kirchc. Was meinen Sie, wenn wir heute denselben Abstecher machten. Der Blick vvn dort oben muh jetzt noch viel schöner sein als im Sommer."
„Wird es nicht zn spät werden?"
„Nein, wir kommen zurecht."
Sic durchschritten das kleine Gehölz, in dem vereinzelte gelbe Blätter wie müde Walter lautlos durch die Luft taumelten, und sanden den Psad, der sie in vielen Windungen allmählich bergan stihrte. Endlich ivar die Höhe erreicht, und sie ließen sich auf einer Bank nieder.
Lange saßen sie und sprachen kein Wort. Die große Stille des .^erbstunchmiltagü hüllte sie ein; gedämpft nur klangen vereinzelte Laute auö der Tiefe herauf: das Tacken eines Motorbootes, menschliche Stimmen, Hundegebell. Sie achteten nicht auf die Stundenschlüge, die dünn und blechern zuweilen über ihnen durch die Lust zitterten; sie ruhten, und einer stthltc des anderen Nähe.
Dann sank die Sonne. Purpurgesäumte Wolken loderten auf dem Goldgrund des westlichen Himmels: über den unbewegten Spiegel des Seees glitten schimmernde Farbenspiele. Das Gold erkaltete zu gläsernem Grün, die Wolkenbrüude erloschen; nur das Wasser leuchtete noch lauge in sarbtgem Widerschein, und über den Hügeln des Schweizer Users schwamm still und klar -er zartrosa glühende Gipfel des Säntiö, bis von Osten her hellblaue Nacht alles verschleierte.
Sic legte die Hand auf seine» Arm und sagte leise:
„Ich glaube, es ist Zeit für uns."
Sie gingen die Fahrstraße entlang, die in sanfter Neigung abwärts führte.
Boni See herüber wehte es kühl — da nahm sie zaghaft seinen Arm.
»Ist Ihnen kalt?" fragte er.
„Nein. Jetzt nicht mehr."
Sie erreichten das Dorf, als draußen auf dem Wasser die Lichter des Dampfers sichtbar wurden. Während er stampfend und rauschend näherkam, hasteten sie zur Landungsbrücke, ivo sic zu gleicher Zeit wie daö Schiss anlangten. Dann saßen sic unten im Salon, redeten gleichgültige Dinge und hörten, wie das Wasser an der Schiffswand vorUberströmtc.
Fridericus Rex.
Bon Willibald Alexis.
FridericuS Nex, unser König und Herr,
Der- rief seine Soldaten allesamt ins Gewehr, Zweihundert Bataillons und mt die tausend Schwadronen, lind jeder Grenadier kriegte sechzig Patronen.
„Ihr verfluchten Kerls", sprach Seine Majestät, „Daß jeder in der Bataille seinen Mann mir steht. Sie gönnen mir nicht Schlesien und die Grafschaft Glatz lind die hundert Millionen in meinem Schatz.
Die Kaiserin hat sich mit den Franzosen alliiert
Und das Römische Reich gegen mich revoltiert,
Die Russen sind gefallen in Preußen ein;
Aus, laßt uns zeigen, daß wir brave Landesktndcr sein!
Meine Generale Schiverin und Feldmarschall von Keith,
Und der Generalmajor von Zielen sind allemal bereit,
Potz Mohren, Blitz und Krenzclement,
Wer den Fritz und seine Soldaten noch nicht kennt."
^,Nun abjv, Lowise, wisch ab daö Gesicht,
Eine jede Kugel, die trifft ja nicht,
Denn träf jede Kugel apart ihren Mann, ~
Wo kriegten die Könige ihre Soldaten dann!
Die MuSkctenkugcl macht ein kleines Loch,
Die Kanonenkugel ein wett größeres noch;
Die Kugeln sind alle von Eisen und Blei, Und manche Kugel geht manchem vorbei.
Unsere Artillerie hat ein vvrtrcfslich Kaliber,
Und von den Preußen geht keiner zum Feinde nicht über;
Die Schiveden, die haben verflucht schlechtes Geld,
Wer weiß, ob der Ocstcrreichcr besseres hält.
Mit Pomade bezahlt den Franzosen sein König, Wir kricgen'ö alle Wochen bei Heller und Pfennig.
Potz Mohren, Blitz und Krcuzsackcrment,
Wer kriegt so prompt wie der Preuße sein Traktament!
Fridcsicus, mein König, den der Lorbcerkranz ziert,
Ach hältst du nur öfters zn plündern pcrmittiert, Fridcrienö Rex, mein König und Held,
Wir schlügen den Teufel für dich aus der Welt."
Friedrich der Große als dichter.
Von Gerichtsreserendar Otto Christoffel.
Der Prozeß, der hier geschildert werden soll, ist in der Gesichte als der Müller A r n o l d s ch e Prozeß bekannt, und hängt auf das engste mit der ziveiten Justizrcsorm unter Friedrich IT. zusammen, die mit dem Jahre 1770 beginnt. (Ungefähr 30 Jahre nach der Reform von Coeceji.)
An der schlesischen Grenze der Neumark, südwestlich von Zül- lichau, liegt an einem der kleinen in die Oder sickernden Bache eine Mühle, die Krebsmühle genannt; sie gehörte der Familie Arnold, die mühsam seit vielen Generationen den Roggen, die ^-»ülsensrüchte und die Gerste jener öden Gegend zu Biehl mahlte.
Im Jahre 1762 verheiratete sich der junge Arnold mit einer Frau, der die besondere Fähigkeit einer gewandten Prozeßfüyrerin uachgerühmt werbe» muß. Acht Jahre lang blieb die „öffentliche Geschichte" dieses jungen Hausstandes für die Menschheit inhaltslos. _ = t ,
Im Jahre 1770 kam aber der Landrat a. D. v. G e r s d v r f in Kay tstromaufivürtö von der KrebSmühlej aus den Gedanken, sich mit Fischzucht zu beschäftigen. Er legte sich einen Fischteich au und legte zn dessen Versorgung mit Wasser ein Wehr durch den Bach und lenkte dadurch einen Teil vvn Arnolds Wasserst ab. Dies hatte znr Folge, daß die Arnolds mit ihrem Pachtzins in Rückstand kamen, bis sie im Jahre 1777 von dem Grundherrn von S ch m c t t a u auf Zahlung deö Zinses verklagt wurden. Er lud die Eheleute Arnold vor seinen Gerichtshof in Pvmmerzig, eine Art Patrimonialgerichtshof. Es ivar mehr oder weniger sein Gerichtshof, da ein Advokat Recht sprach, dessen Ernennung von seiner, des Grundherrn, Genehmigung abhing. Der Advokat hieß Schlecker, und nichts deutete darauf hin, daß er in irgendeiner Beziehung unrecht gehandelt hat. Die verklagte Frau A r n v l d hegte jedoch Verdacht, daß der Gutsherr, wenn er auch nicht seine Hand an die Waage der Gerechtigkeit legte, doch mit seinem Auge mehr oder ivcniger Einfluß auf die Haltung des Richters ausübte. Die unglückliche Frau Arnold hegte diesen Vorivurs aber nicht in ihrem stillen Kämmerlein, sondern scheint gelegentlich gegen Schlecker (das war der Richter) in dieser Hinsicht aufgetreten zu sein, tvosür er sie wegen Nichtachtung des hohen Gerichtshofes einsperren ließ. „Nur zwei Stunden", beteuerte Schlecker später, woraus sie ruhiger und mit dem gehörigen Respekt vor dem Gerichtshof herauskam. , , ,
Von diesem Prozeß an Schleckers Gerichtshof ist nichts weiter als das Urteil bekannt. Die Arnolds wurden zur Zahlung des rückständigen Pachtzinses verurteilt. Da aber nicht bezahlt wurde, verordnete Schlecker den Verkauf der Mühle an.
Die Familie Arnold wäre nun eine ausgestoßene Familie gewesen, wenn nicht ... ja, wenn Frau Arnold eben nicht so rechts- tüchtig gewesen wäre. Das Schleckersche Urteil und die Versteigerung hatten es ihr angetan.
Zunächst wurde verschiedene Male an die neumarkische Regierung appelliert; aber ohne Erfolg. Kein Wunder also, daß Frau Arnold direkt den König in einer Bittschrift um Ent-, senduug einer Militärkommission bat: „O, gerechter König, ernenne eine Militürkommission znr Untersuchung der Sache. Unparteiische Offiziere werden bald entdecken, wie die Dinge stehen, und nach Fug und Recht entscheideri." DaS Kabinett des Königs schickt das Schreibe» i» Abwesenheit des Königs an das Justiz- departement, das seinerseits die Prozeßakten von Küstrin anfordert, aber in der Sache selbst alles in Ordnung findet. Frau Arnold hatte also dieses Mal Pech!
Jetzt besann sie sich darauf, daß ihr Schwager, der Bruder ihres Mannes, Bedienter bei dem Prinzen Leopold ivar, der als Oberst mit seinem Regiment in Frankfurt a. O. staud und gute Beziehungen zum König unterhielt. Auf diesem etivaS umständlichen, aber für Frau Arnold im Endergebnis doch erfolgreichen Weg hörte der König von dem angeblich schreienden Unrecht, das den armen Mtillerslenten widerfahren sein sollte. Der König nahm sich der Sache an und schickte eine KabinettSordrc an die Küstriuer Advokaten, woraus ohne Verzug Regierungsrat Neu- m a n n nud Oberst H e u ck i n g an Ort und Stelle nach Kay zur Untersuchung der Angelegenheit geschickt wurden. Von der Arbeit dieser beiden Herren ist der Nachwelt nicht viel erhalten geblieben. Man iveiß mir, daß sie sich nicht einigen konnten. Neumann war für Bestätigung der bisher ergangenen Entscheidungen; Hcucking war dagegen. Neide schickten getrennte Berichte an den König. Die Küstriuer Antwort erregte im Gegensatz zu dem Bericht des Obersten Hencking das äußerste Mißfallen des Königs. Er bat daher um nochmalige Entscheidung, worauf ihm von Küstrin die Antwort zuging, der UrtcilSspruch könne nicht mehr geändert werden; dies sei nur durch Appellation möglich. Se. Majestät möge entscheiden, wo die Appellation stattfinden soll. Friedrich entschied: ES soll an das Berliner Kammergericht appelliert werden.
Am 7. Dezember 177» tagte nun das Kammergericht unter dem Vorsitz des Kanzlers von F ii r st und ernannte den Kammer- gerichtSrat Rann Sieben zum Berichterstatter, der de» ganzen Tag und die ganze Nacht fleißig an zwei Berichten arbeitete, die er dann bereits am folgenden Tag dem Collegium vorlaö — es waren (das soll für später sestgehalten werde») Präsident von Rebeur sowie die Räte Uhl, Friedel, Kirche Isen, Granu und Gräßler, die alle den Bericht ohne Diskussion unterschrieben. DaS Ergebnis ivar: Die Küstriuer Entscheidung ist in allen Punkten richtig! ,
Nachdem der König dieses Urteil erhielt, wurde der Kanzler von Fürst mit den Richtern auf daö Schloß befohlen, lieber diese Audienz am 11. Dezember 1779 soll dem KammergerichtSrat


