sich sagen mußte, ■ Zeit so gut wie
Ostende, und man sieht, wie der nun der Pußta versunkene Besitzer neben dem Grafen Holk und all den großen Rennreitern von dazumal über die Tribünenhürde fetzte ja, ja, alter Junge, als wir noch schon, jung und zwanzig waren und zum Frühstück schon zehn Kilometer Morgengalopp und den ganzen Sprunggarten im Leibe hatten! Und nun sind wir Outsider geworden und das Reiten ist vertagt bis aus weiteres. Aber mir cheint, die Zeit ist so, daß die Zukunft den Outsidern gehört. Den Gent e- man-Tankwarts und denen, die in der Office der Landerbank ihre Zelte bauten. Wir gehen nicht zugrunde — nö, sollte uns passieren und im Notfälle werden wir Kammerherrn bei der Dynastie Dschingiskhan und Eskadronchef bei den Apokalyptischen Reitern werden...
Und die Ungarn sind das letzte Volk mit der Liebenswürdigkeit und den Formen des alten Europa. Und die ungarischen Gendarmen sind, wenn sie nachts an meinem Lagerfeuer erscheinen, so bestrickend liebenswürdig, daß ich immer denke, ich bekomme zum Schluß noch ein Gute- nachtküßchen. Und der einzige unhöfliche Mann in Ungarn ist der Oberkellner im Hotel Vadaszkürt in Gönyi.
Voller Akaziendust und Liebesschreien brünstiger Kreatur ist die Nacht, und was hier, kurz vor dem Drau-Dreieck, nadelsein und am gelben Abendhimmel steht, das ist das erste Minarett, und nun wird man ihn wieder bald hören, den großen, ruhigen Gesang: „Allah hu akbar..."
Und heute fand ich an der Schleppangel einen stattlichen Fisch, und wir wollen in Salbeiblättern in der Asche des Lagerseuers ihn braten, im eigenen Saft. Und im Umkreis von zehn Meilen mag unser Zelt das einzige Haus fein, und der Himmel ist eine riesige, kobaltene Schüssel, mit den hellen Aquamarinen von Andromeda und Schwan und Kassiopeia und dem gigantischen Vogen von Bär und Spica und Arkturus...
Und die Götter des fernen Landes find groß, und man weiß nicht, wie man wieder heimsinden soll aus der Unendlichkeit.
Durch die Unendlichkeit singt ein Lied, das ist ewig wie oben der Arkturus, und die wandernden Menschenkinder müssen's alle fingen ...
Leb, weiß nicht wie lang, Sterb, weiß nicht wann, Geh, weiß nicht wohin, Weiß nicht, daß ich so fröhlich bin. \ ♦
Hinter Mohacz, wo heute die jugoflawische Grenze läuft, versinkt Europa definitiv. Diese unendlichen schwarzen Wälder, deren Füße auf Luftwurzeln im Wasser stehen, das ist nichts anderes als der Mongroven- rand eines tropischen Flusses, und einsam und rätselvoll ist auf ihnen die Fahrt, wie die auf dem Styx, und wer diese Wälder betritt, wird von Moskitos gefreßen, und hinter den nassen Vorhängen ihres Laubes raschelt, schabt, schmatzt und schlürft immer etwas, was man lieber nicht sieht .. Die Donau aber mit ihrem Hochwasser hat nicht genug an ihrem beinahe meilenbreiten Bette — sie schießt urplötzlich mit einem Wasserfall hinein mitten in den Wald, sie frißt das morastige Land, sie unter- wühlt den schwankenden Boden, sie ist überall und übermächtig. Unheiliger Gewitterregen schüttet Bottichgüsse auf mein Boot, die Ufer verschwinden, man ist allein im grauen Chaos. Das deutsche Motorschiss, das mir ent= geqenkommt, nähert sich geräuschlos und schemenhaft, wie em ©eifterboot.
So ist das. In Török, wo eine riesige Lehmwand nebst obligater Türkenruine den herausfordernden Stumpfsinn der Dschungeln unterbricht, da baue ich mein Zelt bei schwäbischen Fischern, werde zum Diner eingeladen und bekomme Fogosch in Paprikasauce vorgesetzt, tnnte biefen weißen Bauernwein, der herb nach seiner mütterlichen Erde schmeckt und der die Beine nicht schwer macht ... höre auch zu, was m?ine Wirte von Gott und der Welt sich erzählen. Schwaben aus Württemberg undBayern, einqewandert vor zweihundert Jahren. Einer hat nach dem Weltkrieg gegen die Bolschewiken gesochten, einer ist ein Pfalzer von jenem schonen brünetten Römertyp, einer stammt aus dem Elsaß, heißt Hegy, hat gehört, daß es in Straßburg noch einen Mann gibt, der so heißt wie er: und nun betrachtet er es als das große Ziel seines Lebens, einmal nach Straßburg zu reisen und von Angesicht zu Angesicht jenen Mann zu sehen, der ebenso heißt wie er. Im übrigen fischen sie in eine gemeinsame Kass«' haben im nächsten Städtchen, in Apatin noch eine richtige Gilde mit Zunftgesetzen und einer Fifcherkrone. .
Und wieder diese pressende Einsamkeit und die göttliche Horizontale der unermeßlichen Ebenen und einsame Rinderherden mit homerisch gekrümmtem Gehörn, und in den einsamen Zeltnächten das große Himmels- theater der Sterne und der göttlichen Silberbogen von Arcturus und Spica und die majestätischen Feuerfittiche des Schwans.
Die Kuckucke schreien nach Liebe und Fraß und schreien vor lauter eifer das „Kuck" gleich fünfmal hintereinander. Und nachts geisterhaft und stumm, da marschiert eine Schafherde ohne Schäfer durch mein Biwak, und voll fremdartiger Tierschreie ist auch die Nacht. Wo ist München? Wo der grüne Himmelsschwung deiner Theatinerkuppel? Und das Lachen deiner weihen Tauben? Dafür taucht irgendwo im «udosten Belgrad auf. Ein kleiner Stadtfleck, dem man seine Dreihunderttausend zunächst nicht glaubt, weil die Stadt einfach ertrinkt in ihrem nefigen Landschaftstheater. Keine Stadt, sondern der große Markt eines Landes von Bauern und Jägern und Fischern und Hirten. Und auf dem Rau- megdan, unter den Trompeten der Lautsprecher, da brennen die anuin= sardenen Tücher kroatischer Bauern einfach Löcher in Gottes Welt, und in den tiefen Gräben der alten Tiirkensestung turnen in feuerroten Blusen Heine begeisterte Sokols. Und dazwischen promeniert selbstbewußt das Df fixiert or ps der kleinen, sieghaft sich fühlenden Armee: Gardereiter m weißen Sommeruniformen und feuerroten Reithofen ... unwahrscheinlich gut rasierte Stabsärzte mit dem Geruch von Peau d'Espagne, in schlichtem Braun die berühmte siebener Infanterie, die vor nun schon neunundzwanzig Jahren die Dynastie Obrenowitsch abschlachiete. Im alten Konak ben man wegen dieser Vergangenheit lieber von der Erde sortrasiert hat, wie man bei Wien nebst seinen blutigen Erinnerungen das Schloß Mayerling vom Erdboden fortwischte...
Sie neue Dynastie aber hat sich an gebaut juft auf dem gleichen blut- gebüngten Boben und haust dort in einer fabulo[en mgelnagelneiien Gpätrenaiffance, die man an Ort und Stelle wunderschön findet. Und
Am Abend jenes Sonntags, an dem die beiden Polizisten ihre An- trittsoifite in der Jnvalidenstrahe gemacht hatten, hatte Jensen eine zu. fällige Begegnung. Das heißt, der junge Polizeibeamte hatte dabei dem Zufall ein wenig nachgeholfen. Seit er Caspar Fuchs zum erstenmal gesehen hatte, war er ganz versessen auf dessen nähere Bekanntschaft. Und da es ihm zweifelhaft schien, ob Fuchs auch seinerseits zu weiteren Zu- (ammentünften geneigt sein würde, so zog er es einstweilen vor, [einen Spuren in angemessenem Abstand zu folgen.
Er hätte viel darum gegeben, wenn er diesen Schachklub hatte aus- sindig machen können, in dem Fuchs verkehrte. Aber zu seinem Merger war er dienstlich verhindert, ihm zu seinem Stelldichein um vier Uhr zu folgen. Erst gegen sieben war er frei. Und obgleich er sich sagen mußte, daß eine Streife in der Nähe des Fuchsbaus um diese Zeit so gut wie aussichtslos ein würde, zog es ihn doch unaufhaltsam in diese Gegend.
Trotz des Regens bummelte er in lustwandlerischem Tempo di« Chausseestraße entlang. Aber er war noch nicht dis zur zweiten Quer- straße gekommen, als wenige Schritte von ihm entfernt, ein Herr aus ber Straßenbahn sprang, in benv er auf ben ersten Blick Caspar Fuchs erkannte. Jensen öffnete schnell seinen Schirm — ein Instrument, bas er mehr als eine Art von Tarnkappe als zum Schutz gegen die Witte, runa bei sich führte — und machte kehrt. Und er muhte sich in Trab setzen, denn Fuchs rannte mit hochgestelltem Mantelkragen langbeinig vor ihm her. Wahrscheinlich strebte er einem nahegelegenen Ziel zu. Denn er hielt es nicht der Mühe wert, seinen Regenschirm auszuspannen.
Dicht Hinterm Stettiner Bahnhof bog er in eine Seitenstraße ein. Unb Jensen konnte ihn gerade noch in einem Lokal verschwinden sehen, das in erleuchteten Settern die Ausschrift „Nelson Bar" trug.
Der Polizeibeamte überlegte. Zweisellos gab sich Fuchs in dieser kleinen abgelegenen Bar ein Stelldichein. Und zweifellos mit einer Person mit der er nicht gern in der Oeffentlichkeit gesehen werden wollte. Aber wer war diese Person? Jensen hatte bas instinktive Gesuhl, als sei er einer wichtigen Entdeckung auf der Spur. Und sein ganzes Bestreben war daraus gerichtet, gleichfalls in die Bar zu gelangen, ohne von Fuchs bemerkt zu werden. x ~
Unschlüssig ging er ein paarmal vor dem Lokal auf und ab. -Da ent- bedte er zwischen den Vorhängen einen kleinen Spalt, durch den man einen Teil des Innern Überblicken konnte. Und er hatte Gluck, denn er sah noch, wie Fuchs seinen Mantel ablegte und in eine der kleinen Boren trat, die die einzelnen Tische voneinander trennten. Die iperfon, mit ber er verabredet war, schien bereits da zu jein. Denn Jensen sah, daß er jemand begrüßte. Aber dieser Jemand blieb zu seinem Aerger für ihn unsichtbar. Da faßte er den Entschluß, einsach hineinzugehen und sich weiter seinem Glück zu überlassen.
Das Lokal war nicht überfüllt, es waren noch genug Tische frei. Aber I qerabe der Platz, auf den er es abgesehen hatte, nämlich die Nachbarbox, ' war bereits besetzt. Jensen zögerte einen Augenblick, bann beging er, 1 allen Regeln der Gesittung zum Trotz, die Ungeheuerlichkeit, kurz ent- 1 schlossen auf die von ihm begehrte Nische Mugehen und mit einer kurzen Entschuldigung einen der noch freien Platze einzunehmen. Er kümmerte sich nicht im mindesten um die bestürzten unb ftrafenben Mienen ber beiden Herren, die diesen Tisch inne hatten und sein Eindringen als eine gröbliche Verletzung des Gastrechts betrachteten. Ihm war bie $aupt= suche daß er seinen Zweck erreicht hatte und wenigstens nur noch durch eine dünne Holzwand von dem Ziel seiner Wünsche getrennt war.
wunderschön findet man auch bas Rokoko der neuen Bankpaläste unb Ministerien, mit denen man unbarmherzig die alten türkischen Gassen zerschnitt. Und man freut sich dieser Herrlichkeiten ... freut sich daran mit jener naiven jungenhaften Freude, der man eigentlich nicht böse sein kann. Inzwischen aber streicheln in den Gassen des Levantinerviertels noch immer schwarzgrüne Zypressen die lehmgebauten Hausmauern der Türkenzeit, noch immer gibt es, wie in Aden und Suez und Jsmailia, das vornehme arabische Wohnhaus mit ben weiß getünchten Arkaden, noch immer sitzen in den Dalmatinerkneipen mit weißen Hängebärten alte (Buslaren, klingen die alten Balladen, tönt von ber hinter der Festung liegenden Moschee das Lied des Muezzins „Allah hu akbar" ... wer cs einbringen läßt bis in feines Herzens innersten Kern, ber sieht voller Ruhe auf die Wechsel ber Zeiten.
Wer von biefen spärlich begrasten Bergkegeln hinüberschaut in die Räume der pannonischen Ebenen, der hört ein anderes, ein machtvolles Lied und das Lied ist nichts anderes als der Gesang der ewig sieghaften Landschaft. Ja doch, was ist denn Menschengeschichte in ihren einzelnen Bezirken anderes als Funktion einer gegebenen Landschaft? Und ihre Landschait schuf sie alle beide: die Gelassenheit des Architravs und das Eisern und Rechten und den Engelskampf des Spitzbogens — die tierische Unschuld des Mittelmeermenschen und die schweifende Seele der nordifchen Dombauer. Gott ist sehr groß ...
Sie Dame mit dem Otierpelz.
Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
(Fortsetzung.)
„Aber natürlich. Ich habe einen sehr leisen Schlaf. Und er hätte ja an der Küche vorbeigehen müssen, wenn er zur Haustür gewollt hätte. Sein Schlafzimmer liegt im Dachgeschoß, und die Treppe knarrt erbärmlich. Ich habe ihn ja heute morgen auch gleich herunterkommen hören. Ach Gott — ber arme Herr Donald! Den Tod wird er sich holen bei diesem Wetter." Sie ließ ihren Tränen freien Lauf. Der Fremde hatte es mit einemmal sehr eilig. Ehe sie sich's versah, war er mit einem flüchtigen Gruß zur Tür draußen, riß ohne Umstände feinen Mantel vom Garderobenständer und stürmte in den Regen hinaus.
Und die ehrenwerte Frau Schnee hatte reichlich Gelegenheit, sich über die sonderbaren Manieren dieses Mannes zu wundern, ben sie offenbar allzu voreilig für einen „befferen Herrn" gehalten hatte.
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