Ausgabe 
18.9.1933
 
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Nannsleben das Wort erteilt werden. Er schreibt in seinen Er­innerungen:

Der König sagte zu uns, sehr aufgebracht: Kann man einem Müller, der kein Wasser hat, und also nicht mahlen und also auch nichts verdienen kann, die Mühle deshalb nehmen, weil er keine Pacht bezahlt hat? Ist das gerecht?

Wir verneigten uns hierauf und sagten: Nein, Majestät.

Der König, fortfahrend: Was tut die Küstrinsche Justiz? Sie befiehlt, datz die Mühle verkauft werden soll, damit der Edelmann seine Pacht kriegt. Und das Berliner Tribunal approbiiert solches. Das ist höchst ungerecht und Sr. König!. Majestät Lanöesvüter- lichen Intentionen ganz und gar entgegen. Mein Name (Ihr gebt es imNamen des Königs") cruel gemitzbraucht".

Rannsleben fährt in seinem Bericht folgendermaßen fort: Der ffiünig bediente sich noch sehr harter Ausdrücke gegen uns und entließ uns endlich, ohne zu sagen, was er mit uns machen wollte. Kaum hatten mir das Zimmer verlassen, als er hinter uns herkam und uns befahl, zu warten. Kurz darauf kam ein Adjutant, welcher uns in einen Wagen nach dem gemeinen Stadtgefängnis führte. An dem dritten Tage unseres Arrestes, am 18. Dezember 1779, wurde «ns eine Kabmettsordre publiziert, nach welcher der König eine Kommission zur Unter­suchung ernannt hatte."

Ueber dieseKonferenz" mit den Kammergerichtsräten erschien am Dienstag, dem 14. Dezember 1779, in der ZeitungBerlinische Nachrichten von Staats- und Gelehrten Sachen, Nr. 149" folgende amtliche Auslassung:Se. Majestät werden daher in Ansehung der wider den Müller Arnold aus der Pommerziger Krebsmühle in der Neumark abgesprochenen und hier approbiierten, höchst un­gerechten Sentenz ein nachdrückliches Exempel statuieren, damit sämtliche Justizcollegia in allen dero Provinzen sich darin spiegeln und keine dergleichen grobe Ungerechtigkeiten begehen mögen. Denn sie müssen nur wissen, daß der gering st e Bauer, ja, was noch mehr ist, der Bettler ebensowohl ein Mensch ist, wie Se. Majestätsind, und dem gleiche Justiz muß widerfahren werden. Indem vor der Justiz alle Leute gleich sind, es mag ein Prinz, der wider einen Bauer klagt, oder auch umgekehrt, so ist der Prinz vor der Justiz dem Bauer gleich, und bei solchen Gelegenheiten mutz pur nach der Gerechtigkeit ver­fahren werden, ohne Ansehen der Person. Denn ein Justizkolle­gium, das Ungerechtigkeiten ausübt, ist gefährlicher und schlimmer wie eine Diebesbande, vor der kann man sich schützen, aber vor Schelmen, die den Mantel der Justiz gebrauchen, um ihre Übeln Passiones auszuführen, vor denen kann sich kein Mensch hüten. Die sind ärger wie die größten Spitzbuben und meritieren (= verdienen) doppelte Bestrafung."

Minister von Zedlitz weigerte sich aber, das Urteil gegen die Juristen bekanntzumachen, die sämtliche, einschließlich der Äüstriner Räte und des Kanzlers des Kammergerichis, der sofort nach der Audienz entlassen wurde, ins Gefängnis gebracht wurden. Hierauf fällte der König höchst persönlich am 1. Januar 1780 fol­gendes Urteil:

Erstens soll der Kammergerichtsrat Rannsleben, welcher sich alle Mühe gegeben hat, um alle vorkommenden Bedenklich­keiten, in einer ganz sichtbaren Unparteilichkeit vorzutragen, des Arrests entlassen werden. .

Zweitens. Was hingegen die anderen arretierten Justizbe- Henten sind, so werden solche hiermit kassiert und zum einjährigen Festungsarrest kondemniert. Ueberöem sollen sie den Wert der Arnoldschen Mühle sowohl, als auch ihm selbst allen seinen ge- Habten Verlust und Schaden, der ihm bei dieser Sache verursacht nvorden, nach der von der Neumärkischen Kammer anzufertigenden Taxe aus ihren eigenen Mitteln bezahlen. (Anm. d. Verf.: Der Schadenersatz belief sich auf 1358 Taler 11 Groschen 1 Pfennig And wurde während der nächsten acht Monate pünktlich an Arnold entrichtet.) . . .

Drittens soll solchergestalt der Müller Arnold völlig in inte­grum restituiret werden."

Ein hochinteressantes Dokument königlicher Justizpflege! Es erregte die Aufmerksamkeit von ganz Europa, gerade als das Dezennium der Französischen Revolution anfing. In Rußland schickte die Zarin Katharina ihrem Senat das oben wieder- «cgebene Protokoll vom 11. Dezember. Der König vernachlässigte «nichts, weder Großes noch Kleines, solange Leben in ihm war. Etwas über 6 Jahre später, am 17. August 1786, starb der König.

Aber nach dem Tode Friedrichs wurde die Sache aus das bringende Ersuchen des Teichbesitzers von Gersdorf wieder Ausgenommen undvor das geheime Tribunal als den kompe­tenten Appelationshof in dritter Instanz" gebracht. Man hat einen Vertrag aus dem Jahre 1566 (230 Jahre vorher) aufgefunden, der dem Gersdorf seinen Teich wieder einbrachte. Die Familie Arnold mußte außerdem von den verurteilten Richternals Schaöens- srsah" bezahlte Geld zurückerstatten, ebenso das Kaufgeld für ähre Mühle, wenn sie diese behalten wollte. Im übrigen wurden öie bestraften Richter mit allen Ehren wieder in ihre Aemter eingesetzt.

So endigte nach 16 Jahren der berühmte Müller Arnoldsche Prozeß, mit dessen Endergebnis sich sicherlich die tüchtige Fran Arnold genau so wenig wie früher hätte zufrieden gegeben, wenn nicht Friedrichs Nachfolger, König Friedrich Wilhelm II., alle -liefe Gelder aus seiner eigenen Tasche bezahlt hätte, um ein für allemal mit der Sache abzuschließen. . .

Was aus der Krebsnrlnile und der Familie Arnold, insbeson­dere aber aus der tüchtigen Frau Arnold wurde, ist in der Ge­richte nirgendwo verzeichnet, womit auch diese Historia ihr natürliches Ende finden kann.

Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird.

Roman von Walier Julius V I o e m (EDS.).

(Fortsetzung.)

Möglicherweise bildet Elli sich ein, daß ihre Freundin sie zu- rückgedrüngt hat, während es sich in Wirklichkeit ganz anders verhält. Elli ist nur eine kleine, lustige Sekretärin, die in keinen ernsthaften Betrieb hineinpatzt, sie war gut für die Zigeunerei des Anfangs aber wie es nun bei Doktor Wagenschanz auf Griff und Zug geht unter maßloser Anspannung aller Kräfte, da fängt Elli an zu versagen, ihr unbekümmerter Schlendrian genügt nicht mehr, und wenn sie es nicht einsehen will, sinkt sie auf die Dauer zu einer belanglosen Schreibkraft dritten Ranges hinab. Vor einigen Tagen wurde sie vom Chef in allem Ernst verwarnt, als er ihre Kartothek in einer heillosen Unordnung sand, in der sie persönlich allerdings wunderbar Bescheid wußte. Daß Fräulein Aschenbrenner, die Neue, zuverlässiger stenographiert, schneller und fehlerloser auf der Maschine schreibt, ist in Ellis bedauerlich unzulänglicher Ausbildung begründet.

Man versteht, daß sich auf diese Weise Spannungen einstellen müssen, gereizte Kleinigkeiten, denen man am besten aus dem Wege geht. Rosemarie findet zum September ein besonders hüb­sches Zimmer, nicht teuer, bei einer Kaufmannsfrau, deren Tochter studiert, sie kommt plötzlich in einen geselligen und angeregten Kreis hinein, wenigstens anfänglich scheint es so, alle neuen Menschen sind so blankgeputzt, später verliert sich das. Rosemarie wird oft eingeladen, kann sich jetzt endlich einige neue Kleider anschaffen, und so entfremdet sie sich sehr schnell ihrer Kame­radin aus der Notzeit.

Soll man darüber nicht traurig werden? Man hat sie alle herbeigeholt, jeden einzelnen, den Kandidaten Kieselbach, Rose­marie selbst und sogar dies Fräulein Aschenbrenner, bei deren Tante ein Bruder von der Bardame angestellt war, die früher ein paar Kleider von Elli nähen ließ. Versteht es sich denn nicht von selbst, daß man die andern herbeiruft, wenn sie in der Not sind und wenn man sie brauchen kann? Aber müssen sie darum diejenige, die ihnen damals hilfreich war, heute Schritt für Schritt zurückdrängen? Ob das gewollt ist oder nicht, es kommt darauf heraus.

Und so sitzt Elli manchen Abend auf ihrem Vettranö, heult dicke Tränen und fühlt sich übergangen. Die andern klettern ver­teufelt, man mutz es mit ansehen und bleibt selbst ganz unten. Kieselbach bekommt ein schönes Geld und verlangt unverschämter­weise immer mehr, Rosemarie wird auch nicht schlecht bezahlt und vorigen Sonntag fuhren die beiden mit Anton über Land, ein vierter Platz war frei in dem Taubengrauen, niemand kam auf den entlegenen Gedanken, daß man eine gewisse Elli mit­nehmen könnte. Die ersten Herbstschauer entmutigten Elli sowieso, die Wolken jagen grau und niedrig dahin, immer gieriger frißt die Dunkelheit sich in den Tag. Daß man einmal im Herzen etwas gehofft hat und sich sehnte, das liegt wie eine mißglückte Fabel im Schutt vergangener Zeit. Anton Wagenschanz liebte ein kleines Mädchen, als es ihm schlecht ging. Wen wird er lieben, wenn es ihm gut geht? Aber braucht er überhaupt Liebe, denkt er jetzt noch an so etwas? Stier, Elefant, Nashorn das sind so Wesen, die ihm ähneln, mit dicken Stoßern vorne.

Man müßte vergessen lernen und freut sich doch immer noch über jeden freundlichen Blick...

Das stellt man sich so fein vor, wenn man ein ganzes Zimmer ganz für sich allein hat, und ist es so weit, wo fehlt es denn nun fchon wieder? Zunächst daran, daß man die Mansarde jetzt auch ganz allein bezahlen muß. Wie soll man das aufbringen? Wenn man täglich sieht, wie die andern viel tüchtiger sind als man selbst, woher soll man da den Mut nehmen und um eine Aufbesserung bei diesem harten Mann bitten, in dieser harten Zeit? Man greift in solcher Lage vielmehr zu der üblichen Schlankheitskur, obwohl niemand dies weniger nötig hätte als Elli mit ihrem Kinder­körperchen, und sagt der Witwe Wagenschanz:Wissen Sie, ich habe Angst, daß ich dick werde, und von jetzt ab esse ich abends nur einen Apfel."

Die Witwe Wagenschanz sagt gar nichts, am ersten Abend aber schnauft sie mit einem Teller heißer Pellkartoffeln, mit Käse und Brot die Stiege hinauf.Na ja, dies eine Mal noch, aber von morgen ab lebe ich nach Vorschrift, verstehen Sie?"

Ellis Kopf zergrübelt sich, ob man sich denn unbedingt eine spitze Nase zulegen muß wie Fräulein Aschenbrenner, wenn man im Beruf etwas leisten will, diesen sauertöpfischen Ernst, der nicht weiß, wieso und warum die Welt vorhanden ist, diese abgewelkte Hoffnung, daß es besser werden könnte. Elli jedoch freut sich noch monatelang über die hübschen, bunten Schuh?, die sie beim Saison­ausverkauf erobert hat, Strümpfe mit ganz kleinen Fehlern für die vollkommen fehlerlosen Beine, baß man die Knie gern ein bißchen verwegen übereinander schlägt, wenn man an der Ma­schine sitzt, und sehr verwegen sogar, wenn gerade kein Mann im Zimmer ist, dann freut sich Elli über die giftigen Blicke, die ihre Kollegin ihr zuwirft.

Fräulein Aschenbrenner plustert sich auf vor moralischer Ent­rüstung. Nicht zum erstenmal fliegen ein paar stichelnde Randbe­merkungen hin und her.Hasten Sie sich doch nicht so, Aschen­brenner, guckt ja keiner zu!"

Kein Wunder", wirft die Spitznase zurück,andere Gedanken scheinen Sie nicht im Kopf zu haben, Fräulein Sampe« "

Elli kaut, ewig hungrig, mitten in der Arbeitszeit an einer Butterschnitte.Wieso kein Wunder?" merkt sie auf.

Sie werden sich wohl schon denken können, wie ich das meine."