Ausgabe 
16.10.1933
 
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GiehenerKnnilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1933

Montag, den lb. Oktober

Nummer 80

Oktober.

Von Lina Staab.

Der Morgen weht mit Straßen feucht und blaß und spiegelt einen blauen Frühling vor.

Doch früh am Abend hocken Sträucher naß und fröstelnd am verschlossenen Gartentor. Von kleinen Feuern knistert rings das Land. Den Bäumen fällt das Golönc aus der Hand, sie merken nichts, sie scheinen halb im Schlaf. Das Dunkle nistet heimlich in den Kronen. Bald wird in Aesten, die der Tod schon traf, nur noch das Braune und das Leere wohnen, bald wird das Helle ohne Heimat sein die Tage ducken sich schon wie zur Flucht.

So fall noch einmal, Himmel, in mich ein! Ihr Gärten, schließt mich auf mit letzten Blüten, ihr kleinen Feuer, sammelt Licht und Schein in mir, so wie in einer warmen Bucht.

Ich will das Sanfte, das sich sehnt und sucht, in einem Lächeln winterlang behüten.

Jaköbeli erzählt.

Von Hermann Hesse.

Die Nebelmorgen haben nun wieder begonnen. In den ersten Tagen waren sie beengend, düster und traurig machend, solange man noch das leuchtende Blau und Rotbraun der Hochsommer- morgen frisch im Gedächtnis hatte. Sie schienen kalt, stumpf, freud­los, vorzeitig herbstlich, und erweckten jene ersten, halb unbehag­lichen, halb sehnsüchtigen Gedanken an Stubenwärme, Lampen­licht, dämmerige Ofenbank, Bratäpfel und Spinnrad, die jedes Jahr allzu früh kommen und die ersten Herbstschauer sind, ehe die fröhlichen und farbigen Wochen der Obst- und Weinlese sic wieder vertreiben und in ein nachdenkliches, erwärmendes Ernte- und Nuhegefühl verwandeln.

Nun ist man schon wieder an die Seenebel gewöhnt und nimmt es für selbstverständlich hin, daß man vor Mittag die Sonne nicht zu sehen bekommt. Und wer Augen dafür hat, genießt diese grauen Vormittage dankbar und aufmerksam mit ihrem feinen, ver­schleierten Lichterspiel, mit ihren unberechenbaren perspektivischen Täuschungen, die oft wie Wunder und Märchen und fabelhafte Träume wirken. Der See hat kein jenseitiges User mehr, er ver­schwimmt in meerweite, unwirkliche Silberfernen. Und auch dies­seitig sieht man Umrisse und Farben nur auf ganz kleine Ent­fernungen, weiter hinaus ist alles in Wolke, Schleier, Duft und feuchtes Licht grau aufgelöst. Die ernsten, einzelstehendcn, überaus charaktervollen Pappelwipfel schwimmen matt als fahle Schatten­inseln in der nebeligen Luft, Boote gleiten in unwahrscheinlichen Höhen geisterhaft über den dampfenden Wassern hin, und aus unsichtbaren Dörfern und Gehöften dringen gedämpfte Laute Glockengeläute, Hahnenrufe, Hundegebell durch die feuchte Kühle, wie aus unerreichbar fernen Gegenden herüber.

Heute früh, da ein leichter Nordostwinö ging, steckte ich das hohe, schmale Dreiecksegel auf meinen kleinen Nachen, stopfte mir eine Pfeife und trieb langsam seeabwärts durch den Nebel. Die Sonne mußte schon überm Berg sein, denn das frühmorgendliche Bleigrau des Wasserspiegels verwandelte sich langsam in klares Silber, beinahe so wie bei schwachem Mondlicht. Von den sonst so freundlich nahen, laubigen und schilfbcstandenen Ufern war nichts zu sehen, und da ich keinen Kompaß besitze, segelte ich wie durch völlig fremde, uferlose Gewässer und Wolkenmeere dahin und konnte nicht einmal über die Geschwindigkeit meiner Fahrt irgend­welche Schätzung aufstellen. Doch untersuchte ich nach einer Weile die Tiefe, und da.ich keinen Boden fand, warf ich eine Schwemm­schnur mit Hechtlöffel auf 20 Meter Tiefe aus und zog sie ge­mächlich hinter mir her.

So trieb ich vielleicht eine Stunde lang weiter, im Steuersitz iusammengekauert, immer im weißen Nebel. Es war kühl. Die linke Hand, in der ich die Segelleine führte, war mir steif und gefühllos geworden, und ich ärgerte mich, daß ich keine Handschuhe «ritgenommen hatte. Dann begann ich träumerische Halbgedanken

zu spinnen. Ich dachte an einen merkwürdigen Verwandtenmord, der zur Zeit des Konstanzer Konzils im Schlosse meines Dörf» chens Gaienhofen geschehen war und mich durch manche Umstände interessierte, und dachte an jene ganze, seltsame, erregte Zeit, in der unser stilles Seeufer ein Mittelpunkt der Welt und Kultur und die Bühne für große geschichtliche Einzelschicksale gewesen ist. Es unterhielt und befriedigte mich, die hinter Nebeln verborgenen, wohlbekannten Ufer mit den Bildern jener lang verschwundenen Menschen, ihrer Geschicke und Leidenschaften zu bevölkern. Einer Erbschaft wegen bringt ein Baron seinen Bruder um, Beziehungen zu fernen Ländern spielen ahnungsvoll herein, und von dem mit vornehmen Konzilgästen, Pomp und Luxus überfüllten Konstanz her glänzt verlockend der Reiz einer üppig reichen Kultur ...

Ein sich überstürzender, schrill schnurrender Laut schreckte mich auf, wahrend noch meine Phantasie bemüht war, sich die Kostüme und Waffen jener süddeutschen Barone und welschen Gäste zu Beginn des 15. Jahrhunderts vorzustellen. Hastig kehrten meine Sinne zum gegenwärtigen Augenblick zurück. In der Erregung des Jagdglücks faßte ich nach dem Haspel, zog vorsichtig an und fühlte einen kräftigen Fisch am Haken, der sich mit verzweifelter Leidenschaft zur Wehr setzte. Langsam ziehend, förderte ich einen schönen Hecht an die Oberfläche und brachte ihn im Hamen ein. Darauf setzte ich die Schnur mit Eifer von neuem aus, während . der gefangene Fisch im Kasten wütend schlug und plätscherte. Dabei mußte ich das Steuer loslassen und ein plötzlicher Windstoß schlug ' mir, da das Boot sich gedreht hatte, die Segelstange und das flat- Ö ternde Segel kräftig um die Ohren. Der Richtung ungewiß, ließ ich dem Wind das volle Segel und trieb mit zunehmender Schnel­ligkeit gerade aus, bis der schattenhafte Umriß einer mit alten Nußbäumen bestandenen Landzunge sichtbar.wurde. Von den un­deutlich auftauchenden, grau verschleierten Rebhügeln krachten da und dort die Flintenschüsse der Weinbergwächter. Ich zog mein Segel ein und ruderte langsam uferwärts, denn'die allmählich wärmer werdende Luft roch stark nach Nahem Regen. So suchte ich denn die nächste Schifflände, fand sie auch nach kurzer Fahrt, und während ich mein Boot ans Land zog und mich nach dem Namen des kleinen thurgauischen Dorfes erkundigte, begann es erst dünn und gleichsam widerwillig, dann immer kräftiger und ausgiebiger zu regnen.

Auch wenn nicht allen Anzeichen nach zum Nachmittag Helles Wetter zu erwarten wäre, hätten mich der Regenguß und die kurze Verbannung in ein unbekanntes Dorfwirtshaus durchaus nicht betrübt. Ohnehin gebe ich auf sogenanntesschönes Wetter" gar nichts, denn jedes Wetter ist schön, wenn man Augen und Seele aufmacht,' und dann gehört es für mich zu den bevorzugten kleinen Wanderfreuden, unerwartet vom Wetter in Winkel und zu Menschen getrieben zu werben, die ich sonst wohl nie ausgesucht und gesehen hätte. Es ist immer eigen und sehr oft köstlich, für Augenblicke oder Stunden als ungemeldeter Gast in fremder Stube bei Unbekannten zu sitzen, ein Stück kleines Leben zu sehen und eine Weile in Gesichter zu blicken, die man nie zuvor sah, die einem oft in wenigen Augenblicken vertraut und unvergeß­lich werden und die man vielleicht nie wieder sieht.

Es war kühl in der halbdunklen Schankstube, draußen stürzte der Regen immer heftiger herab und troff in Bächen an den Fensterscheiben nieder. Der Wein, natürlich der unvermeidliche sogenannte Tiroler, war verzweifelt herb und machte mich frösteln. Am großen tannenen Tisch saß ein einziger Gast, ein struppiger alter Fischer mit verdrießlichem Trinkergesicht, und hatte eine Ouinte Schnaps vor sich stehen.

Das alles war nicht sehr beglückend. Ich fing schließlich an, die gestrige Steckborner Zeitung zu lesen Beratungen des Aus­schusses über Vergrößerung der Badeanstalt, Fischmarktbericht, ein Scheunenbrand, Stand der Reben, bevorstehende Erhöhung der Zuckerpreise usw. Und es regnete immer lauter mit einer zähen und erbitterten Leidenschaftlichkeit in oft wechselndem Takte, der etwas ebenso Aufregendes und Trostloses hatte. Ich war nahe daran, meine von zu Hause mitgebrachte und durch den HecW- fang noch erhöhte schöne Morgenfreudigkeit zu verlieren. Da hörte ich, während ich mir die Pfeife frisch stopfte, daß der Wirt den verdrießlichen Alten als Jaköbeli anredete, und beim Klange des Namens fielen mir allerlei Geschichten ein. Vom Jaköbeli hatte ich viel reden hören. Er war ein thurgauischer Fischer, den man weit herum im Volke kannte, ein Sonderling und Trinker, mit einem Stich ins Verrückte und einer merkwürdig glücklichen Hand beim Fischen. Er wisse alle Wetterregeln und Kälendersachen unfehlbar auswendig, hatte ich sagen hören, und vielleicht auch noch manche Künste, die nicht jeder verstehe. Je länger ich nun