SietzenerZainilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang <955 Montag, den 20, März
Nummer 25
Wiegenlied.
Von Detlev vonLiliencro«.
Vor der Türe schläft der Baum, durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht der Hahn.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.
Schlaf, mein Wulff. In später Stund küss' ich deinen roten Mund.
Streck dein kleines, dickes Bein.
Steht noch nicht auf Weg und Stein. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.
Schlaf, mein Wulff. Es kommt die Zeit, Regen rinnt, es stürmt und schneit.
Lebst in atemloser Hast, hättest gerne Schlaf und Rast.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.
Vor der Türe schläft der Baum, durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht der Hahn.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.
Brief aus Tuskulum.
Von Gustav W. Eberlein.
Tuskulum, im März.
Spät kam der Winter in diesem Jahre, so spät, daß er mit der Regenzeit zusammenstoßen muß. Dazwischen aber liegen die zeitlosen Tage irdischer Vollendung oder überirdischer Nähe, die Tage, die tönen vor Blau und singen vor Licht.
Mit dem Feldstecher kann man die Skiläufer auf den Hängen des Monte Cavo verfolgen, tiefverschneit ist die Himmelsleiter von Rocca di Papa, im Schnee liegen die Klöster von Grottaferrata, Schnee lastet fühlbar auf den Kastanienwäldern um die lila leuchtenden Krater.
Umspült von Sonne aber, umflutet, umrauscht, steigt der Hügel von Tuskulum aus dem Tale. Wir haben keine Schneeketten gebraucht, über einen grünen Smyrnateppich glitten die Räder, die Mimosen blühen fast zu üppig, es riecht nach Honig, Anita hält daran fest, daß es Hummeln sind, die summen und brummen. Der Bulli ist anderer Meinung. Für ihn handelt es sich um jagdbares Wild, also nach und drauf!
Die Pfirsichbäume tragen ihr blaßrotes Blütenkleid wie junge Mädchen am ersten Ball und in süßem Erschrecken, als habe es sich verrückt, erröten die Mandeln. Ach du närrischer Bergsrühling!
Nur in dem Weihnachtswald, den wir unter Ciceros Pinien pflanzten, vereinzelt in den Fichtenkronen hängt noch spielerisch eine Handvoll Schnee. Anita bringt es auf acht Schneebälle, wovon sechs ihr Ziel treffen, >vas den Bulli sichtlich ärgert. Beim siebenten hat er die taktische Lage erfaßt, er nimmt eine Umgruppierung vor, und den achten, weit davon entfernt, sich geschlagen zu geben, knödelt er in sein Riesenmaul und bringt ihn der Schützin: Fein war's! In den Pinien fingen die Vögel.
... fingen die Vögel.
Signora! Hören Sie? Vögel sind da und — sie singen!
Toto ist angeschlichen gekommen Ivie ein Indianer. Anita fitzt da mit -iner Handarbeit und lächelt nur beglückt. Toto ist maßlos verwundert. Vögel sind da —
— wieder da! nickt Anita und bastelt und nestelt wie — wie eine junge Frau, wundert sich der Bauer weiter. Was soll das nur werden? Hören Sie aur, sucht er ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, hören Sie bloß, Signora, ’ie Vögel singen!
— singen wieder!
Er kommt aus dem Erstaunen nicht heraus. So etwas hatte es bisher Acht gegeben. Erstens werden sie nicht geschossen, zweitens haben sie keine Gingst und drittens jubeln und schreien sie wie spielende Kinder.
Toto, sage ich, weißt du noch, wie das war, damals vor zwei Jahren? ’3iir suchten die Sonne und fanden Tuskulum, du hattest eine doppelläufige Flinte umhängen und die Taschen deiner Kalbfellweste waren voll Latronen, ja, das war das letztemal, daß auf diesem Boden em Schuß fiel.
Und ob er sich erinnern könne! Wer könne so etwas vergessen, sprachen loch alle Leute--Da hieb er sich auf den Mund, er wollte doch mcht
unhöflich werden. Bitte, sagte Anita, erzähle nur weiter, ich höre es getiu Und Toto lachte.
Nun, die Sache ist einfach die, daß wir nach Meinung der Leute eine« Spleen haben, einen Vogel, aber einen ganz gehörigen. Wie alle Fremden. Bei uns aber piept es besonders stark. Während die Engländer nur in der Sonne gehen, legen wir uns richtig hinein. Der Signore setze nicht einmal einen Hut auf, nicht einmal, wenn er zum Podesta gehe. Ob denn die alte« Römer einen Hut getragen hätten, habe er ihn auf seine Verwunderung hm gefragt. Die Signora fahre Rad, niemand habe so etwas noch von einer Frau gesehen. Und der Baumeister behaupte, vor das Haus käme eine piscina, ein Schwimmbecken. Vielleicht würden wir uns gar ausziehen wie die Sommergäste am Strand von Ostia? Man prustet vor Lachen bet diesem Gedanken.
Aber das alles ist noch gar nichts gegen den Fimmel, den wir bezüglich der Singvögel haben. Man stelle sich vor: der Nachbar bringt der neuen Herrin auf Tuskulum zum Gruß und Angebinde, wie es Sitte ist, einen Korb voll Trauben und drei frischgeschossene Rotkehlchen. Bei andere» Völkern reicht man Brot und Salz, gleichviel, es heißt immer: Willst du mein Freund sein, so nimm! Anita nahm die Trauben und verweigerte die Vögel. Unerhört. In den Castelli Romani sprach man in den nächsten Tagen von nichts anderem. Anita hatte furchtsame, aber trotzige Augen. Sie ging nicht mehr ohne den Bulli aus — das niegeschaute Hundegebilde, das fortwährend schnaubt wie ein Nilpferd, fürchten sie wie den bösen Blick. Alle Abwehrhörner unter den Karren, am Hals der Kinder und an der Uhrkette der Männer kommen in Bewegung, wo er auftaucht.
Selbstverständlich haben wir dann so etwas wie ein Aufklärungszeitalter versucht. Mit der Sentimentalität, das war gleich zu merken, ließ sich nicht viel anfangen. Ihr schießt die Rebhühner und Schnepfen, warum sollen wir die Stare nicht schießen? gaben sie zurück. Geht ihr nicht auch auf den Wachtelfang? Wie, das Lamm, das Sinnbild Gottes, darf man schlachten, einen Buchfinken aber nicht? Warum? Weil er kleiner ist? Also meßt ihr eure Tierliebe nach dem Umfang der Beute ab?
Hier war nicht weiterzukommen. Eher schon leuchtete ihnen diese Rechnung ein: ein Etto — das sind hundert Gramm — bestes Kalbfleisch kostet iy2 Lire, ein Etto Singvogelfleisch aber kommt mindestens, zwei Schuß zu je 36 Centesimi auf den Kopf muß man rechnen, auf 5 Lire zu stehen. Mehr noch wirkte das an den traurig zerfressenen Früchten demonstrierte Exempel im Herbst. Aber begreifen, richtig verstehen wird uns doch niemand. Auf dem eingezäunten Grund das Schießen verbieten, jawohl, das könne« wir, damit aber basta! Unsere Vogelnarrheit spreche sich herum, meinte eines Tages wohlmeinend warnend Sor Checco, der gesetzeskundige Notar, und was gab Anita zur Antwort? Das schade gar nichts, wenn es sich nur auch bei den Vögeln herumspreche!
Und so kam es auch.
Siehst du, Toto, das wird ein Stareukobel, ein Risthäuschen, ein nid» artificiale!
Toto hatte noch nichts von einem künstlichen Nest gehört, der Mund blieb ihm offen. Wie sollte er auch? Anita fuhr vergeblich in das große Rom, um einen einzigen kleinen Nistkasten zu suchen. Die Geschäfte für Gartenbau, die Samenhandlungen, die Spezialläden für Geflügelzucht mußten sich überfragt bekennen, so etwas hatten sie noch nie gehört, die Ladentüre blieb ihnen offen.
Früher, plauderte Anita und bohrte das Anflugstäbchen ins Brett, früher hat es gewiß auch Vögel hier gegeben, euer Cicero wird sie doch nicht alle weggegessen haben, na schön, und jetzt kommen sie eben wieder. Sie haben was gemerkt. Früher — und sie setzte dem Starenkobel das Dach auf wie einen neuen Frühlingshut — werden sie auch gesungen haben und jetzt singen sie eben wieder. Da gibt es gar nichts zu staunen! Was meinst du, was das erst für ein Gezwitscher sein wird, wenn diese Kinderstube voll ist? lind jeden Tag mache ich eine andere dazu, willst du mir helfen?
Die Vögel, weigerte sich — unter langsamem Begreifen — Toto zu glauben, werden in den Kasten nicht hineingehen!
Warum sollen sie nicht hineingehen? Hörst du, was sie singen? Verstehst du ihre Lieder? Nein? Ach wir Barbaren sind doch bessere Menschen!
Und sie verschränkte die Arme unter dem Nacken und horchte ielig ins Grüne.
Das singt und summt und schilt und tschilpt, das flötet, geigt und trillert, wogt hin und her, weht auf und ab, ein einziges Tirili. Wonnig und weh web ich mein Lied — man könnte meinen, sie spielen's vom Blatt. Siegfried hätte seine helle Freude gehabt. Toto vernahm's mit zwiespältigen Gefühlen, er hatte den Starenkobel auf den Knien und setzte sich üchtlich mit der neuen Weltordnung auseinander. Was waren das für geheimnisvolle Zusammenhänge zwischen dem durchlochten Kasten und dem Waldweben aus Tuskulum? Vögel, die gestern noch demütig verstummten, sowie sie den Schritt eines Menschen hörten, lernten auf einmal singen! Plötzlich ließ er den Starenkobel fallen, sprang auf und griff gewohnheitsmäßig nach der abwesenden Flinte: L'uccello bianco! Der weiße Vogel!
Ein weißer Streif im Dunkelgrün der Pinien, ein schneeweißer Buchfink, wenn es nicht der weiße Spatz der Fabel war, huschte stcrnschnuppen-


