Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
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Jahrgang (933
Montag, den (8. Dezember
Nummer 98
Acker-Weihnacht.
Von Kurt Bock.
Sie knien sich in den Saum der Nacht, im Nacken wühlen Wind und Schnee, vertraulich nahe zupfen facht im Heu der Hürden Reh an Reh.
Und ihre Hand in feiner Hand.
Nicht wie vordem als Trost im Leid, nein, heute horchen sie gebannt dem Christnachtlied der neuen Zett:
Erstehe, Saat, aus kaltem Grab zu gutem Brot für unser Kind, und wirf uns reichen Segen ab für alle, die bedürftig sind!
So knien sie in den Saum der Nacht wie einst die Hirten auf dem Feld und harren still auf ihrer Wacht des Engels, der den Christstern hält.
Eine deutsche Weihnachtsgeschichte.
Von Eberhard Meckel.
Seit vielen Tagen warf der Wind den Schnee gegen das kleine Fenster der Hütte. Mochte auch Peter, 'bei Handwerksbursch, der sich dort etngeuistet hatte, noch so sehr von innen gegen die Scheibe hauchen: immer nur für ein paar Augenblicke taute er damit ein winziges Guckloch frei, durch das er sehen konnte, daß das Sturmwetter noch keinerlei Anstalten machte, sich zu bessern. Dann prasselte eine neue Ladung Schnee nut Eiskörnern an das Glas, das Guckloch wurde wieder blind, und Peter war klug wie zuvor. Dabei war er sich bewußt, daß er hier in der Hütte nicht länger bleiben konnte: er hatte so gut wie nichts mehr zu essen, was er sich vorher durch Betteln an Brot und Wurst zusammengebracht hatte, war aufgebrancht, und dann würde gewiß auch der Bauer, dem die Hütte gehörte, noch vor Weihnachten, das morgen war, vom Tal heraufstcigen und sich den Rest Heu holen, der hier noch lagerte, oder Skifahrer würden kommen, und von beiden, Bauern und Skifahrern, würde er, der landstreichende Handwerksbursch, wohl nicht gern hier gesehen werden. Mau hat es nie gern, wenn sich einer, ohne zu fragen, in einer Hütte einmietet, die ihm nicht gehört, wenn er dort mit schlechtem Gewissen das ihm nicht gehörige Holz verfeuert und unter ihm nicht gehörigen Decken schläft ... Peter verstand diese Meinung der rechtmäßigen Hütten- besitzer sehr wohl, und deshalb mußte er jetzt endlich fort. Er märe ja nicht in die Hütte heimlich eingestiegen, wenn ihn nicht aus einer Wanderung hinauf zum Paß, von wo aus er weiterzukom- meu gedachte, dieser Schneesturm überrascht hätte. So wenigstens suchte Peter sich vor sich selbst zu entschuldigen. Nun aber half alles nichts: Er mußte fort, versuchen, das Nachbartal zu gewinnen. Seit langer Zeit lief Peter, der arbeitslose Peter, so tue Straßen auf und ab, von Norden nach Süden, von Westen nach
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Nachdem ihn ein Blick durch ein neu gehauchtes Guckloch belehrt hatte, daß Besserung des Winterwetters nicht zu erwarten war, stopfte er seine geringen Habseligkeiten in die Umhangtasche, wärmte noch einmal kurz seine Hände am verglimmenden Feuer — wer wußte, wann er das wieder so tun konnte! — und stieg dann, eine nicht geringe Schneeladung in den Nacken kriegend, zur gleichen Lucke, durch die er gekommen mar, aus der Hütte. Vorher hatte er nicht unterlassen, mit klammen Fingern auf ein Stück Papier zu schreiben, er würde später alles bezahlen, was er sich aus Not unrechtmäßig in der Hütte nutzbar gemacht habe: diesen Zettel hatte er aus dem Herd hinterlassen, und nun stapfte er mit beruhigtem Gewissen - er würde, wenn er einmal Geld hätte, hierher fahren und alles ausgleicheu und mit knurrendem Magen durch den hohen Schnee, paßwärts. Einen richtigen Weg sah er nicht, nur an gesteckten Stangen wußte er ungefähr die Richtung. Eigentlich war es ein richtiger Unsinn, mitten im Schneesturm loszuziehen, wo man auch noch nicht dreißig Meter weit sah. Dailn stieg es steil an, bei jedem Schritt mußte Peter die Seine ordentlich aus dem Schnee herausheben wenn er nicht stecken bleiben wollte, und es war eine bitter mühselige und harte Wanderung. Bald ließ der schneidende Wind dm heftig frieren, gleichzeitig trat ihm von der Anstrengung der schweig in» Gesicht,
verklebte ihm, Eis geworden, die Lider und brannte auf der Haut. Taumelnd strebte Peter weiter: wenn er erst die Paßhöhe hatte, wurde ja alles besser. Nebel hüllte ihn kalt und grau ein, der Atemdampf lies ihm wie eine ins schneedurchwehte Nichts weisende Hand voraus In seinem Kops hämmerte nur immer das Eins-zwei, Eins-zwei, wie er jedesmal zählte beim neuen Heben und Setzen der Beine zum nächsten Schritt. Er mußte gehen, er mußte wandern, der Heimatlose, der Handwerksbursch Peter, der lange schon keine Arbeit mehr hatte. Eins-zwei, Eins- zwei, Eins- ..
Verwundert rieb sich Peter die Augen: Wo war er denn? Lachen und abgerissene Töne einer Ziehharmonika drangen erst noch wie aus weiter Ferne in sein Bewußtsein, schwollen dann im Ohr an und klangen plötzlich ganz nah. Dann merkte er, daß ihm jemand auf die Schultern klopfte, eine kräftige Hand mußte es sein. Und dann hörte er eine Stimme: „Na, alter Junge, das ist ja noch einmal gut abgegangen, was?" Diese Stimme machte Peter vollends wach, nun schaute er um sich, regelrecht verschlafen schaute er um sich und fand sich auf einem Bett, und das Bett war umgeben von vielen Burschen, die mochten alle etwa gleich alt sein wie er, und sahen ihn freundlich an und lachten auch, und Peter wußte nicht, was er von dem Ganzen halten sollte: bis es sich herausstellte, daß er am gestrigen Abend in einer Schneewehe auf der Paßhöhe schlafend von den Burschen gefunden worden war, die zufällig dort oben vorbeikamen: bann erfuhr Peter noch, daß sie alle zu einem Arbeitsdienstlager gehörten und im Hochwald Holz schlügen, und wenn nicht der Schneesturm ihnen die Arbeit unmöglich gemacht und sie aus ihrer Blockhütte am Paß hinunter ins Tal vertrieben hätte, dann läge jetzt einer, und zwar er selbst, droben in den Bergen tot tn seiner Schneewehe, und finden könnte man ihn erst im Frühjahr ...
Da lief es dem Peter ein wenig kalt den Rücken herunter, und wie sich er das alles genau überdachte und fand, daß es doch besser wäre, hier unten zu sitzen als verschneit am Paß zu liegen, da wußte er dann nichts anderes, als immerfort den Burschen zu danken. Die aber lachten und wollten für das Selbstverständliche keinen Dank, und dann sagten sie, heute fei Weihnachten, und da könne er mitfeiern und solle überhaupt bei ihnen bleiben..
Mitfeiern, da war Peter dabei. Aber ganz hier bleiben, dazu verspürte er keine Lust. In einem Arbeitslager bleiben, womöglich mit den anderen unter strengem Kommando stehen befohlen werden zur harten Arbeit im Bergwald jetzt bet der Kalte und zur Winterszeit? Nein: und kaum hatte über Peter wieder das Leben und damit die nüchterne Berechnung nach dem traumhaften und dankerfüllten Dämmerzustand des Herzens die Oberhand gewonnen, da sträubte sich alles in ihm dagegen, im Arbeitslager zu bleiben und auf die Freiheit und Nngebundenheit zu verzichten. Weihnachtsfeier, gutes Essen und Trinken, das alles war ihm willkommen, und nachher würde er sich facht und heimlich drücken und auf und davongehen auf Nimmerwiedersehen. Aber war das nicht undankbar? Schnell beruhigte er sich damit, daß vor der eigenen Freiheit Dank ober Undank nichts zu suchen hätten, und zog mit den anderen zum Feiern.
Das war fo: In einem Wäldchen in der Nähe war von ein paar Burschen, die sich darauf verstanden, eine mächtig hohe Tanne zum eigentlichen Weihnachtsbaum ausersehen worden: darauf batten sie brennende Kerzen gesteckt, auch über die blitzende Schneelast der Zweige hier und dort etwas Flitterzeug gehängt, und als in der abendlichen Dämmerung das ganze Arbeitslager in geschlossenem Zug zur Feier in den Wald marschierte, glänzte daraus der schönste und fröhlichste Christbaum entgegen. Die Kerzen verloschen nicht, obwohl noch Sturm war: Die Tannen standen fo dicht, daß es unter ihnen aanz still war und nur über sie hinweg der Wind fauste und pfiff. Ruhig fielen Schneeflocken zwischen die Stämme. Der Zug hatte inzwischen einen Kreis um den Banin gebildet, mit verhaltenem Atem standen alle die junaen Menschen aus dem Lager. Peter mit eingeschlossen, bg und schauten hinauf in die flackernde und glitzernde Pracht, an der für jeden wohl viel Erinnerung und Traum von Heimat und geliehien Dingen hingen. Auch in Peter tgnchte mgncherlei auf, was sich nicht fo leicht sagen läßt, und weil die anderen sich nichts merken ließen, was sie bewegen mochte, ließ er sich auch nichts merken und fana nur mit ganzer Vunaenfraft die Lieder mit, die mächtig den dunklen Wald erfüllten. Weibnachtslieder und Lieder um Heimat. Kampf unb Vaterland. Lieder, die er noch nie gehört hatte und die ihn doch gleich seltsam mitrillen.
Nach der Feier im Wald gingen dann alle wieder zurück in» Laaer, wo im Gemeinschaftsraum inzwischen auch eine Tanne geschmückt war und wo jeder neben Gaben, die er vielleicht von


