Jeder Buchstabe dieses Geheimwortes wird nun durch eine An- ' zahl von Vor- und Nückwärtsdrehungen der Rosette, ähnlich wie eine Telcphonnnmmer auf der Wählscheibe, gefunden. Sind alle Buchstaben gewählt, so ist das Schloß schon offen. Die kleinste Verrückung aber, und es ist wieder gesperrt.
Nichts ist diesem stählernen Bollwerk gewachsen. Hier versagt jedes Mittel oder Werkzeug, das menschlicher Geist mit Hilfe der modernsten technischen Errungenschaften erfinden könnte. Voll- kommen unmöglich ist es, sie erbrechen oder anbohren zu wollen: I jeder Bohrer müßte abspringen. Hier versagt auch das modernste Einbruchsmittel: die Sauerstofflasche. Auch genügt ein Hammerschlag, um einen Alarmapparat in Funktion zu sehen, der sofort das ganze Personal alarmiert und die Zugänge abspcrrt.
Trotz ihrem Niesengewicht und ihrer Größe schließt die Tür aber doch so genau, daß man stundenlang den Wasserstrahl einer Feuerspritze auf sie loslasscn könnte, ohne daß sich im Tresor- innern auch nur ein Tropfen zeigen würde. Die Innenwand der Tür ist nur durch eine starke Glasplatte abgeschlossen und läßt durch diese einen Einblick in den Mechanismus des Verschlusses und in das Getriebe des Riegelwerkes zu. Sternförmig greifen rundherum nach allen Richtungen die armdicken Riegelbolzen aus. In der Mitte aber gibt es ein Gewirr von Rädchen und Wellen, Stangen und Ketten, Bronze- und Messingtetlen: die überaus sinnreichen und komplizierten Schlösser.
Vielleicht noch besser ist für die Wände dieser unterirdischen Burg gesorgt, die auch die Panzcranlagen einer modernen Festung in den Schatten stellen. Neber drei Meter stark sind die Betonmauern. 1500 Tonnen Material wurden für sie allein benötigt, zwei normale Güterzüge, ungerechnet das Stahlmaterial an Panzerplatten, Traversen und Profileisen, das noch eingegossen ist. Undenkbar ein staylfressenöer Maulwurf, der sich da durchbeißcn könnte. Dieser Uebereinbrecher hätte auf seiner unterirdischen Puddclwanderung zwei noch schwerere Aufgaben zu lösen: zwischen den Wachgängen sich durchzugraben und das Netz der Sicherheits- Vorkehrungen zu durchbrechen. Wie ein Spinnennetz umgeben diese Sicherungsgänge das Heiligtum.
Ein System von Spiegeln ist so sinnreich angebracht, daß ein ' einziges Auge von jeder beliebigen Stelle aus den ganzen übrigen Raum einsehen kann. Auch in den Tresoren selbst sind solche optische Anordnungen. Um unterirdische Angriffe auszuschließen, hat man teilweise die Erfahrungen des Stellungskrieges ange- wcndet und Hör- und Abhorchapparate aufgestcllt. Sie registrieren jedes verdächtige Geräusch in genügend weitem Umkreis. Das elektrische Alarmnetz steht in Verbindung mit starken Läutewerken und kann von jedem beliebigen Punkte des Tresors oder dessen Umgebung angelassen werden oder bei Berührung auch automatisch losgehen. Jede Verletzung eines Drahtes oder das Durchschneiden eines einzigen würde sofort die Lärmapparate in Tätigkeit setzen. Außerdem sind die Kabel tief in den Beton verlegt. In den meisten Tresors ist nun für den Alarmfall die Möglichkeit vorgesehen, den Tresor automatisch mit Tränengas zu erfüllen oder ihn ringsumher unter Wasser zu setzen.
Nach einer eingehenden Besichtigung der Niesentür schreiten wir dann weiter durch die drei Meter lange Röhre in das Innere der größten Schatzkammer der Welt. Zuerst kommen noch ein weiterer Vorraum und eine andre Panzertür daran. Diese ist etwas weniger massiv, ist „nur" noch 50 Zentimeter dick und wiegt nur noch 20 Tonnen, kann also knapp auf einen amerikanischen großen Frachtwaggon verladen werden. Auch in ihrer rechteckigen Form kommt sie schon dem Modell näher, das man in Europa erzeugt.
Einen Schritt weiter, und wir stehen im Reiche des Goldes. Große grüne Stahlschränke auf allen Seiten, in denen die Bank ihre unermeßlichen Werte birgt. Nicht weniger als neun Milliarden Dollar an Gold — genug, um einen Großteil Europas damit aufzukaufcn. Noch einen Stock tiefer erst ist dann das Allerheiligste: Regale reihen sich an Regale, auf allen wirkliches, echtes Gold. In kleinen, handlichen Päckchen, von denen man zwei öder drei leicht in den Kleidern verschwinden lassen könnte. Das gesamte, nur auf einem einzigen Regal untergebrachte Gold repräsentiert 70 Millionen Dollar! Wie fasziniert ist das Auge von dem gleißenden Metall. Schnell geht es noch durch andre Abteilungen des Tresors, immer wieder werden andre Panzertttren passiert, wieder andre Stahlschränke reihen sich an — Gold, Gold und wieder Gold, gemünzt und ungemünzt, auch Noten und Wertpapiere.
Nachdem wir uns endlich durch diesen Palast des Goldes durch- gezwängt haben, werfen wir noch einen Blick in die oberirdischen Räume der Bank. Alle die 14 Stockwerke vibrieren unter der Arbeit, die das Geld verursacht. Wenn es hier auch nicht bares Geld ist, sondern an seine Stelle Ziffern und Papiere getreten sind. Hinter schweren, dreifachen Gittern sitzen die Kassierer in den Schalterräumen. Wenn man auch hier keine Panzer und keine Schwerbewaffneten sieht, geschützt sind auch die Kassierer gegen Neberfälle jeder Art. Bei einem plötzlichen Ueberfall bleiben dem Angestellten bei erhobenen Händen doch die Füße zur Verfügung. Mit einem schnellen Tritt auf einen Hebel kann er einen Alarmapparat in Aktion setzen. In der gleichen Sekunde schließen sich schon alle Türen in der Bank, ebenso automatisch die Schalter, Schreibtischpulte und Panzerkassetten. Tränengas füllt alle Raume. Daß nachher die Angestellten der Bank weinen müssen, statt über den guten Fang zu frohlocken, ist die Kehrseite dieser Tear gas- Methode. . „
Ein kurzer Besuch gilt bann noch dem unterirdischen Panzer- großbahnhof. Geld und Gold muß manchmal auch fernen Aufbe
wahrungsort wechseln. Für sicheren Transport sorgen eigene Panzerautos. Ihre rote Farbe macht sie in den Straßen Neuyorks schon von weitem kenntlich. Aus einem Turmaufsatz lugt die Mündung eines Maschinengewehrs. Schießscharten sind auf allen Seiten vorgesehen. Starke Stahlpanzer schützen das innere, in dem mehrere Schwerbewaffnete die Schätze begleiten. Um eine ruhige Abfertigung dieser Geldtransporte zu gewährleisten, hat man unterirdische Befestigungen angelegt. Angesichts dieser Galerien mit Maschinengewehrständen, Gewehrläufen und gepanzerten Rampen ist jeder überzeugt, daß hier kein Ueberfall von Erfolg begleitet sein kann.
Der Mann, der mit dieser Zeit fertig wird.
Roman von Walter Julius V l o e m tGDS.j.
(Schluß.»
In einem Hotel im Harz taucht eine junge Dame auf. Tiefer Winter über den Höhen bis in die Täler hinab. Die ferne Ebene Thüringens liegt im Dunst des Tauwetters. Die junge Dame ist hierher geflohen. Ohne Urlaub. Und ohne Begleitung. Sie möchte keinen Menschen sehen. An Sportgeräten besitzt sie nur einen Knotcnstock, gut zum Wandern. Sie will durch die Wälder marschieren, mit ihrem Stock den Schnee von tiefhängenden Tannenästen herunierklopfen und zusehen, wie es weiß rieselt.
Tief atmen will sie.
Man muß zu einem Entschluß kommen. Gibt es noch eine Umkehr, oder ist innerlich schon über das ganze Leben entschieden? Sie gönnt dem Doktor Wagenschanz seinen Sieg, an dem sie mit allen Fibern teilgenommen hat. Wer kann sich wehren gegen diesen Mann, der den Sieg hofft und den Untergang nicht fürchtet. Mit einem solchen Mann marschiert es sich gut, er fragt nicht und entscheidet über den Weg. Trotzdem, es marschiert sich mit ihm. Aber wenn er daran denkt, daß eine Frau an seiner Seite gehen soll, im gleichen Schritt und Tritt, dann dürfte er sich nicht so fürchterlich enthüllen. Arbeiter, die ihn im Unglück verließen, kamen mit abgezogener Mütze zu ihm, empfingen ihren Restlohn und baten um Wiedereinstellung. Die armen Menschen. Es waren eingearbeitete Leute, die er eigentlich dringend brauchte. Er schickt sie heim. Ihre Frauen kommen mit Kindern, die an ihren Rockschößen hängen. Er läßt sie nicht vor. Nein, protzig ist Anton Wagenschanz nicht, er blufft mit seinem Auto und einem modischen Anzug, wenn es nötig ist, nun ist es nicht mehr nötig, nun scheint sein alter Arbeitsrock ihm wieder gut genug.
Der Reihe nach bitten Elli, Rosemarie und endlich seine alte Mutter für die abgewiesenen Leute. Er gibt keine Antwort mehr und stellt fremde Leute ein, zwei Schichten, die Arbeit raucht, die Maschinen stampfen, die Versandabteilung verschickt ihre Ware in großen Kisten. Nur eine einzige Ausnahme macht er: Fabisch nimmt er wieder auf, den „Konditor", den Mann aus der Elendskameradschaft.
Mit den Lieferanten seiner Vaterstadt will er nichts mehr zu tun haben, nun kommen sie und bieten ihm Rohstoffe und langes Ziel, soviel er will, magnetisch zieht der Erfolg sie herbei und das obsiegende Gesetz im Gehirn. Aber Doktor Wagenschanz sieht sich nach anderen Geschäftsverbindungen um und läßt sich von auswärts beliefern. Geht genau so gut.
Jetzt veranstaltet er eine Treibjagd auf die Wechsel und Schuldscheine des Oelhändlers Karczinsky, der ihn in Untersuchungshaft bringen wollte.
Niemand kann Doktor Wagenschanz hemmen im Guten oder im Bösen. Mit diesem Mann mögen Männer marschieren. Keine Frau.
Demnach marschiert Rosemarie Neubold allein durch die verschneiten Wälder und versucht sich zurechtzufinden, große Suche nach sich selbst. Man ist doch nicht wehrlos. Man muß doch da nicht einfach mitmachen.
Nach einigen Tagen werden Pakete für sie abgegeben: Schneeschuhe, Stiefel und ein blauer Skianzug, der ihr wie angegoffen sitzt. Woher kennt Doktor Wagenschanz ihre Maße — aber er wird sich bei Elli erkundigt haben, und eine Adresse läßt sich schließlich auch in Erfahrung bringen.
Oh, wie gut. Es gibt eine Rosemarie in vielfacher Gestalt, lauter Schichten übereinander, welche ist die richtige? Sie kann gut Skilaufen, unzählige Jahre scheint es her zu sein, eine ganz andere Rosemarie lernte es damals, ihre Zöpfe flogen im scharfen Eiswind. Aber die Winde waren damals nur ein Frühlingslüftchen. Sie bekommt den Dreh und Schwung in der ersten Stunde von neuem in die Glieder, eine Art Wiedergeburt, herrlich. Sie übt und stemmt an den Schneehängen, purzelt hin und biegt in gewandten Bögen um die jämmerlichen Anfänger herum, die steif und mit krampshaft vorgestreckten Stöcken an den Hängen hinunterschaukeln. Es wird nichts aus dem notwendigen Alleinsein, Rosemaries Schneeschuhe reißen eine stäubende Bahn, jemand prallt mit ihr zusammen, pardauz, — „oh, entschuldigen Sie vielmals, mein Fräulein, hab ich Ihnen wehgetan?" — „Keine Spur!" Der ungeschickte Mensch erweist sich dann als ein vorzüglicher Läufer, so wird's eingefädelt, wie? Halb zürnt sie ihm, halb freut sie sich auf die Brockenabfahrt, die sich wie von selber vorschlägt, das Natürlichste von der Welt in dieser Gegend.
Tanz am Abend, Rosemarie mitten in einem Kreis übermütiger Jugend, die Gesichter dunkelbraun, daß die Zähne hervorleuchten. Kameradschaftlicher Verkehrston. Wieder eine Schicht geht ab, wir sind jung, vor uns liegen die unbegrenzten Möglichkeiten, wir werden uns auf keinen Fall irgendwo festlegen.
Sie kommt steifgefroren vom Brocken heruntergeglitten, wirft die Schneeschuhe über die Schulter und stapft in ihr Hotel. Ein


