fcnrmnnttn" nnh hie neue Äu«önabe feiner Novellen ,,T)ie FrühflNgsseier aeb7ren allgemein zu den Werken der jungen Generation, die sich einer ® ’j ' snpHebtheit erfreuen. Ans breiterer Basis wiederholt sich hier an dielen Büchern die frühere Wirkung seiner gelegentlichen Buchrritiken und Reportagen Der Ton, die Melodie, die ganz bestimmte Atmosphäre, bi S Mden Büchern lieot, nahm den Leser auf eine merkwürdige Weise Befangen Es ist viel Romantik da, auch viel Burschckositat und Unbekum- . mertbdt (Mei Merkmale, die besonders das junge Mädchen unserer Tage 7u chä! en weiß); eine Zartheit und pastellsarbene Tonung in Sprache und । i.,,., die jenen eigenartigen und faszinierenden Siimmungsgehalt .
der'einer Zeit wie der mistigen besonder- entgegenkommt. Ein Schritt zu weit, und Hausmann gerät in die Sefutje ber „Verbonse- lunq" Aber sein Geschmack, seine Sicherheit im Sprachlichen tmrb 1) davor bewahren E- werden in seinen Büchern keine Probleme gestell oder schwierige Weltanschauungssragen vorgelegt, nein, Hausmann will nur enäh en Don bem, was ihm in ber weiten Welt wert genug erscheint, er/ählt zu werden Von ber Natur, so wie er sie sieht und liebt; von ben 'JJiäbdjen in ihrer Liebe unb Sehnsucht, von kleinen Schicksalen, die sich ohne großes Geräusch unb im Schatten abfpielen. Vom Wandern und Abenteuern am Wege, die er, Lampioon, sommers und winters im Frühling und Herbst, erlebt. Von den unscheinbaren Dingen der Welt, vom Tautropfen in der Sonne, vom Sternenhimmel über der He.ide, dem klov enden Herzen eines Mädchens, vom Vogelnest und der -wernben Katze. Hunderterlei und tausend winzige Begebenheiten erhalten durch Hausmann neuen Glanz. Wie neu, wie einmalig ober erscheinen uns die alltäglichen und längst bekannten Dinge, Menschen und ihre Gewohnheiten. Neu und blank stehen sie da. Das ist das immer wieder Niertwur- biae und Anziehende seiner Bücher: wir sehen uns m den vielen kleinen Vorfällen wieder, die an uns geschehen sind ober füf) fjeute °^er morgen abfpielen können, an benen wir aber bann meistens achtlos.norubergehen. Bei Hausmann sehen unb spüren wir, wie wichtig biese kleinen „Tnwch^- tiafeiten" sind. Alles ist geschrieben in einer Sprache, die alle Zartheit und Weichheit in sich trägt, die, ohne kraftlos zu sein, behutsam an die Dinge rührt, ihnen ihr Geheimnis entlockt und sich so naher an den Puls des Geschehens herantostet, als es vielsoch jene problembelastete Prosa. anderer Dichter vermöchte. Den Gang durch eine einsame Winternacht weiß Hausmann so silbrig und glitzernd auf ein paar Seiten hervorzuzaubern, daß wir meinen selber dabei zu sein (und fiele selbst die Lektüre in den heißesten Sommer). .
Zum Schluß: was Hausmann von sich selber sagt, werden auch viele seiner Leser nachsagen können, als Ergebnis und Gewinn semer Bucher. „So lebt er so hin. Er lebt sehr gern. Er weiß nicht viel, aber er leot. Das ist genug."
Die Stiege mündet auf den Weg zur Burg. Wie ich noch ein wenig höher hinaufgedrungen bin, finde ich auf halber Höhe eine Bank unter zwei Linden, dort laße ich mich nieder.
Unten im Tal ruht das Städtchen mit seinen erleuchteten Straßen. Der Rhein kommt aus ber Ferne und strömt roieber ruhig in bte gerne hinein. Das schwarze Ufer spiegelt sich in der blassen Flull Da s-hwantt auch ein Licht, da noch eins, da ein drittes. In einem ber Garten, die sich am Strom hinziehen, spielt jemanb Zither, es klingt so beutlich heraus. Dann unb wann fällt eine schöne Männerstimme trällernd em. Und wenn die Musik schweigt, höre ich das Wasser ziehen und einen Wagen die Landstraße hinknarren. Die Nacht ist lau. der Gesang der Grillen steigt an unb fällt ab, ein schwingenber, unenblidjer Ton.
Ich sitze da und blicke über das Tal hin und denke nach. Bin ich traurig? Ich bin so müde. Und ich denke, warum ich denn so ruhelos in den Landern umherschweifen muß, und ob die Bürgersleute da unten nicht glücklicher sind als ich, der Herr Zolleinnehmer auf dem Kai, die Magd am Brunnen, der Mensch, der in der dunklen Stube mit seinen Fingern das Pianoforte berührte. Sie haben ihre kleinen Freuden und ihre kleinen Sorgen, ja ja auch sie, aber sie haben auch den Frieden, die Heimat, die Stille. Unb was habe ich: Nichts. Ich habe bie Unruhe, ich habe dies kranke und sehnsüchtige Gefühl in der Brust.
Aber vielleicht erscheint mir dieser Abend und das Städtchen und das versunkene Tal nur deshalb so leise und verlockend, weil ich weiß, baß ich morgen schon wieder alles verlassen und weiterwandern werde. Ich glaube, kein Mensch liebt die Bäume und Gewässer, die Städte und Felder und bie Mädchen so inbrünstig wie der, dem es bestimmt ist, nur eben einmal mit seinen Händen darüberstreifen zu dürfen. An ihrer Oberfläche sind die Dinge dieser Welt so schön. Da gittert der Hauch, der bunte Schmelz, die unsagbare Süße. Die Dinge und Worte dieser Welt. Aber wer stehen bleibt und tiefer hineinsieht, findet nichts als Traurigkeit. Wandern, nichts besitzen, ein Mädchen küssen, einen blühenden Zweig berühren, vorüberziehen, nichts wissen. Das ist es wohl. ,
Ich tu das Gesicht in meine Hände und sinne vor mich hin. Em paar Mädchennamen fallen mir ein. Bettina, sage ich durch meine ginger, Jngeborg ... Jlsebill ... Unb noch einmal diese kühlen, nördlichen Worte: Jngeborg ... Jlsebill ... kleine Bettina ... Hört ihr mich? Ein warmer Windzug weit durch die Linden, dann ist es wieder still.
Was sind hundert Jahre? Auch damals strömte der gluß dunkel durch das Tal, auch damals glitzerten Lichter in feiner glut, erklang Musik an seinem Ufer, auch damals sang irgendein Mann an solch einem Abend gedämpft in seinem (Barten, auch damals gab es einen grembling, der sich umhertrieb und manchmal dasaß und traurig war, auch damals fiel unversehens ein kleiner Wind ins warme Laub ber ßinbenbäume und verlor sich wieder. Wo will ich hin?
Seufzer überm Rhein.
Von ManfredHausmann.
Aus ,Lampioon küßt Mädchen und kleine Birken", Abenteuer eines Wanderers, Verlag Earl Schünemann, Bremen.
Ich bin wieder einmal wo angekommen. Der Abend senkt sich allmählich ins Tal Ich bin nun in Stein am Rhein, wo bie Uhren etwas nach- nehen; unb ber Meder über die Gartenmauern hangt. Da stehe ich) auf der röten Holzbrücke. Der Strom zieht dunkel darunterhin, drüben schimmern bie Weingärten am Burgberg hinauf bis zum JSalbe. Unb über dem Walde, oben über aller Welk steht das feste Haus Höhenklmgen mit feinegh viereckigen Turm und hält die Wacht für uns alle.
Mit einem Male kommt das weiße Dampfschiff von Schaffhausen an- qebrauft. Es klingelt, bie Gischtwelle vor seinem Bug sinkt zusammen, unb dann schmiegt es sich an ben Kai unb macht unter ben blühenden Kastanien fcft. Einige Leute gehen an Land und werden dort von anderen begrüßt. Ein großer Herr, der mit einem leichten Mantel und einem hellgrauen Hut bekleidet ist, winkt sich einen Hoteldiener herbei und zeigt aus sem Gepäck. Dann läutet das Schiff und fährt weiter. Schnell und schmal braust es unter der Brücke hindurch dem Bodensee zu. Es will heute abend noch nach Konstanz.
Und wo will ich noch hin? Nirgendwohin. Ich will nur ein bißchen durch das verdämmernde Städtchen schlendern, sonst nichts. Was sollte ich auch sonst in Stein am Rhein noch wollen?
Wäre ich vor hundert Jahren hierher gekommen, ich hätte die Straßen und Gassen und Menschen nicht viel anders angetroffen als heute. Ich habe die Nordsee mit ihren langen Wogenzügen gesehen, ja gut ich bin in Berlin gewesen, wo es Untergrundbahnen und zweistöckige Autos gibt, ich kenne die Wälder und Strome in Nord und Süd, ja ja, aber in dieser kleinen Stadt muß ich das alles vergessen. Ich bin heute abend in Stein am Rhein die Bäume in den Gärten schauern und duften, an leber Ecke plätschert ein Brunnen, hier muh man manches beifeite lassen, man muh stille sein unb lächeln. Nichts wollen, nichts denken .. • Was ist die Welt, was sind hundert Jahre!
So bin ich denn stille und bleibe jeden Augenblick stehen, um irgendein rührendes Sing zu betrachten, einen holzgeschnitzten Erker, ein Loden- senster mit einer Brücke aus Streichholzschachteln, eine hängende Laterne, eine Magd mit Wassereimern, einen düsteren Torgang, an dessen Ende sich ein erleuchteter Hof wie ein Bühnenbild auftut, ein Gemälde an der Rathauswand, alles fo gut es am Abend möglich ist. Dann muß ich auch einmal vor einem offenen genfter anhalten und zuhören, wie drinnen in der dunklen Stube jemand ein Andante aus einem Pianoforte ausschwebenläßt. Und dann bin ich schon am anderen Ende des Städtchens angelangt.
Ich spaziere durch das turmgekrönte Tor ins greie. Mächtige Linden ragen auf, eine Kapelle steht dazwischen, es sieht so aus, als ob da feit» härts ein griedhof wäre, ich konn's nickt recht erkennen. Nun streife ich an Gärten mit Lusthäusern vorbei, an Goldregen und weißen Springen. Das Laub ist so warm. Dahinter führt eine Weinbergstiege durch Wiesen auswärts. Die Grillen fingen unentwegt. Zuweilen rührt sich klar unb süß bie Amsel. Es ist völlig Nacht geworben.
Ltnd sie bewegt sich doch!
Am 22. Juni 1633 mußte Galileo Galilei vor bem Jnquisi- tionstribunal in Rom feinen Glauben an bie Kopernikanische Lehre abschwören, wonach die Erde sich um die Sonne bewegt.
Im September 1632 erreichte den 70jcihrigen Gelehrten Galileo G a - [ i [ e i in glorenz eine Vorladung nach Rom. Im gebruar 1633 traf Galilei dort ein und quartierte sich beim florentinifdjen Gesandten ein. Am 12. April betritt er zum ersten Verhör den Palazzo Saut Ussieio neben ber Peterskirche, ben Ort, wo bie Inquisition ihres heiligen Amtes waltet. Er hatte bie Kopernikanische Lehre, bie Erbe sei ein Trabant ber Sonne, entgegen einem päpstlichen Verbot aus bem Jahre 1616 in einem Buche oerteibigt; unb bie Inquisition war nicht so vergeßlich, wie er geglaubt hatte.
Das Verfahren gegen Galilei verlief in streng vorgeschriebenen For- men, die dem modernen Juristen unverständlich erscheinen und die doch so geeignet find, ben Verbächtiqen zu zermürben unb zu Gestänbnissen zu brftigen. Galilei wußte zunächst noch gar nichts, seine Labung hatte sich in ganz allgemeinen, ja schmeichelhaften Ausdrücken bewegt: „Hochgelehrter . . entschuldigt ... in einem gewissen Rechtshandel wäre Eure Anwesenheit erwünscht ..." Die Klageschrift war ihm nicht mitgeteilt wor- ben ein Verteibiger wirb ihm nicht beigegeben, bas ganze Verfahren geht in strengster Heimlichkeit vor sich, bas Urteil bes Gerichtshofs, ben Galilei bei ber Urteilsoertünbigung zum ersten Mal sieht, stützt sich ausschließlich auf ben Akteninhalt — kurz, ber Prozeß ist in allen Punkten unserem modernen Strafprozeß entgegengesetzt. „Wenn der Delinquent schon zum voraus weiß, was man gegen ihn geklagt oder ausgesagt hat, so kann er ja gar leicht alle Anzeigen durch seine Antworten vereiteln", heißt es in der alten Prozeßbeschreibung des Paters Ameno. Allmählich, ganz allmählich wird der Angeklagte im Verfahren der Inquisition durch die Anhäufung von Beweisen erdrückt, durch vier immer schärfere Vernehmungen, schließlich durch die Folter zum Geständnis gedrängt, denn nur auf Grund eines Geständnisses konnte der Angeklagte als überführt gelten. Und so wurde auch mit Galilei verfahren.
Wiß Ihr, weshalb Ihr vorgeladen seid?" — „Kennt Ihr dieses Buch über die Lehre des Kopernikus?" — „Ist es von Euch geschrieben?" — „Seid Ihr 1616 in Rom gewesen?" — „Ist Euch damals nicht ein päpstliches Verbot mitgeteilt worden?" — „Wie war der Wortlaut des Verbots?" Stunden- und stundenlang hat der Greis auf die anscheinend unverfänglichen Fragen zu anroorten — ober ber Untersuchungsrichter — neben dem protokollführenden Notar ist nur noch der Ankläger, Carlo S i n c e r o , anwesend — hält die Protokolle von 1616 in der Hand, unb wehe, wenn Galilei eine feststehende Tatsache bestreiten würde! Er beschränkt sich darauf, zu tagen, daß die Worte des Verbots ihm nicht erinnerlich seien und daß jein Buch in Wahrheit zu dem Schluß führe, daß die kopernikanische Lehre falsch sei — in der Tat hatte er das zum Scheine auch im Vor- und Nachwort ausgesprochen — „In die Haft! verordnet schließlich der Inquisitor Vincenzo Macolano de Firen- 1 juola mit seiner tonlosen, unbewegten Stimme. Galilei muß bis zum . nächsten Verhör im Jnquisitionspalast bleiben; bie Zellen lernt er aber i nicht kennen, es werben ihm brei bequeme Zimmer angewiesen.


