Ausgabe 
18.8.1933
 
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Minuten ausgesetzt hatte.

Weder auf der Strecke nach Süden, noch aus der Weststrecke, noch au, der Oststrecke sah ich eine Wolkenlücke. Ich begann zu überlegen, wie ich die Wolkendecke durchstoßen könnte, ohne die Herrschaft über die Maschine zu verlieren. In einer Sekunde würde es vollständig dunkel um mich wer­den wenn mich die Wolkenbank verschlang. Wie durch dicke Watte würde ich fliegen und nichts mehr über die Lage der Mafchine wissen. Das Sausen der Luft war dann vielleicht der einzige Anhaltspunkt.

40 Minuten waren vergangen. Ich befand mich auf der Nordstrecke, da sah ich zu meiner großen Freude im Westen ein Wolkenloch und durch das Loch blau-grün dunstig die Erde. Ich richtete den Kurs auf diese Lücke und umkreiste sie. Die Wolkenlllcke wanderte über eine Landschaft, die mir völlig fremd war. Ich sah einen See von unbekannter Form; das konnte unmöglich einer der Havelseen (ein. Ich sah eine kleine Stadt an einem Fluß mit einer Brücke übre den Fluß. Sie war mir fremd.

Dreimal oder viermal umkreiste ich die Wolkenlücke, die sich ,etzt schon wieder von der Stadt entfernte. Eine Stunde und zehn Minuten waren jetzt vergangen. Ich pumpte zum letzten Mal Benzin auf den Falltank und beschloß, in Gleitflug zu gehen, solange die Stadt noch in Sicht war. Unter der Wolkendecke konnte ich dann vielleicht die Richtung nach Staaken (bei Berlin) finden. Ich drosselte zurück; abwärts glitt ich, m der Windrichtung, um nicht von den eilenden Wolken eingeholt zu werden. Ich war wie betäubt von der plötzlichen Stille und von dem jähen Druck- wechsel. Ich atmete schwer mit geöffnetem Mund. Nach einer Weile wurde es jeltfam warm und feuchte ich kam in tiefere Luftschichten, die durch­tränkt waren von der Feuchtigkeit der Wolken. Die Luft war so dunstig, daß es mir vorkam, als flöge ich durch Wasser. Ich sah die Erde wie man den Meeresgrund erblickt. Ich kam unter die Wolkendecke; d,e Land- schäft blieb fremd. Ich hörte den Motor knallen, ein Zeichen, daß es kalt wurde, und gab etwas Gas, um ihn anzuwärmen. Jetzt geschah etwas ehr Unheimliches: der Motor lief, aber ganz unregelmäßig, so daß ine Mafchine in ein heftiges Zittern geriet. Ich drosselte sofort zurück, der Motor war nicht in Ordnung, das war klar. Ich mußte n o t l a n d e n.

Näher und näher kam die Erde. Die Stadt war außer Sicht, dagegen sah ich zur Rechten eine Eisenbahnlinie, voraus größere Wälder, unter mir zur Linken Wiesen und Felder. Ich war jetzt nur noch 500 Meter hoch Ich wendete nach links, in der Richtung, wo die größten Wiesen­flächen lagen. In dreihundert Meter Höhe umkreiste ich die Wiesen. Sie waren von tiefen Gräben umgeben, Kühe und Pferde weideten darauf, Baumgruppen und Hecken zäunten sie ein. Es war nicht leicht, hier not- zulanden. Ganz in der Nähe lag ein kleines Dorf. Ich flog über das Dorf, um die Windrichtung feftjuftelten an irgendeinem Schornstein. Aber kein Schornstein rauchte in diesem verdammten kleinen Dorf, obwohl es Mittag war. Aus 50 Meter Höhe fetzte ich aufs Geratewohl zur Landung an. Die Kühe und die Pferde begannen zu galoppieren. Vorn Dorf her lief eine Bande kleiner Jungen johlend herbei. Ich fah, daß ich zu kurz kommen würde, daß ich in den Bäumen hängen bleiben mußte, und gab Gas. Wieder geriet die Maschine in heftig zitternde Bewegung. Ich sah die Flügelenden stark vibrieren und überlegte mir, wie lange sie bas wohl aushalten würden, ohne abzubrcchen. Ich umkreiste die Wiesen wie eine lahme Krähe. Je länger ich sie betrachtete, desto ungünstiger erschie­nen sie mir als Landeplatz. Da sah ich auf einmal im Augwinkel am Horizont eine Reihe von dünnen Masten, so dünn, daß sie wie durch­sichtige Rauchsäulen erschienen. Blitzartig schoß es mir durch den Kops: Das sind die Funktürme von Nauen. Gottlob, ich bin nicht allzu weit von Staaten entfernt. Die Bahnlinie muh die Strecke nach Hannover sein. Ich beschloß, trotz des Vibrierens der Maschine, den Flug nach Staaten zurückzuwagen. Ich gab Bollgas. Bei Vollgas drehte die «chraube >6M Touren statt 2000 normal, aber das Zittern wurde so stark, daß ich wieder auf 1400 zurückdrosselte. So hielt sich die Maschine noch eben in der Luft, ja sie begann sogar etwas zu klettern. In zweihundert Meter überflog ich den Bahnhof von Nauen. Jetzt kam die Luftschiffhalle m Sicht, sch jubelte innerlich, als ich sie sah. Nur noch ein paar Minuten, bann war alles gut. Die lahme Krähe zog über der Chaussee entlang, erreichte die Halle; sie war inzwischen weih Gott auf dreihundert Meier geklettert. Ich ging in Gleitflug, zog die letzte Spirale und lanbete glatt-

Die Schupos am Start schüttelten den Kopf, afs sie bas Klapper meines Motores hörten. Das Barogramm des Höhenflügs war einwaro- frei. Die Ziellandung war nicht erfüllt, weil sie aus zu geringer HA begonnen war. Ich gab die Erklärung ab, daß ich wegen Unsichtigkeit oe* Erde durch die geschlossene Wolkendecke und durch Motorstorung ver­hindert war, die Bedingung der Ziellandung zu erfüllen. So wurde men Höhen lug trotz allem anerkannt. Ich bekam eine Bescheinigung: Schüler des Aero-Clubs H. H. hat alle Bedingungen für den Fuhrerfchet A 11 erfüllt.* .. .

Der Motor unserer Maschine aber war so vollständig kaputt, dav Maschine nicht einmal mehr nach Ablershof zur ReparaturwerkstanI - flogen werben konnte. Ich war tatsächlich im letzten Augenblick gelnno

Auf ber Südstrecke ereignete sich etwas Seltsames: die Zeit stand still. Wieder und wieder schielte ich nach der Uhr, die ich am 3nftrumentenbrett befestigt hatte; die Zeiger regten sich nicht. Dabei wußte ich genau, daß ich sie vor dem Start noch aufgezogen hatte. Schließlich wurde mir klar, daß sie eingefroren war. Tausend Meter Höhenunterschied bedeuten etwa zehn Grad 'Temperaturunterschied. Trotz sommerlicher Wärme am Boden, mochten es hier in dreitausend Meter Höhe etwa zehn Grab unter Null

löste die rechte Hand vom Knüppel, faßte ihn mit der Linken und klopfte mit der Rechten an bas Uhrglas. Das Flugzeug geriet dabei in unangenehme Schwankungen, weil ich nicht gewohnt war, mit ber Linken zu steuern. Die Uhrzeiger regten sich nicht, irgend etwas mußte ge­schehen Mit dem Verlust des Zeitmessers verlor ich jede Orientierung über den Ort. Mühsam schnallte ich die Uhr los. Ich mußte sie erwärmen, damit sie wieder in Gang kam. Mir fiel dazu nichts besseres ein, als sie in den Mung zu stecken. Ich bemühte mich dabei, die Mundhöhle trocken zu halten. Nach einer Weile nahm ich die Uhr heraus und fah, daß die Zeiger sich bewegt hatten. Das Ticken konnte ich im Brausen des Motors natürlich nicht hören. Ich atmete auf. Ich schätzte, baß die Uhr etwa fünf

von Grabbe & Sohn, ber sich mit einem genialen Coup in den Besitz ber Juwelen des Herzcgs X. setzen wollte. Alle Achtung, Herr Silier, aber wenn Sie nicht die Unklugheit begangen hätten, Ihren gut bezahlten Posten bei Grabbe & Sohn auszugeben, wäre ich nie hinter die Geschichte ^Be^ehier sofort vorgenommenen Untersuchung des Reisegepäcks fand man die erbeuteten Juwelen noch vollständig vor, und kurze Zeit daraus konnte Dr. Muller dem Herzog fein Eigentum zurückerstatten.

Abenteuer einer Notlandung.

Von Heinrich Hauser.

Meine Ausgabe lautete:Aussteigen bis zu mindestens jraritaufenb Meter Höhe. Eine Stunde lang in dieser Hohe bleiben. Dann Gleitflug und Ziellandung aus 1500 Meter Höhe, ohne Benutzung des Motors.

Die Maschine wurde zum Höhenflug klargemacht. Der Monteur füllt die Tanks. Ich brachte die beiden Barographen zur Startflagge, wo der Luftschupo fie plombierte. Zur besseren Kontrolle werden beim Höhen­flug zwei Barographen verlangt. Der Ballastsack wurde festm-schnallt. Die Barographen wurden zusammengebunden und an ihren Gummikabeln federnd aufgehängt. Mir war warm geworden bei all den Vorbereitungen, die Luft war schwül und sommerlich. Es kam mir sehr sonderbar vor, die Kleidung für den Höhenflug anzulegen: dicke Pelzstiefel, die über die Schuhe gezogen wurden. Pelzhandschuhe. Eine Pelzjacke noch über dem Fliegeranzug. Der Schweiß lief mir unter Lederhaube und Brille über bas Gesicht. ,

Ich startete. Der Himmel war zu etwa vier Fünftel bedeckt. Die Wolkendecke lagerte 800 Meter hoch. Am Boden hatten wir Westwind, während die Wolken südwärts zogen. Ich flog auf eine Lücke in den Wolken zu und schraubte mich zwischen ihnen in großen Kreisen in die Höhe. Riesige grauweiße Gebirge schwebten in lautlos schneller Fahrt gegen mich an, dann mußte ich Rechts- und Linkskurven drehen, um ihnen auszuweichen. Sie kamen an, drohend wie ungeheure Mäuler. Eine seltsame Spannung befiel mich, wie bei einem Kampf. Die Luft wurde dunstig und kühl, ich sah die Erde wie durch graues Glas. Das Licht war wie bei einer Sonnenfinsternis. Ich fühlte meine Haut austrocknen und sich spannen. Der Klang des Motors war hart und gut, aber etwas angestrengt. Das Wolkenloch, indem ich kreiste, trieb über die Erde. Das Bild der Erde verwandelte sich in eine Landschaft, die ich gar nicht mehr kannte. Der Flugplatz war längst außer Sicht. Wenn ich über den Wol­ken nicht Erdsicht durch andere Wolkenlöcher bekam, bestand Gefahr, daß

ich die Orientierung verlor. !

Inzwischen kletterte der Zeiger des Höhenmessers von 1400 auf 2000 Meter. Ich erreichte die Decke der Wolkenschicht. Grell blendend stand die Sonne in einem unglaublich klaren Blau. Sie bestrahlte einen Wolken- gletscher, der sich nach allen Seiten unabsehbar dehnte. Hunderte von Kilometern weit. Die Erde war nirgends zu sehen. Mit ihren Hügeln und Tälern wirkte die Wolkendecke wie eine Polarlandschaft ober ein Eisfeld. Der Eindruck ihrer Festigkeit und Masse mar so stark, daß ich mich kaum hätte entschließen können, in sie hineinzufliegen. Ich glaube, ich hätte versucht, aus den Wolken zu landen. Vereinzelt ragen runde Hügel l in blendender Weiße aus der Wolkenebene wie Eisberge aus einem Treibeisfeld. Vereinzelt sah ich die Wolkentäler von dunklen Schatten er­füllt und Spalten wie Gletfcherfpalten, aber nirgends die Erde.

Hs wurde sehr kalt. Die dünne, eisige Luft gab mir das Gefühl völliger Entfernung von der Erde. Das war nicht mehr die Luft, die ich vor einer Vievfelstunde noch am Boden geatmet hatte. Das war die Luft einer ganz andern Welt, das war Aether, Weltraum, etwas unerhört Großes, Ueberirdifches, Uebermenschliches. Ich stieg und stieg, um möglichst viel Ueberblick zu gewinnen. Die Wolkendecke war jetzt mein Horizont. Ich stieg auf fast dreitausend Meter, aber nirgends war ein Lücke zu ent­decken, die Wolkendecke hatte sich vollständig geschlossen. Die Veränderung der Welt durch eine bloße Erhebung von knapp drei Kilometer über ihren Boden war ganz außerordentlich. Nie hatte ich mich so einsam und so mikrobenhast klein gefühlt, weder im Hochgebirge noch mitten aus dem Ozean. Es war eine tiefe, innere Erschütterung, die ich durchlebte. Ein Strom außerordentlicher Anspannung durchlief alle Nerven und Mus­keln meines Körpers. Selbsterhaltungstrieb, Verteidigung gegen die Kälte, gegen die dünne Luft in diesem neuen Raum, der menschlicher Natur so fremd und so feindlich mar. Hätte ich irgendwo einen Vogel, irgend etwas Lebendes gesehen, jo wäre dies Gefühl von Einsamkeit und Gefahr so­fort geschwunden, aber ich sah nichts.

Ich überprüfte meine Hilfsmittel: ruhig und gleichmäßig arbeitete ber Motor. Ruhig und gleichmäßig lag die Maschine. Der Lack der Tragflächen glänzte in ber Sonne. Staudruckmesser, Oeldruck, Tourenzähler, Oel- thermometer arbeiteten und zeigten normale Zahlen. Betriebsstoff mar genügend da, es war alles in Ordnung. Um 11 Uhr 10 war ich 2500 Meter hoch gewesen, also hoch genug, um einen etwaigen Fehler der Barographen auszugleichen. Jetzt begann die Stunde, die ich in dieser Höhe zu verbringen hatte. Ich drosselte auf 1700 Touren. Ich begann nachzudenken: Erdsicht hatte ich nicht. Wenn sch nun immer weiter in einer Richtung flog, mußte ich mich sehr weit vom Flugplatz entfernen. Das durfte nicht sein; ich mußte also entweder eine Stunde lang Kreise fliegen ober abwechselnd jeder Himmelsrichtung folgen für eine bestimmte Zeit. Ich beschloß, linksdrehend ein Viereck auszusliegen und zwar je zehn Minuten lang nach Osten, dann nach Süden, dann nach Westen und schließlich nach Norden. Die Oststrecke beschloß ist etwas länger zu machen, schätzungsweise 12 Minuten, um die Windversetzung auszugleichen. Es war aber die Frage, ob hier oben ebenfalls wie auf der Erde Westwind herrschte.

Auf diese Weise mußte ich nach einer dreiviertel Stunde, wenn bas Biereck ausgeflogen war, ungefähr am gleichen Punkt ankommen.

Ich flog^ und je länger ich flog, desto unheimlicher wurde mir zu Mute. Unendlich dehnte sich der Wolkengletscher 800 Meter unter mir, und nirgends zeigte sich eine Lücke, durch die ich Erde sah. Ich peilte immer irgendeinen Wolkenberg an und konnte so genau Kurs anliegen. Hinter iebem Wolkenberg hoffte ich eine Lücke zu erblicken, immer vergebens.