungen der alten Zeit. Als ich aber bann in dem ungeheizten Lazarettzug die Briefe las, die mir Voisin eingehändigt hatte, da bestätigte sich's wieder einmal, daß uns das Leben an gewisse Dinge gern durch doppelte Zeichen erinnertem Widerhall auf meine wenigen Veröffentlichungen war bis dahin wohl ab und zu von einem Dichter, aber nie von anderen Lesern her zu mir gekommen, und so mußte es mich stark berühren, daß nun eine unbekannte Frau aus dem Rheinland sich zu dem Flucht-Monolog, den ich dem Doktor Bürger in den Mund gelegt, sehr herzlich äußerte, ja ihm eine seelische Genesung zu verdanken glaubte. Berühmte Schriftsteller sind wohl an Bezeugungen der Dankbarkeit gewöhnt; mir aber bedeutete dieser unverhoffte Zuruf etwas Außerordentliches, und nie hätte er mich empfänglicher finden können als auf jener Heimfahrt. Der tob war dicht vorbeigegangen, das Leben von nun an ein wahrhaft geschenktes. Wie sich's äußerlich ein­richten würde, falls mich der Krieg nicht etwa doch noch roegblies, das war leicht zu sogen: es konnte nicht viel anders werden, als es im Frie­den gewesen war. Ich würde wieder an Krankenbetten sitzen, über fremde Leiden Buch führen, Diagnosen und Prognosen stellen, Heilmittel ver­ordne», Zeugnisse verfassen, öfters nachts gerufen werden, von Zeit zu Zeit eine Urlaubsreife antreten und hie und da einmal ein paar Verse ober eine Seite Prosa schreiben. Die alte enge Form bes Daseins er­wartete mich; aber dies hatte nichts Bedrückendes mehr. Das Leben ließt nie zu den alten Ufern zurück, unb wenn ich auch künftig bas nämliche Geschäft betrieb, so konnte es boch nicht mehr bas nämliche be­brüten. Was mein dichterisches Bemühen anging, fo kannte ich mich nun genügend, um zu wissen, daß mir um so eher etwas geraten konnte, je williger ich mich dem allgemeinen Los der Menschen unterwarf, je weniger ich mir ein Ausnahmeschicksal wünschte. Dem ärztlichen Wesen wallte ich treu bleiben, und, falls ich etwas schriebe, mit der Sprache kaum anders umgeben als mit den Heilgiften, auf deren genaue Dosierung ich eingeübt war. Dabei spürte ich deutlich, daß irgend etwas in meiner Natur diesem frommen Porsatz immer heimlich widersprach; unb was weiß man auch am Enbe von sich selber? Gerabe im Alter, wenn ge­wisse Fundamente brüchig werden, kann es dem Künstler noch geschehen, daß tief von unten eine Dämonflamme heraufschlö.gt, die ihn auf ein­mal zwingt, anders zu leben, anders zu formen. Jetzt aber wollte ich mich, soweit es die Zeitläuste zuließen, vor allem des Lebens freuen ..."