unsere Ausmerksamkeit. Auch heute ist die Position der Kunst zu verteidigen — ja gerade heut«, weil man die menschlichen Positionen, die am meisten gefährdet sind, immer am leidenschaftlichsten verteidigen mutz.
Deshalb darf man nicht müde werden, auszusprechen: es ist nicht war, datz unser Jahrhundert lediglich technische Aufgaben besitze. Es ist im einzelnen und beispielshalber nicht war, daß die Kunst durch die Photographie ersetzt werden könne. Es ist nicht wahr, datz der Mensch sich der Kunst zu entäutzern vermöge, solange es wahr bleibt, datz der Mensch sich im Menschlichen bewahrheitet — und also auch im Musischen, im Künstlerischen, das mit dem innersten Wesen des Menschen ja viel unmittelbarer, viel inniger verbunden ist als das Nur-Technifche. Denn ohne das legitime Matz der Technik etwa gering zu achten oder es gar ablehnen zu wollen, wird man begreifen müssen, datz die Kunst einen andächtigeren Zusammenhang des Menschen mit der Schöpfung bedeutet, einen (bekennen wir uns zu dem Wort) gottgefälligeren Zusammenhang. Auf die Dauer würde der Mensch viel mehr verlieren, wenn er die Kunst verlöre, als wenn er die Technik verlöre — fo unwahrscheinlich dies heute klingen, so sehr es ironisiert werden mag! Die Kunst ist dem innersten Wesen den Menschen in Wirklichkeit näher. Es gibt nur etwas, das dem innersten Wesen des Menschen noch näher ist: die Religion. Und freilich hat die Kunst in ihren besten Zeiten die engste Verbindung mit der Religion auch nie vermissen lassen.
Wenn nun gefordert wird, unsere Zeit möge sich um die Kunst kümmern, und zwar nicht am wenigsten um ihre eigene zeitgenössische, so wird der Einwand laut: es sei, sowohl in einem geistigen wie in einem materiellen Sinne, ein beträchtliches Risiko dabei. Der Einwand ist nicht ohne Grund. Ein erfahrener Kunsthändler hat den Satz geprägt: die Leute hätten es satt, „sich von den Künstlern Glasscherben ins Gesicht werfen zu lassen". Aber es ist doch, Gott sei Dank, nicht dahin gekommen, datz aus diese Weise etwa die ganze zeitgenössische Situation zu bezeichnen wäre! Eine gerade heute sehr ausgebildete kritische Betrachtung ist Tag um Tag bemüht, die Unterscheidung zwischen Wichtigem, minder Wichtigem, Geringfügigem und Schlechtem neu zu versuchen, neu zu beleben oder wenigstens anzuregen. Muß man denn eigens aussprechen, was doch immer wieder erfahren werden kann: datz es nämlich auch noch gute Kunst und gute Künstler gibt? Es gibt eine Legion von lebenden Künstlern, deren gewählteste Werke für den Betrachter und den Besitzer einen anredenden Wert haben: die ihm die besten Empfindungen unserer Epoche bestätigen helfen. Im grundsätzlichen Zusammenhang dieser Betrachtung kommt es nicht auf einzelne Namen an. Es genügt, darauf zu verweisen, datz es auch heute echte, wesentliche Künstler gibt und daß auch ein aus sich nicht zu vollkommen selbständiger Sicherheit gelangendes Liebhaberurteil heute ziemlich sachverlässig beraten werden kann, wenn es um einen Rat aufrichtig bemüht ist.
Man darf — die Zeiten sind danach, auch diesen Gesichtspunkten zu fordern — hinzusügen: Bilder und andere Werke bildender Kunst geben in ihrem Marktwert den Berhältnisscn der Gegenwart mehr und mehr nach, jo daß ein Liebhaber auch schon für wenig Geld ein verlässiges Werk der Kunst erwerben kann — in dem Vertrauen nämlich, dies Werk werde künftig eher über feinen Preis steigen als unter ihn sinken. Auch wer in diesen Dingen nur spekulativ dächte, würde heute nicht zu viel wagen, vorausgesetzt, daß er zu wählen und beraten zu sein weiß. Denn auf die Kunst des Wählens, des Beratenseins kommt es allerdings an. Rechte Wahl, gutes Beratensein vorausgesetzt: es könnte z. B. auch kaum ein Geschenk von länger dauerndem Werte geben, als ein treu gemaltes, modelliertes, gezeichnetes Bildnis es für Freunde, Angehörige, Nachkommen zu sein vermöchte.
Man hat in letzter Zeit auch gegenüber der Kunst den charitativen Gesichtspunkt hervorgekehrt. Es soll nicht bestritten werden, daß er von Fall zu Fall in dieser Zeit eine menschliche Notwendigkeit bedeutet. Aber im großen und ganzen handelt es sich im Verhältnis der Menschen zum Künstler um objektivere Zusammenhänge: nämlich um allgemein-gesell- schastliche. Es wäre ein Verbrechen und würde sich, wie jedes Verbrechen, eines Tages rächen müssen, wenn man eine in sehr hohem sozialem Sinn wesentliche Schicht einfach vergessen wollte: den Künstler! Es besteht ein außerordentliches gesellschaftliches Interesse an seiner Existenz. Dies Interesse ist um so größer, als man den sozialen, in hohem Sinn gesell- schaftsbildenden Sinn des Künstlers quantitativ nicht messen kann. Das Interesse der Gesellschaft an der Existenz des Künstlers ist von um so größerer Wichtigkeit für die Konstruktion des menschlichen Ganzen, als der soziale Wert des Künstlers gerade nur qualitativ bemessen werden kann und also schon das Unmehbare streift. Wie fehr wir das gemeinschaftliche und auch das nationale Dasein im innersten Bestände angreifen würden, wenn wir aufhören wollten, den wesentlichen Zeugnissen zell- fienöffiidier Kunst unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden, können wir gar nicht errechnen — und eben hier liegt das Heillose einer Fabel, die es liebt, der Kunst unserer Zeit die belangreiche Existenz zu bestreiten. Schließlich weift die Existenz der Kunst wie je und je, hinaus auch über die gesellschaftlichen Beziehungen und Bedeutungen, in >ene Grunde, die wir die produktiven Gründe nennen. Kunst ist Beispiel und Gleichnis der schöpferischen Fruchtbarkeit des Menschen, und in der Tat hangt der geistige Sinn des menschlichen Lebens davon ab, datz dies Beispiel, dies Geheimnis unter allen Umständen erhalten werde. Die Kunst ist das sichtbare Zeichen aller menschlichen Substanz und Form, die mit dem produktiven Begriff „Kultur" bedeutet wird. Es ist nicht anders, und zwar heute wie immer: die Kunst aufgeben heißt die Kultur verleugnen. Und wie in allen menschlichen Beziehungen ist die Antwort des Empfangenden auf die Gabe des Gebenden mit mitentscheldender Wichtigkeit — in diesem Falle also die Antwort wacher Menschen an die nachgerade verzwei elnde Arbeit des Künstlers, die eben darum zur Verzweiflung und zur Katastrophe neigt, weil unsere Antwort so häufig ausbteibt!
Man wird noch hören: bei Kunst, Künstlern, Kunstfreunden handle es sich um eine Minderheit und eben deshalb um etwas Belangloses Ist es nötig, zu sagen, daß diese Argumentation schändlich wäre? Ist es nötig, zu sagen, daß qualifizierte Minderheiten mindestens so wichtig sind wie unqualifizierte Mehrheiten? Kümmert sich Nicht auch die Politik um die Not der Minderheiten, die in der Tat um so bedeutsamer find,
je mehr ein bestimmter menschlicher Grenzwert In Ihnen gefährdet er» scheint? Sich um die Minderheit zu kümmern, die unter dem Namen Kunst, Künstler, Kunstfreunde noch immer existiert: dies ist eine Haltung — so politisch wie die beste Politik, so menschlich wie das Menschlichste. Lassen wir also auch darum den armseligen Radikalismus, der dem wirklichen Bestand der Dinge nicht nur nicht beikommt, sondern geradezu vorgreift, wenn er behauptet, alle Kunst sei verjährt! Stellen wir der Trägheit des Gemüts einen lebendigen Sinn entgegen, der die Kunst unserer Tage trotz ober vielmehr gerade wegen der ungeheueren Gefährdung, in der sie steht, nicht aus den Augen läßt!
Das Mangobaumwunder.
Roman von Leo P e r u tz und Pau! F r a nt.
Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München.
(Forllegung.»
Der Baron stand über den Inder gebeugt und starrte ihm mit einem Ausdruck der Angst und der Erwartung ins Gesicht. Der alte Philipp kniete hinter Ulam Singh auf dem Boden und rieb Stirne und Schläfen des Inders mit einem nassen Tuch.
Ein Häufchen glühender Asche lag vor Ulam Singh auf der Erde, das sandte dünne, bläuliche Rauchwolken in die Höhe; sie waren es, die den ganzen Raum mit jenem fremdartigen Dust erfüllten, den der Arzt schon draußen am Gang gespürt hatte.
Auf dem Tisch standen zwei brennende Kerzen. Die Baronesse saß mit geschlossenen Augen in einem Lehnstuhl.
„Was geht hier vor?" fragte der Arzt. „Was ist mit Ulam Singh geschehen, Herr Baron?"
Keiner von den dreien hatte den Arzt bemerkt. Jetzt fuhr der Baron erschrocken in die Höhe. Er war verwirrt und verlegen und bot in feinen ewig schlotternden Kleidern einen kläglichen Anblick.
„Ulam Singh hak gerufen", stammelte er. „Er ist aufgewacht und hat fein Bett verlassen. Haben Sie nichts gehört, Doktor?"
„Nein", sagte der Arzt. „Und ich achte auf den leisesten Laut, der aus dem Krankenzimmer kommt. Es ist merkwürdig, datz Sie sein Rusen gehört haben. Mein Zimmer ist viel näher gelegen als das Ihre."
„Jetzt können wir wohl weiter nichts tun, als ihn wieder zu Bett bringen", sagte der Baron rasch. „Hilf mir, Philipp."
„Was bedeutet das hier?" fragte Dr. Kircheisen, während die beiden den Inder in fein Bett hoben, und wies auf das Häufchen glühender Afche.
„Hanf", sagte der Baron. „Es ist Hanf. Ulam Singh liebt diesen Geruch. Bleiben Sie jetzt bei dem Kranken? über haben Sie etwas dagegen, wenn ich die Nacht über bei ihm wache?"
„Herr Baron!" sagte der Arzt nach kurzem Uebedegen. „Ich werde jetzt vor allem dem Patienten seine Injektion geben. Wenn das getan ist, möchte ich gerne unter vier Augen mit Ihnen sprechen. Wollen Sie mich in meinem Zimmer erwarten?"
„Sehr gerne, Doktor! Komm, Spatz, bist schon schläfrig, mein Kind,
„Jetzt werd' ich mit deinem Vater sprechen, die Baronesse im Halbschlaf.
nicht wahr?
Der Baron und der alte Diener verließen das Zimmer. Die Baronefse erhob sich schlaftrunken aus ihrem Lehnstuhl, nahm die Kerze und wollte ihrem Vater folgen. Aber der Arzt ergriff ihre Hand und hielt sie fest.
„Grell", flüsterte er. „Jetzt werd' ich mit deinem Vater sprechen."
„Wo denn, Gretl?"
„Hier im Zimmer!"
„Aber hier ist doch kein Mensch außer dem Gartner und uns beiden. Grell." *
„Ich fürcht' mich. Ich will hinaus.
Dr. Kircheisen führte die Baronesse aus dem Zimmer. Aus dem Gang machte er Licht. Irgend etwas mutzte sie heftig erschreckt haben, denn sie war leichenblaß im Gesicht und zitterte am ganzen Körper. Dr. Kircheisen ergriff ihre Hand und zählte di« Pulsfchläge.
Da kam auch schon der Baron eilig den Gang herausgefturzt und der alte„@retLP roo' bleibst du?" rief der Baron. „Was ist geschehen? Warum hast' du geschrien?" .
Dr. Kircheifen zuckte die Achseln: „Ihre Nerven haben ihr einen Streich gespielt. Sie behauptet" der Arzt lächelte ... „eine sremde Frau im Zimmer gesehen zu haben."
„Eine fremde Frau hast du gesehen, Grell?" fragte der Baron
„3a. Mitten im Zimmer. Sie hatte eine Kerze in der Hand gehabt und" mich starr angesehen. Ich hab' Angst, Papa."
Der Baron und der alte Diener warfen sich einen stummen Blick zu. „Geh schlafen, mein Liebling!" sagte der Vater. „Hab keine Angst. Sie wird nicht mehr kommen, die sremde Frau. Philipp wird bei dir bleiben die ganze Nacht hindurch, Spatz, und ich auch, wenn du dich furchtest.
Ein bißchen Fieber wahrscheinlich. Es dürfte eine der bläulichen Hanfwolken gewesen sein, die die Baronesse für eine weibliche Figur gehalten hat. Oder neigt Ihre Tochter am Ende zu Halliizinationen? fragte der Arzt mit einem leichten Anflug von Besorgnis, als die Baronesse sich entfernt hatte. ... „
Nein Doktor. Das war keine Hanfwolke und keine Halluzination. Meine Tochter hat wirklich eine fremd« Frau im Zimnier gesehen. 3a,
„Bin müde", klagte die Baronesse im Halbschlaf.
„Ich weih es bestimmt: diesmal wird er nicht .Nein' sagen."
„Möcht' schlafen", flüsterte die Baronesse.
„Seh' ich dich morgen beim Frühstück?"
Die Baronesse blickte müde auf und sah den Arzt mit verschlafenen Augen an. 3m nächsten Augenblick stieß sie einen entsetzten Schrei aus und ließ die Kerze fallen.
Es war stockdunkel im Zimmer.
„Grell, was ist dir denn?" fragte der Arzt erschrocken.
„Die Frau!" rief die Baronesse und klammerte sich mit beiden Händen an Dr. Kircheisens Arm. „Die fremd« Frau!"


