Srtef und ein Paket auf ihrem Tisch. „Bitte, Haven Sie die Güte, die beiliegenden Musterstücke und Werbe-Entwürfe zu begutachten und darüber zu entscheiden. Rückgabe per Eilboten. Sie wissen, Kieselbach trägt immer etwas zu dick auf. Das müssen Sie mildern. In der Hotelgarage steht der Wagen, ich ließ ihn von einem Mechaniker hinaufbringen. Da ich soeben ein Lieferauto angeschafft habe, benötige ich diesen Wagen nicht mehr. Die Papiere befinden sich in der Seitentasche vom Führersitz, sie lauten auf Ihren Namen. Wenn —" Aber dieses Wenn hat Anton Wagenschanz durchgestrichen, vielleicht wollte er schreiben: wenn Ihnen das nicht angenehm ist, so betrachten Sie die Karre als bis zum jüngsten Tage geliehen.
Rosemarie sitzt an ihrem Tisch, die Stiefel riechen nach Tran, der Schnee zerschmilzt zu kleinen Wasserlachen auf dem weißgescheuerten Tannenholz der Diele. Sie umgreift ihre Schultern und überlegt. Kein Entschluß, sie zerrt sich selber nach allen Richtungen ihrer Seele. Ohne Ergebnis. Dann greift sie nach dem Paket der Wagenschanz-Werke, es ist sehr eilig, sie entschnürt es und nimmt die einzelnen Stücke heraus. Da wäre also wieder etwas zu tun. Sie legt die schweren Skisachen ab und zieht einen Schlafanzug an, holt das Briefpapier von dem kleinen weiß- lackicrten Sekretär ihres Zimmers und arbeitet mehrere Stunden gewissenhaft, unter einem unüberwindlichen Zwang, der voller Lust ist. Sie läßt sich auf ihrem Zimmer servieren, sagt ihre Verabredungen ab, schickt bas fertige Paket noch am späten Abend durch einen Hotelpagen fort. Wann geht denn die nächste Post ins Tal? Morgen ganz früh? Dann hat Doktor Wagenschanz das Paket gegen drei Uhr nachmittags, bas genügt.
Am andern Morgen weiß sie, daß sie den Wagen nicht zurückgeben wird. Ob sie ihn heute nimmt oder in einigen Wochen, das bleibt sich gleich. Sie fährt damit, er ist mit Schneeketten ausgerüstet, quer über den Harz geht die Fahrt, Flügel durch eine glitzernde Unendlichkeit. Sie wird ihrem Schneeschnhkameraden untreu, wieder so eine kleine Verwandlung, sie kommt in einen neuen Kreis, hier geht die Rede nicht von Wachs, Firnschnee, Harsch, sondern von Schwingachse, Spritzusatz und Streit über die Qualität der Oele, Tourenzahlen. Wohl sitzt sie hier und nimmt an allem den gebührenden Anteil, aber immer noch nicht entschlossen, es fehlt eine rätselhafte Entscheidung.
Es scheint, daß Anton Wagenschanz einige Tage abwartete, wie sie sich verhielte. Wer hat ihm diese vorsichtige und unerbittliche Art beigebracht, um eine Frau zu werben? Am Tage vor dem Fest treffen Pakete von Kleibern ein, das Köstlichste, Gott weiß, wer ihm bet der Auswahl geholfen hat. Niemand, ihm half das Geld. Sie bedeckt ihre Augen und sitzt mitten wie in einem Spinnennetz. Aber sie beschließt, über nichts mehr nachzudenken und durch die Zeit zu taumeln, die Zeit weiß alles.
Jeden Tag mehrere Stunden Arbeit, von hier aus entscheidet Rosemarie wie an ihrem Tisch in der Fabrik, sie wählt, sichtet, ändert, sie erbittet die schönen vornehmen Briefformulare der Wagenschanz-Werke und diktiert der Hotelsekretärin täglich die nötige Post, gibt Muster in Auftrag. Dann fährt sie spazieren, immer den Wagen vollgepackt mit Gästen, man speist am anderen Ende des Harzes, kehrt zurück und tanzt bis in die Nacht. „Wissen Sie schon, Fräulein Neubolb, Anfang Januar steigt das. Harzrennen des Goslaer Automobilklubs." — „Interessant, bas muß man sich ansehen." — „Ansehen?" heißt es, „Mitmachen!" — Verrückt!
Die Nacht ist schlimm. Dann liegt sie und fragt sich, ob dies ihr Leben sei, geschaffen für sie, ein Schnitt mitten durch ihre Seele, die eine Hälfte ihrer Seele gehört in den Ascheneimer, aller Klang und alle Sehnsucht. Draußen fahrt der Wintersturm ums Haus und geigt eine ganze Fiedel voll Melodien.
Dann kommen Festtage, die unermüdlich bis zum Silvester dauern. Sie gibt viel Geld aus. Doktor Wagenschanz überweist Provisionen an sie, von Geschäften mit Händlern und Vertretern, die sie einmal bearbeitet hat, aber sie vermag nicht zu prüfen, ob die Zahlen stimmen oder ob sie viel zu hoch sind. Sie müßte zurückreisen und sich mit eigenen Augen überzeugen. An Doktor Wagcnschanz schrieb sie noch nicht eine Zeile, keinen Gruß, keinen Weihnachtswunsch, keinen Dank, nur geschäftlich und die Empfangsbestätigungen seiner Zahlungen. „Sehr geehrter Herr Doktor!" Also kommt er nicht selbst. ,Das ist sein Glück', denkt sie, ,dcnn wenn er plötzlich hier stünde, so müßte er riskieren, daß ich ihm den ganzen Kram vor die Füße werfe.
Allmählich macht es sie neugierig, daß er weder kommt, noch um ihre Rückkehr bittet. Amüsant! Er richtet sich offenbar darauf ein, daß sein Fräulein Reubolö hier oben im Harzhotel eine Art Büro aufmacht. Sie liest seine frostigen Geschäftsbriefe, ohne Anrede auf miserable deutsche Sitte, aber sie spürt ihn dahinter. Aus was wartet er eigentlich?
Schicht auf Schicht geht herunter, Rosemarie muß durch alle Stationen der Verödung hindurch. Sie lernt es, wie man Sektgläser an die Wand schleudert, daß die Scherben prasseln. Sie schlürft Cocktails aus langen Strohhalmen, eine Reihe junger Männer mag sich Hoffnungen auf diese schöne tolle Frau machen. Vergebliche, denn sie denkt nur an diesen einen Mann und hadert mit seiner Seele. Mit der seinigen —?
Ium Harzrennen meldet sie sich, mit diesem Wagen könnte man wirklich nichts Besseres anfangeii. Unter Pelz und Haube tritt jemand zu ihr, die Brille am k>alse. „Wir kennen uns doch, Fräulein Reubolö", sagt eine spöttische Stimme, „ich starte übrigens auch. Haven Sie meinen Namen nicht auf der Liste gesunden?"
NnvekannkeZ Gesicht in dieser Vermummung? „Ich habe mir die Startliste gar nicht angesehen, Herr Doktor Wehrhahn."
„Bis nachher also, Fräulein Reubolö. Ich bin gleich dran."
Sie wartet mit zugeriegeltem Sinn, bis die gelbe Fahne neben ihr nieöerschlägt: los! Jetzt endlich denkt man an gar nichts anderes. Sie läßt ihren im Schnee schleudernden Wagen rennen, was er nur hergibt. Herrlich, herrlich! Ihre Seele verwandelt sich in Stahl und Gummi, statt eines Herzens tickt ein rasendes Ventil in ihrer Brust. Oben kommt sie heil an, der junge Wehrhahn streckt ihr die Hand znm Glückwunsch entgegen. „Danke schön. Was für eine Zeit hab' ich denn gefahren? — Oh, mehr nicht?"
„Für einen Damenpreis langt es auf alle Fälle." '
Wehrhahn denkt vielleicht in seinem jugendlichen Sinn, daß er jetzt bessere Aussichten als je habe, ein wenig zu kiebitzen. Bei der Preisverteilung nachmittags in Goslar versteht er es, Rosemarie aus dem Kreis der andern herauszulotsen. Ein wunderschönes Klubheim mit vielen Räumen. Die beiden haben ein Tischchen für sich und führen ein überaus angeregtes Gespräch, bei dem sie sich die Köpfe heißreden. Der junge Wehrhahn steuerte einen neuen Wagen, Fabrikat seines Schwagers, Sieg in seiner Klasse, nun streitet er mit Rosemarie über die besten technischen Eigenschaften der Automobile, sie sind verschiedener Meinung über Treibstoffe und Kompressionen.
Dann kommt ihm in den Sinn: .Sitze ich hier eigentlich einer Frau gegenüber, einem jungen, schönen Weibe, und ich quatsche hier von technischen Einzelheiten? Wie war das', erinnert er sich, .mit dieser Frau bin ich doch früher verschiedentlich in Peter Schönleins Haus zusammengetrosfen, sie wählte ihren Gesprächspartner und erwartete von ihm, daß er sie von den höchsten Dingen zu unterhalten verstand, es durfte kein Plebejer im Smoking sein.'
Sonderbare Verwandlung.
Nun bemüht er sich, die Hintergründe zu wechseln, aber bas Feuer dieses Gesprächs füllt alsbald zusammen, sie öden sich an mit den Modebüchern dieses Jahres, sie unterhalten sich höflich — und plötzlich ohne jede Beziehung zueinander.
Nach einer Weile gibt Wehrhahn es achselzuckend auf und bringt Rosemarie vorsichtig wieder unter die Leute. Sie merkt es doch und stutzt, doch schon steht ein anderer neben ihr und zeigt ihr das Klubheim: .Wir sind sehr stolz darauf, hier unsere Spielzimmer, hier die Bücherei, hier haben wir sogar einen kleinen Musiksaal!'
In diesen Raum zwingt ein inneres Drängen sie zurück. Sie ist ganz allein. Klappt den Flügel auf und probiert ein paar Läufe, Griegs Eiskönig rvird daraus, Kleinigkeit, Kinderspiel für sie, Roseniarie. Die Töne springen wie geschliffene Metallkugeln, aber sie muß sich sagen: das ist zum Frieren kalt, meine Liebe, das ist eine elende abgehackte Stümperei. Flügel zu! Das Spiel ist aus.
Sie verabschiedet sich von niemand und fährt stürmend die Berge hinauf, fort in die Dunkelheit, durch die weiße, diamantenglitzernde Unendlichkeit der Wälder. In ihrem Hotelbett verfällt sie in ein entsetztes Weinen über sich — und — aber sie weiß es selber nicht, Frauen wissen nicht immer, warum sie meinen, und wenn sie einen Grund wissen, so ist er falsch.
Jedoch in aller Herrgottsfrühe steht sie mit gepackten Koffern in der Halle, läßt aufladen und verschwindet im Nebel der Täler. Punkt neun Uhr sitzt sie in den Wagenschanz-Werken an ihrem Arbeitstisch, ihr Ohr schlürft den Lärm der Maschinen, das Hin- und Hergehen in den Korridoren, Knistern des Packpapiers, Kistennageln und das Klappern der Schreihmaschinen, sie genießt diese Geräusche wie eine langentbehrte Musik.
Anton kommt zu ihr und hegrüßt sie mit gewohntem Händedruck, als ob sie keinen Tag weggewesen sei. „Ich möchte eine Besorgung mit Ihnen machen, eine halbe Stunde."
Unterwegs geht er neben ihr, die Hände tief versenkt in die Taschen seines Wintermantels. Der wenigstens ist neu. „Wir haben uns jetzt durchgebissen, Fräulein Reubolö. Daß heißt natürlich nicht, daß wir von jetzt ab die Daumen umeinander drehen, wie cs die Leute aus dem ästhetischen Paradies unter einem vollkommenen Siege verstehen. Der Druck läßt nicht eine Minute nach, aber nun üben w i r ihn aus. Jetzt beginnt die stillere Saison, aber wir haben laufende Bestellungen in guter Menge. Im Frühjahr wird die Holzbaracke durch einen modernen Glas- und Ziegelbau ersetzt. Die Verhandlungen mit dem Architekten bezüglich der Ausstattung werden Ihre nächste Aufgabe sein, Fräulein Neu- bold. Uebrigens sind wir da."
Ein kleiner Park streckt seine kahlen Winteräste in den nebelgrauen Himmel. Anton Wagenschanz zieht ein Schlüsselbund aus der Tasche und öffnet das geschmiedete Tor. „Treten Sie ein, bitte." Sein Blick kommt ein wenig von unten, wie in der ersten Zeit. Es geht sich schlecht auf dem gefrorenen Kies der Anfahrt, hinter der eine kleine Villa erscheint, modern mit übergroßen Fenstern, wer baute sie sich mit der Gewißheit des Glücks, wer mußte sie im Unglück hergeben?
Ein zweiter Schlüssel rasselt leise und öffnet die Haustür. Eine leere Diele, untadelig sauber. Rosemarie betritt mit gefesselter Seele die Zimmer des Erdgeschosses, durch dessen breite Fensterscheiben das Winterlicht hereinströmt. Kahl sehen diese Räume aus, die sich mit lebendigem Schicksal erfüllen sollen ... Aber man kann sich leicht vorstellen, wie hier ein Siubl binkommt, dort ein zierlicher Sekretär, ein Teetisch, hier ein Bild an die Wand, Blumen wachsen aus unsichtbaren Schalen ...
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