Ausgabe 
16.10.1933
 
Einzelbild herunterladen

den Alten betrachtete, desto fester war ich überzeugt, er muffe der Jaköbeli sein. Also warf ich ihm ein paar.Bemerkungen übers Wetter hin, über diesen ungewöhnlich heißen Sommer, die frühen Nebel und die Aussichten für den heurigen Wein.

Jaköbeli ließ mich eine Weile reden, äugte ernsthaft zu mir herüber und räusperte sich ein paar Mal. Dann machte er plötz­lich, indem er sein Gläschen beiseite schob, eine großmütige, ab­winkende und Gehör erbittende Gebärde wie ein alter Prophet und begann zu reden.

Dieser Sommer, sagte er, jawohl, mein Herr, ist ein besonderer Sommer gewesen, und ich sage gar nichts, aber man wird schon sehen, was alsdann kommen wird, mein Herr. Viel Nuß und Haselnuß, das gibt einen strengen Winter, und viel Bucheln und und Eicheln, das gibt große Kälte. Es heißt auch:

Ist St. Dominik trocken und heiß, So wird der Winter lange weiß.

So ist's wirklich und wahrhaftig. Aber das will ja noch wenig sagen. Das nächste Jahr dagegen, wenn man daran denkt, was ich sage, das wird ein Hungerjahr, ein heißes Jahr. Frucht und Obst wird verbrennen und dörren, desgleichen Gras und Kar­toffeln, aber viel Kirschen.

Warum denn? fragte ich. Er winkte verächtlich ab. Was ich sage, mein geehrter Herr. Das nächste Jahr wird ein Sonnenjahr heißen, und die Sonne führt ein gutes Regiment, aber zu trocken und heiß. Auch der Winter wird alsdann noch strenger werden. Wie se vor dreihundert Jahren geschehen ist, daß der Rhein Grundeis gehabt hat und Kinder erfroren in der Wiege.

Es folgten noch mehrere Wetterreime, die ich leider vergessen habe. Darauf ein zarter Versuch, mich zum Zahlen eines weiteren Schnapses zu veranlassen: ich überhörte ihn freundlich. Nun klagte er über Nebel und Kühle, schlechten Fischfang und Gliederreißen, weisend, den er sich auch bestellte, und den ich schließlich, seinem flehenden Blick gehorchend, zu bezahlen versprach. Auf das hin wurde er fröhlich, rückte mitteilsam nahe zu mir her und begann fidele Geschichten zu erzählen, meistens von ungeheuerlichen Trin- kereien oder fabelhaften Fischzügcn. Die beste war folgende: Ein­mal hatte er in Horn am Zeller-See Fifche verkauft und das Geld dafür sofort vertrunken. Als er wieder abfahren wollte, war er so bezecht, daß ihn die Strandzöllner nicht ins Boot steigen lassen wollten, denn er war der Ruder nimmer mächtig, und der See war unruhig und hatte Schaum. Er fuhr aber trotzdem ab, versuchte eine Strecke zu rudern, sank dann aber ermüdet ins Boot und schlief ein. Und als er wieder erwachte, trieb sein Nachen gerade an die Schiffsländc von Stcckborn, die er hatte erreichen wollen. Aber noch besser! Zufällig war, was er im Rausche uicht beachtet hatte, seine Schwemmschnur noch ins Waffer gehängt, und wie er sie nun einholen will, muß er aus Leibes­kräften ziehe«, denn es hängt ein vierzehnpfündiger Hecht daran. Natürlich verkaufte er den Fisch sogleich und konnte sich noch zu Nacht einen zweiten Rausch leisten.

Ich gab dem Jaköbeli zu verstehen, diese Sorte von Ge­schichten sei nicht die schönste und er sei doch eigentlich zu alt für folche Streiche. Da streckt er wieder mit großartiger Bewegung die Hand gegen mich aus, streicht sich den Bart und beginnt wieder Hochdeutsch zu reden. (Die Geschichten hatte er im Dialekt erzählt.)

Zum Fischen, mein guter Herr, gehört einfach Glück, nichts als Glück. Da kann einer dreimal mit Segeln fahren, silberne Hechtlöffel kaufen und solches Zeug, das hilft alles nichts. Es kann einer den größten Heidenrausch haben und fängt doch mehr. Nämlich, der eine hat Glück und der andere hat keins. Es ist nur, daß man in einem guten Stern- und Himmelszeichen geboren ist, verstehen Sie?

Ich verstand. Aber als er mich nun herausfordernd überlegen anblicktc und nochmals einen Schnaps bezahlt haben wollte, sand er mich unerbittlich. Eine gute Weile schwieg er feindselig und spuckte häufig auf den Boden, dann aber begann er, zum Wirt gewendet, anzügliche Reden zu führen. Du hast ja neuerdings schcint's großen Fremdenverkehr hm fremde Herrschaften, ja hm. Früher ist man da drinnen noch unter sich gewesen jawohl, sag ich, unter sich gewesen. Könntest ja auch noch Hotelier werden, du, wcnn's so weiter geht. Weißt, für so fremde Herren, so feine. Jawohl, Hotelier, da wird noch Geld verdient.

Und so weiter. Dieser Ton war mir aus andern Fischerkneipen unheimlich bekannt, und es gefiel mir gar nicht, daß der Wirt und noch viel mehr der Sohn so viel husteten und das Lachen verbissen, und mich ansahen wie die Aasgeier. Es schien mir plötzlich, als wollte der Regen anfangen nachzulassen. So fragte ich denn, was ich schuldig sei. zahlte schnell, aber ohne ein Trink­gelt zu geben, und verließ die ungastliche Bube mit einem höf­lichen Gruß, der mit keiner Silbe beantwortet wurde. Statt dessen brach hinter mir, noch ehe die Türe zu war, ein boshaftes Ge­lächter aus. Am liebsten wäre ich umgekehrt und hätte den Gro­bianen meine Meinung gesagt oder mich zum Trotz erst recht fest hinter den Tisch gesetzt. Aber da fiel mir ein Abend in Basel ein, wo ich einst mit zwei Freunden zusammen einen losen Ber- linr Gast mit allen Schikanen aus unserer Stammkneipe weg­geekelt hatte, und ich gab beschämt den Fischern recht. Zugleich fiel mir auch ein, daß ich allein und die drinnen zu dreien waren.

Und so segelte ich langsam nach Hause zurück, wo ich bald nach Mittag durchnäßt ankam und meiner schon ängstlich gewordenen Frau den gefangenen Hecht, die Erlebnisse des Morgens und die Wetterprophezetungen des alten Jaköbeli auspackte.

Oie traurige Krönung.

Von Eduard M ö r i k e.

Es war ein König Milestnt, Von dem will ich euch sagen: Der meuchelte sein Bruderskind, Wollte selbst die Krone tragen. Die Krönung ward mit Prangen Auf Lisfey-Schloß begangen.

O Irland! Irland! Wärest du so blind ?

Der König sitzt um Mitternacht Im leeren Marmorsaale, Sieht irr in all die neue Pracht, Wie trunken vor dem Mahle: Er spricht zu seinem Sohne: Noch einmal bring die Krone! Doch schau, wer hat die Pforten aufgemacht?" Da kommt ein seltsam Totenspiel, Ein Zug mit leisen Tritten, Vermummte Gäste, groß und viel, Eine Krone schwankt inmitten: Es drängt sich durch die Pforte Mit Flüstern ohne Worte:

Dem Könige, dem wird so geisterschwül.

Und aus der schwarzen Menge blickt Ein Kind mit frischer Wunde, Es lächelt sterbensweh und nickt, Es macht im Saal die Runde, Es trippelt zu dem Throne, Es reichet eine Krone

Dem Könige, des Herze tief erschrickt.

Darauf der Zug von dannen strich,

Von Morgenluft berauschet. Die Kerzen flackern wunderlich, Der Mond am Fenster lauschet: Der Sohn mit Angst und Schweigen Zum Vater tat sich neigen, Er neiget über eine Leiche sich.

Lebenserinnerungen.

Von Carl D u i s b e r g.

Meine Lebenserinnerungen", das Memoiren-Werk, das der große Chemiker und Organisator Carl D u i s- b e r g zu feinem 50jährigen Berufsjubiläum bei Neclam jun. in Leipzig erscheinen läßt, ist ein Hohes Lied der Arbeit und Energie, in dem wir den Auf­stieg des Handwerker- und Bauernsohnes zum Leiter des größten von ihm in Leverkusen geschaffenen Farbcn-Fabrik-Unternehmens und einem Führer der deutschen Wirtschaft erleben. Wir bringen zwei Epi­soden aus dem spannenden Buch.

Eine Explosion.

Am 27. Januar 1917, an Kaisers Geburtstag, war ich im Großen Hauptquartier in Pleß in Obcrschlesien gewesen. Ich be­fand mich gerade auf der Rückfahrt nach Leverkusen in Berlin. Da noch Zeit bis zur Abfahrt des Zuges war, saß ich im Hotel Adlon beim Mittagessen. Da trat auf einmal Adlon an meinen Tisch und sagte:Ich muß Sie sofort sprechen". Mit einer schlimmen Ahnung ging ich in ein Nebenzimmer, wo Adlon fort­fuhr:Eben ist ein Herr am Telephon gewesen, der mit Köln telephonieren wollte, aber das Telephongespräch ist unterbrochen worden mit der Mitteilung, die Verbindung könne nicht hergc- stellt werden, in Leverkusen sei eine Explosion gewesen, und ganz Leverkusen sei von: Erdboden verschwunden. Die nächsten Stunden bedeuteten für mich die Hölle. Meine Bemühungen, Köln ainu- rnfcn, glückten zunächst nicht, da keinerlei Verbindung ausgesührt wurde. Da telephonierte ich in meiner Angst mit dem Großen Hauptquartier und erreichte auf diesem Umweg endlich eine Ver­bindung. Meine Frau war am Apparat und teilte mir mit, wa» vorgcsallen war.

Gott sei Dank war das Gerücht und die erste Meldung, die mir gegeben worden war, fälschlich ins Riesenhafte gesteigert. Das Füllwerk für Granaten, das auf dem Kölner Gebiet lag, war mit 80 000 Kilo Sprengstroff, Trinitroluol, in die Luft geflogen. Von der Fabrik war nichts mehr zu sehen als ein großes Loch. Ich ging nun in Berlin zunächst zum Chef des Munitionsbeschat- sungsamtes und verlangte soviel Fensterglas wie eben wöglicm denn Glas stand damals unter Zwangswirtschaft. Dann fuhr icy