Ausgabe 
20.3.1933
 
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baß er endlich als da? leibhafte Ebenbild des Grafen dastanb. Unversehens hing die Musik in eine rasche, mutige Werse über, der Mann wickelte seine Siebensachen in den alten Mantel und warf das Pack weit über die Kopfe der Anwesenden hinweg in die Tiefe des Saales, als wollte er slchcwlg von seiner Vergangenheit trennen. Hierauf beging er al- stolzer Weltmann in stattliche» Tanzschritten den Kreis, hier und da sich vor den Anwesenden huldreich verbeugend, bis er vor das Brautpaar gelangte. Plötzlich faßte er den Pole», ungeheuer überrascht, fest ins Auge, stand alö eine Säule vor ihm still, während gleichzeitig wie auf Verabredung die Musik aufhorte und eine fürchterliche Stille wie ein stummer Blitz emfiel.

Ei ei ei ei!" rief er mit weithin vernehmlicher Stimme und reckte den"Arm gegen den Unglücklichen aus,sieh da den Bruder Schlesier, den Wasserpolacken! Der mir aus der Arbeit gelaufen ist, weil er wegen einer kleinen Gefchüstsschwankung glaubte, es sei zu Ende mit rmr. Nun, es freut mich, daß es Ihnen so lustig geht und Sie hier so fröhliche Fastnacht halten! Stehen Sie in Arbeit zu Golbach?" . ..

Zugleich gab er dem bleich und lächelnd dasltzenden Grafensohn ine Hand, welche dieser willenlos ergriff wie eine feurige Eifenstange, wahrend der Dovpelgänger rief:Kommt, Freunde, seht hier unsern sanften Schne^ dergesellen, der wie ein Raphael aussieht und unsern Dlenstmagden, auch der Pfarrerstochter so wohl gefiel, die freilich ein bißchen übergeschnappt ist I

Nun kamen die Seldwyler Leute alle herbei und drängten sich um Strapinski und seinen ehemaligen Meister, indem sie ersterem treuherzig die Hand schüttelten, daß er auf seinem Stuhle schwankte und Merke. Gleichzeitig setzte die Musik wieder ein mit einem lebhaften Marsch; die Seldwyler, ioroie sie an dem Brautpaar vorüber waren, ordneten sich zum Abzüge und marschierten unter Abjingung eines wohl einstudierten diaboli­schen Lachchores aus dem Saale, während die Goldacher, unter welchen Böhm die Erklärung des Mirakels blitzschnell zu verbreiten gewußt hatte, durcheinander liefen und sich mit den Seldwylern kreuzten, so daß es einen großen Tumult gab.

Als dieser sich endlich legte, war auch der Saal beinahe leer; wenige Leute standen an den Wänden und flüsterten verlegen untereinander; ein paar junge Damen hielten sich in einiger Entfernung von Nettchen, iinschlüsstg, ob sie sich derselben nähern sollten oder nicht. ,

Das Paar aber saß unbeweglich auf seinen Stühlen gleich einem steiner­nen ägyptischen Königspaar, ganz still und einsam; man glaubte den unab­sehbaren glühenden Wüstensand zu fühlen.

Nettchen, weiß wie ein Marmor, wendete das Gesicht langsam nach ihrem Bräutigam und sah ihn seltsam von der Seite an.

Da stand er langsam aus und ging mit schweren Schritten hinweg, die Augen auf den Boden gerichtet, während große Tränen aus den­

selben fielen. , ~

Er ging durch die Goldacher und Seldwyler, welche die Treppen be­deckten, hindurch wie ein Toter, der sich gespenstisch von einem Jahrmarkt stiehlt, und sie ließen ihn seltsamerweise auch wie einen solchen passieren, indem sie ihm still auswichen, ohne zu lachen oder harte Worte nachzurufen. Er ging auch zwischen den zur Abfahrt gerüsteten Schlitten und Pferden von Goldach hindurch, indessen die Seldwyler sich in ihrem Quartiere erst noch recht belustigten, und er wanbeite halb unbewußt, nur in der Meinung, nicht mehr nach Goldach zurückzukommen, dieselbe Straße gegen Seldwyla hin, auf ivelcher er vor einigen Monaten hergewandert war. Bald verschwand er in der Dunkelheit des Waldes, durch welchen sich die Straße zog. Er war barhäuptig, beim seine Polenmütze war int Fenstergesimse des Tanzsaales liegen geblieben nebst den Handschuhen, und so schritt er denn gesenkten Hauptes und die frierenden Hände unter die gekreuzten Arme bergend vorwärts, während seine Gedanken sich allmählich sammelten und zu einigem Erkennen gelangten. Das erste deutliche Gefühl, dessen er inne wurde, war dasjenige einer ungeheuren Schande, gleich wie wenn er ein wirklicher Mann von Rang und Ansehen gewesen und nun infam geworden wäre durch Hereinbrechen irgendeines verhängnisvollen Unglückes. Dann löste sich dieses Gefühl aber auf in eine Art Bewußtsein erlittenen Unrechtes; er hatte sich bis zu seinem glorreichen Einzug in die verwünschte Stadt nie ein Vergehen zuschulden kommen lassen; soweit seine Gedanken in die Kindheit zurückreichten, war ihm nicht erinnerlich, daß er je wegen einer Lüge oder einer Täuschung gestraft oder gescholten worden wäre, und nun war er ein Betrüger geworden dadurch, daß die Torheit der Welt ihn in einem unbewachten und sozusagen wehrlosen Augenblicke überfallen und ihn zu ihrem Spielgeselleu gemacht hatte. Er tarn sich wie ein Kind vor, welches ein anderes boshaftes Kind überredet hat, von einem Altäre den Kelch zu stehlen; er haßte und verachtete sich jetzt, aber er weinte auch Über sich und seine unglückliche Verirrung.

Wenn ein Fürst Land und Leute nimmt, wenn ein Priester die Lehre seiner Kirche ohne Ueberzeugung verkündet, aber die Güter seiner Pfründe mit Würde verzehrt; wenn ein dünkelvoller Lehrer die Ehren und Vorteile eines hohen Lehreramtes inuehat und genießt, ohne von der Höhe seiner Wissenschaft den mindesten Begriff zu haben und derselben auch nur den kleinsten Vorschub zu leisten; wen» ein Künstler ohne Tugend, mit leicht­fertigem Tun und leerer Gaukelei sich in Mode bringt und Brot und Ruhm der wahren Arbeit vorwegstiehlt: oder wenn ein. Schwindler, der einen große» rkaufmanusiiamen geerbt oder erschlichen hat, durch seine Torheiten und Gewissenlosigkeiten Tausende um ihre Ersparnisse und Notpfennige bringt, !o weinen alle diese nicht über sich, sondern erfreuen sich ihres Wohl­seins und bleiben nicht einen Abend ohne ausheiternde Gesellschaft und gute Freunde.

Unser Schneider aber weinte bitterlich über sich, b. h. er fing solches plötzlich an, als nun seine Gedanken an der schweren Kette, an der sie hingen, unversehens zu der verlassenen Braut zurückkehrten und sich aus Scham vor der Unsichtbaren zur Erde krümmten. Das Unglück und die Erniedrigung zeigten ilnn mit einem Helle» Strahle das verlorene Glück und machten aus dem unklar verliebte» Irrgänger einen verstoßenen Liebenden. Er streckte die Arme gegen die kalt glänzenden Sterne empor und taumelte mehr als er ging, auf seiner Straße dahin, stand wieder still und schüttelte de» Kopf, als plötzlich ein roter Schein ben Schnee um ihn her erreichte und zugleich Scheltenklang und Gelächter ertönte. Es waren bie Selbwyler,

welche mit Fackeln nach Haufe fuhren. Schon näherten sich ihm die erste» Pferbe mit ihren Nasen; da raffte er sich auf, tat einen gewaltigen Sprung über ben Straßenraub unb duckte sich unter die vordersten Stämme des Waldes. Der tolle Zug fuhr vorbei und verhallte endlich in der dunklen Ferne, ohne daß der Flüchtling bemerkt worden war; dieser aber, nachdem er eine gute Weile reglos gelauscht hatte, von der Kälte wie von den erst genossenen feurigen Getränken und seiner gramvollen Dummheit über­mannt, streckte unvermerkt seine Glieder aus unb schlief ein auf dem knistern­den Schnee, während ein eiskalter Hauch von Olten heranzuwehen begann.

Inzwischen erhob auch Nettchen sich von ihrem einsamen Sitze. Sw hatte dem abziehenden Geliebten gewissermaßen aufmerksam nachgeschaut, saß länger als eine Stunde unbeweglich da und stand bann auf, inbem sie bitterlich zu weinen begann und ratlos nach der Türe ging. Zwei Freun­dinnen gesellten sich nun zu ihr mit zweifelhaft tröstenden Worten; sie bat dieselben, ihr Mantel, Tücher, Hut und dergleichen zu verschaffen, in welche Dinge fie sich sodann stumm verhüllte, die Augen mit dem Schleier heftig trocknend. Da man aber, wenn man weint, fast immer zugleich auch die Naie schneuzen muß, so sah sie sich d,ch genötigt, das Taschentuch zu nehmen und tat einen tüchtigen Schneuz, worauf sie stolz und zornig um sich blickte. In dieses Blicken hinein geriet Melchior Böhni, der sich ihr freundlich, demütig und lächelnd näherte und ihr die Notwendigkeit barftellte, nunmehr einen Führer unb Begleiter nach bem väterlichen Hause zurückzuhaben. Den Teich Bethesda, sagte er, werde er hier im Gasthaufe zurücklasfen unb dafür bie Fortuna mit der verehrten Unglücklichen sicher nach Goldach hingeleiten. , L _ ,

Ohne zu antworten ging fie festen Schrittes voran nach bem Hofe, wo bet Schlitten mit ben ungebutoigen wohlgefütterten Pferben bereit stand, einer der letzten, welche dort waren. Sie nahm rasch darin Platz, ergriff das Leitseil und die Peitsche, und während der achtlose Böhni, mit glücklicher Geschäftigkeit sich gebärdend, dem Stallknecht, der die Pferde gehalten, das Trinkgeld hervorfuchte, trieb sie unversehens die Pferde an und fuhr auf bie Landstraße hinaus in starken Sätzen, welche sich bald in einen anhaltenden munteren Galopp verwandelten. Und zwar ging es nicht nach der Heimat, sondern auf der Seldwyler Straße hin. Erst als das leichtbeschwingte Fahrzeug schon bem Blicke entschwunden war, ent­deckte Herr Böhni das Ereignis unb lief in ber Richtung-gegen Goldach mit Ho ho! unb Haltrufen, sprang bann zurück und jagte mit seinem eigenen Schlitten der entflohenen ober nach feiner Meinung bnrch bie Pferde entführten Schonen »ach, bis er am Tore der aufgeregten Stabt anlangte, in welcher bas Aergernis bereits alle Zungen beschäftigte.

Warum Nettchen jenen Weg eingeschlagen, ob in ber Verwirrung ober mit Vorsatz, ist nicht sicher zu berichten. Zwei llmftänbe mögen hier em leises Licht gewähren. Einmal lagen sonberbarerweise bie Pelzmütze unb bie Hanbschuhe Strapiuskis, welche auf bem Fenstersimse hinter bem Sitze des Paares gelegen hatten, nun im Schlitten ber Fortuna neben Nettchen; wann unb wie sie biese Gegenstänbe ergriffen, hatte niemanb beachtet unb fie selbst wußte es nicht: es war wie im Schlafwanbel geschehen. Sie wußte jetzt noch nicht, baß Mütze unb Hanbschuhe neben ihr lagen, ©obann sagte sie mehr als einmal laut vor sich hin:Ich muß noch zwei Worte mit ihm sprechen, nur zwei Worte l"

Diese beiben Tatsachen scheinen zu beweisen, baß nicht ganz ber Zufall bie feurigen Pferbe lenkte. Auch war es seltsam, als bie Fortuna in bie Walbstraße gelangte, in welche jetzt ber helle Vollmonb hineinschien, wie Nettchen ben Lauf ber Pferbe mäßigte unb bie Zügel fester anzog, so baß bieselben beinahe nur im Schritt einhertanzten, währenb bie Lenkerin bie traurigen, aber bennoch scharfen Augen gespannt auf ben Weg heftete, ohne links unb rechts ben geringsten auffälligen Gegenstanb außer acht zu lassen.

Unb boch war gleichzeitig ihre Seele wie in tiefer, schwerer, unglück­licher Vergessenheit befangen; was finb Glück unb Leben! von was hangen sie ab? Was sinb wir selbst, baß wir wegen einer lächerlichen Fastnachtslüge glücklich ober unglücklich werben? Was haben wir verschulbet, wenn wir bnrch eine fröhliche, gläubige Zuneigung Schmach unb Hoffnungslosigkeit einernten? Wer (enbet uns solche einfältige Truggestalten, bie zerstörend in unser Schicksal eingreifen, während fie sich selbst daran auflösen, wie schwache Seifenblasen?

Solche mehr geträumte als gedachte Fragen umfingen die Seele Nettchens, als ihre Augen sich plötzlich auf einen länglichen dunklen Gegen­stand richteten, welcher zur Seite der Straße sich vom mondbeglänzten Schnee abhob. Es war der lang hingestreckte Wenzel, dessen dunkles Haar sich mit bem Schatten ber Bäume vermischte, währenb fein schlanker Körper beutlich im Lichte lag.

Nettchen hielt unwillkürlich bie Pferbe an, womit eine tiefe Stille über ben Walb kam. Sie starrte uuverwaubt »ach bem bunflcn Körper, bis derselbe sich ihrem hellsehenden Auge fast unverkennbar barftellte unb sie leise bie Zügel feftbanb, ausstieg, bie Pferde einen Augenblick beruhigend streichelte unb sich hierauf ber Erscheinung vorsichtig, lautlos näherte.

Ja, er war es. Der bunfelgrüne Samt seines Rockes »ahm sich selbst auf bem nächtlichen Schnee fchön unb ebel aus: bet schlanke Leib unb bie . geschmeibigen ©liebet, wohl geschnürt unb bctleibet, alles sagte »och in ber Erstattung, am Ranbe bes Unterganges, im Berlorensein: Kleiber machen Leute!

Als sich bie einsame Schone nähet über ihn hinbeugte unb ihn ganz sichet erkannte, sah sie auch sogleich bie Gefahr, in bet sein Leben schwebte, unb fürchtete, er mochte bereits erfroren sei». Sie ergriff bähet unbebenklich eine feiner Hänbe, bie kalt unb fühllos schien. Alles anbete vetgessenb rüttelte sie ben Aetmsten unb rief ihm seinen Taufnamen ins Ohr:Wenzel! Wenzel!" Umsonst, er rührte sich nicht, sonbetn atmete nur schwach unb traurig. Da fiel sie über ihn her, fuhr mit ber Hanb über sein Gesicht, unb gab ihm in bet Beängstigung Nasenstüber auf bie erbleichte Nasenspitze. Dann nahm sie, hietbutch auf eitfim guten Gebauten gebracht, Hänbe voll Schnee unb rieb ihm bie Nase unb bas Gesicht unb auch bie Finger tüchtig, soviel sie vermochte unb bis sich bet glücklich Unglückliche erholte, erwachte unb langsam feine Gestalt in bie Hohe richtete. (Schluß folgt.)

kLetanta örtlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Der lag: Drühl'scheUniversitäts-Duch-und Steiudruckerei, R. Lange, Gießen.