SietzenerSamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1935 Hreitag, -en 19. Mai Nummer 38
Das Mädchen aus der Fremde.
Von Friedrich Schiller.
In einem Tal bei armen Hirten Erschien mit jedem jungen Jahr, Sobald die ersten Lerchen schwirrten, Ein Mädchen, schön und wunderbar.
Sie war nicht in dem Tal geboren, Man wußte nicht, woher sie kam, Doch schnell war ihre Spur verloren, Sobald das Mädchen Abschied nahm.
Beseligend war ihre Nähe, Und alle Herzen wurden weit, Doch eine Würde, eine Höhe Entfernte die Vertraulichkeit.
Sie brachte Blumen mit und Früchte, Gereift auf einer andern Flur, In einem andern Sonnenlichte, In einer glücklichem Natur;
Und teilte jedem eine Gabe, Dem Früchte, jenem Blumen aus, Der Jüngling und der Greis am Stabe, Ein jeder ging beschenkt nach Haus.
Willkommen waren alle Gäste, Doch nahte sich ein liebend Paar, Dem reichte sie der Gaben beste, Der Blumen allerschönst« dar.
Förster und Wilddieb.
Von Paul Ernst.
Die im Folgenden erscheinende Erzählung des soeben im Alter von 67 Jahren unerwartet verstorbenen Paul Ernst mag die vor einigen Tagen veröffentlichte Würdigung seiner Persönlichkeit ergänzen als ein kleiner Beitrag aus dem umfassenden Lebenswerk dieses deutschen Idealisten, der erst wenig« Tage vor seinem Tode zum Mitglied der neuen Dichter- Akademie ausersehen worden war.
Eine kleine Ortschaft im Harz war zum großen Teile von Bergleuten bewohnt, welche entweder in den staatlichen Manganerzgruben beschäftigt waren, oder als Eigenlöhner in Tagebauen, den Pingen, auf Eisenstein arbeiteten. m
Die Ortschaft mit ihrer Feldslur lag mitten im Wald. Damals, als die nachfolgende Geschichte spielte, am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, verband noch keine Landstraße sie mit der übrigen Welt. Die angesessenen Leute waren seit alten Zeiten berüchtigte Wilddiebe; man kann sich vorstellen, daß in diesem entlegenen Gebiet jahrhundertelang niemand außer ihnen Anspruch aus das Wild gemacht hatte; und wenn heute ein Mann abends aus seine Wiese ging und einen kapitalen Hirsch sichernd austreten und aufs Geäs ziehen sah, dann war es wohl schwer für ihn, nicht am andern Abend mit seiner alten Büchse, die er noch vom Urgroßvater geerbt, auf Anstand zu gehen.
In einer hellen Mondnacht kniete ein Wilderer vor einem geendeten Hirsch und schnitt ihm eben mit seinem Taschenknief das Kurzwildbret aus; fein zweiläufiges Gewehr lag vor ihm, der eine Lauf noch geladen. Der Hirsch war am Rand eines Abgrunds gestürzt, des tiefsten der Tagebaue in der Nähe der Ortschaft; ein morsches Gatter, mit langherabhängenden Flechten bewachsen, lief um den äußersten Rand des Abgrunds, der senkrecht nach unten fiel.
Plötzlich sprang dem Knienden der Förster entgegen mit der gespannten Büchse in der Hand; er setzte den Fuß auf das Gewehr des Bergmanns und rief: „Gib dich."
Der Wilderer schnellte auf, griff sein Messer fester; der Förster hob die Büchse an die Wange; der andere ließ die Arme sinken und sagte mutlos, mit dem Fuß den einen Lauf des Hirsches zur Seite stoßend: „Ich kann nicht aus."
„Du tust mir leid", erwiderte der Förster, „aber ich kann nicht anders. „Ja, ja, schon gut", antwortete der Bergmann. „Es ist mir nur leid um
die Frau und die Kinder. Es find ja nicht nur die zwei Jahre, aber das Haus wird alle. Dann kann mein Junge auf die Manganarube gehen und meine Frau kann Holz lesen." — „Was soll ich machen? entgegnete der Förster. „Du bist der Schlimmste, das weißt du selber. Ich muß meine Pflicht tun."
„Dein Glück, daß du so ein schlauer Hund bist", schloß der Bergmann, „sonst wäre ich auch noch zum Mörder an dir geworden; davor hat mich Gott nun behütet."
Der Förster befahl dem Mann, sich umzudrehen und ihm voraufzuschreiten. Als aber der Mann das getan und er sich nun bückte, das Gewehr des Wilderers aufzuheben und ihm zu folgen, ging der noch geladene Lauf los. Unwillkürlich prallte der Förster zurück, stieß hart an das Gatter, der morsche Pfosten brach über der Erde ab, er verlor das Gleichgewicht und stürzte vorwärts über das Gatter; er griff mit den Händen in die Luft, überschlug sich, seine Hände faßten eine Wurzel, die aus dem Gestein hervorragte; mit einem fürchterlichen Ruck hängte sich fein Körper an die Arme; ein losgelöstes Gatterstück hing schwingend eine kurze Zeit über ihm, fiel dann über ihm fort in die Tiefe.
Der Bergmann legte sich oben glatt nieder und sah nach unten. In dreioiertel Mannshöhe hing der Förster, das Gesicht nach vorn gerichtet: er hing an der äußersten Wurzel einer alten Fichte, die genau am Abgrund überhängend stand; kleine Steinchen bröckelten über ihn hin.
„Hab Erbarmen mit meinen Kindern, hilf mir, daß ich hoch komme", rief der Förster.
Der Wilderer schnallte seinen Leibriemen ab und legte ihn um die freiliegende Lende der Fichte und befestigte ihn, indem er ihn ganz durch die Schnallenöse laufen ließ; es war eine schmale und zähe Wurzel quer über die Lende gewachsen und verhinderte so das Abgleiten. Dann nahm er den Riemen von seinem Gewehr und schnallte ihn an den anderen Riemen; jetzt fragte er den Förster: „Kannst du dich an mir hochziehen?" Die Wucht des «kurzes hatte dem Förster die Armgelenke taub gemacht, er wußte noch nicht einmal, ob er sich nur würde halten können. Nun machte der Wilderer noch zwei Knoten in feine Riemen, um einen Griff zu haben, und ließ sich dann langsam über dem Förster hinab; der Förster ließ erst die eine Hand von feiner Wurzel los und klammerte sich an den Fuß des Wilderers, klammerte sich bann mit dem anderen Arm, und so trug nun der zusammengesetzte Riemen die beiden aneinander hängenden Männer.
Vorsichtig zog der Wilderer sich an dem Riemen in die Höhe, bis er den ersten Knoten fassen konnte, zog sich dann weiter hoch, bis er den zweiten Knoten faßte, immer den Förster an den Füßen, zog sich bann höher, bis er bie Senbe bes Baumes mit dem einen Arm umklammerte, bann mit bem anbern Arm, unb nun schob er sich weiter aus bas Ebene, sich in Wurzeln einhakenb, unb wie er seine Beine hochzog, da kamen bie Hände bes Försters zum Vorschein, bann ber Kopf, unb enblich hatte er auch den Förster auf dem Ebenen oben; ber hielt aber seine Arme noch eine Weile um bie Beine bes Mannes geschlungen, bann erst ließ er los.
„Das war ein saures Stück Arbeit, sagte der Wilberer und besah seine Hänbe; von brei Fingern an jeber Hand waren ihm die Nägel aus- gerissen „Meine Kinder", stammelte ber Förster, „meine Kinber." „Du bist ja wie betrunken?" fragte ihn ber Wilberer. Der Förster holte seine Schnapsbuttel heraus, trank bem Bergmann zu unb reichte sie ihm; der tränt gleichfalls unb sagte: „Der tut gut." „Habe ich benn geschrien?" fragte ber Förster; „ich habe von gar nichts gewußt." „Von beinen Kindern haft du gesprochen", antwortete ber Wilberer, „unb baß bu bich nicht an mir Hochziehen kannst; deshalb habe ich dich mit Hochziehen müssen." _
Es entstand eine Pause; ber Förster sah auf ben geenbeten Hirsch unb sagte: „Er sieht gut aus am Leibe." Plötzlich erinnerte er sich, wischte über sein Gesicht unb fuhr fort: „Ach so."
Der Wilberer schwieg eine Weile, bann sagte er: „Nun laßt bu mich doch aus Den Hirsch schickst bu an ben Oberförster, das Gehörn ist dein. Es ist ein ungerader Vierzehnender." Der Förster schüttelte den Kopf und erwiderte: ,, m „
Ich habe geschworen." „Wer bas alles glaubt, was die Pastoren sagen!" antwortete ihm achselzuckenb ber Wilberer. „Es ist nicht beshalb, aber Orbnung muß sein", sagte ber Förster. „Du hast mir bas Leben gerettet, ohne bich war ich hin. Aber wenn ber Mensch seine Pflicht nicht mehr tut, bann ist alles aus." ..... , .
Plötzlich stürzte sich ber Wilberer auf ben Forster, kniete ihm auf ber Brust unb umklammerte ihm mit ben blutigen Händen bie Kehle, inbem er schrie: „Dann muß du doch hinunter", aber durch bie heftige Bewegung tarnen bie Körper ins Gleiten, der Wilderer fiel zur Seite, schnell warf sich ber Förster auf ihn, mit ber einen Hanb packte er seine Kehle, mit ber anberen ergriff er einen schweren Stein unb schlug ihm auf ben Kopf baß ihm bie Sinne schwanden; neben ihm hingen noch die zufam- mengefdjnallten Riemen, er löste sie vom Saum, wälzte ben Mann um unb verschnürte ihm bie beiben Hänbe auf bem Rücken. Dann nahm er ben abgefchosfenen Doppelläufer, benn seine eigene Büchse lag unten in


