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Nummer 81
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang Ms 8reit<m. den 20. SMob-r
Hainbuchenlaube.
Von Friedrich Rückert.
O Laub', in der ich manchen Tag Des Denkens und des Dichtens Pflag, Wer denkt in dir und dichtet, Nun dich der Herbst gelichtet?
Sonnstrahlen, die das Laub gelüpft, Zaunkön'ge, die im Strauch geschlüpft, Sah n still mir ab vom Munde Den Klang im Herzensgründe.
Der alte Pächter ging vorbei
Und wußte nicht, was mit mir sei. Wie übern Zaun er guckte Und dann sich seitwärts duckte.
Ich aber, was mir Feld und Hain
Und ihre Geister gaben ein Von Leben und von Lieben, Hab' ich hier ausgeschrieben.
Sie haben gern mit mir verkehrt, Mich, was sie wußten, hier gelehrt- Nun ich von hier muß kehren. Wen werden sie es lehren?
Sie werden, wenn in Winternacht
Sie sich was Neues ausgeöacht, Herkommen mich zu suchen In dieser Laub' Hainbuchen.
Und wenn sie da nicht finden mich,
So werden sie verbinden sich Zu Tanz und Musizieren Und Glanzirrlichtelieren.
Dann spricht der Pächter, wo er lauscht, Und sieht und hört, wie's stimmt und rauscht: Der lauge Herr, ich glaube. Spukt in der Buchenlaube.
Zwei Jungens und noch einer.
Von Joachim Lange.
In diesem Jahr hatte der Strom die Dämme überflutet und auf die Wiesen geflossen. Bis an den Fuß der Höhen stand »as Wasser, in der Unterstadt mußten alle Kellerwohnungen geräumt werden. Ein spiegelnder See, wohl zwei Meilen lang und nne breit, lag das Niederbruch da, nur hier und dort reckte sich une Weide schwarz und gespenstisch aus der silberglatten Fläche, ^re Bauern vom Kietz gingen mit bedrückten Gesichtern umher, ober für die Jungens, für die Jungens war das Hochwasser rine^Lust.
»Jetzt fahren wir erst mal zu der Weide da", sagte Hans und deutete mit dem Kopf in eine sehr nnbestimmte Richtung. Er fand hinten im Kahn und stakte: das Wasser war hier gar nicht «lef, manchmal streifte das Boot sogar den weichen Wieienboden.
„Warum denn zur Weide?" sagte Fritz klagend. „Ihr wollt wch in den Tunnel!"
. Die Zwillinge wechselten einen Blick. So mochten sich wohl r id Shatterhand und Winnetou in mancher listerforderndcn Lage angesehen haben!
„Wir müssen uns doch ein paar Ruten abschneiden", sagte Willi.
.Für die Kröten."
„Und für die Schlangen", sagte Hans.
„Ringelnattern?" fragte der Kleine.
„Nein: Kreuzottern", entgegnete Willi kalt und sachlich. „Und ^nn die beiden Totengeister!"
„Jetzt hast du wohl Angst, du Hase?" sagte Hans.
„Ich bin kein Hase", sagte Fritz gekränkt. „Und ich habe auch S»r keine Angst."
»Na, das werden wir ja sehen", sagte Willi.
Sie fuhren schweigend weiter. Hans, der die längsten Arme dUte, stakte, Willi klappte sein Taschenmesser auf und zu, Fritz mit wcitaufgerisseuen Augen zu. Alle drei trugen sie nur
Hemd und Hose und ihre Gesichter waren dunkler als ihre Haare. r isi richtig", sagte Hans und steuerte auf eine
nicfteÖerS mo$t,0e Weide mit breit ausladender Krone zu. Willi
sich schurrend an den Baum und Willi schlang um^den"^amm^' &te *^on *onöe öon ben Mädchen vermißt wurde,
„So, nun kletterst du rauf!" befahl Hans dem Jüngeren.
gehorsam auf/01""'1 Ö°$ ftt9te Fritz ängstlich, stand jedoch
, sagte Willi, „wir müssen doch den Kahn 06en 6ff?" erft IQUf, das Messer kriegst du, wenn du
Fritz hängte sich an einen Ast, stemmte die Füße gegen den Stamm und krabbelte und zog sich nach oben. Nur keine Schwäche zeigen vor dem Großen! Hans schob nach, Willi hielt den schaukeln- V V 41 öl tl -) 11.
Da hockte der Kleine nun im struppigen Geäst. -j
„Und nun das Messer!" bat er. 1
-.»'/Das Messer" sagte Willi und steckte es sehr langsam und auf. sallig in die Hosentasche, wahrend er mit der anderen Hand die Messer brauchen wl r?""^ liegst du nicht, du Dämelack. Das
„Ja, aber ..." sagte Fritz und schluckte.
„ Doch Hans hatte die Stange schon gegen den Baum gestemmt Äaf)n ein paar Meter zurück. Groß richtete Hans sich auf. 0
- ."So", sagte er, „und nun wollen wir dir mal etwas sagen." Feierlich: „Wehe dir, wenn 'du schreist! Wehe dir, wenn du nur emen Ton zu Hause erzählst!"
„Und wehe dir, wenn du noch einmal mit Untertertianern mitkommst, du ... du ... du Sexta du!" fügte Willi drohend hinzu.
Nach diesem furchtbaren Fluch entfernten sich die beiden, ohne sich noch einmal umzusehen.
„Na, der kann lange sitzen!" sagte Hans und kettelte bas Boot an. „Der wird uns nicht noch mal nachrennen!"
Willi nickte. Darauf stapften die Zwillinge einträchtig in den Wald, zum Tunnel, wo eine Horde von fünf oder sechs anderen o^.elsehn- und vierzehnjährigen Abenteurern sie schon erwartete. Tie Mutter war )e,t einer Woche verreist, heute war auch der Vater weggefahren, in die Kreisstadt, und kam erst am Abend zuruck, heute hatten, sie viele Stunden vor sich, heute konnte der Tunnel in Ruhe erforscht werden. Und Fritz, dieses lästige Anhängsel, dreie Petze (er petzt nicht aus Bosheit, aber er war ja noch so jung und dumm), Fritz war sichergestellt.
Den Tunnel umwob Geheimnis. Ungefähr drei Kilometer lang, durchstieß er die Hügelkette, die sich am Rand des Bruchs erhob, und verband auf ebener und kürzester Strecke die Rats- ziegelei mit einer entfernten Lehmgrube. Er zählte wohl über anderthalb Jahrhunderte und kleine Loren rollten früher auf Schienen durch seinen dunklen Schlauch. Jetzt war das Lehmlager langst erschöpft und der. Tunnel wurde feit vielen Jahrzehnten ntc^t mehr benutzt. Aber noch zog er sich vor seiner torartig aus- gemauerten und mit einem Wappen verzierten Einfahrt an durch dre Berge (dre Ausfahrt, minder prächtig, war zugeschüttetj und alle paar ^ahre erforschte ihn eine neue Jungensgeneration, dem hohen Drahtzaun zum Trotz, der den Eingang umgab, und ungeachtet der in mehrfacher Ausfertigung vorhandenen Verbots- ttifeln, die das Betreten des Schachtes strengstens untersagten. Einmal, das war auch schon lange her, hatte sich ein Liebespaar mitten im Berg erschossen. Seitdem war es nicht mehr geheuer im Tunnel,- die Seelen der Abgeschiedenen, hieß es, konnten keine Ruhe finden und gingen umher.
Die Zwillinge wurden mit lautem Hallo begrüßt.
„Und wo habt ihr euer Brüderchen heute?" fragte ein Großer Starker, der schon das zweite Jahr in Untertertia saß.
Haus blickte ihn kampfbereit an. „Sieh dich nur vor, daß bir's nicht passiert wie dem", sagte er. Willi stellte sich neben ihn.
„Na, ich meine ja nur", sagte der Große, Starke begütigend. Die anderen drängten zum Einmarsch.
Kellerluft, feucht und kühl, schlug den Eintretenden entgegen. Hans und Willi nahmen die Svitze, gebückt wie auf dem Kriegspfad, der Lichtkegel einer Taschenlampe huschte über zerbröckeltes Gestein. Die Kolonne kam nur langsam vorwärts, öcnit überall


