Ausgabe 
17.2.1933
 
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er

können, heute nacht.

Veranlworltich: Dr. Hans Thhrtot. - Druck und Derlag: Bruhl'sche Untoerf iläls-Duch. und Steindruckerei, D. Lange. Gießen.

atemlos hervor. . ...

Eine halbe Stunde. Vielleicht ein paar Minuten darüber.

Dann rasch hinunterl Philipp, hilf mir, wir müssen ihn führen! Wohin, Herr Baron?" fragte der Arzt.

Ins Treibhaus. Komm, Gretl!"

Das karasinserum.

Anzünden!" befahl Dr. Kircheisen. Der alte Philipp brannte ein Streichholz an und ließ die Spiritusflamme emporschießen.

Dr. Kircheisen hatte inzwischen seine schwarze Ledertasche geöffnet und ihren Inhalt aus den Tisch ausgeschüttet. Aus einer Blechbüchse nahm er die Phiole und erwärmte sie vorsichtig über der Spiritus-

Philippi" flüsterte der Baron.Ruf' die Baronesse! Bring' sie rasch

Jetzt schüttete Dr. Kircheisen eine goldgelbe Flüssigkeit aus der Phiole in das Röhrchen der Spritze. Dann setzte er sich an den Bettrand.

Ulam Singhs Gesicht war erdfarben, beinahe fahl. Die Rippen dräng­ten unter der dunklen Haut hervor. Sein Körper zitterte unter jedem Atemzug. , , , .

Mit einem raschen Ruck setzte Dr. Kircheisen die Nadelspitze ein und drückte djn Kolben nieder. Dann erhob er sich, trat hinter die Bettlehne zurück und legte die Spritze aus der Hand.

Der Baron stand mit vorgebeugtem Kops und starrte den Kranken erwartungsvoll an.

Gleich ..." sagte der Arzt.Rur ein wenig Geduld noch.

Wird er jetzt erwachen?" fragte der Baron. Seine Stimme zitterte vor Erregung.

Sehen Sie selbst!"

Gottes Wunder ..." flüsterte der Baron.

O nein! Genau so war's bei der Petronella Hallasch auch. So wirkt das Karasinserum immer."

Ein heftiger Ruck war durch Ulam Singhs Körper gegangen. Seine Knie hoben sich zu einem spitzen Winkel und glitten dann langsam nieder. Sein Kopf zuckte in die Höhe.

Jetzt schlug er die Augen auf. Sie waren schauerlich anzusehen: Die Pupillen groß wie Haselnüsse, der Augapfel ein schmaler, bräunlichgelber Ring. Der Kranke erhob sich mühsam, keuchte hestig und sank wieder zurück.

Ulam Singh!" ries der Baron.

Der Inder drehte langsam den Kops und bewegte die Lippen. Aber kein Laut wurde hörbar. Ulam Singh schloß die Augen und lag eine Weile regungslos.

Eine 'Minute verrann. Der Baron stand noch immer über den Inder gebeugt und sah ängstlich mit einem scheuen Seitenblick nach dem Arzt hin ... Sollte das tieruni versagen? ... bettelte dieser stumme Blick ... Helsen Sic doch, Doktor! Sagen Sie doch ein Wort! ...

Dr. Kircheifen nickte dem Baron beruhigend zu ... Es ist alle- in Ordnung! ... bedeutet das ... Rur noch ein paar Sekunden Geduld. Kein Grund zur Beunruhigung. Das Serum tut feine Wirkung, seien Sie dessen gewiß.

Keiner von beiden hatte ein Wort gesprochen. Dennoch hatte jeder des anderen stumme Sprache verstanden. Der Baron stieß einen leisen Seufzer der Erleichterung aus. Dr. Kircheisen zog die Uhr und zahlte die Sekunden. Die Baronesse war indessen leise ins Zimmer getreten und blickte mit ihren großen, blauen Augen unruhig und erstaunt bald auf den Kranken, bald auf den Arzt und bald aus ihren Vater.

Und bann kam es. Dr. Kircheisen lächelte befriedigt und ließ die Uhr zurück in die Westentasche gleiten. Ulam Singh hatte sich mit einem Ruck kerzengerade in seinem Bette ausgerichtet. Er schien jetzt erst den Baron erkannt zu haben, winkte mit den Armen und stieß em paar un­artikulierte Laute aus, abgerissene Worte einer fremden Sprache, die halb wie ein Kreischen, halb wie ein Gelächter klangen.

Aber lauter noch als Ulam Singh schrie jetzt der Baron. Er hatte den Inder an der Schulter gepackt, schüttelte ihn und stieß unverständliche Rufe aus. Wenige Worte nur waren es, die er dem Inder ins Ohr schrie, die aber wiederholte er Immer wieder von neuem, mit bittenden, erregten und verzweifelten Gesten. Wie zwei Tollhäusler schrien beide aufeinander ein und keiner wollte den andern zu Wort kommen lassen.

Da verstummte plötzlich der Inder und sah dem Baron mit offenem Munde ins Gesicht. Ein irres Lächeln glitt Über seine erdfarbenen Zuge. Er nickte zweimal ernsthaft mit dem Kopf es schien, als habe er lange nicht verstanden, was der Baron von ihm verlangte, als wäre ihm aber jetzt endlich alles klar geworden. Er erhob sich, stand wankend da auf zum Skelett abgemagerten, gespenstisch dünnen Beinen und bückte sich, die Arme über'der Brust gekreuzt, zu einem tiefen Salam.

Aufatmend trat der Baron einen Schritt zurück und blickte sich um. Grell! Ist meine Tochter da?"

Hier, Papa!"

Der Baron ergriff die Bettdecke und legte sie um die Schultern Ulam Singhs, der wie schlafwandelnd oder wie trunken hin und her wankte.

Wie lange ... welche Zeit geben Sie Ulam Singh, Doktor?" stieß

Eine leise Unruhe hatte den Arzt ergriffen, über die er sich keine Rechenschaft geben konnte. Ein Gefühl der Angst, nicht um den Inder, nicht um den Baron. Nur um die Baronesse.

Was haben Sie vor, Herr Baron?" fragte er.Was gedenken Sie im Treibhaus zu tun?" ... ,

Später! Später sollen Sie alles erfahren! Jetzt nicht. Wir dürfen keine Minute verlieren! Gretl! Philipp!"

Wohin führen Sie die Baroneffe? Erklären Sie doch ... , rief der

Später will ich Ihnen alles erklären. Die Zelt verrinnt", schrie der Baron.

Der Arzt blickte den alten Mann voll Mißtrauen an. Ein Gedanke war in ihm plötzlich erwacht, eine Vorstellung, die ihn beklemmte und aufs tiefste erschreckte. Wie, wenn den Baron fein Versprechen reute? Wie, wenn er ihm die Baronesse rasch aus den Augen bringen, sie trotz der gegebenen Zusage irgendwo auf einem feiner Güter vor ihm ver­stecken wollte? ,JL .....

Herr Baron!" rief er, seiner selbst vor Erregung nicht mehr mächtig: Die Baronesse wird doch wieder zurückkommen ... versprechen Sie mir das!" , ,, ... , .

Ja, Doktor!" sagte der Baron mit einem seltsamen, beinahe feier­lichen Klang in seiner Stimme.Meine kleine Grell wird bald wieder zurückkommen! Und nun geben Sie sich zufrieden und lassen Sie uns gehen."

Dr. Kircheisens Unruhe wollte trotz dieses Versprechens nicht weichen. Herr Baron!" sagte er entschlossen.Sie werden mich mit ins Treib- haus nehmen müssen. Ich lasse Sie nicht allein."

Gut, bann kommen eie. Aber rasch."

©näbiger Herr!" rief in biesem Augenblick ber alte Philipp vom Fenster her.Der Wagen des gnädigen Fräuleins ist soeben in den Garten eingesahren. Sie wird gleich hier sein."

Der Baron geriet bei dieser Meldung in die furchtbarste Aufregung.

Meine Braut?" schrie er.Gerade letzt! Hat sich denn alles gegen mich verschworen?"

Er zwang sich mit Gewalt zur Ruhe.Philipp", befahl er.Geh mit Ulam Singh und Gretl voraus, aber über die Hintertreppe, damit ihr meiner Braut nicht begegnet. Ich komme gleich nach. Und Sie, Doktor, müssen mir auch heute einen kleinen Dienst erweisen. Sie gehen nicht mit uns nicht wahr? Sie bleiben oben und widmen sich ein Viertelstund- chen meiner Braut. Sie darf nicht ungeduldig werden. Sie muß hier oben auf mich warten. Sie werben sie zurückhalten, wenn es ihr ein- fallen sollte, mich unten im Garten zu suchen. Sagen Sie ihr, ich sei noch bei ber Toilette ober im Bob ... sagen Sie ihr, was Sie wollen. Also, nicht wahr, Sie bleiben? Ich wußte, baß ich aus Sie rechnen kann. Leben Sie wohl, Doktor ... also eine Viertelstunbe lang."

Es mar etwas Zwingenbes in ber Stimme bes Barons, etwas, das keinen Widerspruch zuließ: ein unbeugsamer unb eiserner Wille, der ber Bitte bie Kraft eines Befehls verlieh. Dr. Kircheisen brachte bie Energie nicht auf, bie ihm zugebachte Aufgabe abzulehnen unb ver- beugte sich stumm.

(Fortsetzung folgt.)

efne fremde Frau war es, bie Gretl fo erschreckt hat", sagte der Baron

'"Jr Hute* M» h«d «In «ro6«, »rönne« Xu* »nm »oben ouf. Helsen Sie mir, Doktor", bat er.Wir wollen es wieder dorthin hangen, ro^,eiee5me?nen;"t)a6 dieses Tuch die fremde Frau gewesen ist?" fragte ''"H/S'f'agte Ihnen ja, Grell hat wirklich eine fremde Frau ge- *el,e6r flieg auf einen Stuhl unb bemühte sich, mit dem Tuch einen mannshohen Wanbspiegel zu verhängen, von bem es scheinbar herab- 0C9J,S)err °Baron", Jagte ber Arzt,mir könnten unsre kurze Unterrebung gleich hier erlebigen."

''Ich Ube^Jhnen heute nachmittag bas Karasinserum verweigert. Inzwischen habe ich mir bie Sache überlegt. Ich werbe bas Mittel anroenben, wenn Sie wünschen." ,.h

In das Ihr Ernst? schrie ber Baron, ließ bas Tuch fallen unb flieg, o rasch als er konnte, vom Stuhl hinab.Jetzt gleich?

9Ein wenig Gebulb!" sagte ber Arzt.Ich muß mir erst bas Praparat unb meinen kleinen Kochapparat aus meiner Wohnung kommen lassen. Um halb acht Uhr morgens wirb alles bereit sein."

Wie soll ich Ihnen banken, Doktor!" rief ber Baron in über- quellender Freube.Mein ganzes Vermögen reicht nicht aus, um Ihnen so zu banken, wie ich möchte." .. ,

Wenn Sie glauben, daß der Dienst, den ich Ihnen erweise, wertvoll genüg ist, bann bitte ich Sie nochmals ..." ..

Nun!" rief ber Baron.Forbern Siel Färbern Sie unbeschrankt!

.. um bie Hanb Ihrer Tochter", sagte ber Arzt leise.

Die Hanb wessen?"

Ihrer Tochter!"

Soll das ein Scherz sein?" , r , ,

Der Arzt verlor bie Gebulb.Herr Baron! sagte er in sehr be­stimmtem Ton.Sie tun unrecht, meine Bitte so von oben herab zu behanbeln. Ich hab' einen Namen in ber Wissenschaft unb bin korre­spondierendes Mitglied zweier Akademien. Auch bin ich materiell unab­hängig. Meine Entdeckung, das Karasinserum, wird mich, wenn es mir gelingt, sie zu vervollkommnen, reich und vielleicht auch weltberühmt machen."

Der Barock blickte den Arzt nachdenklich an.

Sie haben recht, Dottorr sagte er.Ich bitte Sie um Verzeihung: Ich bin blind gewesen. Das war ja vorauszusehen." Er schlug sich an die Stirne.Wie konnte mir nur das entgehen!"

Darf ich also auf Ihre Einwilligung rechnen, Herr Baron?

Sie sollen die Hand meiner Tochter haben, wenn Sie sie morgen verlangen werden, Doktor."

Ich danke Ihnen, Herr Baron." .

, Wenn Sie sie morgen noch verlangen werben, wieberholte der Baron mit Nachdruck.Und nun gute Nacht, Doktor. Und nicht wahr, morgen früh ist alles bereit? Ich glaube, ich werde wieder schlafen