Ausgabe 
20.3.1933
 
Einzelbild herunterladen

Aesung und sah dabei harmlos so eine Art Wurzel vor sich Kegen. Ahnungslos schwamm er daraus los und landete mitten im Rachen eines Junghechtes. Ja, diese Bestien hatten schon eine infame Art, sich unsichtbar zu machen. Blau wehrte sich mit allen Kräften, denn es ist schließlich das Unangenehmste, was einem Jungfifch passieren kann: im Maule eines Hechtes zu liegen, mit dem Kopf auf dem Schwanz feines noch lebenden, kurz vorher geschlagenen Vorgängers.

Was zuviel ist, ist zuviel. Wenn man gar zu voll ist, liebt man keine Schere­reien. Blau der Junge, Gesunde, Kräftige machte dem fetten Hecht zuviel Umstände. Er konnte ihn nicht recht halten und ließ ihn wieder fahren. Mit blutenden Riffen kehrte Blau von diesem denkwürdigen Ausflug in die Hei­mat zurück. Dort in der vertrauten, sicheren Umgebung war es wohl am besten, seine Wunden verheilen zu lassen.

Es ging ihm jedoch nicht anders als jedem, der einmal die große Welt gesehen hat. Bald wurde er wieder unruhig er mußte wieder hinaus. In einem Seitenarm des Flusses tras er mehrere Artgenossen, er blieb bei den Erfahrenen und lernte von ihnen schneller, als er es je selbst vermocht hätte, das große ABC der Karpfen.

Die Sonne lag auf den damvfenden Wassern, das Rudel buddelte im Schlamm des Altwassers, in dem man die Nacht verbracht hatte. Aesend trieb Blau dahin. Es hätte ihm längst auffallen müssen, daß er so gänzlich ungestört äste, daß niemand Anstalten ihm zu folgen machte, ja, daß vielmehr alles im Tiefen verschwunden war.

Tie beiden grauen Hölzer dort am Rande der Weiden, Blau? Er sieht sie nicht. Der Boden hier ist wirklich äußerst nahrhaft. Blau wird erst stutzig, als er einer versvrengten, dicht ins Kraut gedrückten Rotfeder ansichtig wird. Warum tut die bloß fo ängstlich? Es ist doch gar nichts los? Da! Schatten, Stich, Stoß! Alles blitzschnell, rasend, ehe man überlegen oder begreifen kann. Blau fühlt einen scharfen Stich im Nacken er wirst sich instinktiv unter den schützenden Ueberhang der Weiden, fühlt zwei-, dreimal die spitzen Stilette der Reiher nach ihm stoßen und gewinnt endlich matt und elend die nächste Verkantung im Tiefen. Blutend wühlt er sich ein. Hier können ihn die Waffen seiner Feinde nicht mehr erreichen. Wieder einmal hat er bei­spiellos Glück gehabt. Jetzt weiß er aber, daß man auch über Wasser auf Dinge zu achten hat, die unsichtbar find; daß die größten Gefahren meist die sind, die man nicht sieht oder hört.

An dieser Verwundung litt Blau lange, bis tief in den Herbst hinein. In der schlimmsten Zeit hielt er sich gut verborgen; gar zu leicht wäre er so die Beute eines Raubfisches geworden. Nachts suchte er gutströmendes Wasser auf, das feine -Wunde durchfpülte, so daß sich keine gefährlichen Wundpilze bilden konnten. Tie Verletzung hatte ihm zwar arg zugesetzt, aber trotz alledem kam der jetzt 3roeijömmert$e gut durch den Winter. Es hatte sich wieder einmal deutlich gezeigt, daß ihm das Schicksal wohlgeson- nen war.

Kieider machen Leute.

Novelle von Gottfried Keller.

(Fortsetzung.)

Bald faßen beide Gesellschaften, jegliche auf ihrem Stockwerke, an den gedeckten Tafeln und gaben sich fröhlichen Gesprächen und Scherzreden hm, in Erwartung weiterer Freuden.

Die kündigten sich denn auch für die Goldacher an, als sie paarweise in den Tanzsaal hinüberschritten und dort die Musiker schon ihre ©eigen stimmten. Wie nun aber alles im Kreise stand und sich zum Rechen ordnen wollte, erschien eine Gesandtschaft der Seldwyler, welche das frenndnachba^ siche Gesuch und Anerbieten vortrug, den Herren und Frauen von Golbach einen Besuch abstatten zu dürfen und ihnen zum Ergötzen einen Schautanz aiifzuführen. Dieses Anerbieten konnte nicht wohl zurückgewiesen werden; auch versprach man sich von den lustigen Seldwylern einen tüchtigen Spaß und fetzte fich daher nach 'bet Anordnung der besagten Gesandtschaft m einem großen Halbring, in beffen Mitte Strapinski und Nettchen glänzten gleich fürstlichen Sternen.

Nun traten allmählich jene besagten Schneidergruppen nacheinander em. Jede führte in zierlichem Gebärdenfpiel den SatzLeute machen Kleider und beffen Umkehrung durch, indem sie erst mit Emsigkeit irgend em statt­liches Kleidungsstück, einen Fürfienmantel, Priestettalar und dergleichen anzufertigen schien und sodann eine dürftige Person damit bekleidete, welche urplötzlich umgewandelt sich in höchstem Ansehen aufrichtete und nach dem Tafte der Musik feierlich einherging. Auch die Tierfabel wurde in diesem Sinne in Szene gesetzt, da eine gewaltige Krähe.erschien, die sich mit Pfaufedern schmückte und quakend umherhüpfte, em Wolf, der sich einen Schafspelz zurecht schneiderte, schließlich ein Esel, der eine furcht- bäte Löwenhaut von Werg trug und sich heroisch damit drapierte, rote mit einem Karbonarimantel.

Alle die so erschienen, traten nach vollbrachter Darstellung zurück und machten allmählich so den Halbkreis der Goldacher zu einem weiten Nina von Zuschauern, dessen innerer Raum endlich leer ward. In diesem Augenblicke ging die Musik in eine wehmütig ernste Weise über und zugleich beschritt eine letzte Erscheinung den Kreis, dessen Augen sämtlich auf sie gerichtet waren. Es war ein schlanker junger Mann m dunklem Mantel, dunkeln schönen Haaren und mit einer polnischen Mütze; es war memano anders als der Graf Sttapinski, wie er an jenem Novembettag auf der Straße gewandert und den verhängnisvollen Wagen bestiegen hatte.

Die ganze Versammlung blickte lautlos gespannt auf die Gestalt, welche feierlich schwermütig einige Gänge nach dem Takte der Musik umher trat, dann in die Mitte des Ringes sich begab, den Mantel auf den Boden breitete, sich schneidermäßig darauf niedersetzte und anfing em Bündel auszupacken. Er zog einen beinahe fertigen Grafenrock hervor, ganz wie t^n Itrapinsft in diesem Augenblicke trug, nähete mit großer Hast und Geschicklichkeit Troddeln und Schnüre darauf und bügelte ihn fchulgerecht aus, mbem et das scheinbar heiße Bügeleisen mit nassen Fingern prüfte. Dann richtete er sich langsam auf, zog feinen fadenscheinigen Rock aus und das Prachtkleid an, nahm ein Spiegelchen, kämmte sich und vollendete seinen Anzug,

Nach fünf Tagen schlüpften die jungen Dotterfischchen aus: nach wei­teren fünf Tagen hatten sie bereits ihr Proviantsäckchen abgelegt und waren nun winzige Dingerchen, die entweder die schweren Bedingungen der Natur erfüllen ober untergehen füllten.

Einstweilen hatten bie kleinen Lebewesen keinen anberen Instinkt als ben, bort zu bleiben, wo es am besten für sie war: am Raube bes Altwassers, im Allerseichtesten.

Wie sie jetzt da draußen über der lichten Verkrautung spielen, so nett und untätig sie auch ausschauen, kennen sie nur eines: Fressen und wieder fressen. Alles andere kommt von selbst. Das Wasser ist ihre Milch, ihre Kinder- suppe. Unzählige kleine Lebewesen, winzige, dem bloßen Auge nicht sicht­bare Schalentiere, Daphnien, allerkleinste Krebse, bevölkern es. Winzige Pflanzenrestchen treiben in ihm herum, die mit jedem Atemzug, ben man macht, in ben seihenben Kiemen haften bleiben und verfchluckt werben.

Aber bie Suppe ist auch gefährlich. Ueberall unter ben Pflanzen, auf dem Grunde und besonders draußen, wo die Tiefe beginnt, lauern Feinde. Junge, gefährliche Fische, Krebse, Wasjerkäfer und ihre Larven; ungeheuer­lich gestaltete Freßmaschinen,» Libellenlarven mit zangenförmigen Greif- werkzeugen, die fo zartes, junges Zeug mit Vorliebe erfaffen und verzehren. Das weiß man zwar alles nicht. Instinktiv und fcheinbar planlos läßt man sich durchs Plankton treiben und Übt sich im-Fressen.

Wochen find vergangen. Aus dem anfangs glasartig durchsichtigen Tier- chei^sind richtige Fischlein geworden. Dickleibchen, die bisher namenloses Glück hatten, bie sich jetzt in bestimmter Ordnung durch das Wasser bewegen.

*

Zwischen Wassernuß und Hornblatt, im schützenden Schatten einiger Seerofenblätter stehen die kaum handlangen Fischchen. Ahnungslos lassen sie sich druck den Pflanzenwald tteiben. Da lärmen plötzlich die Antennen die man in den Flanken hat: eine verdächtige Bewegung. Jäh sind die Jungfische auseinandergefahren. Es spritzt und ftatscht, das ganze Wasser ist in Bewegung. Aber als man sich endlich wieder draußen im Seichten trifft, fehlen fünf Brüder. Fünf kleine Karpfen haben die Barsche erwischt, und zwar die, die fich am weitesten vorgewagt hatten.

Durch Erfahrung wird man klug. Einer der Karpfen, der etwas größer als bie anbeten ist, hält sich von nun an immer in der Mitte bes Rudels auf. Es ist schwer zu Tagen, ob er dies bewußt tut; aber die Sache mit den Barschen wiederholt sich es sind nur noch sieben Karpfen da.

Man schwimmt jetzt lieber nicht mehr allein. Es sind andere Fischbruten dazugekommen, und das kleine KärpfchenBlau" führt von nun an feine Brüder immer in das Gros bet Jungfische hinein. Dorthin, wo man am sichersten ifL

Spätsommettegen hat ben Fluß weit über bie Ufer treten lassen. Man schwimmt da gerne hinaus ins überschwemmte Moor. Schlägt sich voll mit ben guten Dingen, bie btaujjen Herumliegen. Mit ertrunkenen Schnecken unb Käsern, mit Würmern ttnb Räupchen, mit Gtäsersamen unb allerlei Zweiflüglern. Die lauwarme Brühe tut außerdem fo wohl.

Abends wollen viele nicht mehr heim. Blau jeboch, mit zweien seiner Brüder, schwimmt zurück. Woher konnte er ahnen, er, bet es boch nie erlebt hatte, baß bas Wasser über Nacht toicber fallen würbe? Et hat eben Glück gehabt!

Am andern Tag lagen viele Hunderte von Jungfischen luftschnappend in ben warmen Mootlachen. Nicht lange allerdings. Denn schon stießen die scharfsichtigen Krähen herab unb riefen mit Gezeter unb Gekeife anbete Fischfreunde herbei. Ihnen wat es gleichgültig, was sie fraßen; es schmeckte alles gleich gut: Karpfen unb Weißfische. Sie waten gründlich unb ließen nichts zurück. * /

So verging bei Sommer. Blau war nun zwölf, die anderen zehn Zenti­meter lang geworden. Es war ein guter Vorsprung fürs erste Jahr. Die drei Brüder trödelten jetzt nur noch faul herum; sie lagen am liebsten aus dem Schlamm ober wühlten in ihm. Was wollten sie denn eigentlich? Sie spürten irgenbeinem bunilcn Trieb nach, aber keiner vermochte feinem Fühlen Aus-

Da kamen eines Tages fünf gtpfje, starke Karpfen in bas Alkwaffer geschwommen. Eine halbe Woche noch lagen sie träg auf dem Grunde unb bann begannen sie, fich tief in ben Schlamm einzuwühlen. Ja, bas war bas Nichtige! Unb bie brei Karpfenlinbet schwammen zu ihnen hm unb ticrbubbclten sich brav an ihrer Seite. Warm geborgen lag man an bet Seite bet großen Fische, fühlte ihre beruhigende Nähe und schlief. .

Keines ahnte, baß es droben bereits Winter geworden wat. Keines hotte die wilden Stürme, bie tlirrenb über das Moor hinbrausten.

Nach ben Föhnwinben, bie bie heißen Frühlingstage brachten, wühlten sich bie Karpfen wieder ans Lickt. Tie Alten schwammen sofort in ben Fluß hinaus; die Jungen blieben im Altwasser zurück. Sie waren schmal geworden, blaß, grau unb matt in den Bewegungen. Bald aber kam die alte Fteßlust wieder, man fraß, fraß unb fraß unb Würbe wieder rundlich unb prall.

Einen Monat noch hielt es Blau in seiner alten Heimat aus. Dann aber gefiel ihm nichts mehr an ihr, unb an einem klaren Morgen, roa.jrenb feine Brübet noch ben Schlamm nach Aesung durchwühlten, schwamm et langsam bis an ben Ranb des großen Altwassers hinaus. Schon oft hatte er in bet letzten Zeit hier geftanben, aber immer wieder wat er umgekehrt.

Der Gesang des Flusses erregte fein Blut. Da draußen rauschte unb schwang es, alles war hier gewaltig. Tas Wasser floß wie Licht baher uub da geschah es, daß er im gütigen Strom Plötzlich zwei fette Larven voruber- treiben sah. Er schnappte danach es wurde hell unb licht um wn je?t schwamm er mitten in bem herrlichen Brausen unb er ließ sich mit bet Strömung treiben. Er hatte jetzt viel zu lernen. Alle Augenblicke gab es neue, unerhörte Eindrücke. Andere Landschaften, andere Tiererote z. B. die Hundertschaften großer Barben, di« gleich ihm, auf dem Boden des Flusses nach Nahrung schürften. Er lernte die flachen, hochgebauten, gesellig . lebenden Brachsen kennen, hatte Zutrauen mit ihrer verwandten Art unb

Man^mußte sich rühren im Rudel, wenn man satt werden wollte. Eigene Wege waren gefährlich. Das sollte er gleich am dritten Tag erfahren, als er gerade ein neues Schilftand erforschen wollte. Et beäugte ben ©runb auf