Vom Wesen deutschen Bauerntums.
Von Dr. Georg Kuhn.
„Den seligsten und sichersten" nennt Martin Luther den Bauernstand, „weil der Bauern Arbeit am sröhlichsten ist und voller Hoffnung", und stolz Hot der Reformator von sich gesagt: „Ich bin eines Bauern Sohn; mein Vater, Großvater, Ahnherr sind rechte Bauern gewesen." „Was ist der Ritter ohne uns? Unser Stand ist älter als der Eure", erklärt Melch- thal in Schillers „Wilhelm Teil". Diesen Stolz des Landmannes auf das Alter und das Wesen seines Standes hat eine tiefe Begründung, denn das Bauerntum als die früheste historische Lebensform in Europa ist die Grundlage aller geschichtlichen Entwicklung gewesen; es wirkte als prägende Macht für alle Zeiten, und stets haben Völker und Staaten aus dieser mit dem Boden verwurzelten Schicht ihre Herrschaftsformen entwickelt, Kräfte der Gesundung und Wiedergeburt gezogen. Es ist daher nur eine natürliche Selbstbesinnung, wenn das neue Deutschland dem Bauerntum seine besondere Liebe und Pflege zuwendet. Was Ackerbau und Landvolk für uns bedeutet, wird jetzt in vorzüglicher Weife in einem Monumentalwerk gezeigt, das soeben zu erscheinen begonnen hat. Nach langen Vorbereitungen ist im Verlag von Ferdinand Hirt zu Breslau die erste Lieferung des „Handwörterbuches für das Grenz- und Aus- landsdeutschtum" herausgegeben worden. In diesem auf fünf Bände berechneten Werk werden von 800 Mitarbeitern und 46 Teilredaktionen, die die einzelnen Gebiete einheitlich zusammensassen, die geistigen Grund- kräste des deutschen Volkstums im Zusammenhang mit ihrer Ausstrahlung über die deutschen Grenzen im europäischen und außereuropäischen Raume dargestellt. Es will dem Ringen Deutschlands um seine nationale Gestaltung dienen, indem es zur „Bewußtwerdung und Bewußtmachung" des deutschen Menschen beiträgt. Die erste Lieferung enthält in einem umfangreichen Beitrag über „Ägraroerbesserung" die Geschichte unseres Bauerntums, wobei besonders die Psychologie »es Landvolks von Gunter Ipsen hervorzuheben ist.
In drei Wesenszügen sieht Jpsen hauptsächlich die geschichtliche Rolle der bäuerlichen Art im Dasein eines Volkes begründet. Ihr einzigartiger Wert liegt vor allem in der Beständigkeit. In dem steten Wechsel von Glück und Unglück, von Erhebung und Zusammenbruch, in dem die Entwicklung verläuft, bildet der „ewige Bauer" den ruhenden Pol. Stile und Maden kommen und gehen; er bleibt stets derselbe. Der Wandel berührt nicht das Innerste seines Wesens, sondern dieses verharrt in der ursprünglichen Selbstbehauptung eines unvergänglichen Standpunktes. Die Deutschen sind seit ihrem Eintritt in die Geschichte ein Bauernvolk gewesen, dem etwa bis ins 12. Jahrhundert, bis zur Absonderung des Ritterstandes die ganze nationale Gemeinschaft angehörte. Run traten neben das Bauerntum andre Stände; dieses wurde als handelnder Faktor aus der Politik mehr und mehr ausgeschaltet, wurde aus dem Träger zum tragenden Grund der Gesellschaft und bewahrte so seine Beständigkeit. Dieser Zug ist aber noch tiefer begründet in seinem Leben und in seiner Arbeit; durch sie wird der Bauer zu einem Stück der Natur: „Die Urgesetze des Wachstums schließen das Dauerndasein gewissermaßen in sich ein; seine Dauer ist währende Wiedergeburt in der Gemeinschaft des Lebendigen; in seine Tätigkeit ist der unendliche Kreislaus des Ge- chlechtslebens ausgenommen, in seine Art der Umgang mit dem Organi- chen einverleibt. „Durch solche Bodenständigkeit, die den Bauern ast pslanzenhaft an die von ihm fruchtbar gemachte Erde bindet, wird er in einer Weise mit der Heimat verschmolzen, wie kein anderer Stand. Die Vermählung zweckhaften Tuns mit der mütterlichen Erde macht ihn seßhaft und bewirkt feine „Schollenpflichtigkeit." Daraus erklärt sich die erstaunliche Gleichförmigkeit der bäuerlichen Siedlung in Europa trotz all der Wandlungen, Einbrüche, Staatenbildungen und Rasfen- mischungen, die über diesen Boden dahingebraust sind. Die Bodenständigkeit wird nur zur politischen Grundleistung des Bauerntums; der Dolks- boden ist sein Geschöpf, das die Grundlage alles menschlichen Daseins, die Ernährung, gewährleistet.
Durch die Naturnähe bleibt nun die bäuerliche Lebensform den gefunden natürlichen Grundlagen des Daseins am nächsten. Es ist die Eigenart und Festigkeit des „F a m i l i e n v e r b a n d e s , die dem Landvolk seine Spann- und Stoßkraft verleiht. Die bäuerliche Wirtschaft verlangt mindestens vier bis fünf mehr oder weniger ständige Arbeitskräfte, die sich am besten und billigsten aus den eigenen Angehörigen rekrutieren. Ein reichlicher Nachwuchs bedeutet also für den Bauern erwünschten, ja notwendigen Zuwachs, und so wird Fruchtbarkeit für ihn Lebensbedingung. Haushalt und Arbeitsform, Familie und Beruf gehen völlig ineinander auf, während in der städtischen und industriellen Gesellschaft sich Haushalt und Beruf immer mehr voneinder trennen der Mann schließlich in seinem Schaffen ganz außerhalb der Familie steht. Die Verbindung und Durchdringung von Haushaltung und Tätigkeit ist von ungeheurer Bedeutung für den sozialen Aufbau. Der Bauernhof wird die Keimzelle, aus der sich der Organismus des Dorfes zufammen- fetzt, er ilt die Grundlage der germanischen H u s e n v e r s a s f u n g , die das tragende Element der ganzen Agrarverfassung wurde. Die Hufe bedeutet zunächst eine Bemessungseinheit bei der Zuweisung von Land in der germanischen Markgenossenschaft; sie ist aber dann zugleich Bezeichnung für die Rechte und Pflichten, die mit diesem Landbesitz Zusammenhängen. Die Hufe schuf Ordnung, gutes Zusammenleben mit den Nachbarn in Dorf und Flur, wurde maßgebend für die agrarischen Verhältnisse, die die Deutschen weit über die Grenzen ihres Landes hinaus ihren Siedlungen aufprägten. Aus dieser Hufenvcrfasfung erwachst die Bedeutung des Ho es für die freien Bauern, der feinen Stolz darein fetzt, diesen Besitz ungeschmälert zu übergeben. Am Hofe, nicht an der Familie, hangt Ansehen und Rang im Dorfe. Der Bauer ist stets nur der Statthalter des Geschlechts, Glied in einer uralten Kette. So erklärt sich die Anerbe n s i t t e die auch noch für den modernen deutschen Bauern charakteristisch ist und geradezu sein unterscheidendes Merkmal darstellt gegen West- und Osteuropa: sie bedeutet den ungeteilten Erbgang und zwar so, daß der Hof als Ganzes vom Vater auf einen Sohn übertragen wird diesem aber die Altersversorgung der Eltern und eine Geldentschadigung an die Geschwister auferlegt. Indem der Hof als unteilbares Ganze
gilt, wird das Prinzip der Geschlechterfolge zum lebendigen Träger des Hofgedankens, zugleich wird der Hof eine wirtschaftliche Einheit, die auch die modernsten Arbeitsformen zu einem harmonischen Kreis zu- sammenschließt. Von diesem bäuerlichen Kraftfeld geht ein Bevölkerungsdruck aus, den man als das dritte Merkmal des bäuerlichen Wesens bezeichnen kann. Die große, von einem gesunden Ausdehnungsvermögen erfüllte Familie drängt nach außen, und so hat das Bauerntum stets die anderen Stände befruchtet, hat seinen Ueberschuh an die Städte und an andere Länder abgegeben.
Nachdem der Germane in der Völkerwanderungszeit auf deutschem Boden heimisch und seßhaft geworden war, nachdem er sich in der Husen- oersassung und Markgenossenschaft seine eigentümliche Ordnung geschaffen und in der Stauferzeit auch die ungünstigeren Böden besiedelt hatte, da machte sich mit dem Aufkommen der Grundherrschaft der Bevölke- rungsausdruck zum erstenmal geltend und führte zur Besiedlung des Ostens, der eine Großtat des deutschen Bauerntums darstellt. Ein Gegensatz zwischen dem Westen, in dem sich der freie Bauer erhielt, und dem Osten, in dem die Gutsherrschaft zu einer überwiegenden Erbuntertänigkeit des Landmannes führte, bildete sich heraus und schuf Spannungen, die in den Vauernbewegungen zum Ausdruck kamen. Aber trotz aller Unterdrückung behielt das Bauerntum feine ungebrochene Kraft, alle Wunden und Schäden, die dem Vaterlan» geschlagen wurden, wieder auszuheilen; so glich es z. B. nach dem Dreißigjährigen Krieg durch feine Fruchtbarkeit innerhalb weniger Generationen die ungeheuren Verluste wieder aus, und gab immer wieder Menschenkräfte an das Ausland ab, die deutsche Kultur verbreiteten und zäh festhielten. Der Ueberschuß des flachen Landes, der im 19. Jahrhundert in die Städte auswanderte, trug wesentlich zum Ausbau der immer stärker um sich greifenden Industrie bei. Es bringt doch das flache Land wenigstens den doppelten natürlichen Ueberschuß wie die Industriezentren!
Das 18. Jahrhundert führte für den Bauernstand, der in den alten Formen erstarrt war, eine Epoche von Verbesserungen und Reformen heraus. Bauernfchutz und Bauernbefreiung wirkten zusammen. An die Stelle der noch von den Römern übernommenen Dreifelderwirtschaft, bei der im dritten Jahr das Land brach blieb, trat eine Verbesserung des Anbaus, die nach der Großtat T h a e r s die Brache entbehrlich machte. Die Bestrebungen, den Landmann zu entlasten, führten schließlich in Preußen zu der Stein-Hardenbergschen Agrargesetzgebung, die die Erbuntertänigkeit aufhob und die freie Teilbarkeit von Grund und Boden zugestand. Aber damit entbrannte zugleich auch der Wirtfchaftskamps. — Das Bauerntum war aus feiner geschützten, mehr unpolitischen Stellung in den großen Widerstreit des öffentlichen Lebens hineingezogen. Agrarkrisen entstanden, die die ganze neueste Geschichte des Bauerntums begleiteten. Wenn man heute zu den uralten ewigen Formen des bäuerlichen Daseins zurücklenkt, wenn man diese Kräfte neu beleben und stärken will, so geht man damit auf die tiefsten Schichten zurück, in denen die Grundlage jedes gesunden Volkes und Staates beruht. Es bewahrheitet sich die jetzt so leidenschaftlich geprägte Lehre, daß die nationale Wiedergeburt nur vom Bauerntum her geschaffen werden kann.
Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird.
Roman von Walter Julius B l o e m (GDS.).
(Fortsetzung.)
Die große Wohnung bleibt ihr überlassen, Rosemarie geht durch die wohlbekannten Zimmer, wirft einen Blick hinaus auf den Ratsmarkt, der unter der glühenden Sonne liegt, sie umgreift ihre Ellenbogen und mustert die Bilder an den Wänden. Das schöne Abbild Lisas auf Peters Schreibtisch. Was fühlt diese Frau nun, die eine Heimat aufgegeben hat? Aber Lisa empfand immer nur sich selbst, ein Geist von großer Willenskraft, der dieser Wohnung den seltsamen Ausdruck einer spartanischen Wohlhabenheit verlieh. Was wäre ohne sie aus Peter Schönlein geworden? Nicht immer vertrat er eine ungerechte Sache mit dem gewünschten Schwung. Richter zu werden, wie er es sich gewünscht hatte, dazu man- ! gelten ihm damals die Beziehungen und noch heute die Härte des Entschlusses. Streng genommen gehört auch er zur unermeßlichen Gilde der Anton Wagenschanz, die vom Ehrgeiz kleiner Eltern in die akademischen Wege getrieben werden. Ein seltsamer Mann, der mit vergeblicher Leidenschaft einzudringen sucht in den Geist der neuen Zeit, er bemüht sich, sie zu verstehen, und anscheinend versteht er sie von ihrem einen Ende bis zu ihrem andern, völlig unbegrenzt. In der riesigen Spanne der menschlichen Meinungsverschiedenheiten hängt Peter wie in einem geistigen ■ Streckbett, in das er allerdings mühelos hineinpaßt. Ihm mangelt die Fähigkeit, kühne Dogmen zu stellen und sie mit dem Feuer der lieber- zeugung zu verwirklichen. Er versicht zwar Thesen, aber man darf sicher (ein, daß er sich die Gegenmeinung selber zwischen die Füße wirst, spätestens am nächsten Tag, fein eigener Spiegelfechter. So kann man mit ihm ziellos reden, aber die Frau, die ihn liebt, darf nicht erwarten, daß er als Felsen aus der Flut der Uferlosen auftaucht. Rosemarie empfindet, ein Mann soll reden: „Teufel und zugenäht, ob ich recht habe oder nicht, dies ist meine Meinung, ich werde sie durchsetzen!"
Seine erste Frau hat es nicht bei ihm ausgehalten, sie widersprach ihm ständig. Obwohl sie ihn liebte, erlag sie dauernd der Versuchung, seine Meinung in eine Gegenmeinung zu verzaubern. ,Hokuspokus, Peter, und vor zehn Minuten hast du das Gegenteil gesagt, also an was soll ich mich halten?" ..
So sinnt Rosemarie über Peter Schönlein, sie wagt die leere Schale und die volle Schale, welche wiegt schwerer?
i Sie hörte das hohle Surren der Wohnungsklingel, Peter hat wohl b-e Schlüssel vergessen, sie läuft zur Tür und öffnet freudig. Draußen zieht der junge Doktor Wehrhahn höflich den Hut, zu feiner Verblüffung steht Fräulein Reubold vor ihm, in dem schlichten Kleidchen, das sie auch in den Fabrikpausen trägt. Das ist kein günstiges Zusammentreffen für sie. „Wenn Sie Herrn Schönlein sprechen wollen, er ist fortgegangen, wird aber bald wieder da sein."


