Arzt «nd Apotheker. Die Begräbniskosten. Der Dorfkramer forderte Geld für unbezahltes Mehl, Nudeln, Grütze, Brot.
Die Spielzeug-Gret schlug die Hände zusammen, starrte aus den Waisenknaben und zerdrückte eine Träne. Du liebes Elend! Aber auch sic hatte nur das Allernötigste.
Der Gemetndediener Fenn trat durch die kalte Tur, musterte den geringen Hausrat, befühlte die Betten, drehte Vaters Kleider um und um, hob die Schaftstiefel und liest sie zu Boden knallen, zählte nicht lang, schaute in den Kasten und die Kommode, langte auf den Ofen in der Stube, als läge da oben ein versteckter Schah, und verkündete auf Anordnung der Gemeinde die öffentliche Versteigerung der Hinterlassenschaft zur Befriedigung der Gläubiger. Für den nächsten Samstag um drei. Heute war Montag. Dann ging er und läutete im Dorf seine Verkündigung aus.
Frierend stand Juppi am Fenster mit einem Gesicht von Stern. Er rührte sich nicht. Dann ries er nach seinem Vater ...
Der Gemeindevorstand, ein Bauer, wurde der Vormund des Knaben. Der halblahme Gemetndediener versiegelte die Tür des Hauses, des Armenhauses. Juppi hatte in seiner Betäubung nicht daran gedacht, den Werkzeugkasten und die Mundharmonika mitzunehmen, als die Spielzeuq-Gret seine Kleider und die paar Wäschestücke aufpackte und ihn fortführte in ihre zwei Stuben hinten am Hainbuchenweg. Nur der kleine Waldfink von Watte und Federn, der auf der Weihnachtsfichte schmetterte, zog mit. Auf dem schneebeglitzerten Nest kauerte er in Juppis Tasche. Verloren war der Engel.
Die Spielzeug-Gret bereitete ihrem Hausgenossen ein Nachtlager auf der Ofenbank. Die war lang genug für ein Bürschchen. Bevor Juppi einschlief, kam ihn Weinen an. Die Welt finsterte ringsum. Den Wattefinken, stellvertretend für alles Verlorene, für den Vater und die heimatliche Stube, für die Mundharmonika und den Werkzeugkasten, drückte er fest an seine Brust. Kleines Vöglein! Herzbrechend schluchzte er in seine Kissen. Dah nur die Spielzeug-Gret nichts davon hörte Er sagte sich: er solle nicht weinen, und er weinte nicht mehr.
Der Samstagnachmittag liest nicht lang aus sich warten. Juppi ! verschwand. Am Weg vor der eingebüstten Wohnstätte wuchs ein kleiner Tann, durch den er in glücklichen Tagen den Eichhörnchen und Hasen nachgeschlüpft war. Darin versteckte er sich. Seine sinkenscharfen Augen lugten nach der Haustür. Der Gemeindediener schloß sie auf, Leute kamen, Weiber, ein paar Bauern, Dorfkinder, Gaffer. Durch den Tännicht rauschten Nebelschleifen, hier entdeckte ihn niemand. Ueberdies sprühte ein Wolkenwisch feinen Regen in den Wald. Horch! Juppi hielt den Atem an: setzt schallte im Haus eine laute Stimme. Was wollte sie? Es war die Stimme des Gemeindedieners, eine versoffene Montagsstimme: der alte Fenn trank Schnaps. Die Leute riefen ihm zu: zwei ... drei... dreisünfzig ... Juppi verstand nicht, was sie meinten. Angestrengt dachte er nach: aber da wurde der Tisch herausgetragen.
Der Tisch geht fort, der Tisch geht fort. Unser Tisch!
Mit seinem Vater und ehedem mit der Mutter, mit der Spiel- zeua-Gret und den Schulbüchern hatte Juppi an dem schönen Tisch gesessen. Er betete davor, wenn die Schüsseln aufgetragen waren: Vater unser ... ach! ... Unser täglich Brot ... Das Brot lag immer im Schubkasten, aber der Kasten hing nun leer aus dem Schub. Ein Bauer schleppte den Tiich auf dem Rücken davon. Die vier hölzernen Beine starrten angstvoll in die Luft. Dann tauchte der Tisch hinter die Bodenwelle, als sänke er unter
Dem Tisch folgte der Schrank. Juppi reckte den Hals. Zwei alte Weiber hoben das Möbel über die Schwelle. Sie krachten es auf einen Handwagen nieder und fuhren schnatternd los. Dumpf rumvelnd klagte der Schrank.
Vaters Stolz, der schöne Schrank. Juppi wußte, daß ihn der Vater sich vom Mund abgespart hatte. Groß und mächtig stand der braunaebeizte Kasten in der Schlafstube an der Wand Unverrückbar. Oeffnete mar, ihn, dann lang die Tür einen feinen Ton, und Kienlpan roch. Gegen die Motten. Links hatten an den Haken VaterS Kleider aebangen. die brauchten immer viel Platz: rechts hatten JuppiS Hosen und Joppen gebaumelt: zwei im ganzen. Unten auf dem Boden des Schranks hatte der schwarze Hut des Vaters auf den Sonntag gewartet, und ein Bündel Wäsche von der Mutter war noch da gewesen.
Juppi kroch in sich, in seine Trauer. Im Haus brüllte der Gemeindcdiener.
Die Betten! Ob, die Betten. Die Laden und die Bretter, die Strobläcke. Stück für Stück verschwand. Fort ging mit ihnen der gute Schlaf von einst, die Träume und die Ruhe, als die Kindersterne durch die Fenster schienen und der Kindermond vom Himmel herunterlab: alle verwehten Atemzüge,. die guten Worte des Vaters, die blasse Hand, die auf dem 'Tuchent lag — all dies schwand mit den Betten ins Nimmerwieder.
Nun wanderten die Stühle aus dem Haus. Die Ofenbank verliest ihre Ecke. Töpfe zogen ans der Küche. Die Schaftstiefel des Bakers und der Stiefelzieher machten sich auf den Weg, und Juppi wußte nicht, wohin sie enteilten. Auch das Tellerbrett hatte seine Stelle an der Wand verlassen.
Ach, die Uhr! In seinem Herzen hörte Juppi das Werk tranm- ticken. und er erinnerte sich, wie bad Pendel an der Wand neben dem kleinen Spiegel hin- und herging. Nie mgchte es eine Pause. Und er iah sich unter der ufir stebn und zahlte die Schläge, schn-^' und laut. V,t6 er sah den Vater zum Ziffernblatt aufblicken, wenn es Zeit war zur Arbeit zur Kirche, zum Schlafen.
Sein Herz kramvfte sich zusammen. Fest bist er die Zäbne auseinander Nur nicht weinen! Stumm ertrug er den großen Nb-
schiedSschmerz. Die Uhr klapperke, die Ketten mit den Gewichten schlotterten, ihr Schlagwerk klirrte wirr, als jammere sie auf. Lustig aber klang die Stimme des Ausrufers. Zuweilen schallte Gelächter und Weibergeschrei.
Der Weidenkorb, die gestickte Tasche: fort. Vaters Hut, Vaters Mantel: fort.
Juppi schaut in seine Kleknkinderzeit. Er spürt, wie seine Hand suchend in die tiefe Manteltasche des Vaters greift: Vater hast du was mitgebracht? Einen Kreisel hat er aus der Stadt mitgebracht, einen Lebkuchen vom Neujahrsmarkt ...
Eine Bauernmagd trug die Lampe weg. Die einzige Lampe mit dem Messingfuß und dem Schirm von Milchglas. Immer hatte er den Sturz bewundert. Wie konnte man nur Glas aus Milch Herstellen. Die Lampe hatte die Dunkelheit tn der Stube erhellt und ihren Schein durch die Fenster hinausgeschickt auf den Weg und die Fichten am Hang, die nachts leise oder laut rauschten. Die Lampe malte einen Lichtkringel oben an die Decke und bestrahlte den Tisch und was darauf lag.
Die Lampe wurde fortgebracht. Sie nahm alles innere Licht mit. Dichter rauschte der Nebel durch das Tännicht und verlöschte die niedergekauerte Kindergestalt ...
Waldtief summten die Bäume, vom Gehänge schwirrte der Wind auf Fledermausflügeln, der Nadelboden ergraute. Nebelgespeist und regengetränkt stahl sich Juppi tn seinen Unterschlupf heim, zur Gret. Sie hielt nach ihm Ausschau, wie er dahertappte. Ob er vielleicht gar aus der Gant gewesen sei, fragte sie ihn besorgt.
Stumm schüttelte er den Kopf.
„Magst du den Wald gern?"
Sein Haar glimmt wie feine Sonne auf Stroh. Frühlingshaft zart ist sein Gesicht, im Ausdruck herbstlich erschrocken. Die Gret mustert ihn von der Seite. Ein Kälteschauer durchrieselt ihn sicht- barlich.
„Den Wald mag ich gern ..." gesteht er.
„Juppi, weißt was", flüstert sie zutraulich, „wenn schönes Wetter ist und alles grün, dann gehn wir miteinander in den Wald."
Alles ist weg, dachte er.
Aber sie winkt fernerhin in das Gegründe und Geklttfte und malt ihm das buchcngrün blitzende Bild in die Stubenluft. Da rauschen die Wildwasser auf, Sägemüblen kreischen, Beile schallen, durch die Lichtungen jagen die Hirsche. Einer trägt wahrhaftig ein heiliges Kreuz zwischen dem Geweih wie auf dem Ocldruck an der Wand. Und sie beide steigen aufwärts, wo die Moldau entspringt, und halten die Quelle zum Spaß mit den Händen an: wie man Forellen packt, so umkrallen sie den schmalen, glitschigen Wasserleib, der aus der Erde schlüpft — dann wundern sich drüben die Böhmen, weil die Moldau ausbleibt, und keiner weiß warum ...
Ihm gefällt der Plan. Gemächlich zieht er seine feuchte Joppe aus und hängt sie an die Tür der Ofenröhre. Das Feuer brennt seit September. Noch faucht kalt der April.
„Ich war auf der Gant ..." erzählt sie beiläufig.
Juppi hat sich an den Tisch gesetzt, wo sein Rechenbuch liegt. Er stützt den Kops in die Fäuste. Was konnte sie schon Neues berichten, die Spielzeug-Gret! Er wußte alles.
„Ich war dort", sagte sie. „Hab auch was gesteigert. Da!"
Er blickt auf ihre Hand, die sich heranschiebt. Eine breite Hand hat sie. Gret öffnet die Hand, da fällt die Mundharmonika heraus.
„Meine Mundharmonika!" jubelt er gläubig-ungläubig.
Er hat sie wieder. Sie ist es. Das Kirschrot der Mundleiste war ein wenig abgewetzt von seinen Lippen. Sonst aber war sie noch wie nen. Juppi betrachtete sie schweigend, glückversunken. Dann, als die Gret hinausgegangen war, führte er sie an die Lippen und stimmte die hohen Klänge an. Die Zungen tönten silbern, himmelher. So geheimnisvoll hoch schwebte der Ton, wie bas Geläut der Glocken hinter den Bergen in der Christnacht. Er schloß die Augen und spielte sich Vergangenes vor. Wie wenn der Vater noch lebte, war ihm dabei zumute: als ob er am Tisch säße und der Vater ihm zunickte, da er so besonders schön und sein spielte. Bis in die Dunkelheit des Abends spielte er, und der Mond schaute vom Himmel gottvatergroß, wie zu seines Vaters Abenden.
Das Bündel.
Acht Tage blieb Juppi bei der Gret. Länger konnte sie ihn nicht bei sich behalten. Sie ivar eine landfahrende Frau, und ihre Haustür war mehr zugeschloffen als aufgetan. Ihrem Handel mußte sic nachgehen. Weit fort führte er sie durch den Bäurischen Wald, hinauf und hinunter, bis an die böhmischen Urwälder und an die Grenze Oestereichs. Mit dem Tragkorb, darauf der schwere Wachstuchballen lastete, kam sie in die Dörfer und Einöden zu den Bäuerinnen, Holzfällerweibern, den Mädchen und Mägden.
Juppi konnte wirklich nicht länger bei ihr bleiben. Sie mußte fort, und Juppi mußte zum Vormund. Sie hat schon einmal bitten müssen, ihn noch ein paar Tage bei ihr zu lassen.
Im Augenblick war sie damit beschäftigt, ihre Stosse. Kattun und Barchent, zu ordnen und zu schichten, die bunten Schürzen, die Männerhemden, Bänder und Schleifen. Florstrümpfe legte sie zurecht, gemustert nach Nummern und Farbe, für die Töchter der bessern Leute, der Wirte. Förster und Säaemühlenbesitzer. Jnvpi stand neben ibr und genoß den vornehmen Geruch, der den Stoffen entströmte. Es war ein Duft, ivie auS dem Laden des Orts- krämerS, aber viel feiner.
„DaS riecht wie nach dem Wäscheschrank in einem Schloß ..." sagte die Gret. (Fortsetzung folgt.)
Aeron'wörtlich: vr. tzansThhriot. — Druck und Berlag: Brühl sche^tniverfitäts-Buch- und Steindruckerei, 2i. Lange, Gießen.


