Nause ober irgendwoher geschickt Vekoinmen hatte, auch noch ein kleines Päckchen vorfand, gestiftet von der Lagervcrwaltung und durch Sammlungen auf den Höfen und Dörfern bei den Bauern zusammengebracht: Eßsachen, warmes Unterzeug und noch mehr gab es für jeden darin, Nur Peter hatte nichts, aber dieser Zustand dauerte nicht lange; von selbst und wie selbstverständlich bekam er von allen Seiten von den Gaben etwas ab, keiner ließ es sich entgehen, zur guten Weihnacht des geretteten Hanbwerks- burschen sein Teil beizutragen. Ziehharmonika wurde gespielt, von der „Nasenbank am Eltcrugrab" an über die „Waldeslust" bis zum schönsten alten Weihnachtslied wurde unaufhörlich Lied um Lied gesungen, dann erzählte einer, man saß zusammen, und Peter stellte fest, daß hier einträchtig die bunteste Gesellschaft in Einigkeit versammelt war, Studenten, Bauernsöhne, Siedlungsanwärter, Arbeitslose, Handwerksburschen ohne Beschäftigung. Alles war eine große Gemeinschaft, alle wollten das gleiche. Was dieses Gleiche war, davon redeten sie nicht, denn kann man darüber denn reden, wenn einen etwas so stark angeht, daß es ein Stück von einem selbst geworden ist? Aber Peter merkte doch bald, was alle die Gleichaltrigen beseelte. Darüber mutzte er nun plötzlich auch nachdenken, wie er in dieser Weise noch nie getan hatte ...
Die ganze Nacht nach der Feier dachte er darüber nach; alle Kameraden von vorhin — er ertappte sich auf einmal dabei, datz er an die im Arbeitslager wie an Kameraden dachte — schliefen längst, Peter allein lag zwischen Wachen und Träumen mit sich selbst im Widerstreit, doch nur soviel sei gesagt, daß er wenig für sich und fast alles gegen sich in seinem Gewissen und in seinem Herzen anzubringen vermochte. Fiel es wie Schuppen von seinen Augen. Er wußte nur, daß er einem Stück von sich selbst in dieser Weihnachtszeit ade sagte, ade sagte auch der Freiheit, die keine war. Ein paar Stunden später, als die anderen aufstanden und an die Arbeit gingen, er die Stunde, wo er sich hätte drücken können, ungenützt verstreichen ließ und alsbald freudig und kräftig, eingeordnet zu den Kameraden vom gestrigen Abend, bei dem anpackte, was auch sie taten.
Wie Kinder schenken.
Von Ruth Schaumann.
Sie lachen, Herr Windischmann? — Es wäre besser, Sie weinten darüber, daß Sie lachen mögen über eines Kindes gutgemeintes Geschenk. — Es sei so kurios? Es ist nicht kurios, es ist rührend, es war erdacht von dem Engel des Kindes und dem Ihren (wenn Sie ihn nicht doch schon verscheucht haben, aber ich kann mich irren), Ihr Herz zu erwecken, nicht Ihren Spott... Ich kannte einen kleinen Knaben, der schenkte seinem Vater zur Christnacht, darin er selbst nur nützliche Sachen erhielt (es sind teure und bitterliche Zeiten und man mutz sroh sein, wenn es zu ein paar Stiefeln reichen will), eine Eisenbahn, eine selbstgemachte, wohlverstanden, denn wie hätte das Kind eines Armen Geld zum Kausen gehabt? Den Vater dieses Kindes fand ich sitzen, weinend über dem Zug aus kleinen Streichholzschachteln, mit den Rädern aus Hosenknöpfen, dem Schornstein aus dem tiefsinnigsten Zigarettenrest, seinem Rauchfähnchen aus schmutzigem Werg. Ah, Sie haben Ihrem Kinde dieses Bähnlein gemacht? Nicht ich ihm, er mir. Ach, daß ich nicht daran dachte, er dachte an mich. Ich habe einmal gesagt, daß ich mir immer so heiß die Bahnen meiner Schulkameraden gewünscht, das ist lange her, das Sagen und erst das Wünschen! Paul aber hat es behalten, er, der Eisenbahnlose, der dies Wünschen begriff, er hat es behalten, bis er vor mir stehen.konnte und mir diese Gabe gereicht, diesen Zug — immer heftiger weinte der Vater.
Sie sagen: Glücklicher Mann? — Sie haben recht, Herr Windischmann. Wundervoll ist das Gedächtnis eines Kindes; der Kleinen für die Worte der Großen, wundervoll sind die Einfälle, die sie haben, die Armen haben mehr davon als die Reichen — Wohlleben schüttet den Brunnen der Liebe zu.
Doch nicht, Herr Windischmann? Sie sagen, das Kind Ihrer Schwester, die niedliche Vettine, arbeite auch für seine Eltern zum Fest, vielleicht gar für Sie, ihr Fräulein leite sie an. — Das ist sehr gut, doch es ist nicht ganz das Rechte. — Aber sonst käme kein Kind darauf, etwas Derartiges zu unternehmen? Um so schlimmer. Freudige Kinder denken immer ans Schenken, eben im Uebermatz geheimer Fröhlichkeit, die in ihnen steigt wie der Spiegel jenes Sees, wenn der Weihnachtsstern ihn bescheint: der Spiegel zerfloß, der See überströmte alles gar lieblich.
Sie fragen, was ich geschenkt hätte, als ich Kind war? O, unsere Einfälle galten nichts, sie ivurdcn verworfen. Wir gedachten dem Vater Major eine goldene Peitschenquaste statt der dünn gewordenen grünen zu bescheren, der Mutter aber ein Haarnetz (das sie nie trug), weil die schöne Dame auf dem alten Bild im Eßsaal ein solche» trug, glaubten mir der Beschenkten damit gleiche Schönheit zu verschaffen? Nun, wir rissen nachts im Bett an unseren festen Milchzähnen, ob sie nicht wackeln, nicht herausfallen wollten, meinetwegen mit Schmerzen, denn für jeden dieser Zähne gab der Vater, wohl zur Förderung der Tapferkeit, einen Groschen. Wir brauchten ja Geld für die Teppichstickerin, die als einzige goldenes Ouastengespinst besaß, roir brauchten Geld für den Barbier, der solche Netze verkaufte. Die Zähne saßen zu fest, inzwischen aber gab uns die Mutter eine Zivilweste zum Besticken, Tausend und aber Tausend rote Punkte auf schwarzen Stoff, und für die Mutter befahl uns der Vater ein langes Gedicht von Liebe und Dankbarkeit im Chorus zu deklamieren. Es war nichts mit eigenen Einfällen dazumal — wir stickten im Schweiße unserer kleinen Stirne» und Hände uvd blieben heillos stecken in dem endlosen
Wechsekgespräch. Es gab viele Tränen, doch nicht die süßen jenes Mannes über der Schachteleisenbahn seines Paul.
Ich weiß die Geschichte von den Zwillingssöhnen eines Gelehrten, sie gingen damals in die zweite Klasse der Volksschule, mit rtndledernen Ranzen, blauen Mänteln, roten, von einer sorglichen Mutter gestrickten Mützen, runden Gesichtern und immer von Tinte oder Farben gefärbten Händen glichen sie sich wie eine Herzkirsche der anderen, so ein Pärlein, Herr Windischmann, wie mir es als Kinder über die Ohren zu hängen beliebten, als einen lustigen Schmuck, weit besser als Perlen und Steine. Solch ein Schmuck sind auch diese Buben, sie leben ja noch, heute nur einige Tage älter als damals, das liebe Leben in zwiefacher Person, als Kerne ihre feurigen Herzen. Nun, nach Gelehrtenart sammelte ihr Vater Bücher und besaß ganze Stuben voll dieser Gesellen der süßen Einsamkeit, darunter auch eine frühe Ausgabe der „Divina Comedia", ein Kleinod für ihn und andere seines Sinnes. Darin nun, ob vom Buchkttnstler jener Zeit unterschlagen, ob beim Antiquar in Verlust geraten, ob von einem durch die Schrecknisse der Hölle entsetzten Leser in Verwirrung entfernt, ist nicht zu erklären gewesen, doch es fehlten drei Blätter im Buch, im Inferno sechs Seiten, sechs ganze herrliche Seiten, vielfach von dem Gelehrten als Sammler und Kenner des Dante beklagt. Mögen die Zwillinge diese Klage zu oft und bitterlich vernommen haben, mag sich ihnen der Geist des hochgelehrten Vaters, oder der noch fruchtbarere eigener Schöpferkraft frühe gerührt haben, wie ein Sturm in der Stille, kurz, sic bemächtigten sich in weihnachtlichem Liebes- und Tatenüberschmang dieses Vuches, schrieben, malten, ja erdichteten mit vereinten Kräften auf starkem Schreibpapier dreimal, je rechts wie links, von oben bis an den untersten Rand: Teufel, Engel, Flügel, Flammen, sowie dazu gehörende Sprüche eigener Produktion, malten es mit stark beleckten Buntstiften feurig an, pappten es mit gehörigem Aufwand von Peli- kanol im Schweiße ihres Angesichts an die ihnen bewußte, entsprechende Stelle und bauten es dem Vater und Rektor der Universität A. als restauriertes Inferno des Dante voller Seligkeit auf. So ist denn auf kindliche Weise ein Strahl und Abglanz der Christnachtfreude, die Erlösung bedeutet, selbst in den Abgrund der Hölle gefallen, eine göttliche Komödie, Herr Windischmann. Sie sehen bestürzt? Sie meinen, was dieser andere Vater gesagt habe? Er hat es überwunden, mehr Vater als gepriesener Rektor; als ich jüngst bei ihm ein Buch entlieh, fand ich jene Blätter der Zwillinge noch immer in dem kostbaren Buch. Wäre es etwa so noch kostbarer geworden?
Ich kannte auch ein Kind, lieber Herr Windischmann, es verließ uns aber schon früh, ganz nach seiner stillen bedeutenden Weise. Immer zum dritten Advent, seinem Todestag, besuche ich sein kleines, schmales Grab unter der schwankenden Weide, die dem Kinde so gleicht. Dieses Mädchen liebte es, auch jene, an die niemand zu denken scheint, zur heiligen Nacht zu beschenken. Ganz aus sich selbst trug es kleine Bäume mit Lichtern und selbstgefertigten Sternen aus die versinkenden Hügel längst vergessener Menschen. „Damit sie auch etwas heben, weil sie nicht dabei sein dür- scn, wenn es so schön ist", erklärte es mir, sein letztes Bäumchen von sieben in den klammen Fingern umwirbelt von einer Schar Finken, als wären die Seelen der beschenkten Toten um die Geberin her. Und sie setzte ihr Bäumchen behutsam aus die Stelle, darunter des Toten altes Herz modern mochte. Auf dem grauen Stein las ich: Josua Tiegelbrot, Strumpfwirker, 1811 bis 1904, neben diesen vertrauenerweckenden Greis vcrtrauenerwecken- den Gewerbes kam seltsamerweise ihr kindliches Grab und heute besuche ich die kleine Ernestine und auch Josua Tiegelbrot. Nicht, „weil sic nicht dabei sein dürfen, wenn es so schön ist", sie sind ja mitten darin, weil ich diese ungleichen Nachbarn auf geheimnisvolle Weise beneide, denn sie sehen das ewige Licht, davon wir nur einen Schimmer verspüren.
Daß aber Kinder den lebenden Armen bescheren, Herr Windischmann, das müßte selber ein Stück von unseren Geschenken an unsere Kinder sein. Gebendürfen und Gebenkönnen ist die schönste Gabe des Kindes int Stroh an die Seinen, aber es ist die heilige Bitte daran geknüpft: Rede mir nicht davon, ein Geschenk, das seine Stimme außer sich hat, ist kein Geschenk.
Seinem Lehrer brachte ein Kind zwei Igel zum 4. Advent, als die Schule sich schloß. Igel? Ja, Igel: weil sie so schön sind, Herr Lehrer, fast wie die Engel, ich mag Igel so gern. Was tat der Mann? Vielen, vielen Dank, kleine Sabine, immer habe ich mir Igel gewünscht. Und trug die Tiere in seinem Taschentuch nach Hause, in den Zorn seiner Wirtin und das Licht eines winzigen Baumes. Man darf nur schenken, was schön ist. — Kleine Schleckermäuler kommen auf den Gedanken, den Morgenkaffeezucker zu sparen und zu sammeln, weil die Mutter einmal geseufzt hat, das Leben sei bitter. Wenn dann bei der höchst feierlichen Uebergabe einige angeriffene Stücke dabei sind, ivas tut es? Es erhöht nur den Wert des Geschenks, es verdoppelt ihn. — Ich war einmal bet dem Einkauf dreier kleiner Kinder zugegen, sie erstanden Papier, Seidcnpapier, unzählige Bogen. Wozu? fragte ich sie auf der winterlichen Straße hernach. Ihre verfrorenen stumpfen Nasen leuchteten mich von unten herauf an. Da verrieten sie mir flüsternd in dem großen Lärm um uns her: das viele Papier gehöre, lachen Sie wieder, für den einen zum Einwickeln eines Wasfenrockknopfes, den er im Rinnstein gefunden, dem zweiten zum gleichen Dienst bei einem laubgesägten Fingerhuthalter, dem dritten zur Verhüllung eines „so großen" Seifenläppchens, „ganz alleine gemacht". Aber die Hauptsache werde das Auswickcln sein, sagten die drei: roemt die Mutter denkt, es kommt, und es kommt dann immer noch nicht. Selig trugen sie ihre Rolle davon, selbst drei Geheimnisse mit blangefrorenen Nasen. Diese waren drei


