Ausgabe 
19.6.1933
 
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2fm 28. April nach einem geheimen Gespräch des Inquisitors mit dem Papst erscheint Macolano überraschend in Galileis Zimmern. Er ist sehr freundlich und höflich, nicht mehr der unnahbare Richter; auch daß Galilei ihn vor Jahren einmal arg beleidigt hat Galilei hatte einige seiner schönsten architektonischen Pläne glattweg alsschauderhaft" be- -eichnet, ist ihm nicht anzumerken. Freilassung? Begnadigung? Ach nein, Macolano rät zu unbedingter Unterwerfung. Anscheinend will der Papst selbst Galilei wieder die Wege ebnen und hat dazu diesen, allerdings schon damals ungewöhnlichen Weg gewählt. Galilei läßt sich denn auch jjma Tage später vorführen und diktiert dem Protokollführer eine lange Erklärung in die Feder, wonach er sich sogar bereit erklärt, gegen Koper- nikus zu schreiben. Vergebens! Seine Worte prallen an den Beamten des chl. Officium ab, Macolano ist wieder zum unnahbaren Inquisitor ge­worden der Galilei-Prozeß geht weiter.

Im drittenKonstitut" (Verhör) am 10. Mai überreicht Galilei eine Verteidigungsschrift. Am 16. Juni wird in geheimer Sitzung unter dem Borsitz des Papstes, aber in Abwesenheit Galileis beschlossen, ihm das Examen Rigorosum wenigstens anzudrohen. Das Examen Rigo- ro[utn alle Welt schauerte damals bei dem Wort, und es ist nicht selt­sam, daß Galileis Unterschrift unter dem Protokoll des vierten und letz­ten Verhörs zittrig, wie in furchtbarer Aufregung auf das Papier gewor­fen ist. Galilei ist nicht gefoltert worden. Aber die beiden Vorstadien der Folter hat er durchgemacht: die territio verbalis, die mündliche An­drohung der Tortur, und die territio realis, das Verhör in der Folterkammer, von den Folterknechten bereits entkleidet und um­geben von Bein- und Daumenschrauben, von spanischem Bock, spanischen Kappen und Stiefeln, vor dem Seil, an dem die Angeklagten mit rück­wärts emporgedrehten Armen und einer Eisenkugel an den Füßen empor­gezogen wurden von den Instrumenten, die jahrhundertelang mit ehr­lichem Eifer und Rechtsbewußtsein dazu verwendet wurden, Verbrechern das unbedingt notwendige Geständnis zu entreißen.

Galilei konnte bei diesem letzten Verhör am 21. Juni 1633 nicht mehr sagen, als er schon gesagt hatte. Es hätte auch nichts mehr an seinem Schicksal geändert. Drei Gutachten der Patres Jnkhoser und Orsenigo so­wie des Professors Pasqualigo der früher behauptet hatte, die Son­nenflecken könnten nicht existieren, weil im ganzen Aristoteles kein Wort davon stehe erklärten Galilei für einen Ketzer, und diese Gutachten gaben, wie stets in den Verfahren der Inquisition, den Ausschlag. Schon am 22. Juni wurde das Urteil gegen Galilei verkündet es ist fo lang, daß es unmöglich von einem Tag auf den anderen ausgearbeitet worden sein kann. Galileo Galilei mußte vor einer feierlichen Versammlung der zehn Kardinäle und aller übrigen Beamten der Inquisition im Kloster Santa Maria sopra Minerva erscheinen und knieend das Urteil anhören, gleich darauf knieend und im Armesünderkleid seinen berühmten Eid leisten, nach dem der alte Mann zornig aufgesprungen sein soll mit den Worten:Und sie bewegt sich doch!"

Es wäre juristisch noch mancherlei zu dem Urteil zu sagen. Nur sieben von den zehn Kardinälen haben es unterschrieben! Und vor allem wider­strebt es dem modernen Rechtsempfinden, jemand durch Urteil einen Eid darüber aufzuzwingen, daß er eine bestimmte Ueberzeugung aufgegeben habe. Aber über alle juristischen Bedenken hinweg ist der Galilei-Prozeß doch gleich dem Prozeß des Sokrates zu einem Denkmal der Rechtsge­schichte geworden, weil er die schönste Aufgabe des Rechts erfüllte: die Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen mit juristischen Waffen.

Reisekultur im alten Rom.

Von Dr. Karl Richter.

Die Reisezeit, freudig begrüßt nach winterlichen Arbeitsmonaten, steht nun wieder vor der Tür, und während die einen noch sich dem Vorgcnuß des Pläneschmiedens hingeben, streben andere bereits mit gepacktem Koffer dem Ziel ihrer Wahl zu. Hat sich auch die Form des Reisens im Laufe der Jahrhunderte entscheidend gewandelt, die Sehnsucht nach dem Erholung und Entspannung, Zerstreuung und Belehrung bietenden Orts­wechsel war schon im Altertum lebendig, und besonders bei dem großen Reisevolk der Antike, den Römern, war die Reisekultur mit allem Raffine­ment verfeinerter Lebenskunst ausgebildet.

Wenn sich die drückende Sommerschwüle über die Stadt am Tiber senkte, dann wurde es in dem gleichen Maße, wie sich die Gassen Roms leerten, aus den Landstraßen lebendig. Zahlreiche schwer beladene Reise- wagen, deren Insassen die Sorgfalt priesen, mit der die römische Kaiser- Zeit für die Vortrefflichkeit des Wegnetzes in allen Teilen des Reiches sorgte, bevölkerten die Straßen, die nach den anerkennenden Worten Hein­rich von Stephans, dieses hervorragenden Kenners modernen Welt­verkehrs, in den meisten Gebieten des alten Römerreichs einen solchen Verkehr besaßen, wie ihn eine lange Reihe späterer Jahrhunderte nicht wieder aufzuweisen hatte.

Der große Luxus, mit dem die vornehmen Römer reiften und der einen jeden von ihnen gleich eine ganze Karawane in Bewegung setzen ließ, trug jein gutes Teil zu der Buntheit des Lebens auf den Chausseen bei. Schon der Volkstribun Milo führte zur Zeit der Republik, als man voch verhältnismäßig einfacheren Sitten huldigte, auf einer Reife nach Lavinium außer einem Troß von Sklaven und Sklavinnen eine ganze hauskapelle mit sich, und in der Zeit des Kaiserreichs nahm dann der Reiseluxus, durch orientalische Einflüsse gesteigert, phantastische Formen an. So glaubte die Kaiserin Poppäa auch unterwegs ihre täglichen Wa­schungen mit frischer Eselsmilch nicht entbehren zu können, zu welchem Zweck sie 500 Eselinnen begleiten mußten, und von Kaiser Nero wird er­zählt, daß er sich nie mit weniger als tausend prächtig ausgerüsteten Ka­raffen auf Reisen begab, deren Maultiere mit silbernen Hufeisen be­klagen und von Treibern in roten Röcken geleitet waren; zahllose reich geschmückte Vorreiter und Läufer vervollständigten diese kleine Völker­wanderung. Doch auch Privatpersonen suchten an Prunkentfaltung auf >hren Reisen mit den fürstlichen Vorbildern zu wetteifern, oft weit über 'hre wirklichen Mittel hinaus. Denken wir dabei an die ganz auf das Zweckmäßige eingestellte Ausrüstung und das bescheiden zugemessene Ge- IPätf, das wir heute besonders auf Reisen zur See oder im Flugzeug

mit uns führen, bann erkennen wir, daß in demselben Maße, wie die Entfernung des Wegziels zugenommen, sich der Umfang dessen, was man des Mitnehmens für nötig erachtet, vermindert hat.

Freilich gab es auch schon damals vereinzelte Menschen, die den Reiz einer möglichst unbeschwerten Reise geahnt haben. So unternahm Seneca einmal mit einem Freunde eine Fahrt ohne jedes Gepäck und nur in einem einzigen einfachen Bauernwagen. Zur Nachtzeit wurde eine Ma­tratze auf die bloße Erde gelegt und zwei Regenmäntel mußten als Unter­lage und Decke dienen. Die Mahlzeiten entsprachen in ihrer Bescheidenheit dem Nachtlager. Zwei glückliche Reisetage, erfüllt von dem Reiz des Un­gewohnten, waren dem Philosophen auf diese Weise beschieden, die ihn lehrten, wieviel Dinge zu unserem Lebensglück entbehrlich sind, ohne das freilich diese Ansicht ihn vor einem falschen Schamgefühl bewahrte, wenn er mit feinem bescheidenen Gefährt einer glänzenden Kavalkade begegnete.

Sicher hat Seneca nach diesem Ausflug ins Spartanische das nächste Ma! wiederum einen jener bequemen Wagen rüsten lassen, den die alten Römer in sinnreichster Weise mit allem Komfort auszustatten verstanden. So wird in den Pandekten aus Anlaß eines Crbstreits eine als Schlaf­wagen eingerichtete, von Maultieren gezogene Karosse erwähnt. Wer aber bei Tag fuhr, der konnte sich die Zeit mit dem Lesen besonderer Reise­ausgaben der Schriftsteller vertreiben, die statt der sonst üblichen unhand­lichen Form von Pergamentrollen die von Martial dem Leser als Reise­begleiter empfohlene, bequemere Gestalt von Pergamentbüchern auf- wiesen. Und wenn der ältere Plinius auf seinen Fahrten einen Steno­graphen mit einer Schreibtafel mitnahm, so benützte er den Reisewagen in ganz ähnlicher Weise als Privatbureau wie ein Generaldirektor unserer Tage, der, im O-Zug sitzend, einem Sekretär feifie Briefe in die Schreib­maschine diktiert. Vorhänge aus Seide und anderen kostbaren Stoffen sorgten für erquickenden Schatten, wenn nicht wie bei den Wagen des Kaisers Commodus außerdem noch Vorrichungen zum Drehen der Sitze eingebaut waren, um ein Ausweichen vor allzu heißen Sonnenstrahlen zu ermöglichen, ohne die Lichtzufuhr und den Ausblick zu behindern. Auch waren die Gefährte dieses Herrschers mit Apparaten, die die zurückgelegte Wegstrecke sowie die Zeit anzeigten, versehen. Da zu dieser verschwende­rischen Innenausstattung sich bei den Prachtwagen der Kaiserzeit an der Außenseite kostbare Zierate, silberner und goldener Figurenschmuck hin- zugesellten, so repräsentierten sie nicht selten den Wert eines stattlichen Landguts. Die Frauen liebten es, meist in Sänften zu reisen, wenn sie nicht wie die schöne Cynthia, von der Properz berichtet, aber auch andere ihrer Mitschwestern, dieKönigin der Straßen", die Via Appia, zum Schauplatz ihrer Künste im Pferdelenken machten.

Bei der Behaglichkeit der Reisekutschen, die nicht zur Eile anfporten, sowie bei der Schwerfälligkeit, mit der sich ein so großer Troß von Be­gleitpersonen vorwärtsbewegte, wurde das Ziel, mochte es auch nicht allzu weit liegen, erst nach einer für unsere Begriffe endlos langen Fahrtdauer erreicht. Den Schnelligkeitsrekord hat nach den überlieferten Berichten im alten Rom Tiberius geschlagen, als er von Ticinum, dem heutigen Pavia, zu dem erkrankten Drusus nach Germanien reifte und dabei in 24 Stun­den mit mehrmaligem Pferdewechsel 300 Kilometer zurücklegte. Der ge­wöhnliche Reisende dagegen, der sich eines Vetturins, eines Mietwagens, bediente, brachte es nur auf durchschnittliche Tagesreisen von 60 bis 75 Kilometer. Das Mietfuhrwesen, das in der Hand privater Unternehmer lag, spielte im alten Rom eine bedeutsame Rolle, da die Staatspost nicht dem Verkehr des Publikums diente. In vielen Orten waren die Vermieter von zwei- und vierräderigen Wagen sowie von Zugtieren zu eigenen In­nungen zufammengeschlossen, und der Reisende kam wenigstens an den Hauptverkehrsstraßen niemals in Verlegenheit um ein Beförderungs­mittel. Im allgemeinen wurden die zweiräderigen Wagen, die noch im 18. Jahrhundert in den in Italien üblichenSedien" fortlebten, bevorzugt, während die Benutzung der vierräderigen wohl als ein Zeichen beson­deren Reichtums, anderseits aber auch des Mutes galt, da sich, wie ein Schriftsteller des 4. Jahrhunderts berichtet, mit ihnen häufig Unfälle er­eigneten. Die Verleiher der Mietswagen hatten ihren Standplatz an oder vor dem Stadttor, wo sie der-Reifende mietete, dem sie dann entweder den Wagen- und Pferdewechsel von einer Station zur andern besorgten ober sich, wie auch in der neueren Zeit, zu seiner Beförderung mit demselben Fuhrwerk bis zum Endziel verpflichteten. Welche große Nachfrage zeit­weilig nach diesen Wagen bestand, beweist ein Ereignis aus der Re­gierungszeit des Kaisers Caligula: Als dieser Herrscher einst während seines Aufenthalts in Gallien eine Auktion des kaiserlichen Hausrats ver­anstaltete und zu seinem Transport aus Rom alle verfügbaren Miet­wagen mit Beschlag belegen liefe, verloren viele Rechtsuchende ihre Pro­zesse, da sie mangels eines Gefährts nicht vor Gericht erscheinen konnten.

Weniger erfreulich als das Reifen zu. Lande, das freilich durch viele Belästigungen durch Zöllner und die in manchen Gegenden sehr unwirt­lichen Herbergen getrübt wurde, gestaltete sich für die Römer eine See­fahrt. Sie war hauptsächlich auf die gute Jahreszeit beschränkt. Winter­fahrten waren ein sv gewagtes Abenteuer, daß sie von niemandem ohne zwingenden Grund unternommen wurden, um so weniger, als ihm im Falle eines Schiffsbruches das traurigste Los drohte; denn trotz des strengen Einschreitens der Kaiser Hadrian und Marc Aurel übten die Be­wohner mancher Küstengegenden ein unbarmherziges Strandrecht und verkauften sogar bisweilen die Unglücklichen, die in ihre Hand fielen, in bie Sklaverei. Auch vor Seeräubern war man nie sicher. So war selbst für bie reiselustigen Römer ber Anreiz zu Meerfahrten kein großer. Auch durfte man es dabei nicht eilig haben, da die Durchschnittsgesckwindigkeit eines Schiffes damals 4,17 bis 6,25 Seemeilen in der Stunde betrug, während unsere heutigen Schnelldampfer in der gleichen Zeil etwa 25 Seemeilen zurücklegen.

Ein alter Römer, dem es vergönnt wäre, einen Blick in unsere Zeit zu werfen, würde daher wohl der Vorliebe der modernen Menschen für Vergnügungsreisen zur See mit einigem Kopfschütteln gegenüberstehen. Dagegen fühlen wir uns diesem großen Reisevolk des Altertums in (einer Bewegungsfreudigkeit und seiner hohen Reisekultur zu Lande wesens­verwandt, wie himmelweit verschieden auch der äußere Rahmen ist, in dem sich die Vergnügungsfahrten einst und jetzt abspielen.