feiner Mutter. Denn manchmal stieg Doktor Wagenschanz — war er überhaupt etwas anderes als die Ungelernten, denen er auch in Kleidung und Ausdruck immer mehr glich? — für Tage und Wochen aus seinem Sumpf heraus. Plötzlich büffelte er in feinen 6tubentenbud)ern, plötzlich kam ihm ein Einfall; er besorgte sich einige chemische Substanzen unb braute sich über der Gasflamme etwas zusammen. ,,3d) mußte eine Erfindung machen", sagte er zu Elli, „bann käme ich vorwärts."
Sie lächelte schlau, wiegte den Kopf hin unb her unb schlug vor, er möge ein Fleckwasser für sie erfinben, es würbe Frühling, sie muhte ein Kleidchen sauber machen, wollte aber bie Reinigungskosten sparen. Anton sah sie so merkwürdig an, sein Blick ging burch sie hinburch wie ein elektrischer Strom. Dann machte er sich auf ber Stelle über ein Fleckwasser her, bas nach einigen Tagen fertig war, recht brauchbar sogar, das Frühlingskleib sah nachher aus wie neu. In biefen Tagen streifte er die angewachsene Maske des Herumtreibers vollkommen ab, ging aufrecht unb mit funtelnben Augen, machte Fäuste, schrie: „Wir werben es schon kriegen^" unb entwarf alle möglichen Pläne. Das ganze Hans atmete auf.
Da kam eines' Nachmittags ber Kandidat Kiefelbach, streckte feinen Vogelkopf in bie Küche, schäkerte mit Elli, sagte der alten Wagenschanz etwas Schmeichelhaftes über ihr blühendes Aussehen, kaufte sich billige ^iqoi'ßttcn biß ct (oft? in bic ^iod'tQfdje schob, unb fyottß 2Inton jum 6lat. „Ein Fleckwasser hast du gemacht, Doktor? Fabrizieren willst bu's? Was soll's denn kosten?"
„So fünf Groschen die Flasche."
„Das ist billig." Kieselbach schlug mit schallendem Gelachter auf die Platte des Schänkentisches. „Zehn Pfennige verdienst du dabei bestimmt, und wenn du hunderttausend verkauft hast, dann kannst du deiner Mutter immerhin das Lehrgeld zurückgeben. Nee, mein Sohn, es ist nifcht mit dieser Zeit, auch du kommst nicht auf gegen die Platzhalter. ,Vingt millions de tropf Stimmt. Wir gehören leider dazu. Prost. Mach' die Klappe auf, mein Junge, damit die übrigen vierzig uns überschüssige zwanzig Millionen nicht verhungern lassen, weiterhin geht uns der Rummel nichts an."
„Und wie lange soll das dauern?"
„Geh mal in den Wald, Doktor, und laß es dir vom Kuckuck sagen. Nu mal endlich los, Karten her." Kieselbach nahm das schmutzige Paket- chen, seine unsteten Hände mischten die Blätter mit der Geschicklichkeit eines Akrobaten, und je zu drift mit Daumen unb Zeigefinger abgeschnellt, sausten die Karten daher. Der Elektrotechniker Gambel schob als Dritter seinen Stuhl herbei, der Konditor Fabisch lugte Anton als Kiebitz über die Schulter, und ernsthaft, mit angespanntem und nachdenklichem Gesicht, blickte ein jeder in den bunten Fächer seiner Karten. Anton erwischte, wahrscheinlich weil er so fleißig gearbeitet hatte, eine lange Glückssträhne, er gewann mehrere Spiele hintereinander, die diesmal um Geld gingen, weil Gambel ein paar Groschen übrig hatte, von einer Gelegenheitsarbeit her, hie und da ließ jemand einen schadhaften Steckkontakt von ihm ausbeffern. Doktor Wagenschanz geriet in eine wunderbare Laune, das sah man schon daran, wie er die Karten durch die Lust hieb. Es wurde spät. Diejenigen, die Geld hatten, stifteten eine Runde.
Anton stampfte mit schweren Beinen heim. Der Mann, ber ein Fleckwasser erfunben hatte, wurde wieder zu einer schäbigen Sage.
Aber Elli vergaß nicht, wie er ausfah in jenen tagen, sie erinnerte sich immer an seinen von unten kommenden wilden Blick. Ja, von unten, er stand im tiefsten Punkt, ein Gebirge auf den Schultern, das sollte er Schritt für Schritt hinaufstemmen. Es kam ihr abermals vor, als liebte sie ihn.
Sie sah ein paar Wochen zu, wie er nun von neuem erlosch.
„Sollte es nur nötig sein", dachte Elli, „ihm hie und da eine kleine Aufgabe aus seinem Berufsgebiet hinzuwerfen? Davon verstand er etwas, er tonnte daran aufflammen wie eine angesteckte Fackel. Ein kleiner Trick!" Nun besaß Elli leider keine besonderen Kenntnisse auf dem geheimnisvollen Gebiete der Chemie,nur was so im Hause vorkam. „Könnten Sie mir nicht vielleicht ein Mittel sagen, Herr Doktor, womit ich meine Möbel aufpolieren kann?" Bald darauf fängt er wieder an zu experimentieren, sein Stichwort ist gefallen, er tritt auf die Bühne und spielt mit Leidenschaft. Die alten Möbel seiner Mutter in den vollgestopften Zimmern kommen unerwartet zu neuem Glanz, um so mehr, als es ihm gelingt, eine wirklich brauchbare Flüssigkeit zusammenzustellen, mit der er die Türen und Möbel und sogar eine uralte Badewanne blitzsauber zu waschen unternimmt, er reibt und scheuert und ruft das ganze Haus zusammen in seiner „Lust am Weißen".
Die Witwe Wagenschanz slüstert mit Elli, das sei ja recht nett, aber sie habe ihren Sohn nicht Hausdiener studieren lassen. „Stören Sie ihn nicht", schlägt Elli vor, „so sängt er an."
Und so hört er wieder auf. Die quälende Bedeutungslosigkeit seines Tuns wird ihm bewußt. Beinah jeder seiner Kameraden unternimmt ähnliche Ausfalloersuche, die keine Arbeit geben, nur eine Beschäftigung für wenige Tage, und jeder kehrt wieder entmutigt zu den müßigen Zeiten zurück.
Elli kämpft zäh um Antons Seele. Sie gerät in Wut und fällt über den Kandidaten Kieselbach her, den sie einen faulen Kopf nennt, einen Leuteverderber, der von einem tüchtigen Mann wie Dr. Wagenfchanz lieber seine Finger lassen soll ... Nun sieht Anton sich gezwungen, seinen Freund zu verteidigen. Sie streiten sich mit haßerfüllten Ausdrücken. Elli geht in ihre Mansarde und meint. Sie liebt ihn!
Einige Tage später hat der kummervolle Ablauf der Zeit den Silbernen Sonntag herbeigebracht. Die Witwe Wagenfchanz beschließt, ins Städtchen zu gehen, sich den Markt und die Holzbuden zu betrachten und diese und jene Kleinigkeit für Weihnachten zu kaufen. Ihr Sohn liegt auf dem öofa und dost vor sich hin.
Sie hat kaum das Haus verlassen, alr ihr Sohn sich vom Sofa erhebt und die knarrende Treppe in die Mansarde hinaufschleicht. Jemand hat Elli Stoff für ein Winterkleid gebracht, so gibt es für sie etwas zu tun, und sie bekommt sogar mnchmal etwas dafür bezahlt. Ungewohnter Be
such' Anton steht im Türrahmen und starrt sie an, als ob er sich auf sie stürzen walle. Sie fühlt, gleich wird etwas geschehen, ja, es geschieht etwas, sie fliegen aufeinander zu wie zwei magnetische Metallstücke und halten sich umschlungen. „Du sollst mir nicht böse sein, Ellil"
„Ich bin dir doch gar nicht böse."
„Aber du verachtest mich!"
„Nein, nein! Du kannst doch nichts dafür." Dann fragt sie sich, wäh- rend sie sein ganzes Gesicht mit fiebrigen Küssen bedeckt: wohin soll das führen, was soll daraus werden als Unglück und Verwirrung?
„Elli, weißt du denn nicht, daß ich dich schon so lange —"
schon so lange —? Nun, was?" Sie flüstert mit geschlossenen Augen. „Gewußt hab' ich das übrigens nicht. Aber was soll das für einen Zweck haben?"
Anton versichert ihr, die Liebe habe niemals Zweck. Sie macht ihm höhnisch klar, daß die Frauen in dieser Hinsicht ganz anders denken. „Klar, mein Lieber, das liegt in der Natur der Sache, ihr denkt an ein paar angenehme Stunden, und mir haben vielleicht unser ganzes Leben die Last davon."
Anton darf sich in einen Sessel setzen und ihr zuschauen, bis sie Kaffee und Tassen hergerichtet hat. Zigaretten trägt er immer lose in der Rocktasche, eine Angewohnheit, auf die er stolz ist, weil er sie seinem Freunde Kieselbach abgesehen hat. „Können Sie denn keine Schachtel nehmen?" fährt sie ihn an, raucht aber selber. Und stellt fest: „Sie lieben mich also, Anton. Und was soll ich dabei tun?"
Auf diese Weise biegt das erwartete Schäferstündchen ab in einen Disput. Anton beteuert, die Jugend gehe vorbei, wenn dies alles noch lange andauere. „Und es wird noch lange dauern, es ist als ob es sich nie ändern kann. Aber ich habe doch ein Recht darauf, Elli, ein Mädchen wie Sie zu lieben."
Sie verzieht nur den Mund. „Und was für ein Recht habe ich dabei? Gar teins?"
„Das wollte ich damit ja nicht' sagen."
Dies zeitgemäße Liebespaar sitzt mit traurig niedergeschlagenen Augen beisammen. Anton wiederholt, was Elli weiß, daß er sich alle Mühe gegeben hat, eine Beschäftigung zu finden, aber für diese Zustände kann er doch nicht verantwortlich gemacht werden.
„Es ist alles so komisch umgekehrt mit uns", behauptet sie, „ich habe nichts Richtiges gelernt, bin nicht mal auf einer ordentlichen Handelsschule gewesen, da bin ich natürlich schon ganz zufrieden, wenn ich meine Unterstützung und sonst für die nächsten acht Tage zu leben habe. Und Sie sind dreizehn Jahre zur Schule gegangen und dann noch vier Jahre auf die Universität. Wir passen überhaupt nicht zusammen. Sie haben so furchtbar viel gelernt, daß Sie eigentlich im Handumdrehen einen Ausweg finden müßten. Und Sie könnten es ja! Das Fleckwasser und die Möbelpolitur hätte ich schließlich auch anderswo bekommen, wissen Sie, ich nähe den Leuten etwas dafür und kriege, was ich brauche. Sie find natürlich schlau genug, Herr Doktor, und haben sofort gemerkt, ich wollte Sie nur ein bißchen aufputschen. Aber was tun Sie? Sie schnauzen mich an und hören nur auf Ihren Freund Kieselbach, der Ihnen Ihre Talente vermiest." Anton hört ihr mit gesenkten Blicken zu und rührt den Löffel in seinem kalt und fade gewordenen Kaffee. „Und dann warten Sie", fährt Elli unerbittlich fort, „bis Ihre Mutter ausgegangen ist, und dann schleichen Sie herauf und machen mir eine Liebeserklärung. Sehr schön, ausgezeichnet."
In diesem peinlichen Augenblick rasselt ein Schlüssel unten in der Ladentür, die Schelle röchelt einen heiseren Warnlaut, Elli und Anton hören die schweren Füße der Witwe Wagenschanz durch die Grünkram- Handlung schlurfen. „Gehen Sie raus, gehen Sie raus", flüstert Elli aufgeregt. Anton ergreift ihre kleine Taschenlampe, die auf einer Kante liegt, und schiebt sich lautlos ourch die Tür.
Die Witwe Wagenschanz sucht drunten alle Zimmer ab nach ihrem Sohn, und soeben fängt zu ihren Häupten ein wildes Nähmaschinensurren an, ganz plötzlich, eine halbe Minute nachdem sie vom Weihnachtseinkauf heimkam. Das fällt ihr auf. Die besorgte Mutter findet Anton mit einer Taschenlampe beschäftigt, wie er unter dem Bodengerümpel angelegentlich sucht, jetzt in der Stockdunkelheit. Dazu der aufdringlich hörbare Eifer von Ellis Nähmaschine. „Hä? Was l),ast du denn da herumzukramen?"
Zu seinem Glück erwischt Anton irgendeinen alten Schmöker, sein schwarzes, ein wenig gelocktes Haar ringelt sich wirr und ungekämmt, immerhin, er hat [eine Ausrede und zieht trotzig mit [einem Buch ab.
Seine Mutter kommt leise schimpfend in die Küche und stellt für ihn und sich das Kaffeewasser auf den Herd. „Du hast doch wohl nichts mit Elli Hampel?"
„Nee, wieso?" Er blickt auf, im höchsten Grade erstaunt.
„Was für ein Buch hast du denn gesucht, Anton?"
„Hm, ja — es ist etwas — gewissermaßen beruflich Interessantes." Er blättert hin und her, es stellt sich heraus, daß er ein Kochbuch erwischt hat, wenigstens so etwas Aehnliches, Kochrezepte stehen auch darin, doch mehr für Krankenkost, und außerdem viele Angaben über heilende Wässer und Salben, Umschläge gegen Rheumatismus, Säfte gegen Fieber und Pflaster gegen Geschwüre.
Die Witwe Wagenschanz nimmt das zerlesene Buch mit den fleckigen Eselsohren. Diesen Schmöker will Anton plötzlich zu seinem Beruf brauchen? Sie wirft ihm verächtlich seinen Fund zurück, ein grauer Staub pufft zwischen den Fetzen des Deckels hervor.
Anton fitzt den ganzen Abend mit aufgestemmten Armen da, stiert in das 'Arzneibuch hinein, schreibt unleserliche Formeln auf kleine Zettel, die er wieder zerreißt, und fährt wütend in die Höhe, wenn feine Mutter sich neugierig erkundigt, was er da eigentlich treibt.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: 0r. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-'Luch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


