Die Dame twf dem Otierpesz.
Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.)
Caspar Fuchs erwies sich für die Herren von der Kriminalpolizei als ein überaus zäher Bissen. Wan war sich schon nach dem ersten Verhör darüber einig, daß man es, wenn überhaupt mit einem Spitzbuben, dann mit einem von der intelligenten und darum um so gefährlicheren Sorte zu tun hatte. Fuchs hatte sich eine Taktik zurechtgelegt, an der alle strategischen Künste der Polizei abprallten. Er hüllte sich einfach in em undurchdringliches und hochmütiges Schweigen und beantwortete jeoe an ihn gerichtete Frage mit einem Achselzucken. Man hätte ihn für einen Menschen halten können, der durch irgendeinen verhängnisvollen 3mum in die Fangarme der Polizei geraten ist und es als unter seiner Wurde betrachtet, seine Unschuld auch nur mit einer Silbe zu erhärten. Selbst der an jede Art von Gaunertricks gewöhnte Kommissar, dem die Erhebungen oblagen, war sich darüber nicht im klaren und konnte sich des leisen Zweifels nicht erwehren, ob man mit dieser Festnahme nicht doch einen Mißgriff begangen habe. Er ließ diesen Zweifel auch ungeniert Kommissar Kling gegenüber laut werden, der den folgenden Tag aus Stralsund anrief, um sich nach dem Ergebnis des Verhörs zu erkundigen. Kling machte über dem Schalltrichter ein grimmiges Gesicht und hackte mit der Spitze seines Tintenstifts aus der Schreibmaschinenplatte herum; schließlich platzt« er mit einem unterdrückten Fluch mitten in die skeptischen Auseinandersetzungen seines Berliner Kollegen.
„Lassen Sie sich doch von diesem gerissenen Kerl nicht gleich ins Bockshorn jagen, lieber Classen! Als ob es noch nie vorgekommen wäre, daß ein Spitzbube sich hinter Schweigen verschanzt! Wir werden ihm das Zungenband schon lösen! Und ich lege meine Hand dafür ins Feuer, daß wir dann auf einmal allerhand überraschende Neuigkeiten zu hören bekommen. Haben Sie schon bei dem zuständigen Postamt nach der Empfangsbescheinigung über die Nachnahmesendung recherchieren lassen?"
„Jawohl — das ist schon veranlaßt."
„Dann dürste es ja nicht mehr schwer satten, ihn auf seine eigene Unterschrift hin zu überführen."
„Gewiß, wenn sich herausstellt, daß es seine Unterschrift ist."
„Das unterliegt für mich keinem Zweifel mehr. Aber es wird sich ja erweisen. In jedem Fall aber bin ich dringend dafür, daß Grau diesem Fuchs endlich gegenübergestellt wird. Ich habe diesen Antrag schon einmal gestellt, konnte aber leider damit nicht durchdringen. Aber jetzt bestehe ich darauf!"
Der energische Ton des Kommissars verfehlte seine Wirkung nicht. Kommissar Classen fand zwar im Stillen, daß dieser Ton für einen simplen Provinzkommissar dem Großstadtkollegen gegenüber nicht geziemend sei. Aber er konnte sich andererseits seiner suggestiven Bestimmtheit nicht verschließen. Und so verzichtete er großmütig auf jeden noch so gelinden Seitenhieb und erklärte nur, mit einiger Herablassung, daß er die Konfrontation befürworten und ihm baldigst über diesen Punkt Bescheid geben wolle.
Und schon zwei Stunden später wurde Kling von der Berliner Krimistalbehörde dahin verständigt, daß er mit dem Untersuchungshäftling Grau nach Berlin kommen solle. —
Die Gegenüberstellung war für den nächsten Vormittag um zehn Uhr anbäraumt, und man sah auf beiden Seiten diesem Ereignis mit Spannung entgegen. Denn die Berliner Behörde hatte inzwischen wieder eine neue Schlappe erlitten. Man hatte Fuchs die Postquittung vorgelegt, die ustbestreitbar seinen Namenszug trug. Aber Caspar Fuchs hatte mit der kältesten Miene die Unterschrift für gefälscht erklärt und jede Teilnahme an dieser Angelegenheit abgeleugnet. Der Polizei blieb nichts übrig, als die Unterschrift einem Sachverständigen zur Prüfung zu überlassen. Man way aber nun doch ziemlich mürbe geworden und so entschloß man sich sehr rasch, dem dringenden Antrag Klings stattzugeben.
Am nächsten Tag suhr Kommissar Kling mit Donald Grau in aller Frühe nach Berlin. Er hatte darauf verzichtet, noch einen Geheimpolizisten zur Bedeckung mitzunehmen. Denn weder die physische, noch die seelische Verfassung des Häftlings ließ die Befürchtung aufkommen, daß er einen Fluchtversuch unternehmen könnte. Außerdem wären ihm derartige Maßnahmen einem Menschen gegenüber, der seine Freiheit ohne Zwang aufgegeben hatte, geradezu lächerlich erschienen. Aber auch aus einem Taktgefühl, für das er sonst in seinem schonungslosen Berus wenig Vertrauen fand, vermied er alles, was einem „Transport" ähnlich sehen konnte. Er behandelte Grau in einer höflichen und beinahe kameradschaftlichen Weise, die den dienstlichen Zweck der Reise verwischte und das Feingefühl des jungen Mannes niemals verletzte. Denn er ahnte, daß Gian am Rande seiner physischen Kraft war, und daß es nur des geringfügigsten Anstoßes bedurfte, ihn ganz aus dem Geleise zu werfen. Er war während seiner kaum zehntägigen Hast ganz in sich zusammengesunken und erweckte zuweilen den Eindruck vollkommener Erloschen- heit. Sein Schicksal schien ihn nicht im geringsten zu interessieren. Nicht mit einem Wort hatte er nach dem Zweck der Reise gefragt. Er aß und trank, was man ihm vorsetztc. Er beantwortete jetzt mit Bereitwilligkeit und einer müden Ergebenheit jede Frage, die man an ihn richtete. Aber es war, als sei er mit jener Offenbarung Dr. Morris gegenüber in die Tiefen feines Selbst eingebrochen und fände nun nicht mehr an die Oberfläche normalen Lebens zurück. Sein großes Erlebnis hatte ihn ganz ver- fchüitet. Ihn hineingeschleudert in diesen brennenden Schacht. Und die Tür zur Wirklichkeit war hoffnungslos hinter ihm zugeschlagen.
Kommissar Kling empfand aufrichtiges Mitleid mit diesem jungen Menschen. Er hätte ihm gerne wieder zu einem geregelten Dasein verhalfen und war mehr als einmal drauf und dran, ihn aus Mangel an Beweisen auf freien Fuß zu setzen. Aber als er eines Tages im Gespräch
mit Grau diese Absicht streifte, hatte dieser ihn mit einem tödlich er. schrockenen, ja, beinahe entsetzten Blick angesehen. Kling begriff sofort, daß für diesen Mann die Freiheit vorläufig noch ein Danaergeschenk be< deuten würde. Die Vorstellung, in sein Haus, zu seinen alltäglichen Der- richtungen zurückkehren zu müssen, schien ihn in einen Zustand httflaser Angst zu versetzen. Und so kam feine Gefangenschaft mehr einer Schutz- Haft als einer Zwangsmaßnahme gleich.
Als Donald Grau zum erstenmal wieder an die frische Luft kam, taumelte er vor Schwäche, so daß Kling ihm am Arm zum Auto führen mußte. Und während der ganzen Fahrt in dem reservierten Abteil sprach er kein einziges Wort. Automatisch folgte er jeder Anweisung seines Begleiters Aber er äußerte weder Verwunderung noch das geringste Interesse dafür, was mit ihm geschah. Auf die Berliner Herren machte er den Eindruck eines Geisteskranken. Kommissar Classen äußerte sich hinter Klings Rücken zu einem seiner Kollegen:
„Dieses rohe Ei, das uns Kling da aus Stralsund mitgebrachk hat, scheint mir ziemlich faul zu sein — meinen Sie nicht?" Und beide Herren lächelten einander vieldeutig an.
Inzwischen war Caspar Fuchs in das Nebenzimmer gebracht worden. In der nachlässigen Haltung eines gelangweilt Wartenden saß er dem Fenster zugekehrt. Er drehte kaum den Kopf, als er die Tür gehen hörte und Grau in Begleitung von Kling und Classen ins Zimmer trat. Gleich- gültig und ohne Spur von Unruhe leistete er der Aufforderung, sich zu erheben Folge. Sein Gesicht war den Eintretenden jetzt voll zugekehrt — mit einem Ausdruck hochmütiger Teilnahmlosigkeit. Auf Kling machte er den Eindruck eines kalten und rücksichtslosen Verbrechers, und er begriff nicht, wie man sich hier von dieser arroganten Maske tauschen lassen konnte. Unbeirrt schob er Grau noch ein paar Schritte vorwärts und stellte ihn Fuchs direkt gegenüber.
„Sagen Sie uns, Grau, ist Ihnen dieser Herr da bekannt? fragte er unvermittelt. Der Maler blinzelte mit entzündenden Lidern unsicher m die harte Helligkeit des großen Raumes. Dann blieb sein Blick an Fuchs haften — grübelnd und fremd. Langsam schüttelte er den Kopf. .Nein ich glaube nicht." , ,
Dem Kommissar schoß das Blut ins Gesicht. Ein schadenfroher Blick Classens hatte ihn gestreift. Verärgert drängte er: „Besinnen Sie sich doch — ist Ihnen dieser Herr noch nie begegnet? Lassen Sie sich Zeit, und überlegen Sie genau, bevor Sie antworten. Es hängt sehr viel von Ihrer Aussage ab!" .
Eine erwartungsvolle Stille trat ein. Grau suchte angestrengt in den Zügen seines Gegenübers nach einer, wenn auch noch so geringen, (Erinnerung. Aber er konnte nicht den Schatten einer Aehnlichkeit mit irgendeiner ihm bekannten Person finden. Nein, diesem Mann war er bestimmt noch nie in seinem Leben begegnet! Er besaß ein so gutes Physiognomiegedächtnis, daß er einen zumal in Norddeutschland nicht landläufigen Typ von so ausgesprochen südlicher Prägung ohne Zweifel wiedererkannt haben würde.
Caspar Fuchs stand während dieser Musterung unbeweglich, die Hände in den Rocktaschen vergraben, da. Seine Blicke hielten Grau umklammert. Ein höhnisches Lächeln entblößte seine Zähne. Und plötzlich sagte er in die Stille hinein:
„Merkwürdig, daß der Herr mich nicht wiedererkennt, nachdem er mich doch vor kaum zehn Tagen erst ermordet hat!"
Sein herausforderndes Gelächter weckte Grau aus seiner Versunkenheit. Er blinzelte verstört. Hilflos bewegten sich seine Schultern. Er hatte gar nicht begriffen, was der andere sagte. Der Sinn seiner Worte war noch nicht bis zu seinem Bewußtsein vorgedrungen. Er verstand nur irgendwie, auf eine dumpfe und zusammenhanglose Art, daß dieser Mensch dort, dieser Unbekannte — fein Feind war. Er spürte die Ausstrahlung seines Hasses, körperlich fühlte er sie wie tiefe, eiskalte Nadelstiche in seinem Fleisch. Verwirrt hob er die Hand und faßte sich mit seiner kindischen Gebärde ans Ohrläppchen. Da hörte er neben sich die wütende Stimme des Kommissars: „Schweigen Sie! Was fällt Ihnen ein, in unsere Verhandlungen einzugreifen? Warten Sie gefälligst, bis Sie gefragt werden!" Gleich darauf fühlte er sich von Kling am Arm gepackt. „Und Sie, Grau, Sie antworten mir jetzt klipp und klar: Ist dieser Mann, den Sie hier vor sich sehen — Caspar Fuchs oder nicht?"
Donald Grau horchte bestürzt auf. Seine Pupillen weiteten sich in tödlichem Erschrecken. Instinktiv zog er das Genick ein wie ein Mensch, der aus dem Finstern irgendeine Gefahr auf sich zukommen fühlt. In ratloser Verwirrung zerrte er an seinen Fingern, daß man die Gelenke knacken hörte.
„Caspar Fuchs — wieso?" stammelte er.
Jetzt mischte sich Classen ein. „Spielen Sie uns keine Komödie vor!" herrschte er Grau an. „Zum letztenmal — antworten Sie: Ist dieser Herr der Ihnen bekannte Caspar Fuchs?"
Er zückte seinen langen, gelben Raucherfinger gegen Fuchs, der sich seelenruhig mit gekreuzten Armen gegen den Schreibtisch lehnte. Jetzt erst schien dem Maler der Zusammenhang aufzudämmern. Seine Lippen verzogen sich zu einem fast einfältigen Lächeln.
„Dieser Herr dort? Aber nein, das ist doch nicht Herr Fuchs. Diesen Herrn kenne ich gar nicht!" .
Ein peinliches Schweigen trat ein. Kommissar Classen kniff vielfagend die Lippen ein. Kling zupfte in verbissenem Aerger an seinem Bärtchen. Und Caspar Fuchs sah mit einem Lächeln des Triumphes von einem zum andern.
„Ich habe Ihnen ja gleich gesagt, meine Herren, daß hier eine Verwechslung vorliegen muß. Die ganze Sache ließ sich ja gleich zu Beginn wie ein Silvesterscherz an Das hätte ein Blinder merken können! — Und nun, denke ich, steht meiner Freilassung hoffentlich nichts mehr im Wege?"
Classen ärgerte sich ein wenig über den anmaßenden Ton. Aber seine Antwort kam doch nahezu einer Entschuldigung gleich.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: vr. HansThyriot. — Druck undDerlag:Drühl'fcheUniverfitäts-Vuch. undSteindrucker ei, D. Lange,Gießen.


