Sie führt Herbert Wehrhahn unbedenklich in Peters Arbeitszimmer. „Nehmen Sie Platz, Herr Doktor, ich habe zu tun."
„Was haben Sie eigentlich, hier zu tun?"
„Sie wissen doch, daß meine Freundin verreist ist."
„Ja, sozusagen." ,
Ihre Augen werden dunkel. „Herr Wehrhahn, wir sind hier nicht in Ihrer Fabrik."
„O nein, wir sind hier in Peter Schönleins Wohnung. Es kommt neuerdings vor, daß er an Budenangst leidet, wie er sagt, ich wollte ihn für heute davon heilen und mit ihm nach Weimar ins Theater fahren. Sie sind offenbar auf einen ähnlichen Einfall gekommen."
„Warum haben Sie sich nicht telephonisch mit ihm verabredet?"
„Das ist sehr einfach", lacht Wehrhahn, „weil es viel zu umständlich wäre. Telephonisch sagt Schönlein erst zu und dann ab, oder noch schlimmer erst ab und dann zu, wenn man sich schon anderweitig festgelegt hat. Man muß ihn immer an den Arm nehmen und mitschleppen. Aber ich möchte Ihre Absichten nicht stören."
„Sie stören meine Absichten nicht."
Fräulein Reubold bleibt noch immer an der Tür, den Griff schon an- gesaht. Sie hat jetzt das scharfe und kalte Gesicht, mit dem sie sich gegen ungerechte Angriffe zu verteidigen weih. Vor» Wochen und Monaten hat Herbert Wehrhahn sich die Eroberung dieses schönen und unzugänglichen Mädchens durchaus nicht als leicht vorgestellt. Er wollte sehr gut zu Rosemarie sein. Ihre Abwehr gefiel ihm. Aber sollte sie in die undurchsichtigen Geschichten um Peters Ehe verwickelt sein? Einige Male in diesen Jahren traf Wehrhahn mit Rosemarie im Hause Schönlein zusammen, hier war sie keine geringe Klavierspielerin und er kein Personalchef, er schätzte ihr kluges Zuhören und ihre knappen Erwiderungen, eine junge Dame von Welt ist sie in diesem Hause — draußen jedoch steht sie ohne Verwandtschaft da, bis an die Grenze des Elends verarmt, und niemand paßt auf sie auf, kein Bruder fuchtelt vor ihr mit dem Piftölchen, keine Tante spioniert hinter ihr her. Doch nur mit Verblüffung könnte man sie sich in Peters Nähe denken, in der Reichweite dieses komischen Chamäleons der Politik. Er schwankt alle Schwankungen mit. Ein Dichter ohne Verskraft. Diese beiden Herren sind so verschieden. Aber in einer so kleinen Stadt ist man heftig auseinander angewiesen, man vertritt verschiedene politische Standpunkte, vielmehr Peter vertritt sämtliche auf einmal oder nacheinander, man nennt sich noch Kameraden, obwohl man sich unter geräumigeren Platzverhältnissen kühl aus dem Wege gehen würde. „Lassen Sie sich durch mich nicht stören. Aber wissen Sie vielleicht, wo Herr Schönloin seine Zigaretten aufbewahrt?"
„Leider nein."
Nachdem sie verschwunden ist, sucht er wütend auf Peter Schönleins Tisch nach Zigaretten, da er selber sein Etui vergaß. Diese jämmerliche Enge in dieser Stadt, da achten die Mütter und die ganze Perwandischast verbindlich lächelnd aus jede nur einigermaßen beachtenswerte junge Dame. Dieser junge Mann jagt im Sommer und im Herbst int Revier seines Vaters. Er verlangt von einem jagdbaren Wild, daß es sich dem Jäger zu entziehen weiß, man schleicht es an, man stellt ihm Fallen, man legt Futterstellen an, und in diesem Falle schickt man ein Klavier. Inzwischen jedoch, und das ist entschieden peinlich, ist das Hochwild in diesem an kapitqlen Stücken armen Revier zum Nachbarn gewechselt und möglicherweise ohne weiteres Aufsehen abgeknallt, während man sich selbst noch mit detz Schußvorbereitungen beschäftigte.
Unter einer der Schachteln, die Wehrhahn nach Zigaretten durchsucht, sieht er einen Zettel heroorlugen, mit Bleistift beschrieben, Schönleins Handschrift offenbar, der ohne Neugier flüchtig darübergleitende Blick bleibt on dem Namen Wehrhahn hängen. Etwas für uns? Es ist ein nach Schönleins zögernder Art immer wieder durchstrichener und mit verbessertest Ausdrücken beschriebener Entwurf eines Dankbrieses, an den Kommerzienrat, ohne Zweifel eine Bestellung Fräulein Reubolds, denn der Zettel handelt von dem geschenkten Klavier, und die durchstrichenen und verbesserten Ausdrücke erlauben die zwanglose Vermutung, daß der Schreibende eine möglichst unverbindliche und ausweichende Form des Dankes zu suchen beauftragt war.
Die Schlüssel rasseln, Peter Schönlein findet in dem hell erleuchteten Arbeitszimmer seinen Kriegskameraden. Er unterdrückt ein unerfreuliches Vorgefühl. „Nach Weimar? O ja, gern. Aber wird das nicht zu spät sein — aber das schafft dein Renner in einer Stunde. Allerdings —"
„Allerdings hast du einen Gast."
„Fräulein Reubold tarn in einer Rechtsauskunft. Willst du einen Schnaps hoben, Herbert? Liber ich möchte die junge Dame hereinholen."
„Das wird wohl das Richtige sein."
An diesem Zusammentreffen ist nichts, was nicht in die Regel gebracht werden könnte, wenn auch nicht ohne Mühe, und trotzdem wirkt es maßlos unangenehm. „Kommen Sie doch bitte herüber, Rosemarie, Sie sind doch nicht mein Dienstmädchen."
„Aber was soll ich denn da?"
„Nichts. Ein gutes Gesicht machen."
Drüben stellt Peter mit übertriebenem Gleichmut ein geschliffenes Glas vor jeden. Herbert Wehrhahn begnügt sich damit, die beiden andern schweigend zu betrachten, das wird seine Mutter freuen, wenn er ihr das erzählt. Rosemarie sitzt da wie eine Statue. Aber was ihre Unnahbarkeit anbetrifft —
„Was wird in Weimar gespielt?"
„ ,Der Widerspenstigen Zähmung', glaube ich. Ein hübsches Stück."
Schönlein wird unruhig. „Entschuldigen Sie vielmals, gnädiges Fräulein", unterbricht Herbert Wehrhahn mit einem Lächeln das Schweigen, „ich suchte auf deinem Schreibtisch nach Zigaretten." Er holt Schönleins Zettel, aus der Tasche hervor und bemüht sich um den Anschein der Belanglosigkeit. „Dies sorgsam eisgekühlte Communiqus werden wir wohl morgen vorgesetzt bekommen?"
Schönlein nimmt das Papier ruhig an sich. „Umzuziehen brauche ich mich wohl nicht? Fahren wir jetzt?"
Allgemeiner Aufbruch.
Als Peter kurz nach Mitternacht von Weimar heimkommt, der Theaterbesuch verlief etwas gereizt, doch ohne Heftigkeit, findet er einen Zettel in feinem Briefkasten. „Es ist mir ganz unmöglich, das Klavier anzunehmen. Bitte raten Sie mir doch endlich, wie ich mich verhalten soll!"
Er schreibt einen Brief, den er noch in der Nacht zum Hause Wagen- schanz hinüberträgt, den Mantelkragen hochgeschlagen, die Gestalt in den Schultern ein wenig vorgebogen. „Ich würde Ihnen nicht raten", lautet der Brief, „das Klavier zurückzuschicken. Wenn man arm ist, kann man die Herausforderungen nicht immer im gleichen Ton erwidern. Es könnte sich um Ihre Existenz und um einen Teil der meinigen handeln, aber auf mich kommt es hierbei nicht an. Wir werden uns jedoch in unfern eigenen Dingen nichts kommandieren taffen. Schon damit H. W. sich nicht einbildet, wir hätten vor ihm Angst, aber auch aus dringenderem Grunde bittet Sie, täglich zu kommen, Ihr Peter."
In der Achtung der Witwe Wagenschanz ist ihr Sohn bettächtlich gestiegen, seitdem er ein Auto besitzt. Zwar steht der taubengraue Zwei- sitzer untätig im Holzschuppen, wo die Winde und sogar der Regen Zutritt finden, soviel sie wollen, auch weiß das stolze Mutterherz nichts davon, daß der Sohn sich auf den Wagen sofort tausend Mark geliehen hat, Anton braucht dringend Geld, und kaum hat er es bekommen, so ist es schon wieder weg, Gott weih wo. Aber ein Auto bleibt ein Auto, auch wenn es nicht fährt.
Die Witwe Wagenschanz hält sich eine Zeitung, aus der sie ihren Bedarf an Nachrichten und an Literatur vollauf deckt. Wie sie eines Tages so darin blättert, nach des Tages Last und Müh', den Kopf hinter der goldgeränderten Brille zurückgebogen, bleibt ihr Auge an dem Namen Wagenschanz hängen, und bei näherem Hinsehen entwickelt sich Über diesem Namen eine Anpreisung der Hautcreme Erotikon.
Zuerst ist die Witwe Wagenschanz empört. Eine Nachbarin, deren Mann als Setzer arbeitet, kann ihr genau sagen, was für ein« Menge Geld dies Inserat gekostet hat, ein unheimliches Geld geradezu, woher hatte es Anton und was hätte man damit anfangen können, aber dieser mißratene Sohn wirft es zum Fenster hinaus, er mißbraucht ihren ehrbaren Namen für so ein zweifelhaftes Erzeugnis, das er Tag und Nacht in einem mindestens fechzehnstündigen Arbeitstag selber zusammenpantscht.
Fest davon überzeugt, daß der Schwindel bald zusammenbrechen wird, ergeht sie sich am häuslichen Herd in Kassandrarufen. Aber so empfindlich sind die Kosmetischen Werke nicht, daß sie davon gleich zusammenbrechen. Diese wunderbare Fabrik erträgt sogar das Hohngelächter der Nachbarinnen der Frau Wagenschanz, welche erklären, für ihre Männer brauchten sie sich nicht schön zu machen, sie sähen es nicht einmal, wenn man in einem neuen Frühlingskleid käme. Und so eine Salbe müßte erst erfunden werden, die aus einer alten Schachtel eine hübsche junge Frau machen kann.
Es ist klar, daß die Witwe Wagenschanz sich jetzt gezwungen sühlt, die Partei ihres Sohnes zu ergreifen, oder vielmehr feiner Salbe, das fei eine ganz wunderbare Salbe, sagt sie beim abendlichen Schwatz, und wenn jede sich damit das Gesicht einriebe, bann gäbe es bald Überhaupt keine alten Schachteln mehr.
Damit erntet sie aber nur stürmisches Gelächter, die Nachbarinnen tippen ihr ins Gesicht und auf den Hals, zuerst möge sie einmal selber in den Spiegel sehen, dann habe sie gleich eine alte Schachtel vor Augen.
Darüber ärgert sie sich begreiflicherweise, und ihr geht ein Licht auf, daß sie in ihrer Mutterliebe geschaffen ist, die Hautsalbe ihres Sohnes nm eigenen Leibe und als leuchtendes Beispiel zu benutzen. Heimlich bittet sie also Elli, ihr doch 'mal ein paar Tuben zu besorgen. Damit schließt sie sich jeden Morgen und Abend in ihrer stillen Witwenstube ein, Gottes Güte, niemand darf ahnen, daß auch die alte Wagenschanz so albern ist, bestreicht sich das ganze faltenreiche Gesicht, bis es von Fett spiegelt, preßt und drückt sich viertelstundenlang die Falten und die Krähenfüße aus Wangen und Augenwinkeln! Und da die Witwe Wagenschanz neuerdings so oft in den Spiegel blickt, findet sie, daß ein frischer Spitzenkragen ihr zu Gesichte stehen würde, sie mustert ihre Kleidung mit mißbilligenden Augen und fängt an, sich ein bißchen mehr zu pflegen.
Anton selbst bleibt taub gegen alle Aeußerungen des Zweifels, und er verzieht auch nur höhnisch den Mund, wenn Kundinnen ihm lobende Briefe schreiben. Verdammte Wichtigmacherei! Ihn quälen unbezahlte Rechnungen, jetzt gehen auch schon wieder die Bestellungen zurück, er häuft nutzlose Vorräte an. Jedoch, was soll er anders tun als weitermachen? Er steht im Alter von sechsundzwanzig Jähren, die Gesundheit eines Bullen kommt ihm zugute, und vermutlich tat die vergangene Muße an ihm das Werk eines Winterschlafs, sechs Stunden Schlummer genügen jetzt den Ansprüchen seines Körpers. Irgend jemand lieh ihm ein Feldbett, das er in der Farbenfabrik Johannes Leer aufschlug, und von nun an kommt er tagelang nicht mehr nach Hause. Mittags und abends schließt die Mutter Wagenschanz ihren Grünkramladen ab und pilgert mit einer Markttasche zur Farbenfabrik, in der Tasche befinden sich Schinkenbröte und ein Topf Fleischbrühe, der, in einen dicken Wollschal eingewickelt, seine Hitze behält. Eine Piertelstunde hin und eine Viertelstunde zurück, je zweimal täglich quer durch die Straßen unsrer Stadt, aber dann findet die Witwe Wagenschanz den zehn Minuten längeren Weg am Rande der Stadt schöner, vor ihren Plicken dehnen sich die blochen -Felder, auf denen die Wintersaat kniehoch sproßt, der Löwenzahn wächst mit gezackten Blättern am Feldrain, die Alte bückt sich und befühlt die Erde mit ihren Händen wie einst als Mädchen aus dem Bauernhof ihres Vaters (so lange her, als sei es in einem früheren Leben geschehen). Und mit ihrer wachs- ledernen, gesprungenen Marktasche geht sie wie eine Bauersfrau durch jedes Wetter, spürt den feuchten Wind auf den hageren Wangen, jeden Tag mindestens anderthalb Stunden, und das alles wird der Creme Erotikon freigiebig gutgeschrieben.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.


