GichenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1955
Freitag, den 20. Januar
Nummer 6
Hyazinthen.
Bon Theodor Storm.
Fern hallt Musik; doch hier Ist stille Nacht, Mit Schlummerdust anhauchen mich die Pslanzen; Ich habe immer, immer dein gedacht, Ich möchte schlafen; aber du muht tanzen.
Es hört nicht auf, es rast ohn Unterlaß;
Die Kerzen brennen und die Geigen schreien, Es teilen und es schließen sich die Nethen, Und alle glühen; aber du bist blaß.
Und du mußt tanzen; fremde Arme schmiegen
Sich an dein Herz; o leide nicht GewaltI Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen Und deine leichte, zärtliche Gestalt. —
Und süßer strömend quillt der Dust der Nacht Und träumerischer aus dem Kelch der Pslanzen. Ich habe immer, immer dein gedacht;
Ich möchte schlafen; aber du mußt tanzen.
„Apollo Nr. 3000."
Kriminal-Novelle von Josef M. Hux 1 er.
„Hatte Ihr Vater denn geschäftliche Verluste gehabt?"
„Ich habe diese Frage erwartet, Herr Kommissar."
Der junge Tomson schnitt eine traurige Grimasse. Sein Gesicht hatte etwas Versteintes und Hoffnungsloses. Gestern noch hatte er seinen Vater zum Flugplatz begleitet, hatte ihn, aufsteigend im Londoner Nebel, nach Paris starten sehen. Dann war das Telegramm aus Calais gekommen. Aufgcgeben vom Piloten Enjor, altgedientem Flieger der London-Paris- Strecke. Es meldete, daß der alte Josua Tomson, Inhaber des Bankhauses Tomson, Lee & Eo. spurlos während der Ucberqucrung des Kanals verschwunden sei. Keine Frage, er mußte aus dem Flugzeug gesallen sein. Aber wie war der Bankier dazu gekommen?
„Bestinimt nicht aus geschästlichen Gründen, Herr Kommissar. Unser Bücherrevisor sißt nebenan. Er wird Ihnen sagen, daß wir die Pfund- Entwertung genau so gut durchgehalten haben wie die besten andern englischen Firmen. Im übrigen: Vater war weder Spieler noch Alka- t;oliker, noch hatte er irgendwelche extravaganten Beziehungen zu Frauen, •droei Jahre nach dem Tode meiner Mutter mietete er einer Jugendfreundin ein kleines bescheidenes Häuschen draußen im Grünen. Es war, wie bei dem Alter natürlich, eine mehr platonische Beziehung. Ab und zu reisten sic zusammen. Kurz: es gibt keine geheimnisvollen, unbekannten Punkte im Ablaus seines unausregenden Kausniannslebens."
Der Kommissar Mar Coy zerrte ungeduldig an seinem schönen, langen rotblonden Schnurrbart:
„Sie meinen also, daß die französische Polizei in Calais recht hat, wenn sie behauptet, Ihr Vater hätte die Tür verwechselt und statt der Toilettentür die Ausgangstür geöffnet? Der plötzlich hereinbrechende Wind und der Blick in die Tiefe hätten ihn schwindlig gemacht, und er sei hinausgestürzt?"
„Das muß ich wohl annehmen ..."
„Und des Dieners sind Sie ganz sicher?"
„Cobber ist seit dreißig Jahren bei uns. Er ist mit Vater vertrauter gewesen als ich. Seit dreißig Jahren hat er ihn überall hinbegleitet. Ja, ich weiß: Vater hat mit ihm ost eher seine Geschästspläne besprochen, als mit mir. Er ist in der Kabine gewesen, als das Unglück geschah. Cobber steht außer jedem Verdacht."
„Wir haben ihn auch schwer im Verhör gehabt. Schließlich hat er geweint. Er weiß wirklich von nichts."
In diesem Augenblick wurde di« Tür aufgerissen und Tomsons jüngerer Bruder, ebenfalls Prokurist des Bankhauses, stürzte herein. Er war sehr blaß und ausgeregt. So aufgeregt, daß er die Anwesenheit des Kommissars gar nicht beachtete und losschrie:
„Du, Dick, denk' dir, im Haustresor in Vaters Schreibzimmer fehlen nach der Aufstellung von vorgestern, die Vater selbst noch aus einen Zettel gemacht hat, zehntausend Pfund in Tausendpsund Noten."
Mac Coy schloß die Tur, die der Bruder in der Bestürzung offen- gelassen hatte.
„Sie sind ganz sicher, daß Ihr Vater immer exakt in seinen Auf- zetchnunAen und Notizen gewesen ist?"
Der ältere Tomson nickte:
„Ich habe einen pedantischeren Menschen in dieser Hinsicht niemals kennengelernt."
Mac Coy machte ein bedauernde» Gesicht:
„Dann muß ich Ihnen leider sagen, daß ich nicht mehr an «Inen Unfall glaube. Ihr Vater entnimmt eine [o groß« Summe seinem Tresor, streicht sie in dem Tresor-Verzeichnis nicht ab, bestellt plötzlich da» Flugzeug und meldet sich nicht mit dem Geld ordnungsmäßig bei der Devisenstelle, wo er doch tzanz genau weiß, daß er ohne Erlaubnis eine solche Summe nicht ausführen darf."
„Sie wollen also behaupten...?"
„Ich wage es nicht, Mr. Tomson. Ich muß Sie nur daraus aufmerksam machen, daß es logisch ist, zu vermuten, daß Ihr Vater au» irgendeinem Grunde ein gesetzlich unerlaubte» Devisengeschäft vorhatte, ja, daß er es, verwickelt in uns noch unbekannte Verpflichtungen, aussühren mußte, während des Fluges aber von einer liefen Depression über den auf ihn lastenden Zwang ergriffen wurde und sich blefem in jähem Entschluß durch den Freitod entzog."
„Dann ist cs aber doch unmöglich", stieß Dick Tomson hervor, „daß Cobber, der meinen Vater so gut kennt, der es ihm vom Gesicht ubla», ob er abends kalt oder warm zu Nacht essen wollte, und der e» In seiner Kunst der (Einfühlung so weit gebracht hatte, daß er meinem Vater, ohne ihn zu fragen, vor Dem Schlafengehen jedesmal die passende Grammo- phvnplatte auflegte —"
„Was legte er ihm auf?" unterbrach Mac Coy.
Dick Tomson errötete über seine Geschwätzigkeit:
„Ach, ich erzähle das nur so, weil es mir die Aussage Cobber« so unverständlich macht. Mein Vater ließ sich aus seinem Grammophon- Apparat kurz vor dem Einschlasen eine Platte Vorspielen. Er nannte da» .sein Schlafmittel'. Mal einen Walzer, mal ein Orchesterstück, meisten» aber Regers .Mariä Wiegenlied'."
„Soso", brummte Mac Coy uninteressiert. „Aus jeden Fall wollen wir auch Cobber noch einmal hören."
Der alte Diener, den, natürlich genug, die Polizei gehörig geplagt hatte, erschien mit rotgeweinten Augen. Aber seine Aussage glich auch setzt der des ersten Protokoll», er hatte nicht» gesehen.
Mac Coy redet« eindringlich aus ihn ein:
„Wir wollen Sic ja gar nicht mit irgendeinem Verdacht quälen, aber wir wissen, daß der verstorbene 'Dir. Tomson Sie In alle» elngewelht hat. Wir wissen ferner, daß er unerlaubterweife eine große Summe englischer Pfunde mit sich geführt hatte. Sie wußten das auch?"
Die Frage wurde so scharf hervorgestoßen, daß Cobber bei der Antwort ins Stottern geriet:
„Ich — Ich — Ich kann nur wiederholen, daß ich unruhig wurde, al» Mr. Tomson nach zehn Minuten nicht wieder kam, hinausging und entsetzt bemerkte, daß die Ausgangstür offen war."
Mac Coy legte dem Stammelnden begütigend die Hand auf die Schulter:
„Aber wir wissen ja, daß Sie Ihren Herrn, vielmehr seinen Ruf schonen wollen. Das ist sehr anständig von Ihnen. Sie sind ein Gentleman, wie ihn sich nur Mr. Tomson zum Vertrauten wünschen konnte. Aber ich bin die Polizei, bin der Staat — und kann auf Ihre Gefühle keine Rücksicht nehmen."
Doch Cobber versteisle sich. Es war aus ihm nichts mehr heraus- zukrlegen. Der alte Diener hielt seinem toten Herrn die Treue. Er wußte nur von einem Unfall, nichts von einem Selbstmord. Für ihn war es lauterste, unwiderlegbar« Wirklichkeit, daß Tomson die Türen Im Flugzeug verwechselt hatte.
Mac Coy brach achselzuckend das Verhör ab.
Einige Tag« später sanden Fischer am Strand von Eastbourne den an- getriebenen Körper des Bankiers Tomson. Die behördliche lliiterfuchung der Leiche verlief ergebnislos. Sie wurde zur Beerdigung freigegeben. Geld wurde nicht bei ihr gefunden. Die Brieftasche mit den mitgenommenen Pfunden mußte wohl während des Sturzes herausgesaUen oder von dem Bankier selbst schon vorher in seiner Verzweiflung in die Fluten geschleudert worden sein. Vermutlich hatte längst der Kanal fie oerschluckt.
An der Totenfeier nahmen die Spitzen der Londoner Gesellschaft teil. Der junge Harrison, der bekannte Prediger des Nachwuchses der anglikanischen Geistlichkeit, hielt eine erschütternde Trauerrede. Und als der Sarg den Trägern überliefert wurde, ertönte hoch oben aus der Nische der Trauerhalle unter Lorbeergebüsch hervor Regers „Mariä Wiegenlied", gespielt von Max Feuerstein, Dem Liebling der Seafon, persönlich. Vorn in der ersten Reihe aber, neben den beiden jungen Tomsons, saß Cobber, und sein Körper war durchzuckt von einem Schmerz, der den krummen Rücken des alten Mannes noch mehr zusammenzog.
Die beiden Brüder Tomson wunderten sich nicht, als nach einer Woche der Kommissar Mac Coy unerwartet am späten Abend bei Ihnen erfchlen. Er wolle eine Anzahl Auskünfte, die er aus Pariser und Lyoner Bankkreisen übtr bestimmte Geschäft« des Hauses Tomson, Lee 8- Co. hatte, mit Ihnen durchsprechen. Mac Coy« Vermutungen schienen sich den Brü-


