GiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang <955 Montag, den 19. Juni Nummer 46
Oie Tage der Hofen.
Von Otto Roquette.
Noch ist die blühende golden« Zett, O du schöne Welt, wie bist du so weit!
Und so weit ist mein Herz, und so blau wie der Tag, Wie die Lüfte, durchjubelt von Lerchenschlag.
Ihr Fröhlichen, singt, weil das Leben noch malt: Noch ist die schöne, di« blühende Zeit,
Noch sind die Tagen der Rosen!
Frei ist das Herz und frei ist das Lied, Und frei ist der Bursch, der die Welt durchzieht, Und ein rosiger Kuß ist nicht minder frei, So spröd und verschämt auch die Lippe sei. Wo ein Lied erklingt, wo ein Kuß sich beut, Da heißt's: Noch ist die blühende goldene Zeit, Noch sind die Tagen der Rosen!
Io im Herzen tief innen ist alles daheim, Der Freude Saaten, der Schmerzen Keim. Drum frisch sei das Herz und lebendig der Sinn, Drum brauset, ihr Stürme, daher und dahin!
Wir aber sind allzeit zu singen bereit: Noch ist die blühende goldene Zeit, Noch sind die Tagen der Rosen!
Manfred Hausmann.
Von Hanns Arens.
„... man soll die Herren Autoren erst einmal ordentlich was leisten lassen, ehe man sich in Form eines Aufsatzes mit ihnen besaßt! Mein Opus ist vorläufig noch so unwesentlich, daß ich mir nicht denken kann, w e sich darüber schon etwa Wesentliches sagen läßt. Das ist meine Prioatansicht."
Manfred Hausmann in einem Brief.
Also müßt ich das schon fein säuberlich geglättete Papier und den bereits gezückten Füller wieder zur Seite legen? Eigentlich ja, denn der Dichter Hausmann denkt nicht sehr ermutigend von derlei Aufsätzen, die sich mit seiner Person beschäftigen. Wenn ich es trotzdem nicht tue, so deshalb, weil ich nicht daran denke, ihn etwas „literar-historifch" zu verarzten. Nein, nur zu meiner eigenen Freude will ich mich ein wenig mit dem Dichter und Menschen Hausmann unterhalten. Ich möchte den vielen Freunden von „Lampioon" nur erzählen, will Dinge berühren, die eigentlich wenig mit Literatur zu tun haben. Das sei mir gestattet. Und damit sogleich deutlich werde, wie ich das meine, setze ich zu Anfang die Stelle eines Briefes von ihm hierher, die klar zum Ausdruck bringt, daß meine kleine Betrachtung mehr beim Persönlich-Menschlichen anknüpft.
„... Meist Haus steht in Worpswede am Hang des Weyerberges, der nicht eben weit von Bremen aus der gewaltigen Ebene aufragt. Zwar ist er nur 54 Meter hoch, aber da er die einzige Erhebung weit und breit darstellt, bedeuten diese 54 Meter schon allerlei. Man hat einen phantastischen Blick über die Moore und Wälder hin bis in die Unendlichkeit. Es ist eine Landschaft von einzigartiger Größe, Herbheit und Einfachheit, überschwebt — und das ist erst das Wundervollste — von einer unablässig sich verändernden Atmosphäre. Heute ruht ein leiser Golddunst über allem, morgen sieht man nur eine schneeweiße, grenzenlose Nebelfläche, aus der da und dort die Rauchfäulen der unsichtbaren Bauernhäuser aufsteigen, bis die Sonne das Ganze in Wallung bringt und hochdämpfen läßt, ein anderes Mal herrscht von einem Ende bis zum andern eine kristallklare Bläue, ein drittes Mall hängt dunkles Gewölk tief herab, aus dem eigenartig gefärbte Sonnenbahnen heroorbrechen und über die Ebene hinwandern, ein viertes Mal liegt die Nähe wie die Ferne in den zartesten Pastelltönen da, taubengrau, rosa, blahgrün und mattgelb Und so geht es fort. Unbeschreiblich sind die dröhnend heran sich wälzenden Gewitter ober die Regenstürme, die das Wasser in schwarzen, senkrechten Wellen vom Westen heran und vorbeifliegen lassen. Wie man anderswo bei geselligen Zusammenkünften von dem neuesten Mordfall, von Politik und Kunst spricht, so in Worpswede etwa von dem gestrigen Sonnenuntergang, der wieder einmal so atemberaubend hochbrannte, daß man alles liegen und stehen lassen und zusehen mußte, oder von den Kranichzügen, die nachmittags über den Gärten ruderten, ober von btefem merk- würbigen WoUentor, bas sich ftunbenlang vom sübllchen Horizont hinspannte. Von den Wintertagen, wenn bie eisbehangenen Föhrenwälber
klirren ober die frostklare Luft jeben Ruf, jeden Peitschenknall, jedes Hundegebett durch die Stille trägt, mag ich gar nicht reden. Ich bin so froh, daß ich dort wohne, hoch und hell und einsam."
In den Jahren 1924/25 sah ich den Dichter öfter in der Stadt unserer beider Arbeitsstätte, in Bremen. Hier startete er in die Literatur. Hausmann war damals Feuilletonschriftleiter an der Weserzeitung und noch völlig unbekannt. Nur einige Menschen der Stadt wußten von ihm. Diesen fielen die kleinen frech-fröhlichen Berichte und Kritiken auf, die dann und wann in der Weserzeitung auftauchten. Es war der Ton dieser kleinen Arbeiten, die ihnen auffiel. Wenn er Theaterstück« besprach oder Vorträge referierte, so war es für einige Bücherfreunde immer eine kleine Freude, über bie Art der.Formulierung zu sprechen, sich zu erfreuen an dem so ganz neuen Stil, den er anschlug. Er war so göttlich unbekümmert, dieser Doktor Hausmann, so quecksilbrig und voller Hoffnungen und Pläne mit seinen 26 Jahren. „Er trat am 10. September 1898 in Kassel als Erstgeburt ans Licht. Da er blond, blauäugig und langschädelig war, schmückten seine Eltern ihn mit dem nordischen und zu ungewöhnlichen Taten verpflichtenden Vornamen Manfred. Ungewöhnlich war indessen fürs erste nur seine Lümmelhaftigkeit." — So der Dichter über sich. Wir trafen und sprachen uns öfter bei feinem väterlichen Freund und Förderer Wilhelm Scharrelmann (der von Anfang an auf Hausmann „setzte" und ihn dadurch, durch den Glauben an ihn, stützte), an den schon traditionell gewordenen Donnerstagabenden, an denen sich Freunde und Gleichgesinnte regelmäßig zusammenfanden. Schon damals, ohne daß eine Arbeit von ihm oorlag, wußten wir, daß in ihm der Dichter versteckt war. Und wie bann, einige Zeit später, sein erstes kleines Bänd- chen „Orgelkaporgel" erschien, würbe es einem weiteren Kreise bewußt, baß Hausmann seinen Weg als Dichter unbeirrt weiter beschreiten würbe. Balb barauf folgte bann seine „Frühlingsfeier", zwei kleine Erzählungen umfaffenb unb ein Bändchen „Gebichte", bie er für Freunbe brücken ließ, lieber feine Bremer Zeit hat er selber geschrieben; ich will hier einige Stellen einschalten:
„1924 thronte er in Bremen auf bem Schemel einer Ueberseespedition unb machte Dollars für ben Boß. Aber da mußte er immer so früh aufstehen und den ganzen Tag so unmenschlich komplizierte Dinge in seinem Kopf ausrechnen — beispielsweise 262/s Prozent von acht Pfund, sieben Schilling und elf Pence — daß er lieber Feuilletonschriftsteller an der Weserzeitung wurde. Derart auf den Hund gekommen, genierte er sich nicht mehr, bie Geschichten unb all ben Tand, den er mittlerweile in Frühstückspausen und an Sonntagen geschrieben hatte, einem Bremer Verleger anzubieten. Der fiel denn auch darauf herein."
Hausmann war damals und ist heute noch ein unruhiger Geist. Die Lockung in die Ferne sitzt ihm im Blut. Er hat viel von der Wanderlust unb Unftetigteit eines Knut Hamsun in sich (bem seine ganze Verehrung unb Liebe gilt unb von dem er entscheidend beeinflußt worben ist). Schon seine Schuljahre waren voller Streiche unb Ausgelassenheiten unb angefüllt mit kleinen unb großen abenteuerlichen Fahrten unb Wanberungen: „... auch sah er nachts viel in ben Monb unb bachte in ewiger Treue bald an bies, balb an jenes Mädchen aus der Nachbarschaft. Tagsüber spielte er mit den Straßenjungens Fußball und mit den Dandys Tennis. Sonntags verachtete er Kragen, Schlips und Elternhaus und strolchte barfüßig in Deutschland umher." Dieses unstete und schon früh ruhelose Leben fand in der Studienzeit die Fortsetzung auf „großem Fuß". Hausmann schreibt hierüber: „Eines Faschings erwarb er aus lauter Uebermut das Doktorhütchen. Aber bann ginge mit ihm bergab, beim er sollte einen ernsthaften Beruf ergreifen. Die erste Hälfte bes nunmehr anhebenben Sommers faulenzte er als sage unb schreibe Privatbozentaspirant unter Gunbolf in Heibelberg, bie zweite auf bem Hohentwiel am Bodensee als Dramaturg der dortigen Festspiele, die infolgedessen verkrachten. Als er diese Tätigkeit im Konton seiner väterlichen Mikroskopfabrik fortzusetzen gedachte, wurde er, unter Brüdern gesagt, hinausgeschmissen. Da außerdem das seltsame Zwischenspiel der Inflation stattfand und doch alles verloren war, bestellte er eine Brautkutsche, ließ die Kirchenglocken läuten unb heiratete seine ebenso stille wie verwegene Kamerabin mit ohne einen Pfennig Gelb seinerseits."
So sehr Hausmann, biefer Vagadunb, sich auch bemühte, in einem Beruf „seßhaft" zu werden, so sehr mißglückte ihm diese Anstrengung. Ein Jahr — eine lange Zeit für ihn! — hielt er es an der Zeitung aus, bann legt er — bereits mit zwei reizenben Kinbern beschenkt — seine „Arbeit" bei ber Zeitung nieber unb lanbstreichert im Ueberschwang der neuen Freiheit so lange durch Deutschland auf und nieder, bis er das Buch „Lampioon" fertig hatte. Dann kehrte er zurück und lieh sich, weil er nicht reich genug war, um anständig zur Miete wohnen zu können, Geld für ein eigenes Haus, ebenso modern wie heiter.
Mit dem Buch „Lampioon küßt Mädchen und kleine Birken" betritt HausMann die gefährliche Bühne der Literatur, mit dem Erfolg, daß er sogleich eine begeisterte Leserschar um sich versammelt, die seitdem von Buch zu Buch großer und breiter wird. Seine Bücher: „Die Verirrten", „Salut gen Himmel", „Kleine Liebe zu Amerika", „Abel mit der Mund-


