Ausgabe 
20.11.1933
 
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toie^ener Samilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang ^933 Montag, den 20. November Nummer 90

An Selma Lagerlöf.

Von Otto S t ö ß l.

Jede Fülle klingt aus jeder Nähe:

Erblcben GotteSgesang.

Dieses Einfachste weißt du:

Schwer ist's, Mensch sein!

Du hörst, wie das Dunkle nach Licht ruft, Du siehst, ivte die Sonne

Nach den Schattenkliifteu verlangt.

Zwischen Tiefen und Höhn

Trägst du, singenden Fluges

Die Botschaft,

Lerche, dein Silberton

Wirft dem Glanz des Himmels Ruf und Blüte der Erde zurück, Sehnsucht und Antwort.

Selma toqcrlöf.

Rnm 75. Geburtstage der schwedische» Dichterin am 20. November.

Von Elle it K c y.

Mißtrauisch gegen alles Preisgekrönte gestimmt und ohne im übrigen ein Wort iibcr das Buch gehört zu haben, fielen mir die »icr inIdun" veröffentlichten Kapitel vonGösta Berling" in die Hände. Die Berauschung, in die sie mich verstzten, ivar so «roß, daß weder das Buch als Ganzes noch die folgenden Werke pe übertreffen konnten. Das leider abgedroschene, hier nnentbehr liehe Wort Offenbarung ist das einzige, daö diesen ersten Ein druck schildert, tu dem die Begeisterung iibcr daS Unbekannte sich mit der Freude über das Ersehnte verband. Und jede,neue Be- Iegnung mitGösta Berling" hat diese» ersten Eindruck nur be- ärkt, der in all seiner Ursprünglichkeit wiederkam, als ich mit dem Ruche im Ränzel eine Fußwanderung nm die heiligen t>rte am Löwensee unternahm.

MitGösta Berling" bekam nicht nur Schweden, sondern die Niiwelt ihre größte Dichterin; mit diesem Buche ist Selma Lager lös in die Weltliteratur eingetreten, mit ihm wird sie fbr am längsten angehörcn. Für nus Schweden bleibt es eine mentbchrliche Quellenschrift iibcr unser Wesen. Schon allein aus diesem Grunde Selma Lagerlös mag uns so viele große Werke Wie immer schenken, wirdGösta Berling" für alle Zeiten der zur Krone Geborene unter seinen Brüdern bleiben. Er hat alle tziößten Eigenschaften Selma Lagerlöfs im reichsten Maße; hier sind auch die Schwächen nur ein Netz mehr; einen Fehler, den man übers Herz brächte, fortzuwünschen, gibt es hier nicht.

Alles wäre verloren, wenn hier eine einzelne Persönlichkeit Ihruorträtc, die ihre inneren Erlebnisse deuten oder ihre äußeren schildern wollte; wenn wir dein modernen Menschen mit seinen Kämpfen und Fragen begegneten. Selma Lagerlös hat sich selbst nicht, weil der Geist sie hat, der Geist, der in der Odyssee und I« der Edda, in der Tiersabel und dem Volksmärchen, in der tilgende und der isländischen Sage, im Heldenlied nnü im Hirten« Kiflcn lebt. Wenn sie bewußt «ach etwas greift, austatt nur ihre Hände füllen zn lassen, dann ergeht es ihr wie den Kindern im Märchen, denen sich die goldenen Blätter, die sie in der Welt der Eisen gepflückt, in Asche verwandelten. Der Paradiesesbrunnen str Liebe, die Perlstickerei der Erzühlungsknnst, das Flügelpaav ier Phantasie regenbogenschimmernd wie Fra Filippo Lippis Engel all dies ist ihr gegeben.

Inspiration ist ein anderes der abgebrauchten Worte, die nn «Übchrlich sind, um Selma Lagerlöfs Dichtung zu charakterisieren, fhtürlid) kann sie schreiben, mit einer kindlichen Handschrift »id «mit hört ja von ihren Manuskripten sprechen. Aber man nimmt das nicht en st, nicht einmal, wenn sie selbst in einer Schil ieritno die auch ein schönes Gedicht wurde die Mühen Reichtet, unter denenGösta Berling" entstand. Der Begriff der (Inspiration ist von ihrem Schaffen ebenso nntrennbar wie von iem Bell m anS, dessen Handschriften man ja unglaublicher io<ife auch besitztI Und wie sehr die Eigenart der Zeit, das Ge­flechte und der Veranlagung sie im übrigen trennt; wie ver Weben die Welt ist, die sich in BellmanS trunkenem Ange und in E'lma Lagerlöfs liefern Blick spiegelt; die Kindergläubigkeit und llninittelbarkett, das naturgcbunbenc Schwcdcntum haben sie mit «niander gemein. Der Erdgeist hat im selben Grade durch beide Wioirft; Europa und der Kultur verdanken sie wenig, der Natur » der Volksseele um so mehr. Keiner wollte in der Dichtung Höft ein Redender sein. Und so wurden sic beide Schwedens iliiene Stimme.

Aus Bellinau kann es jedoch niemauden einsallen, das dritte für Selma Lagerlös so ost gebrauchte und doch unersetzliche Wort von der Sehergabe anzuwenden. Denn nichts bezeichnet besser ihre Macht insofern man von diesem Begriff die Deutung der Zukunft ablöst und die Bedeutung ans das Sehen liegt. Nicht als die ans dem Innern des Tempels von dem Dreifuß im Taumel sprechende Pythia schaut sie. Sondern als eine christliche Wala mit hellwachen Blicken, klar vom Lichte der Innern Wärme, zwischen den Wogen der Staat und den Stämmen der Föhren dahin- schreitend, über daö Heidekraut der Wiesen und durch die Blüten- gtocken des Hains. Feinhörig für das Rauschen aus dem Meere der Ewigkeit wie für das Flüstern des Grases, leiht sie Mond und Sternen, Wolken und Seen, den Tieren der Wildnis und den Kräutern des Gartens sprechende Zungen; ihr enihüllt der Bär sein verwundetes Herz, und dem erfrorenen Vogel bereitet sie ein Nest in ihrer Hand.

Geht sie über Land, da hat sie ein Ohr für den festen Takt des Dreschflegels und des Wcbstuhls, ebenso wie für SpielmannS- meifen nnd für Glvckenklang, da hat sie Blick für den Tanz der Funken ans dem Schornstein der Heime und das Spiel der Kinder am Herd, wie für den Schatten, in dein der Arme schreitet, nnd das Licht, in dein das Glückskind schwebt; sie hat Tränen für die Trostlosen, Lächeln für die Fröhlichen, Schauer für die Geister- stunde.

Wie in der Bildersprache der heiligen Brigitta wird auch in der Selma Lagerlöf die mittelfchwedische Natur und das Arbetis- leben mit jener Klarheit wiedergegeben, wie sie daö Gepräge einer Seele nur durch KindhettSerlebnisfe erhält. Aber während Bri­gittas Bilder mir bei Vergleichen stehen bleiben, wird für Selma Lagerlöfs Phantasie wie für die der Romantik die Natur mit den Gefühlen und Borstellungen der Menschen beseelt.

Die Lebenösrömmigkeit ist mit einem Wort Selma Lagerlöfs größte Eigenschaft. Sie kennt nicht die Lebenöberauschnitg, die durch das Blut strömt, wenn der persöultche Lebenödnrst durch die Fülle des Lebens gestillt wird, wohl aber die Frömmigkeit, die In noch höherem Grade Weisheit und Milde gibt und fast ebensoviel Mut und Freude. Diese Frömmigkeit hat ihren Aus­druck in einem viele hundert Jahre alten Heldenlied aus den Färöinseln gefunden ein unbebauter Boden, der für Selma Lagerlös fruchtbarer wäre als der Palästinas nämlich in dem Kehrreim: spielet lieblich aus Erden, niemand spielt unter der Erde!

Lieblich spielen, das bedeutet für Selma Lagerlöf alö frohe und gute Kinder unter Gvtteö Augen spielen, getrost in dem Glanbcu, batz der Schmerz seinen Tag währt, aber die Freude ewiglich; tapfer in der Zuversicht, daß das Böse nicht unsterblich ist wie daö Gute, mit einem Wort die große Zuversicht des Helden­alters, der Vvlkösage und der Kindheit.

Selma Lagerlöfs Dichtung ist ein Land, wo Milch und Honig fließt. Auch der große Schmerz und die große Sünde stehen da wie hohe, dunkle, wunderliche Blumen, ans denen die summenden Bienenschwärme des Märchensinns Süßigkeit in schweren, gold klaren Tropfen fangen. Diese Tropsen sind die großen Augen­blicke der Seele. Sie sieht, wie sich dasEwtgketcswesen" bildet denn sie teilt den Glauben des Morgenländers, daß ein ein­ziger kleiner Teil des Knochengerüstes der Vergänglichkeit Wider­stand leistet nnd daß sich um diesen der nitvergängliche Leib des Menschen ansbant. Die große SchicksalSstunde kann hn Lächeln wie im Ernst kommen, in einem Traum wie in einer Tat, als Sehnsucht oder alö Opferwille. Aber wie immer ist die Weihe- stnnde, wo die Seele die Last der Erde oder des Ichs abschüttelt, das große Wunder, um das die Sage und Legende sich einst kristal lifierte. Die Sinnbilder, die die Hellenen Hermes den Seelen­führer durch den Hades gaben, füllten den Gedanken zu der Mahnung an Ehristi Apostel, auf der Wanderung durch dieArglist dieser Welt einfältig zu fein wie die Tauben und klug wie öle Schlangen. Durch die Macht der Einfalt und die List der Liebe ist auch Selma Lagerlöf eine Seelenführerin geworden. Aber nicht durch daö Reich der Schatten, noch weniger durch die Arglist der Welt, sondern durch daö Reich der Wesenllichkeits.

*

Eine Sage erzählt, daß, wer in der Weihnachtsnacht mit kind­lichem Sinn über den geheimsten Pfad des Waldeö geht, dort den ewig grünen Baum des Lebens finden tvird, filbcrivclft von Blüten, goldgelb von Früchten, blitzend von Sternenlicht. Die meisten finden diesen Pfad nicht und müssen fid, dämm mit dem Bilde des Lebensbaumeö begnügen, den uns das Weihnachlösest gibt. Aber Selma Lagerlöf Hal mit feligkeitstrunkenen Augen und gefalteten Händen vor dem Baume selbst gestanden, vom Licht der heiligen Nacht umflossen.