Ausgabe 
18.9.1933
 
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GietzenerZamilienblätter

Unterhaltungzbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1933 Montag, den 18. September Nummer 72

Braune Erde.

Von Lulu von Strautz und Torney*.

Nun schleicht der bunte Sommer aus der Welt, Das grüne Laub im Walde gilbt und fällt.

In grauer Luft der Stare Wanderflug, In brauner Erdcnscholle blitzt der Pflug.

Mir wird so still, mir schweigen Lust und Weh, Wenn ich im Herbst die braune Erde seh ...

Was sich im Lenz aus Keim und Knospe rang, Was da geblüht im Lichte sommerlang,

Was vor der Zeit in Glut und Frost verdarb, Was erntereif am Schnitt der Sichel starb,

Von all den tausend Leben schwand die Spur, Herbstmüde träumt die braune Erde nur.

O unstet Herz, was sehnst und suchest du?

Die braune Erde ist die große Ruh'!

Herbstliche Begegnung.

Von Hans Setffert.

Er hatte sie sofort wiedererkannt, trotz der sieben Jahre, die -wischen damals und heute lagen. Das Blut strömte ihm leise mit schmerzhaftem Ruck zum Herzen,' er wollte fliehen, wollte sich verbergen, wollte in den Schiffssalon hinnntergehen aber da kam sie schon die Stufen zum Oberdeck herauf, und ihr Blick begegnete dem seinen. Flüchtige Röte überzog ihr Gesicht, dann ging sie unbefangen auf ihn zu und reichte ihm die Hand:

Guten Tag, gnädige Frau!" antwortete er und wunderte sich, wie ruhig seine Stimme klang.

Aber wollen wir uns nicht setzen? Neben Ihnen ist doch sicher noch Platz?"

Guten Tag, Herr Doktor."

Gewiß, gnädige Frau."

Sie ließen sich nieder, und während das Schiff, leise vibrierend im rhythmischen Stampfen der Maschinen, von der Landungs­brücke abstieß und in weitem Bogen auf den See hinaussteuerte, kamen sie in ein gleichgültiges Gespräch. Sie sei erst vor zwei Tagen angekommen und wohne in der Oberstadt. Er verbringe seinen Urlaub, wie alle Jahre, hier in Meersburg und sei im GasthofZum Schiff" gut untergebracht. Es sei schon verhältnis- mäßig spät im Jahr, aber noch ungewöhnlich schön und von fast sommerlicher Wärme. Ein wundervoller Herbst, ganz gewiß! Und hier am Bodensee sei es im Herbst besonders schön, eigentlich noch schöner als im Sommer. Viel klarer die Luft, viel durchsichtiger, viel reiner ...

Sehen Sie nur!" Er wies nach rückwärts, wo zwischen dem helleren Blau des Wassers und dem dunkleren des Himmels das Städtchen lag; die Baumreihe am Kai, die Häuserzeile der Unter­stadt, darüber die altersgraue, turmüberragte Manermasse des Schlosses.

Was ist das für ein Gebäude unten an der Uferstraße, rechts vom Ort?" fragte sie.

Das neue Elektrizitätswerk. Es steht erst seit einem Jahr."

Damals waren dort noch Gärten."

Ja. Damals ..."

Sie schwiegen, in Erinnerungen versunken.

Das Schiff hatte sich unterdessen der Insel genähert, deren hohe, dunkle Baume im stillen Uferwasser sich spiegelten. Mit

* Anläßlich des 60. Geburtstages der Dichterin am 20. Sep­tember bringen wir dieses Herbstgedicht aus der Gesamtausgabe 6er Balladen und Gedichte, die unter dem Titel:Reif steht d i e S a a t" int Eugen Diederichs Verlag, Jena, erschien.

halber Kraft glitt es an dem kloinen Bootshafen vorüber: die Stahltrosse flog blitzend durch die Luft, schlug hart auf die Bohlen der Landungsbrücke, wurde gepackt und festgemacht. Das Lauf­brett wurde herübcrgeschoben, ein paar Leute stiegen aus. Wäh­rend er aufmerksam alle diese kleinen Vorgänge beobachtete, lachte sie mit einem Male unbefangen und sagte, als er sie fragend an- blicktc:

Wissen Sie noch, wie Sie damals auf diesem Laufbrett plötz­lich stolperten, und Ihnen dabei der Hut ins Wasser siel!"

Nun lachte auch er:

Ja. Es war ein ganz neuer Hut, und es war gar nicht so einfach, ihn wieder herauszufischen."

Die Insel Mainau lag schon wiedtzr hinter ihnen: das Dampf- bvot nahm Kurs nach dem nördlichen Ufer. Links schlossen dunkel­bewaldete Berge den allmählich schmäler werdenden See ein, zur Rechten dehnte er sich blau und silbern in die Weite, fast wie ein Meer. Ein frischer Wiiid machte sich auf und trieb kurze, spitze Wellen in den stilleren Seearm.

Fahren Sie auch bis Ueberlingen, gnädige Frau?" fragte er nach einer Weile.

Ja. Ich will dann ein Stück den See entlang wandern und mit dem Abendschiff zurückfahren." Und nach einem Zögern setzte sie hinzu:

Wollen Sie mich begleiten, Herr Doktor, das heißt: falls. Sie nichts Besseres vorhaben?"

Ich habe nichts Besseres vor, gnädige Frau."

In diesem Augenblick zogen zwei Segelboote leuchtend weiß vorüber und schwankten heftig, als die starke Bugwelle des Damp­fers sie erreichte. Man winkte und tauschte fröhliche Zurufe. Als sie sich wieder umwandte, berührte ihr Arm seine Hand, die auf dem Geländer lag: ein kleiner freudiger Schreck überrieselte ihn, und er zog die Hand zurück. Sie hatte es gar nicht bemerkt. Dann saßen sie schweigend, bis das Schifs an der Landungsbrücke anlegte.

Eine Minute später raschelte das welke Laub der Kastanien unter ihren Schritten. Sie gingen durch die vereinsamten Wege des Kurgartens, stiegen eine schmale Gasse hinan, in der es nach Leder und Seilcrwaren roch, und standen vor dem Münster.

Wollen wir hineingehen und unsere Madonna besuchen?" fragte er.Erinnern Sie sich noch, wie stolz wir waren aus die schöne Madonnenstatue, die wir entdeckt zu haben glaubten? Bis mir erfuhren, daß sie schon längst entdeckt und registriert war, schon längst in den Himmel der Kunsthandbücher eingegangen, daß wir zu spät gekommen waren mit unserer Entdeckung."

Ja. Zu spät!" sagte sie leise mit kaum merklicher Betonung.

Aber bleiben wir doch lieber draußen in der Sonne."

Sie schritten über den stillen Platz, am Brunnen vorbei, in dessen Becken rostrote und gelbe Blätter schwammen: sie folgten der Hauptstraße und bogen hinter den letzten Häusern des Ortes rechts ab, durch herbstbunte Gärten wieder hinunter zum See. Sie mußten hintereinander gehen, so schmal war der Weg, der hart am Wasser"hinlief und jeder Biegung des Users folgte. Der Wind knisterte int Schilf, kleine Wellen plätscherten geschwätzig gegen die blanken Kiesel.

Während sie vor ihm herschritt, umfaßte er mit einem Blick ihre schlanke Gestalt. Nein, sie hatte sich nicht verändert in den sieben Jahren. Gar nicht. Sie war noch wie damals: so mädchen­haft, biegsam, so frisch ... Und er? War er nicht auch derselbe geblieben? In knabenhafter Aufwallung ergriff er einen Kiesel und schleuderte ihn in flachem Bogen hinaus in den See, daß er in weiten Sprüngen über das Wasser tanzte, ehe er versank.

Sie hatte sich umgewandt und lachte:

Drei vier fünfmal. Bravo, Herr Doktor. Aber früher konnten sic es, glaube ich, noch besser."

Kein Wunder. Man wird alt. Und den ganzen Tag sitzt man am Schreibtisch."

Aber Ihr Beruf macht Ihnen doch Freude ...!"

Natürlich. Aber sehen Sie, gnädige Frau, das ist alles so hoff­nungslos, was man da treibt. Und kein Mensch ist da, der einem . . Aber wir wollen von etwas anderem sprechen. Erinnern Sie sich, wie wir vor sieben Jahren diesen selben Weg gingen? Es war Juli: kleine Eidechsen sonnten sich auf den heißen Steinen..."

Ja, aber das war weiter vorn, wo der Weg höher liegt."

Ja, Sie haben recht. Und hinter dem Wäldchen dort gingen

1 wir nach links und stiegen den Hügel hinauf, zur Wallsahrts-