Ausgabe 
18.12.1933
 
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Genießer des schenkens, Herr Windischmann. Ich habe auch ein Kind schenken sehen mit der Geste des Zorns, ein noch gutes Stück seiner eigenen Sachen an ein noch ärmeres Kind. Das kam von der Scham über die erste Entdeckung des eigenen kleinen Herzens, es verbarg sich wieder in dem Gegenteil der Güte, dem Zorn. Dasselbe Kind hat als Mann sein Leben bei einem Brande und der Rettung eines Nachbarn hingegeben, da wir ihn fanden war seine Stirne finster und sein Mund ein Lächeln ohne Raum. Ein ganz kleines Kind aber sank vor dem Krippchen tief und tiefer in die Arme der Frau, die seine Mutter war, mit fest- geballten Fäusten tat es das, als habe es in jeder etwas, wie am Schopf:senken!" Was denn schenken, fragte die Frau.Sefe, ich" das heißt: mich, die Jofefa das aber bedeutet: Alles was mein. Mehr zu schenken ist nicht möglich. Oder haben S> es schon versucht, Herr Windischmann?

3m Paradies der alten Reichsherrlichkeit.

Von Wilhelm Schäfer.

Kaum ein zweiter weiß so tief und feierlich deutsches Wesen, wie es sich im Zusammenklang mit der Seele seiner Landschaft und dem Geist seiner Geschichte offen­bart, zu verkünden wie Wilhelm Schäfer. Wir brin­gen hier einen Aufsatz ans seinem im Verlag F. Bruck- mann AG., München, erschienenen BuchAuf Spuren der alten Reichsherrlichkeit".

Von Worms nach Mainz führt die Straße über die letzten Ab­schwellungen der Hardt meist in der Ebene 6In; aber sie braucht nur wenige Meter zu steigen, und der Blick wird trunken vor Freude. Zur Linken das Weinland, nicht wie an der Mosel in gemauerter Steile, sondern in wonntggebreiteten Feldern; zur Rechten zwischen den Prunkreihen seiner Pappeln der Rhein, der sich von Rheindürkheim bis Oppenheim noch einmal mit einem ausschweifenden Bogen in die grüne Fläche hinetnwirft, dahinter der blaue Odenwald mit dem sanft gezackten Melibokus, vorn aber seidenzart in den Himmel gemalt der Taunus; deutlich erkennt man den Feldberg und den stärkeren Altkönig. Hinter uns Worms, vor uns Mainz, rechts schräg hinüber Frankfurt: ttt dem Dreieck dieser drei Städte ist die wichtigste Landschaft der alten Reichs­herrlichkeit beschloßen. Um dieses Dreieck herum hätte sich als Herzland des Reiches die Kurpfalz bilden müssen; sie kam nie völlig zustande, weil das Reich in Aachen gegründet war, statt in Worms, Mainz oder Frankfurt. Bis der Pfalzgraf gerüber wech­selte, hatten zu viele Hände schon ihren Zipfel herausgerisfen; die politische Pfalz deckte sich zu keiner Zeit mit der geographischen Pfalz, zu welcher der Rhein- und Maingau samt der Bergstraße, samt Heidelberg und Speyer gehört hätten. Sie wäre das salischc Herzogtum gewesen, das sich der Sohn Konrads des Roten von Worms aus gründen wollte, als ihn der Bischof Burchard nach Kärnten diplomatisierte. Wenn man über Guntersblum hinaus ist, grüßt die Silhouette der drcitürmigen Katharinenkirche von Oppenheim herüber,-die, von Süden gesehen, am steilen Hügel­rand hockend, phantastisch schön wirkt. Indem der zum Berg ge­legene Westchor um elf Meter höher als das zum Tal gehende Langhaus mit dem Ostchor ist, dem wiederum der achteckige Vierungsturm aufsitzt, steht die merkwürdige Gruppierung in einer so günstigen Beziehung zu dem Berg, an den sie gebaut ist, daß sie aus der Ferne wie ein wunderliches Stück Natur wirken würde, wenn nicht die Dächer unter ihr die Menschenhände an-

Als im Herbst 1024 hier in der Ebene bei Kamba der erste Salier Konrad zum König gewählt wurde, stand die Katharinen­kirche noch nicht, auch die Landskron nicht, die von Kaiser Lothar dem Sachsen gebaute Reichsfestc, die über ihr den -Hügel krönt; aber das weite herrliche Land war da mit seinem Wein, auch der wieder näher blinkende Rhein und die Wolken, die hier so feder­leicht schweben. Und es war eben Burchard von Worms, der die Wabl auf seinen Zögling Konrad lenkte, mit dem das deutsche Königtum seinen umsichtigen Sachwalter gewann. Wie unbegreif­lich, daß sein machtvoller Sohn Heinrich III. nach Goslar ging, aus der sächsischen Ecke am Harz seines Richtertums über das Reich und die Kirche zu walten! Ob es wirklich nur der nlber- haltige Rammelsberg war, der ihn* lockte, als er das deut,che KönigStum erbansässig machen wollte? War es deshalb, weil hier an einer Schnur aufgereiht die Statten der Könrgswahl lagen, von Ingelheim über Tribur und Kamba bis Lorsch? Werl hier die Bischofsstädte Mainz, Worms, Speyer einander nut chren wachsenden Domen grüßten, von denen der zu Speyer da- Grab seines Vaters enthielt? War dieses Paradies der alten Reichs- Herrlichkeit seinen straffen Plänen zu frei, waren die Wolken zu wehend, war der Blick zu weit? Lockte ibn das ottonischc Wunder, das schon seine Mutter Gisela bestimmt haben mochte, der Pfalz in Goslar die Marienkapelle anzubauen? War es die Pracht und Zeremonie der Theophano, die einen Schimmer von Byzanz über den Hof von Goslar gebreitet hatten? Jedenfalls verleugnete der große Salier seine rheinische Heimat als er nach Goslar ging; und es muß wohl eine Folge dieser Verleugnung gewesen feilt, daß die toten Kaiser in den Dom von Speyer ge­bracht wurden; aber im Leben der rheinischen Herzlande regierten die Bischöfe, die danach die Königsmacher wurden

Aks im Dezember 1631 unten bei der Schwedensaule Gustav Adolf deii Rhein überschritt, sich für den Winter nach Mainz zu werfen, da freilich stand die Katharinenkirche zu Oppenheim und war evangelisch geworden mit den Grabsteinen öer Grctffenklau, Dalberg, Sickingen, Gemmingen, Andlaw, deren Geschlechter w manches Ding am Rhein in ihren reichsritterlichen Händen ge­

halten hatten. Er trug sich mit seltsamen Plänen, der Schweden- konig, als er seinen Kanzler Oxenstierna au den Rhein setzte: Friedrich den Winterkönig, der eilig aus England herüber ge­kommen war, nahm er wohl freundlich aus unö hielt ihn acht Monate lang in seinem Lager hin; nur seine Pfalz gab er ihm nid)t wieder, die er so bald erobert hatte. Wenn er den Kaiser­traum trug, den man ihm nachsagte, dann bezeugt es den staats­männischen Blick dieses Königs in dem etwas von Alarich oder von Theoderich aufzuleben schien, daß er sicherer als so viele beutschen Kaiser die Herzkammer des Reiches erkannte. Jeden- fallv Richelieu, der damals eilig mit feinem König nach Metz kam, Mainz näher zu sein, war nicht tm Ungewissen, daß er wach­samen Auges auf den Schweden sein mußte, der fein, des katho­lischen Kardinals, Verbündeter gegen den Kaiser in einem Krieg war, darin es angeblich um die evangelische Predigt ging, die gerade er in Frankreich gründlich ausgerottet hatte. Er schien zu wissen, was der Schwedenkönig in der Herzkammer des Reiches wollte. Ein halbes Jahrhundert später war der Sonnenkönig so weit, sich selber nach der Pfalz umzusehen, die er alsAlloö- erbe" seiner Schwägerin Liselotte beanspruchte. Es ist bekanüt, wohin die Aussprüche führten: Als er die Herzkammer nicht haben konnte, zerstörte er sie, das Paradies der alten Reichsherrlichkeit mußte es grausam büßen, daß der Kaiser in Wien saß und daß die Pfalz Grenzland geworden war. Auch die Katharinenkirche zu Oppenheim wurde damals ein Brandopser des allerchristlichsten Königs. Bei ihrer sorgfältigen Wiederherstellung im 19. Jahrhun­dert durch den Wiener Dombaumeister Schmidt erhielt der hohe Westchor nur ein Notdach. So steht man den Raum, der einer der ganz schönen Räume Deutschlands ist, wettergesichert, nicht her- gestellt, was nach den vorhandenen Ansätzen der kühnen Gewölbe ein leichtes gewesen wäre, aber aus Ehrfurcht auch wohl vor dem Schicksal unterlassen wurde. Er steht nun da als ein Denkmal der deutschen Schwäche, der solches ausstrategischer Vorsicht" angetan werden konnte. Ganz ausgebrannt wurde damals die ehemalige Landskron, die Reichsfeste des Kaisers Lothar, die nun mit hoh­len Augen aus das herrliche Bauwerk der Kirche herabblickt. Als Rupprecht von der Pfalz darin starb (1410), stand die Burg mit der ehemals reichsfreien Stadt längst demPfalzgrafen verpfändet. Es war die jämmerlich? Zeit, da die Reichsherrlichkeit hausieren ging, da die Krone von Wenzel dem Faulen über Rupprecht von der Pfalz und Jobst von Mähren hinweg auf den geldnothaften Sigis­mund übertragen wurde. Der einzige Versuch, das Reich aus der Pfalz als seiner Herzkammer zu regieren, mußte mißlingen, weil es nur noch der Schein der Reichsherrlichkeit war, aus dem ihn Rupprecht unternahm, nicht ihre Kraft, die der Salier hakte, als er an den Rammelsberg zog und die rheinische Heimat verriet. Der Pfälzer Rupprecht hatte zehn Jahre Zeit und kam doch nicht zum Regieren; sein Tod war das beste, was er dem Reich antat, weil er ihm einen Bürgerkrieg ersparte.

Von Oppenheim nach Mainz zu fahren, das ist, als ob die Landschaft dastände, Freude zu winken. Der große Vogen mit den Weinbergen von Nierstein läßt die rote Erbe durch die malachit­grün gespritzten Weinberge in einer wahren Glasfensterglut leuch­ten. Als ich zuletzt Weges fuhr, waren noch die Franzosen da, und in Speyer hatten wir unbedacht an dem Tisch gesessen, wo die Kugeln ihren separatistischen Handlanger Heinz Orbis trafen. Die blauen Röcke sind fort und die schwarzen Gesichter dazu. Der Rhein ist wieder frei! hat es in unseren Ohren geklungen, und die Glocken haben geläutet. Aber wir wissen: Wie die alte ist uns auch die neue Reichsherrlichkeit im großen Schicksal und kleinen Zank verloren gegangen, und derEngel mit dem bloßen hauen­den Schwert" steht vor der Tür des Paradieses, so lange wir nicht des Zankes Herr werden.

Wollte Gott, daß wir es endlich vermöchten, statt dem Heiligen Römischen Reichdas Heilige Reich der Deutschen" zu Beginnen.

Vater tot

Abschied.

Juppi stand nun allein in der Welt. Wäre nicht die Spielzeug- Gret gewesen, er hätte in seiner Verlassenheit nach keiner Hand, außer seiner eigenen, greifen können. Die Dorfleute machten sich keine Sorgen um bas Schicksal des Waisen. Sie batten mit sich zu tun und waren alle arm wie Kirchenmäuse. Kinder gab es genug, mehr als einem lieb war.

Schulden hatte der Vater hinterlassen, das einziae Erbe. Sie wollten bezahlt sein. Nacheinander tarnen die Rechnungen von

Oer Giernenbaum.

Roman von Friedrich Schnack.

(Fortsetzung.) " (Nachdruck verboten.)

Als die mutter noch lebte", sagte der Vater,hatten wir ein kleineres Christbäumchen. Das erste kam bei deiner Geburt ins Haus..."

Sie gedachten der Abgeschiedenen.

Vorher nahmen wir nur einen Zweig ...*

Juppi nickte. Im nächsten Jahr wolle er eine noch höhere Ficht« im Wald aussuchen, sagte er gewichtig

Um elf ging der Vater, der wieder einmal stark hustete, M Bett. Es war ihm kalt geworden. Juppi stellte feine Knaben-Schi- Bretter zurecht, und als es dreiviertelzivölf schlug, machte er sich mit der Laterne vor der Brust auf den Weg. Der Schnei knarrte, indes ringsum die Glocken die Christenheit aufriefen. Der Knab« ft° roar öer letzte WeihnachtsaBend, den Juppi im Vaterhaus erleBte. Vier Monate später, das Eis zerkrachte in den Schlünde« und schwärzliche Erdflecken traten ans dem Schnee, war bet